paXan 2022 Libanon: Stecker, Staub und Spachtelmasse – und viel Segen

paXan-Team richtet Computerlabor für die NES-Schule in Beirut ein

Die Mauernutfräse schreit. Zahlreiche Staubwolken später erscheinen zwei tiefe Furchen in der Wand. Doch damit ist die Arbeit noch nicht getan: Mit Hammer und Meißel muss der schmale Schacht freigeklopft werden, harte Knochenarbeit bei Hitze, Staub und hoher Luftfeuchtigkeit. Mal in fingerlangen Stücken, mal in winzigen Splittern bröckelt das Mauerwerk auf den sorgfältig abgedeckten, da neugefliesten Boden. Immer wieder probiert man, ob das Leerrohr schon passt? Nein, leider noch nicht tief genug: Es wird weiter gehämmert, manchmal muss auch die Fräse ein zweites Mal ran. Endlich liegen die Kanäle frei. Die Kabel werden ins Leerrohr eingezogen, dann geht es ans Spachteln … und Schmirgeln … und wieder Spachteln. Wie spachtelt man eine Wand, die von der Sonne wie eine Herdplatte erhitzt wird?? (Richtig: spät in der Nacht, wenn man vom Zedernwald zurück ist.) Und wieder Schmirgeln: Die Staubhauben türmen sich auf den schmalen Rändern der abgeklebten Steckdosen. Endlich kann saubergemacht und der Raum in schönem Kaffeebraun gestrichen werden, ein kleiner Tribut an die vielen Tassen libanesischen Espressos, die uns immer wieder mit neuer Energie versorgt haben.

Ein Computerlabor für die NES-Schule in Beirut, das klingt vielleicht erst einmal wie ein Projekt für Privilegierte. Aber in Wirklichkeit ist es dringend notwendig. Die Wirtschaft im Libanon bröckelt seit vielen Jahren, inzwischen ist eigentlich nur noch ein Trümmerhaufen übrig. In dem ehemals durchschnittlich verdienenden Land im Nahen Osten leben inzwischen über 80% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Korruption und immer wieder neue Katastrophen sorgen dafür, dass die Lage sich kontinuierlich verschlechtert. Wer kann, verlässt das Land.

Aber viele können nicht: auch die meisten der Familien, deren Kinder die NES-Schule besuchen. Eine Mehrzahl dieser Kinder hätte überhaupt keine Chance auf eine Schulbildung, wenn die Schulleitung der NES nicht alles täte, um so viele Kinder wie möglich in den engen Klassenräumen unterzubringen. Der hingebungsvolle Einsatz und die tausenden Überstunden des Personals ermöglichen hunderten von Kindern eine erfolgreiche Zukunft; einen Schulabschluss, der vor Ort hoch geachtet wird, und dazu ein gesundes Selbstbewusstsein, das Wissen, wertvoll und wertgeschätzt zu sein.

Doch trotz der derzeitigen Lage ist natürlich auch der Libanon schon längst im digitalen Zeitalter angekommen. Wenn die Schüler als Jugendliche die NES verlassen, benötigen sie grundlegende IT-Fähigkeiten, um auf dem Arbeitsmarkt oder ggf. im Studium eine wirkliche Chance zu haben. Und deshalb hoffte die NES schon seit Jahren, ein adäquates Computerlabor in der Schule einzurichten, wo die Schüler lernen können, was sie zum Überleben und Gedeihen in der modernen Welt brauchen.

Dank der großzügigen Spenden aus dem Berliner Joggathon und dem unermüdlichen Einsatz eines paXan-Teams ist diese Hoffnung nun zur Wirklichkeit geworden. Ein fünfköpfiges Team kam am 5. September in Beirut an; die Schule hatte vorher schon dafür gesorgt, dass im Mehrzweckraum die nicht mehr benötigte Bühne abgebaut und der Boden neu gefliest wurde. Das deutsche Team kümmerte sich dann zehn Tage lang um die Verkabelung unter Putz und montierte neue Steckdosen, beseitigte Wasserschäden im Raum und auf dem darüberliegenden Dach-Spielplatz, renovierte die Wände und versah sie mit neuem Anstrich. Das libanesische Team unterstützte durch unzählige Hilfeleistungen und unentwegte Ermutigung, kümmerte sich um Türen und Schränke, mobilisierte Schüler für einen Putznachmittag und montierte am letzten Tag die vorgefertigten Computer-Tische, die außerhalb der Kurszeiten heruntergeklappt werden, sodass die Halle weiterhin als Mehrzweckraum genutzt werden kann. Computerkurse für bis zu 26 Schüler können nun hier stattfinden; die ersten Laptops dafür hatte das Team gleich aus Deutschland mitgebracht.

Es war ein müdes aber sehr zufriedenes Team, das am 15. September vom libanesischen Sommer in den deutschen Frühwinter zurückflog. Noch bei keinem paXan-Einsatz haben wir so viel feinen Staub produziert, so durchgehend geschwitzt oder so effektiv unsere erledigte Arbeit unterm nächsten Arbeitsschritt wieder versteckt. Noch bei keinem Einsatz wurden wir vom Team vor Ort so herzlich umsorgt, so beständig ermutigt und uns so unaufhörlich der Segen Gottes zugesprochen. Und das ist auch ein Segen, den wir mitnehmen durften: von unseren Freunden im Libanon zu lernen, wie man auch in einer wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch aussichtslosen Situation eine solch authentische Dankbarkeit ausstrahlen kann, eine echte Lebensfreude und eine tiefe Motivation, mich dort einzusetzen, wo ich gebraucht werde.

das paXan-Team 2022 Libanon

 

GEBRAUCHT: Es werden noch Laptops für das Computerlabor gebraucht. Bitte keine Laptops mehr als Sachspende vorbeibringen! Wir freuen uns aber weiterhin über Geldspenden für Laptops, die im Libanon gekauft werden; 16 Laptops werden noch benötigt (pro Laptop ca. 450 EUR). Spenden bitte mit Vermerk „Computerlabor NES“ o.ä.

Vor allem aber sind wir weiterhin dankbar für jegliche Unterstützung für den NES-Studienfond, der Kindern den Schulbesuch an der NES ermöglicht. Spenden bitte mit Vermerk „NES Studienfond“ (Online-Spende); weitere Infos finden Sie auf unserer Seite zum Jahresprojekt 2020.

Chancen in der Krise

Update aus der Ukraine

Über ein halbes Jahr dauert der Krieg in der Ukraine nun an. Millionen sind geflüchtet, aber viele Millionen harren noch immer aus in einem Land, in dem das tägliche Überleben keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Und die, die ihre Heimat verlassen haben, sind oft hin- und hergerissen: fortbleiben, dort, wo es sicher ist, oder heimgehen, dorthin, wo sie vielleicht gebraucht werden?

