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Rückblick: Jahresprojekt 2020

Oase des Friedens im Chaos – so hatten wir unser Jahresprojekt 2020 überschrieben. Denn genau das ist die NES-Schule in Beirut heute und schon immer gewesen: eine Oase des Friedens inmitten des Bürgerkriegs (1975–1990), religiöser und gesellschaftlicher Konflikte, der syrischen Flüchtlingskrise und zuletzt der Wirtschaftskrise mit Straßenprotesten, die das Land Ende 2019 im Griff hatten.

Im Jahre 2020 bekam dann „Chaos“ eine ganz neue Bedeutung. Erst die Coronakrise, die Menschenleben gefährdet und die bereits extrem geschwächte Wirtschaft aufs Äußerste strapaziert. Und dann im August die verheerende Explosion in Beirut: dutzende Tote, tausende Verletzte, ein Drittel der Stadt beschädigt oder zerstört. Das wirtschaftliche und politische Chaos nahm weiter zu. Inzwischen ist etwa die Hälfte der libanesischen Bevölkerung in die Armut abgerutscht, die Währung hat im Vergleich zu Ende 2019 bis zu 90% an Wert verloren (Stand Mitte März, AlJazeera). Die Preise der vornehmlich importierten Produkte haben sich vervielfacht und steigen noch kontinuierlich; alltägliche Dinge wie Shampoo oder Waschmittel sind zum Luxusgut geworden.

„Unser Land bricht zusammen“, berichtete die Schulleiterin im Januar. „Die wirtschaftliche Lage ist unvorstellbar! Und das ist innerhalb von wenigen Monaten passiert – alles ist jetzt anders! Alle, die können, verlassen das Land – vor allem die gut Ausgebildeten, die Ärzte; niemand investiert irgendetwas. Wir wissen wirklich nicht, wie es weitergehen wird. Es bricht einem das Herz!

Nun ist jeder arm hier. Mit unseren Gehältern können wir so geradeeben Lebensmittel und Strom bezahlen. Die Preise sind wie verrückt angestiegen – Joghurt, zum Beispiel, kostet das 6- oder 8-fache … wenn man welchen finden kann. Vor allem Medikamente oder medizinische Behandlung sind ein Problem, aber viele Familien können sich nicht mal genug Brot leisten.“

Auch die NES-Schule ist von diesen Geschehnissen hart getroffen. Bei der Explosion wurde viel zerstört; die Lockdowns machten regulären Unterricht unmöglich; durch die angestiegenen Preise sind Strom und Reparaturen, Benzin für den Schulbus, selbst normale Reinigungsmittel fast unerschwinglich. Im vergangenen April hatte die Schulleiterin angesichts der Krise in einem Zoom-Meeting ihrem Personal mitgeteilt: „Ich bin mir nicht sicher, ob wir weitermachen können!“

Und doch: Auch in diesem Katastrophenjahr konnte die NES-Schule weiterhin eine Oase des Friedens im Chaos sein. Während der Lockdowns kümmerten Lehrer und Schulleitung sich hingebungsvoll um die Kinder. Und dank großzügiger internationaler Hilfe konnte im Herbst tatsächlich das neue Schuljahr begonnen werden – und kein Kind wurde zurückgewiesen, obwohl die meisten Eltern sich das Schulgeld nicht mehr leisten können.

„Wir haben im Herbst alle Kinder kontaktiert. Wenn Kinder sagten, wir können aus finanziellen Problemen nicht kommen, dann haben wir ihnen gesagt, dass sie trotzdem kommen können! Dadurch haben wir dieses Jahr sogar mehr Schüler als im letzten, insgesamt 252 Kinder.“ Vielen libanesischen Familien konnte geholfen werden, die durch Explosion und Wirtschaftskrise ihr Einkommen verloren hatten. Und auch alle syrischen Kinder, deren anderweitige Unterstützung weggebrochen war, besuchen weiterhin die Schule oder das STEP-Programm.

