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Träume sind nicht nur Luftschlösser

In den Bergdörfern Ithung und Ghalegaun, Nepal, ist das erste Jahr des „integrativen Kinderzentrums“ erfolgreich beendet

Die höchsten Berge der Welt sind gar nicht so einfach zu finden. Meist verbergen sie sich hinter einem weißen Wolkenschleier, so dicht, dass das Gebirge wie ausradiert wirkt. An anderen Tagen ragen nur die majestätischen Spitzen des Himalayas aus den Wolken hervor. Wie Traumschlösser schweben sie dann hoch über dem Horizont, unerreichbar, weit weg von der Wirklichkeit. Manchmal spiegeln sie sich in einem kleinen, glasklaren See oben auf der Hügelkuppe, zum Anfassen nahe und doch so unendlich fern.

So täuschend nah und doch unerreichbar – so erscheinen den Menschen, die hier wohnen, oft ihre Träume. Der Traum, dass ihre Kinder eine gute Schulbildung erhalten. Der Traum, dass im Winter der Hunger nicht mehr nagt. Der Traum, dass ihre Familie eine bessere Zukunft hat, dass Hoffnung nicht nur Hoffnung bleibt.

„Hoffnung“ – das ist der Appell, der mir als erstes begegnet, als wir im November das Bergdorf Ithung besuchen. Gleich in der vordersten Reihe steht er und lächelt schüchtern , streckt mir einen selbstgepflückten Blumenstrauß entgegen: der kleine Junge im grauen Pulli und schwarzer Mütze, die Buchstaben H-O-P-E beherzt auf seine Stirn geschrieben. Später, als wir im Kinderzentrum in Kreisen auf dem Boden sitzen, die Kinder ihre Heimat mit Buntstiften auf Weihnachtskarten malen, da grinst er mich schon etwas kühner an, als ob er fragen möchte, was ich denn meine zu seiner Hoffnung, ob es wohl nur eine Hoffnung bleibt?

Seit einem Jahr gibt es das Kinderzentrum, das mein „Hoffnungsjunge“ besucht. Ein Jahr voller Anfechtungen und Verzweiflung. Ein Jahr, in dem die Pandemie auch das kleine Bergdorf erreichte und Menschen, alt und jung, hinwegraffte. Aber auch ein Jahr, in dem vieles besser wurde!

„Meine Tochter hatte ziemlich Probleme in der Schule“, erinnert sich Dhan Bahadur, ein Kleinbauer und Tagelöhner aus Ithung. „Ich konnte ihr nicht helfen – ich war ja selbst nie in der Schule, weil wir zu arm waren! Aber seit Kanchan ins Kinderzentrum geht, haben sich ihre schulischen Leistungen enorm verbessert. In der letzten Prüfung war sie richtig gut. Und jetzt verbringt sie viel Zeit mit ihren Schulaufgaben – die kann sie nun alleine machen, aber die Lehrer im Zentrum helfen ihr natürlich, wenn es schwierig wird.“

Eine gute Schulbildung für die Kinder – das ist einer der größten Träume vieler Familien, mit dem auch viele weitere Träume verknüpft sind. Doch bittere Armut ist hier oft die Wolkenwand, die gute Bildung und eine bessere Zukunft zu Luftschlössern macht: Ohne Geld für Schulmaterial und notwendige Hausaufgabenhilfe haben die meisten Schüler keine Chance, gehen oft einfach gar nicht zur Schule, weil sie sich schämen. Hier macht das Kinderzentrum einen deutlichen Unterschied.

Dafür ist Dhan Kumari besonders dankbar: für das Schulmaterial und die Nachhilfe, die ihrer Tochter ermöglicht, beim Lernen wirkliche Fortschritte zu machen. „Jedes Mal wenn ich sehe, wie Kriti mit einem Lächeln auf dem Gesicht zur Schule geht, ist mein Herz erfüllt von Freude!“

Kriti besucht das Kinderzentrum im Dorf Ghalegaun, eine knappe Stunde steil den Hügel bergab. Am nächsten Morgen sind wir dort zu Besuch, werden mit der Nationalhymne und traditionellen Tänzen willkommen geheißen, dürfen dann das Schulmaterial verteilen, das die Kinder jedes Quartal erhalten.

Während die Kinder ein nahrhaftes Frühstück genießen, schauen wir nebenan bei der Selbsthilfegruppe vorbei, die sich regelmäßig trifft. Denn Ithung und Ghalegaun bilden zusammen ein integratives Kinderzentrum, also ein Zentrum, in dem nicht nur die Kinder Unterstützung für die Schule erfahren, sondern Familien durch Spar- und Kreditprogramme und diverse Einkommensprojekte eine echte Chance geboten wird, ihren wirtschaftlichen Status nachhaltig zu verbessern.

Die umfassenderen Maßnahmen sind erst fürs zweite Jahr geplant. Aber schon jetzt sind erste Früchte erkennbar: zum Beispiel das gesparte Kapital in den beiden Selbsthilfegruppen in Ithung und Ghalegaun, das in Einkommensprojekte investiert wird, und die Gemüsegärten, die in Ghalegaun zahlreichen Familien nahrhafte Lebensmittel spenden werden. Nach unserem Besuch in der Selbsthilfegruppe dürfen wir einige dieser Gärten besichtigen.