Im August konnten wir Vladimir und Sylvia treffen, die die Arbeit unseres Partners in der Ukraine leiten und derzeit von Polen aus ihren Dienst fortsetzen – zum Beispiel auch, Geflüchtete zu besuchen und sie zu ermutigen.

Unzählige Geschichten haben sie schon gehört, Geschichten von Trennung und Sorge, von Freundschaft und unerwartetem Willkommen, von Hoffnungslosigkeit und von neuem Mut. Und dann sind da natürlich die täglichen Bilder aus der Ukraine: Bilder der Zerstörung, ganze Städte in Trümmern, vernichtete Infrastruktur. „Es wird vielleicht dreißig Jahre dauern, um alles wiederherzustellen“, vermutet Vladimir. Und noch ist der Krieg nicht vorbei!

Aber die Krise bietet auch neue Möglichkeiten. „Wir sehen das wirklich auch als Chance“, betont Sylvia, „eine Chance, nach dem Krieg verschiedene Dienste in einem besseren Format neu aufzubauen.“

Dazu gehören zum Beispiel die Rehazentren für Drogen- und Alkoholabhängige, die Helping Hands schon in der Vergangenheit unterstützt hat. Oder eine Art Ausbildungszentrum, in dem diese Menschen einen Beruf erlernen oder ein kleines Unternehmen aufbauen können, um unabhängig zu werden.

„Wir möchten auch in die neue Generation investieren, durch Bildung und ähnliches“, fügt Vladimir hinzu. „Das ist Teil unserer Vision für den Wiederaufbau. Und wir dürfen die Senioren nicht vergessen. Sie gehörten schon vor der Krise zu den gefährdeten Bevölkerungsgruppen, aber jetzt sind sie noch viel schlimmer dran.

Ein weiterer Fokus sollte auf Familien sein. Dieser Krieg hat sie hart getroffen – die Trennung, physische Trennung aber auch in anderen Bereichen, die Kinder leiden unter Kriegsneurose – wir müssen darauf vorbereitet sein, ihnen zu helfen, ich bin noch nicht sicher wie genau, aber vor allem psychisch und geistlich. Gebäude sind da erst mal nebensächlich! Wir müssen auf die Traumata eingehen, und ganz wichtig: Versöhnungsarbeit leisten. Und dabei sollten wir nicht warten, bis der Krieg vorüber ist. Soweit möglich müssen wir jetzt schon aktiv werden!“

Das ist natürlich gar nicht so einfach. In der Ukraine konzentriert die Hilfe sich derzeit noch auf dringend benötigte Lebensmittel und Hygieneartikel. Aber außerhalb sind schon viele gute Initiativen angestoßen worden.

Eine davon ist das „Sweet Surrender“ Café in Poznań, Polen. Vor fast zwanzig Jahren hat Helping Hands dieses Sozialprojekt unterstützt. Zwischenzeitlich war es geschlossen, doch jetzt wurde es wiedereröffnet als ein Gemeinschaftshaus für Flüchtlinge aus der Ukraine; zu den Angestellten gehören Ukrainer und Polen. Zuerst ging es darum, den Menschen dabei zu helfen, richtig anzukommen und sich einzuleben. Jetzt werden unter der Woche verschiedene Programme angeboten: In vier Sprachkursen und zwei Gesprächs-Clubs können Polnisch und Englisch gelernt werden; Frauen treffen sich einmal pro Woche für eine Kaffeestunde; Kinder und Jugendliche spielen, lernen und lachen gemeinsam in wöchentlichen Clubs, in denen sie auch polnische Jugendliche kennenlernen können; seit kurzem wird Kunst-Therapie angeboten, um u.a. Trauma zu verarbeiten. Auch Musikunterricht, Spielabende, Kochkurse und Gruppentherapie gehören zum Programm.

„Die Leiter konzentrieren sich darauf, herauszufinden, was die Ukrainer im Moment brauchen“, erklärt Sylvia. „Sie leisten wirklich gute Arbeit und bieten den Menschen einen sicheren Raum, in dem sie nicht nur Zeit verbringen, sondern auch wachsen können.“

Und Vladimir fasst zusammen: „Was die Menschen mit am wichtigsten brauchen, ist das Gefühl, dass sie nicht alleine sind.“

 

Wenn Sie uns dabei unterstützen möchten, den Menschen der Ukraine langfristig Hoffnung zu schenken, spenden Sie bitte mit Vermerk „Ukraine-Krise“ über unsere Online-Spende oder per Überweisung auf unser Konto (IBAN: DE56 5075 0094 0000 022394).

„Auf einem guten Weg“ – Wirkungsbeobachtung in Srimongol, Bangladesch

Taramoni sitzt in ihrem wellblechgedeckten Lädchen am Straßenrand, von der Decke hängen kleine Tüten mit Chips, Keksen und in Einzelportionen eingeschweißtes Shampoo; auch Zahnbürsten, Süßigkeiten und diverse Getreidesorten hat sie im Angebot. Aber wenn gerade keine Kunden ihre Aufmerksamkeit verlangen, dann sitzt Taramoni nicht etwa untätig herum. In jeder freien Minute summt die Nähmaschine, die vorm Tresen auf ihre fleißigen Hände wartet. Und so kommen Kunden auch mal, um statt der Packung Kekse eine neue Hose für den Sohn zu bestellen. Sehr zufrieden und selbstbewusst wirkt Taramoni, und auf die Frage, ob ihr Multi-Tasking-Job ihr Spaß macht, antwortet sie mit einem begeisterten JA!

„Vorher saß ich einfach nur zuhause rum, hatte nichts zu tun“, erklärt sie uns dann. Vorher – das war, bevor sie im Projekt unseres Partners verschiedene Schulungen besuchte. „Nachdem ich die Schulungen erhalten hatte, merkte ich, dass ich durchaus etwas tun konnte und nicht zuhause bleiben brauchte! Erst hab ich eine kleine portable Teestube angefangen und damit Geld verdient. Bald konnte ich diesen Laden eröffnen. Dann fiel mir auf, dass ich ja noch Zeit übrig hatte, und hab mir selber Nähen beigebracht, und mein Vater hat mir eine Nähmaschine geschenkt.