Dafür war einige Kreativität nötig, denn die Familien konnten sich insgesamt nicht einmal 20% der Schulgebühren leisten. „Wir haben alle Schulbücher kostenlos verteilt – denn die sind inzwischen sehr teuer. Für die Schuluniformen haben die Familien sich untereinander ausgetauscht, oder die Kinder kommen einfach in normaler Kleidung. Und auch ‚eschool‘, das Online-Schulprogramm, das wir benutzen, konnte bezahlt werden. Dank einer Spende haben wir allen Kindern, vor allem Klasse 4 bis 9, Tablet-Computer ausgeliehen, sodass der Online-Unterricht jetzt viel besser klappt.“

All das wäre ohne die finanzielle Unterstützung von Helping Hands e.V. und anderen internationalen Spendern nicht möglich gewesen. Während die Spenden über Helping Hands vornehmlich den „Studienfond“ unterstützen, der Kindern aus finanzschwachen Familien ermöglicht, weiter die Schule zu besuchen, halfen Spenden anderer Organisationen, die Explosions-Schäden an der Schule zu beseitigen, die erheblich umfassender waren als ursprünglich gedacht – dabei wurden auch gleich ein paar andere wichtige Reparaturen bzw. Umbauarbeiten vorgenommen – sowie ca. 15 NES-Familien bei der notwendigsten Renovierung ihrer Wohnungen zu unterstützen und 25 Familien mit Lebensmitteln und Medikamenten durch die schwerste Zeit zu helfen.

Aber all das wäre auch ohne die unermüdliche Arbeit der Lehrer und Administration der NES-Schule nicht möglich gewesen.

Im Herbst konnte tatsächlich etwa vier Wochen Präsenzunterricht in der Schule stattfinden; die Klassen wurden jeweils in zwei Gruppen unterteilt, die an unterschiedlichen Tagen kamen, und Pausen und Sport mussten gestrichen werden. Trotzdem konnten auch – unter strengen Hygienemaßnahmen und klassenweise anstatt schulübergreifend – einige „traditionelle“ Feierlichkeiten stattfinden. Bei den „Back to School“ Aktivitäten freuten die Kindergartenkinder sich über den Besuch eines Clowns und eine Luftblasenmaschine; die 1. bis 3. Klasse machte Spiele und Tänze – natürlich mit Abstand; Klasse 4 und 5 lachten gemeinsam bei Wettbewerben und in einer Fotobox; die Mittelstufenschüler wurden durch eine Art „Geländespiel“ herausgefordert.  Im November fand das übliche Kostümfest zum St. Barbara’s Day statt, und im Dezember wurden die Weihnachtsfeiern über drei Tage hinweg in kleineren Gruppen durchgeführt; auch zahlreiche ehemalige NES-Schüler halfen dabei.

Im Frühjahr 2020 sowie seit Januar 2021 fand bzw. findet auch in der NES der Unterricht online statt. Das ist eine große Herausforderung, vor allem auch aufgrund der wirtschaftlichen Lage – inzwischen fällt zeitweise bis zu 12 Stunden am Tag der Strom aus, und die Internetverbindung ist oft schwach. Den ganzen Tag über ist das Team der NES auf den Beinen, um technische Probleme allgemein und die Computerprobleme jeder Familie einzeln zu beheben, denn viele Eltern kennen sich mit Computern überhaupt nicht aus.

„Unsere Lehrer arbeiten von 7.45 Uhr früh bis 6 Uhr abends. Es ist sehr anstrengend. Wir haben live Unterricht ab der 4. Klasse. Die Lehrer senden ihre Unterrichtsinhalte als Videos und beantworten dann live Fragen. Auch nachmittags stehen sie zur Verfügung, um Fragen zu beantworten. In den unteren Klassen finden ebenfalls live sessions statt. Hier sind teilweise die Kinder in zwei Gruppen geteilt, damit die Lehrer sich individuell auf jedes einzelne Kind konzentrieren können.“

Das libanesische Programm „eschool“ leistet hier gute Dienste und ermöglicht auch Online-Examen und Benotung bzw. Bewertungen, aber das muss auch erst gelernt sein: Besonders ein Lehrer investierte hunderte Stunden, die anderen Lehrer und Eltern in das System einzuweisen und bei Schwierigkeiten zu helfen.

Auch das STEP-Programm findet weiterhin statt. „Einige unserer NES-Lehrer helfen jetzt auch bei STEP mit, weil sie mehr Erfahrung haben; das ist wirklich gut für die Kinder.“ Ab der 3. Klasse wird eschool benutzt. Mit Schülern, die besondere Lernschwierigkeiten haben, treffen die Lehrer sich einzeln per Videokonferenz und erklären den Unterrichtsstoff.