„Ich bin sehr zufrieden“, sagt Phulmaia and schaut stolz auf das üppige Grün, das sie umgibt – vorschriftsmäßig eingezäunt, zum Schutz vor fresslustigen Tieren. „Wir wussten ja gar nicht, wie man richtig Gemüse anbaut. Aber seit wir extra geschult wurden, klappt es viel besser. In meinem Garten wächst jetzt das Gemüse sehr schön und das macht mich glücklich!“

Ein paar Gärten weiter oben zeigt Shanti, was sie alles an „Wintergemüse“ angebaut hat – in sauberen Reihen, wie bei der Schulung gelernt. Noch sind die Pflanzen ganz klein, die Schulung ist ja erst ein paar Wochen her. „Das sind Erbsen, Rettich, Zwiebeln und Koriander. Da drüben ist noch Kohl, Kopfsalat und Blumenkohl. Wir haben zwar schon früher einen kleinen Garten gehabt, aber nicht in diesem Umfang. Da können wir verkaufen, was unsere Familie nicht isst!“

Am Nachmittag sind wir noch einmal im Kinderzentrum in Ithung zu Gast – auch dort werden Schulhefte, Stifte und Schuluniformen verteilt. Zwischendrin zeigen die Kinder Tänze und Lieder; die Eltern, die zu diesem Programm eingeladen wurden, schauen stolz und begeistert zu. Eine der Tänzerinnen, in ein türkisfarbenes traditionelles Kostüm gekleidet, geht nach vorne, um sich zu bedanken.

„Meine Familie hat es nicht so einfach“, erzählt sie. „Wir sind sehr arm. Meine Mutter hat seit langer Zeit gesundheitliche Probleme und ihre Medizin und Arztbesuche kosten viel Geld. Meine Eltern arbeiten auf dem Feld, und das Einkommen reicht gerade für Essen und Kleidung. Eine meiner beiden Schwestern ist deshalb nach Dubai gereist, um dort zu arbeiten. Aber auch ihr Gehalt reicht nicht aus, um die medizinischen Kosten und unsere Schulden beim Vermieter zu bezahlen.

Deshalb bin ich so froh über das Kinderzentrum! Dadurch hat sich für mich einiges geändert. Ich habe schon so viel gelernt! Das Kinderzentrum kümmert sich um meine Schulbildung, und wir lernen noch so viel anderes, zum Beispiel Kunst oder Hygiene, was allen gut tut. Die Lehrerin besucht uns oft zuhause um zu schauen, ob alles okay ist. Ich freue mich jedes Mal sehr, wenn sie kommt! Das Kinderzentrum ist ein guter Ort für eine Schülerin wie mich. Vielen Dank!“

Auch der Junge mit der Hoffnungsmütze ist wieder dabei, heute in einem roten Jackett, das etwas zu groß für ihn ist, die Mütze mit der frohen Botschaft leicht verrutscht. Während die Eltern noch im Kreis sitzen und die Lehrerin mit Fragen löchern, wartet er mit den anderen Kindern, fröhlich plaudernd, in einer Ecke des Raumes. Die geschenkten Schulhefte und Stifte hält er fest im Arm – ein kostbares Gut, quasi eine Stufe auf der Treppe zum Traumschloss.

Mein Blick schweift über die Schülergruppe, die Eltern, die anderen Dorfbewohner, die dazugekommen sind. Wie viele von ihnen mussten Mütter oder Väter, Brüder, Schwestern oder Kinder zu Gastarbeit in der Ferne verabschieden, weil sie dachten, dass es zuhause keine Zukunft gibt? „Das integrative Kinderzentrum bietet euch viele Chancen – aber ihr müsst sie nutzen!“, ermutigt die Lehrerin die versammelten Eltern. In ihren Gesichtern spiegelt sich Hoffnung und eine Zuversicht, dass es tatsächlich auch für sie eine Zukunft gibt.

Draußen ist es inzwischen stockdunkel, es ist schließlich Winter. Noch weiß keiner, ob am nächsten Tag der Himmel klar sein wird, die Berge scharf und ungetrübt am Horizont locken oder sich hinter den Wolken des Alltags verstecken. Doch dass ihre Träume keine Luftschlösser bleiben müssen – das ahnen die Familien in Ithung und Ghalegaun bereits jetzt.

 

Das integrative Kinderzentrum in Ithung und Ghalegaun hatten wir, gemeinsam mit dem integrativen Kinderzentrum in Piluwa, als unser Jahresprojekt 2021 gewählt. Einen ausführlichen Rückblick über die Aktivitäten des vergangenen Jahres finden Sie in diesem Beitrag.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen Spendern, die mit uns diese wichtigen Projekte unterstützt haben! Beide Zentren haben nun mit dem zweiten Jahr begonnen, in dem besonders die Einkommensprojekte (inklusive Viehzucht und Landwirtschaft) für Familien gefördert werden.

In insgesamt ca. fünf Jahren werden die Kinderzentren finanziell selbsttragend sein (im dritten und vierten Jahr nur Teilförderung). Wir freuen uns sehr, wenn Sie uns, unseren Partner in Nepal und die Familien in Piluwa, Ithung und Ghalegaun dabei unterstützen, dieses Ziel zu erreichen! Spenden Sie bitte mit Vermerk „integrative Kinderzentren Nepal“.

 

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