Jetzt habe ich gleich zwei Jobs: den Laden und die Schneiderei. Deshalb habe ich auch die Teestube aufgegeben: denn hier im Laden kann ich beide Jobs machen und meine Nähmaschine hier hinstellen, wo die Kunden sie sehen. Das ist meine Strategie, um noch mehr Kunden zu werben.“

Im hinteren Teil des Ladens, etwas verdeckt hinter langen Girlanden aus über Fäden aufgehängten Chipstüten, baumeln ein paar Stoffe. Taramoni deutet in die etwas überfüllten Ecken ihres Shops. „Ich hoffe, dass ich bald genug verdient habe, um meinen Laden zu vergrößern. Dann kann ich ihn in zwei Teile aufteilen – einen für die Lebensmittel, einen für die Schneiderei. Dort könnte ich dann mehr Stoffe zeigen und verschiedene Kleidungsstücke zum anschauen oder anprobieren. Im Moment ist das noch alles da hinten –“ und sie zeigt in einen etwas düsteren Raum, der zur Hintertür des Ladens führt.

„Aber es hat sich schon sehr viel verändert zu früher. Ich verkaufe zwar nicht immer gleich viel, aber die meisten Tage habe ich ein durchschnittliches Einkommen von 400 Taka (ca. 4 Euro). Damit kann ich meine gesamte Familie versorgen. Mein Mann arbeitet jetzt in einer Apotheke, aber er war lange arbeitslos, und wir mussten nur mit meinem Geld auskommen. Jetzt geht es uns viel besser, und wenn ich mich mit meinen Nachbarn vergleiche, dann geht es uns richtig gut.“

Am Straßenrand vor dem Lädchen spielen einige Kinder – zwei davon, ein 10-jähriges Mädchen und ein 6-jähriger Junge, gehören zu Taramoni. „Ich wäre glücklich, wenn meine Tochter später mal Krankenschwester wird. Und für meinen Sohn wünsche ich mir, dass er eine Apotheke leitet – nicht als Angestellter, wie sein Vater, sondern als Inhaber.“

Keine ganz kleinen Träume in einem Land, wo der soziale Aufstieg für viele nur ein schöner Wunsch bleibt. Aber Taramoni glaubt man sofort, dass sie diese Ziele für ihre Kinder auch erreichen kann.

 

Taramoni ist eine von ca. 3000 Frauen, die im Rahmen eines Großprojektes in Srimongol im Nordosten Bangladeschs geschult wurde. Das Projekt, das zu ca. 80% vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert wurde, konzentrierte sich auf ca. 10.000 Familien (etwa 50.000 Personen), die für ihr Einkommen vornehmlich auf Arbeit in den Teeplantagen oder als Tagelöhner angewiesen waren und damit zur bedürftigsten Bevölkerungsgruppe gehörten; Ziel war, durch den Bau eines Schulungszentrums und einer Schule sowie ein umfassendes Schulungsprogramm die wirtschaftliche Lage der Familien und die Bildung der Kinder langfristig zu verbessern.

Heute, zehn Jahre nach Projektbeginn, sind die Erfolge deutlich sichtbar.

Da ist neben Taramoni zum Beispiel auch Menoka, die aus ihrem großen Gemüsegarten – natürlich mit eigenem Saatgut angelegt und ökologisch gedüngt – und Viehzucht nicht nur ein zusätzliches Einkommen erzielt, sondern sich durch das nahrhafte Essen ihre Gesundheit und die ihrer Familie deutlich verbessert hat. Inzwischen hat sie genügend Geld gespart, dass sie einen kleinen Laden eröffnen kann, wenn die Kinder groß genug sind. „Das wichtigste ist, dass meine Kinder eine gute Ausbildung erhalten“, betont sie.

Oder Sujata, die keine Kinder hat und mit ihrem Mann und Schwager in einer Lehmhütte wohnt. Die beiden Männer arbeiten in den Teeplantagen, sechs Tage in der Woche, und verdienen im Monat zu zweit nur etwa so viel, wie Sujata alleine durch ihre Viehzucht erzielt – sieben Kühe hat sie, drei Ziegen und einige Hühner, davon verkauft sie Milch, Eier, Huhn und Öko-Dünger. All das hat sie im Projekt gelernt. Und sie hat noch Ziele und Träume: Ihre Viehzucht möchte sie ausweiten und schließlich ein richtiges Haus bauen, aus Beton und Wellblech, nicht nur Lehm. Außerdem würde sie sich weitere Schulungen wünschen – im Schulungszentrum finden weiterhin regelmäßig Schulungen für die Zielgruppe statt –, zum Beispiel in der Herstellung von „Vermi-Compost“ (mit Kompostwürmern). Dann könnte sie ihr Einkommen zeitnah steigern und ihr Traum vom Haus sich umso schneller erfüllen.

Dass die Schulungen einen Unterschied im Leben einzelner Familien gemacht haben, ist nicht zu übersehen. Abgesehen vom gesteigerten Einkommen berichten die Frauen, wie sich auch sonst ihre Lebensweise geändert hat: Sie sind bessere Eltern, achten stärker auf Gesundheit, bereiten nahrhaftes Essen zu, wissen um gute Hygiene und sorgen dafür, dass der ganze Haushalt die Prinzipien umsetzt. Sie haben auch gelernt, mit Geld umzugehen und – ganz grundlegend für eine langfristige Veränderung: einen gewissen Betrag zu sparen, damit für Notfälle Geld da ist, aber vor allem auch, um sich weiterzuentwickeln, ein Geschäft zu vergrößern, etwas neues dazuzulernen, nicht dort stehen zu bleiben, wo sie vorher waren.

Das meiste, was Taramoni, Menoka, Sujata und die anderen Frauen in Srimongol gelernt haben, wurde ihnen im Rahmen einer Selbsthilfegruppe weitergegeben. „Was ich jetzt habe“, erklärt Sujata, „all das hab ich in der Selbsthilfegruppe gelernt. Ich habe wirklich von dieser Gruppe profitiert!“ In den Gruppen lernten die Frauen sparen, erhielten Kredite für ihre Kleinstunternehmen, besuchten Schulungen über Gemüsegärten, Viehzucht und verschiedenste Erwerbstätigkeiten gemeinsam mit ihren Kolleginnen aus der Gruppe.

Leider ist heute keine dieser drei Gruppen mehr aktiv. Die einen waren plötzlich zu beschäftigt, hatten nicht genug Zeit, um sich zusammenzusetzen und Probleme gemeinsam zu diskutieren, entwickelten sich auch in den Interessen immer mehr auseinander. Eine andere Gruppe lief für einige Jahre, aber dann gab es einen Konflikt, und es war keiner da, der helfen konnte, diesen Konflikt zu lösen. Die dritte Gruppe hatte sogar gemeinsam ein Einkommensprojekt gestartet und machte ziemlich guten Gewinn, doch es gab keine Einheit in der Gruppe und einzelne Mitglieder fühlten sich nicht mit ihrer Meinung wertgeschätzt; die Gruppe brach auseinander.