„Unsere Lehrer geben wirklich alle ihre Zeit für die Kinder – Schüler um Schüler, denn jedes Kind zählt!“, betont die Schulleiterin. „Ich treffe mich regelmäßig mit den Lehrern, um sie zu ermutigen und zu beraten. Und wir versuchen als NES, weiterhin die vollen Gehälter zu bezahlen – manche großen Schulen im Libanon zahlen nur noch die Hälfte, obwohl das Geld ja auch nur noch einen Bruchteil wert ist.“

Ermutigung und therapeutische Begleitung ist nach diesem Jahr und besonders nach der Explosion im Sommer dringend nötig. „Viele Kinder sind immer noch traumatisiert und zittern jedes Mal, wenn sie ein Flugzeug hören.“ Kurz nach der Katastrophe bot die NES-Schule für alle Kinder ein besonders Programm in Traumaseelsorge an und identifizierte Kinder, die besondere Hilfe brauchten; die Beratung wird durch den Schultherapeuten und eine Ärztin weitergeführt. Hier besteht auch aufgrund der scharfen Lockdowns weiterhin ein großer Bedarf: Viele Familien leben gemeinsam in einem kleinen Raum und häusliche Gewalt ist ein enormes Problem, das teilweise kulturell „akzeptiert“ ist.

Für die Lehrer wurde ebenfalls vom Schultherapeuten ein Traumaseelsorgeseminar angeboten, das sich sowohl auf die Explosion bezog, aber auch Depression aufgrund der wirtschaftlichen Lage vorbeugen sollte.

Eine Oase des Friedens im Chaos – das Personal der NES-Schule ist sich seiner zentralen Aufgabe weiterhin bewusst.

„Als eine unterstützende Organisation bekanntgab, dass sie die Schulgelder der syrischen Kinder nicht mehr weiter fördern könnten, haben mich fünf dieser Kinder jeden Tag kontaktiert und mich angefleht, dass sie bleiben dürfen“, erinnert sich die Schulleiterin. „Sie hatten große Angst – dass sie nach Syrien zurückmüssen, dass ihre Eltern sie verheiraten, wenn sie nicht zur Schule gehen.“

Und dank der Spenden für unseren Studienfond, weiterer Spenden und großer Opfer des Personals finden diese Schüler und ihre Freunde weiterhin eine „Oase“ in der NES-Schule.

„Wir möchten nicht, dass auch nur ein einziges Kind zuhause bleiben muss ohne zu lernen“, betont die Schulleiterin. „Wir möchten weiterhin allen Kindern helfen. Viele Kinder könnten ohne Unterstützung ihre Schulbildung nicht weiterführen, aufgrund der wirtschaftlichen Lage, und die wird sich nicht bessern! Aber wir sehen das als einen echten ‚Dienst‘ an – obwohl wir alle unter der Situation leiden und es für uns alle schwierig ist, möchten wir ein Licht sein für diese Familien. Wir möchten einen Unterschied machen im Leben dieser kleinen Kinder und auch ihrer Eltern!“

Der „Studienfond“ ist dabei eine sehr große Hilfe. Und auch wir bei Helping Hands möchten uns ganz herzlich bedanken für alle Unterstützung für unser „Jahresprojekt 2020“ – für die vielen großzügigen Einzelspenden, die drei Joggathons in Berlin, Gelnhausen und Hanau im Frühjahr und Sommer, bei denen auch die NES in Beirut mitgemacht hatte, für andere Spendenaktionen und auch für das große Interesse an diesem Projekt. Über 40.000 EUR sind so im vergangenen Jahr für den Studienfond zusammengekommen – fast das Doppelte unseres ursprünglichen Ziels!

Für die Verteilung der „Stipendien“ wurde bei der NES ein Komitee eingerichtet, zu dem auch eine Helping Hands-Mitarbeiterin gehört. Darin soll auch geplant werden, wie die Schule selber den Fond weiter auffüllen kann. Aber natürlich ist – gerade auch in der derzeitigen wirtschaftlichen Lage – weitere Unterstützung dafür sehr willkommen und notwendig. Daher sind wir jederzeit dankbar für weitere Spenden mit Vermerk „Studienfond NES“ oder über dieses Online-Spendenformular.

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