Im Gespräch mit unserem Partner vor Ort lassen sich einige Erkenntnisse daraus ableiten.

Auf der einen Seite zeigen diese Beispiele den Wert der Schulungen und des gemeinsamen Lernens. Denn auch wenn die Gruppen der drei Frauen nicht mehr bestehen, so setzen sie doch weiter das Gelernte um, nicht nur in den Erwerbstätigkeiten, sondern auch in Aspekten des täglichen Lebens. Und: Alle drei Frauen sparen weiter und wissen, dass sie nun aus eigener Kraft die nächsten Schritte in ihren Unternehmen gehen können. Eine andere Gruppe im Projektgebiet formte sich kürzlich neu in Eigeninitiative, nachdem sie eine Weile inaktiv war – weil die Frauen sich daran erinnerten, dass das gemeinsame Sparen und gemeinsame Lernen der beste Weg ist, sich positiv weiterzuentwickeln und nicht von Kredithaien abhängig zu werden.

Auf der anderen Seite wird durch die Situation aber auch deutlich, dass zwei Jahre als Projektlaufzeit zu kurz sind, um Selbsthilfegruppen nachhaltig auf eigene Beine zu stellen – und auch, dass Projekte nach gründlicher Recherche noch intensiver an die lokale Situation angepasst werden müssen. Denn in Satkhira und Jessore im Südwesten Bangladeschs, wo ein paar Jahre vorher ein vom BMZ gefördertes ebenfalls zweijähriges Schulungsprojekt beendet wurde, hatten die Frauen sich schon wenige Jahre später zu Kooperativen zusammengeschlossen (einen Bericht dazu finden Sie hier) – dort hatten die Menschen einfach eine andere Einstellung. Zusätzlich wurde dort aber auch nur kurze Zeit nach Projektende ein Folgeprojekt mit anderem Fokus begonnen, das mit den gleichen Selbsthilfegruppen zusammenarbeitete – dadurch war genug Personal vor Ort, das die Gruppen weiter begleiten und helfen konnte, etwaige Konflikte zu lösen.

Inzwischen wurde auch in Srimongol ein solches Folgeprojekt gestartet (nicht von Helping Hands finanziert), das sich vor allem auf Gesundheitsthemen konzentriert. Dadurch ist wieder mehr Kontakt mit der Zielgruppe, inaktive Gruppen können reaktiviert und neue gebildet werden.

Eine davon besteht aus 17 Teenagern – alles Mädchen im Alter von 12 bis 17. Die Gruppe haben sie gegründet, um sich gegenseitig zu beschützen, um gemeinsam zu lernen, gute Entscheidungen zu treffen, ihre Probleme zu lösen und ihre Träume zu verwirklichen. Und Träume, die haben sie ebenso wie Taramoni, Menoka und Sujata. „Mein Traum ist, Polizistin zu werden und meiner Nation zu dienen“, erzählt eine der jungen Frauen. „Hier ist Drogensucht ein Problem, ich möchte daran arbeiten, sie auszurotten“, meint ein Mädchen mit Überzeugung; eine andere erklärt, „Ich will die Dorfbewohner über Kinderehe aufklären und diese Praxis in unserem Dorf stoppen.“

Gemeinsam, das wissen sie, können sie einen Unterschied machen. Ihre größte Herausforderung ist die Bildung – „denn unsere Eltern interessieren sich nicht dafür, Mädchen auszubilden – in unseren Dörfern gibt es den Aberglauben dass Frauen nicht gebildet sein sollen, sondern zuhause bleiben. … Aber wenn wir uns selbst weiterbilden, können wir eine bessere Zukunft für unsere Familie schaffen, sodass die nächste Generation besser ausgebildet und wohlhabender sein wird. Wenn wir selbst gebildet sind, können wir andere unterrichten, sodass sie von uns lernen und Wissen erhalten können.“

Gemeinsam lernen, gemeinsam aktiv werden, sich selbst weiterbilden und Wissen an andere weitergeben – das sind grundlegende Elemente, um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen und gemeinsam eine bessere Zukunft zu schaffen. Manchmal, wie eine Frau in der reaktivierten Selbsthilfegruppe vermutet, dauert das halt ein bisschen länger: allmählich, Schritt für Schritt ändert sich das Leben. Und Taramoni, Menoka, Sujata, aber auch die jungen Mädchen in der neuen Gruppe, sind bereits auf einem guten Weg.

 

Das Projekt in Srimongol wurde im März 2022 von unserer internationalen Geschäftsführung besucht und evaluiert.

Nur noch 5%!

Schulen in Vidrare und Tarnava, Bulgarien, feiern Erfolge

Welch ein Erfolg!

Seit zwanzig Jahren arbeitet unser örtlicher Partner in Bulgarien mit der Dorfschule in Vidrare zusammen. Damals lag der Anteil der Kinder, die die Schule abbrechen, bei 60%. Die meisten Kinder kommen aus sehr schwierigen Verhältnissen, leiden unter großer Armut, werden von zuhause kaum gefördert, manche leben in den Bergen um Vidrare und müssen schon vor der Schule bei der Arbeit helfen.

Nach zwanzig Jahren unermüdlichen Einsatzes – u.a. durch Beratung, individuelle Förderung und viele, viele Hausbesuche – ist die Schulabbruchrate im letzten Schuljahr auf 5% gesunken. Die Schulleitung hofft, diesen Prozentsatz im kommenden Schuljahr auf 0% zu senken.

Derzeit ist die Schule in Vidrare ein Zuhause für 50 Roma-Kinder der Klassen 4 bis 7, die aus fünf verschiedenen Orten kommen. Die Schule bietet Essen für alle und Unterkunft für diejenigen, die aus anderen Dörfern kommen. Außerdem gibt es zusätzliche Hilfe für die gefährdeten Familien, einschließlich psychologischer Beratung und sozialer Unterstützung. Während der Covid-19-Pandemie wurde die Schule zu einer Drehscheibe für die Sammlung und Verteilung von Lebensmitteln und Kleidung aus der gesamten Region für die Bedürftigen.

Seit einigen Jahren kümmert sich Zhana, Leiterin unseres örtlichen Partners, auch um eine zweite Schule in der Region, in der Kleinstadt Tarnava nahe der rumänischen Grenze. Sie berichtet:

„Die Schule in Tarnava hat Schüler aus zwei Dörfern – Tarnava und Altimir – und hat insgesamt 160 Kinder. 90 Prozent von ihnen stammen aus Roma-Familien. Das Leben der Schule ist eng mit dem Dorfleben verbunden. Die Kinder werden in alle Aktivitäten der Gemeinschaft einbezogen, was dazu beiträgt, ihre Begabungen und Talente zu entdecken und zu entwickeln und ein gutes Selbstwertgefühl aufzubauen. Die meisten Schüler leben in zwei getrennten Roma-Vierteln, und die Teilnahme am Gemeinschaftsleben ist der Ort, an dem sich beide Kulturen (die der Roma und die der Bulgaren) begegnen, wo sie Erfahrungen sammeln und sich gegenseitig wertschätzen lernen.

Die Schule bietet Frühstück und Mittagessen für alle Kinder an. Außerdem bietet die Schule den Kindern auch viele Möglichkeiten für Aktivitäten nach der Schule, wie z. B. den „Young Lady“-Club, traditionelle und moderne Tänze, den Schachclub, den Souvenirclub, den „Young Chefs“-Club usw.  Die Schule bietet auch zusätzliche Klassen für die bulgarische Sprache und Mathematik an. Wie der Direktor der Schule erklärt hat, ist es sein Ziel, „Kindern die Möglichkeit zu geben, ihr Potenzial unabhängig von ihrer aktuellen Situation zu entwickeln.“

Viele der Absolventen setzen ihre Ausbildung fort, und in den letzten Jahren haben viele von ihnen ein Hochschulstudium abgeschlossen. Zwei von ihnen sind jetzt Lehrer an der Schule.“

An diesen großartigen Entwicklungen durften auch Sie beteiligt sein! Durch Ihre Spenden über Helping Hands konnten über die Jahre schon viele kleine oder größere Projekte an beiden Schulen gefördert werden.

Die finanzielle Unterstützung im Rahmen des letzten Weihnachtstransportes wurde für das Heizungsprogramm in den Grundschulen in Vidrare und Tarnava verwendet. Die Spende wurde auf beide Schulen aufgeteilt und für den Kauf von Paletten (Tarnava) und Propan (Vidrare) für die Heizungsanlagen der Schulen verwendet.

Zhana schreibt:  „Beide Gemeinden, in Vidrare und Tarnava, möchten Ihnen für Ihre Hilfe und Ihr Engagement in ihrem Leben danken. Wir sind davon überzeugt, dass alle Bemühungen, Kindern zu helfen und sie zu unterstützen, nicht nur eine Investition in die Zukunft sind.  Wir sehen bereits jetzt verschiedene Gemeinschaften, die sich gegenseitig akzeptieren und versuchen, einander zu verstehen, und die auch zusammen leben. Wir danken Ihnen für Ihre Investition und Ihr großzügiges Herz!

 

Foto: Schüler in Vidrare bei einer kulturellen Veranstaltung.

Joggathons 2022

Das „Laufen für den guten Zweck“ ist in einigen Kirchengemeinden in Deutschland schon längst Tradition. Und bei unseren Berliner Partnern ist auch das Erzielen neuer Rekorde Tradition! Beim Berliner Joggathon Ende Mai erreichten so 88 Läuferinnen, Läufer und Krabbler gemeinsam mit 243 Sponsoren auf insgesamt 696 Kilometern die stolze Summe von 21.180 Euro – herzlichen Glückwunsch! Von diesem Betrag unterstützen jeweils 25% die beiden paXan-Projekte und 50% kommen der Ukrainehilfe zugute.

Und auch im Libanon wird es langsam zur Tradition: Zum dritten Mal veranstalteten auch die Schüler und Lehrer der NES-Schule in Beirut einen Joggathon, um quasi für die Projekte an ihrer Schule „mitzulaufen“. Dabei liefen am 20. Juni 161 Schüler, Absolventen, Lehrer und Eltern insgesamt 414 Kilometer. Für die 65 Schüler und Absolventen suchen wir noch Sponsoren! (Bitte überweisen mit Vermerk „Beirut Joggathon“ oder anrufen: 06051 832892).

Vorschau: Im Spätsommer findet auch in Hanau ein Joggathon statt; dieser wird zum Teil wieder die NES-Schule unterstützen.

Ayana will Ärztin werden

Im Kariobangi-Slum in Nairobi, Kenia, erhalten Schüler in der Arche-Schule eine echte Chance

Während Familien in Deutschland sich so langsam auf die Sommerferien freuen, sind die Arche-Schulkinder und ihre Lehrer in Kenia noch so richtig im Stress. Denn durch die Lockdowns hatten sie zweieinhalb Trimester („Terms“) Unterricht verpasst; das versucht die Schulbehörde alles wieder aufzuholen und hat pro Jahr ein weiteres Trimester eingeschoben und alles etwas gestaucht, sodass mehr Lernmaterial in weniger Zeit vermittelt werden soll. Dadurch begann das neue Schuljahr nicht im Januar, sondern im April, soll aber trotzdem bis Anfang November fertig sein – mit nur zweimal einer Woche Ferien. Ganz schön anstrengend!

Trotzdem sind alle froh, dass sie endlich wieder „normal“ in die Schule gehen dürfen. Anfangs noch mit Maske und Abstand – dafür wurden in den Schulhof der Arche Container gestellt, um mehr Raum zu haben; die Masken – für jede Klasse eine andere Farbe – wurden nachmittags in der Schule gewaschen und aufgehängt, sodass sie am nächsten Morgen wieder neu benutzt werden konnten. Inzwischen ist der Unterricht wieder ohne Maske möglich und in den gewohnten Klassenräumen. Nur die Zelte und Container stehen noch, da die Schule weitere 100 Kinder aus dem Kariobangi-Slum aufgenommen hat.

Im März gab es endlich wieder eine Absolvierungsfeier – welch ein Fest! Die Achtklässler freuten sich, dass sie nach den schweren Prüfungen so richtig feiern konnten; die Kindergartenkinder, die nun in die 1. Klasse aufrücken, marschierten stolz in ihren Roben auf die Bühne, die unter einem großen Zelt auf der neugepflasterten Straße vor der Schule aufgebaut worden war. Auch die Klassenfahrt der 8. Klasse in den Nairobi Nationalpark konnte wieder stattfinden – die Achtklässler des letzten Jahres wurden mit eingeladen – sowie die Freizeit, zu der traditionell alle „Highschooler“ eingeladen sind.

Aber auch wenn alle froh sind, dass der Unterricht wieder regulär stattfindet – das bringt auch Sorgen mit sich. Denn die Eltern konnten schon für drei „Terms“ kaum das Schulgeld aufbringen, für vier ist das den meisten geradezu unmöglich. Das Leben in den Slums wurde durch die Pandemie noch mehr zum Überlebenskampf, denn der Großteil der ohnehin dürftigen Einnahmequellen brach weg. Keine Touristen bedeutet keine Käufer für Schnitzereien und Handarbeiten auf den Massai-Märkten, keine Jobs in Hotels, kaum Abnehmer für Agrarprodukte … „Manche Familien sind so am Ende“, beschreibt unser örtlicher Partner die Lage.

Vor einigen Monaten haben wir das Helping Hands Patenschaftsprogramm auf die Arche-Schule in Nairobi ausgeweitet und die ersten Patenschaften vermittelt. Und gerade jetzt gibt es noch so viele Kinder und Familien, die dringend Unterstützung brauchen!

Eine davon ist Ayana*. Sie wohnt bei ihrer Tante und Onkel und drei älteren Cousinen. Geboren wurde sie in Äthiopien, wo ihre Mutter noch lebt. Doch nachdem der Vater starb, wurde die junge Mutter gezwungen, einen viel älteren Mann zu heiraten. Der mochte Ayana nicht und zwang die Tante, sie nach Kenia mitzunehmen.

Seit einigen Jahren besucht Ayana nun die Arche-Schule. Sie ist eine sehr gute Schülerin und hat vor allem in Mathematik und Naturwissenschaften hervorragende Noten – Ärztin möchte sie einmal werden. „Wir sind guter Zuversicht“, sagt Bentina, ihre Schulleiterin, „dass sie diesen Traum auch verwirklichen kann, wenn sie weiter so gut lernt!“ Auch im sozialen Bereich zeichnet sie sich aus; bei Lehrern und Kameraden ist sie sehr beliebt und wurde zur Leiterin der Schülervertretung gewählt. Ihre Stärken sind besonders Schauspiel und Debatte; „sie kann Diskussionsgruppen sehr gut leiten, und zeigt wirkliche Reife in allen Bereichen“, lobt Bentina.

Doch wie bei vielen anderen Schülern steht Ayanas Familie vor großen Herausforderungen. Bentina berichtet: „Sie leben in einer Mietswohnung mit zwei Zimmern. Mit dem wenigen Geld, das ihr Onkel als Gelegenheitsarbeiter verdient, kann er kaum die Schulgebühren für seine eigenen Kinder bezahlen, die Grundbedürfnisse befriedigen und außerdem noch für Ayana sorgen.

Als Arche-Schulteam haben wir uns die Zeit genommen, die Familie zu Hause zu besuchen. Wir haben gesehen, in welch schlimmem Zustand die Familie ist. Sie können sich nicht mal jeden Tag eine Mahlzeit leisten. Deshalb sind wir überzeugt, dass Ayana wirklich Unterstützung für ihre Schulbildung braucht!“

Bald wird Ayana in eine Highschool außerhalb des Kariobangi-Slums aufrücken und ihrem Traum, einmal Ärztin zu werden, einen Schritt näher kommen – aber nur, wenn sich eine Möglichkeit findet, die hohen Schulgebühren zu begleichen. Und hunderte jüngere Kinder, die noch einige Jahre an der Arche-Schule vor sich haben, hoffen ebenso auf die Chance, ihren Traum für eine gute Schulbildung und einen „richtigen“ Beruf zu verwirklichen.

Wenn Sie durch eine Patenschaft dazu beitragen möchten, dass Ayana und ihre Kameraden und Kameradinnen diese Chance erhalten, dann kontaktieren Sie uns bitte oder füllen das Online-Formular aus (bei Region „Afrika“ wählen). Natürlich hilft auch eine einmalige oder monatliche Spende – dann bitte in der Online-Spende „Arche-Schule (Kenia)“ auswählen oder mit diesem Vermerk auf das Konto von Helping Hands e.V. überweisen (IBAN: DE56 5075 0094 0000 022394).

 

* Name geändert

Genug Geld ist nicht alles

Das Schechem-Home auf den Philippinen schenkt Kindern und Familien die Chance auf einen Neuanfang

Danilo* lebt seit einiger Zeit im „Schechem Home“. Anfangs machte der Elfjährige den Mitarbeitern viel Sorgen. Nicht nur hatte er Schwierigkeiten sich zu konzentrieren oder überhaupt mal stillzuhalten, er griff auch die anderen Kinder an, boxte sie oder brüllte Schimpfwörter. Wenn er spielte, handelten seine Spiele immer von Krieg und Totschlag.

Und das hat Gründe. Viele Jahre lebte Danilo ständig unter Angst, fühlte sich nie sicher. Vor allem seine Mutter misshandelte ihn, oft auch der Vater. „Wenn ich daran denke, bin ich ganz traurig“, sagt er, „und ich vermisse meine Tante, die mir immer geholfen hat. Ich mach mir Sorgen um sie, dass meine Eltern sie vielleicht bedrohen.“

Danilo ist eines der Kinder, die aus einer OSEC-Situation (online sexual exploitation of children) befreit und ins Schechem-Home in Manila, Philippinen, gebracht wurden. Dort hat er für eine Zeitlang eine Heimat und eine neue Familie gefunden. Über mehrere Monate hinweg wird ihm durch verschiedene Therapien geholfen, das Erlebte zu verarbeiten. Und das hat schon einen großen Unterschied gemacht. Zwar fängt er immer noch ab und zu eine Rauferei an oder zieht sich in eine Ecke zurück, um zu weinen – so ein Trauma ist eben nicht in ein paar Therapiestunden beseitigt. Aber meist ist er freundlich und ausgeglichen, und auch seine Spiele drehen sich nun um ein positives Thema, wie der Therapeut berichtet: „Meist geht es nun um seine Erfahrungen, nachdem er und seine Geschwister nach Schechem gebracht wurden – also um eine Zeit, in der er viel Freude erfahren durfte. Er kann jetzt seine Geschichte viel befreiter erzählen.“

Auch um andere Bedürfnisse kümmert sich Schechem: zum Beispiel lernen die Kinder bessere Hygiene und Ordnung und werden im akademischen Bereich gefördert. „Ich habe hier lesen und schreiben gelernt“, erzählt Danilo, „das konnte ich nämlich vorher noch nicht.“

Zurzeit wohnen 12 „befreite“ Kinder zwischen 0 und 17 Jahren im Schechem-Home; regelmäßig kommen neue hinzu. Neben allen Grundbedürfnissen inklusive Schulbildung stehen vor allem auch ihre psychosozialen Bedürfnisse im Mittelpunkt, und für jedes Kind wird ein individuelles Therapieprogramm ausgearbeitet. Dazu gehört unter anderem eine wöchentliche Einzeltherapiestunde, tägliche Förderung durch die Hauseltern sowie einmal pro Woche eine spielbasierte kognitive Therapie in der Gruppe. Auch andere Aktivitäten haben heilende Funktion: zum Beispiel pflanzen vier Geschwister gerne Gemüse in dem kleinen Garten des Hauses und freuen sich gemeinsam darüber, wie das Gemüse wächst, wodurch sich ihre Geschwisterbeziehung deutlich verbessert hat, denn vorher waren sie sich eher fremd.

Bevor es für ein Kind Zeit wird, das Schechem-Home zu verlassen, wird intensiv geprüft, welche Situation für das Kind am sichersten und förderlichsten ist. Manchmal muss ein Kind mit starken psychischen Einschränkungen in eine längerfristige Einrichtung für weitere therapeutische Behandlung überwiesen werden. Oft können andere Verwandte gefunden werden, zum Beispiel Großeltern, Onkel und Tanten, oder auch eine Pflegefamilie, die dem Kind ein sicheres Zuhause bieten.

Und immer wieder können die Kinder auch nach Hause zurück, weil die Eltern gelernt haben, ihr Kind richtig zu schützen. „Wir dachten, genügend Geld zu verdienen, damit alle unsere Kinder versorgt sind, ist das einzig wirklich wichtige für unsere Kinder“, erklärt eine Familie, die an Schulungen von Schechem teilgenommen hat. „Aber jetzt wissen wir, dass Sicherheit für die Kinder genauso wichtig ist. Dass wir als Familie zusammenhalten und mehr auf die Gefühle der Kinder achten und sie unterstützen. Genug Geld für den Lebensunterhalt zu haben ist nicht das einzige, was zählt!“

Auch die Familie von Andrea* ist bereit für einen Neuanfang. Vor einigen Wochen kamen sie in Schechem zu Besuch, machten verschiedene therapeutische Aufgaben zusammen und führten viele Gespräche, um die Familiensituation zu klären. Als Andrea von ihrem Vater die allererste Umarmung bekam, brach sie in Tränen aus.

Wo Danilos Zuhause in Zukunft sein wird, ist noch nicht geklärt. Aber dank Schechem hat er gelernt, mit traumatischen Erfahrungen und Erinnerungen umzugehen, und geht mit viel mehr Selbstbewusstsein und „Life Skills“ in seine Teenager-Jahre und in eine Zukunft, die nicht maßgeblich von den negativen Aspekten seiner Vergangenheit geprägt sein muss.

 

Das Schechem-Home ist unser Jahresprojekt 2022. Wenn Sie dieses Projekt unterstützen möchten, spenden Sie bitte mit Vermerk „Jahresprojekt 2022“ oder „Schechem Home“ (hier geht’s zur Online-Spende).

* Name geändert

Nicht mehr bei Null anfangen

Familien in Mongla im südwestlichen Küstengebiets Bangladesch kämpfen gegen die Folgen des Klimawandels

„Sehen Sie, hier, wo es feucht ist, bis dahin kommt das Wasser, wenn die Flut ihren höchsten Pegel erreicht hat.“

Wir stehen vor einer armseligen Hütte, errichtet aus getrockneten Gräsern und Palmblättern, der Boden festgetretene Erde. Ein altes Fischernetz ist über das Strohdach gespannt, damit in dem oft heftigen Wind nichts davonweht. An der Außenwand stehen ein paar Töpfe und Eimer, an Seilen flattern Kleider zum Trocknen. Keine zwei Meter vor der Türschwelle wird der Lehmboden auf einmal feucht: die Hochwasserkante, die den Hüttenbewohnern kaum genug Raum bietet, bei Flut ihren Eingang zu erreichen. Einen Meter weiter bricht das Flussufer jäh ab – mürbe, vom Wasser ausgefressen, nur ein paar Wurzeln halten den Lehm zusammen. Dahinter erstreckt sich, nach ein paar Metern Schlamm, der Pashur-Fluss, breit wie ein See, bedrohlich wie das Meer selbst.

„Früher war mein Haus da draußen“, erklärt Sukanta, dem die Hütte gehört, und er zeigt einige Bootslängen auf den offenen Fluss hinaus, wo sich das trübe Wasser träge im Wind kräuselt. „Aber das Flussufer ist immer weiter eingebrochen, also hab ich die Hütte weiter ins Land gebaut. Das war vor ein paar Jahren – da war der Fluss noch weit weg von hier.“

Warum er denn überhaupt hier baut, fragen wir.

„Ich besitze kein Land“, sagt er. „Ich habe keine andere Wahl.“

Ein Häuschen direkt am Flussufer, wo die sanft anrollenden Wellen einen abends in den Schlaf flüstern  – wie idyllisch klingt das in unseren Ohren! Für die Menschen in Chila und Chandpai im Bezirk Mongla im südwestlichen Bangladesch ist es eher lebensbedrohlich.

Denn da sind nicht nur die immer weiter ins Land drückenden Wellen aus der Bucht von Bengalen, die die Flussufer zerfressen wie Säure. Seit der Klimawandel weltweit das Wetter verrückt macht, werden Gebiete wie Mongla immer häufiger von verheerenden Wirbelstürmen heimgesucht, die nicht nur sintflutartigen Regen und orkanstarken Wind mit sich bringen, sondern auch baumhohe Flutwellen, denen Hütten wie die von Sukanta nicht standhalten können.

„Im letzten schlimmen Zyklon, dem Amphan, ist alles zusammengestürzt und fortgeschwemmt worden“, berichtet Sukanta. „Aber ich bin das gewöhnt – 33 Jahre bin ich jetzt alt, und ich kann mich erinnern, dass es seit meiner Kindheit bei jedem Wirbelsturm so war … und ich hab viele Wirbelstürme erlebt!“

Wie die anderen Menschen dieser Gegend hat Sukanta eine beeindruckende Unbeugsamkeit – den Mut, wieder und wieder neu anzufangen, auch wenn man alles verloren hat. Trotzdem – für seine Familie wünscht er sich etwas anderes, für seine Frau und die zwei Söhne, 9 Jahre und 9 Monate alt.

„Als beim letzten Wirbelsturm die Warnsignale kamen, hab ich sie geschnappt und zum nächstgelegenen Zyklon-Schutzraum gebracht“, erinnert er sich. „Dann bin ich zu unserer Hütte zurückgerannt, um auf unsere Sachen aufzupassen. Ich dachte nicht, dass das Wasser so weit kommen würde. Trotzdem habe ich vorsichtshalber alles in Päckchen verpackt – wir haben ja nicht viel. Als das Wasser dann doch kam, hab ich alles zur Straße geschleppt und da aufgestapelt. Und dann ist das Haus zusammengebrochen.“

Die Straße – eigentlich verdient sie diesen Namen nicht. Ein paar Ziegel und festgetretener Lehm, oben auf dem brüchigen Damm, gerade breit genug, dass zwei Motorräder aneinander vorbeikommen. Bei Überschwemmungen leben oft ganze Familien tage- oder gar wochenlang auf diesem schmalen Streifen Erde, während rechts und links das Wasser schwappt und man sich nie ganz sicher ist, ob es diese letzte Zuflucht nicht auch noch unter sich begräbt.

„Ich hatte Glück.“ Sukanta ist mit seiner Geschichte noch nicht fertig. „Es ist hier zwar alles weggeschwemmt worden, aber nur ein kurzes Stück. Nach dem Wirbelsturm, als das Wasser zurückgegangen war, konnte ich die Einzelteile wieder einsammeln – Holzpfosten und so. Dann hab ich erstmal eine provisorische Unterkunft gebaut, wo wir als Familie wohnen konnten. Und danach haben wir Nachbarn uns alle gegenseitig geholfen, unsere Häuser wiederaufzubauen. Das machen wir immer so.“

Den Mut, nach solch einer Katastrophe wieder bei Null anzufangen – das haben die Menschen in Mongla jedenfalls. Aber das muss nicht sein! Sicherlich – den Klimawandel und die daraus resultierenden Naturkatastrophen können Sukanta und seine Nachbarn nicht stoppen; hier sind andere gefragt, ihren Teil dazu beizutragen. Aber durch die richtigen Vorsorgemaßnahmen können Familien und Kommunen dafür sorgen, dass der Schaden nicht so groß ausfällt. Und durch Bewusstseinsbildung in bestimmten Bereichen und ein erhöhtes Einkommen können Menschen „Resilienz“ aufbauen, sodass sie und ihr Eigentum weniger gefährdet sind und nach der nächsten Katastrophe eben nicht ganz unten bei Null anfangen müssen.

„Mein größter Wunsch ist, dass ich ein besseres Haus für meine Familie an einem sicheren Ort bauen kann“, sagt Sukanta. „Aber dafür verdiene ich nicht genug.“ Als Fischer auf dem Fluss arbeitet er, an sich schon ein harter Job mit geringem Ertrag, aber neue Verordnungen der Regierung machen die Arbeit immer schwerer. Manchmal fischt er nachts, um der Küstenwache zu entkommen, aber das ist gefährlich. „Wenn ich nur die Möglichkeit bekommen würde durch dieses Projekt, von dem ihr redet, ein höheres Einkommen zu verdienen – das würde mir und meiner Familie immens helfen.“

Den mehr als 5000 bedürftigsten Familien in Chila und Chandpai ein besseres und vor allem durchgehendes Einkommen zu ermöglichen … sie darin zu unterstützen, ihre Lebensgrundlagen an die Klimawandelsituation anzupassen … ihre Haushalte und Dörfer so auf Katastrophen vorzubereiten, dass möglichst wenig an Menschenleben oder Hab und Gut verlorengeht … sie zu motivieren und auszurüsten, sodass sie ihre sozioökonomische Entwicklung selbst in die Hand nehmen können – das sind nur ein paar der Ziele, die sich unsere Kollegen für das Klimawandel-Projekt in Mongla gesteckt haben. Seit Oktober 2021 engagiert sich unser Partner in diesem umfassenden Projekt, das noch bis Frühjahr 2025 andauern wird. Und schon jetzt zeichnet sich die Hoffnung auf den Gesichtern der Projektteilnehmer ab.

Geht dein älterer Sohn zur Schule? fragen wir noch, bevor wir uns von Sukanta verabschieden.

„Ja“, sagt er nur. Aber man liest sie in seinem Gesicht: all die Träume, die er für seine Söhne hegt, die hoffnungsvollen Erwartungen – dass sie ihr Leben nicht damit zubringen werden, vor dem heranrückenden Flussufer zu fliehen, dass sie Notlagen zuversichtlich ins Auge schauen können, weil sie nicht nur den Mut, sondern auch die Ressourcen haben, dort weiterzumachen, wo der Sturm sie unterbrochen hat: und dass sie dann nicht mehr bei Null anfangen müssen.

 

Dieses Projekt wird zu 75% vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert; Helping Hands e.V. muss einen Eigenanteil von 12,5% aufbringen (ca. 32.000 EUR). Wenn Sie die Familien in Chila und Chandpai (Mongla) im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels unterstützen möchten, spenden Sie bitte mit Vermerk „Mongla“.

Hoffnung für Unterwegs – in Polen

Augenzeugenbericht einer Flüchtenden aus der Ukraine in Polen

„Wer hätte gedacht, dass mindestens 4 Millionen ukrainische Flüchtlinge, insgesamt 7 Millionen Menschen, aus ihrer Heimat vertrieben werden?

Ich bin eine von ihnen. Stellt euch das vor.

Diese Woche hatten wir erneut Gelegenheit, Flüchtlingen an der Grenze zu Przemyśl zu helfen. Unser dortiges Team von Nazarene Compassionate Ministries ist etwas geschrumpft, aber eine Kerngruppe ist geblieben. Der Zustrom von Flüchtlingen hält an, und so bleibt NCM vor Ort.

Viele der Flüchtlinge sind verängstigt, erschöpft, verwirrt und besorgt. Es ist nicht leicht, die Grenze zu überqueren. Sie wissen, dass sie irgendwie in Sicherheit sind, aber die Angst bleibt.

Für viele war es eine lange Reise. Die Menschen brauchen viele Tage, um die Grenze zu erreichen, und sobald sie sie überquert haben, müssen sie sich in einem völlig neuen Land zurechtfinden. Zunächst müssen sie die Passkontrolle passieren und einen unbekannten Bahnhof durchqueren, während in ihren Ohren eine fremde Sprache klingt. Dann müssen sie den Bahnsteig verlassen und den Hauptbahnhof finden, um ein Zug- oder Busticket für ihr nächstes Ziel zu kaufen. Die meisten von ihnen sind Frauen, Kinder und Großmütter. Ich habe mindestens zwei ältere Frauen in den Achtzigern gesehen, die allein unterwegs waren und sich mit einer Handtasche und einer kleinen Tasche durchschlugen. Wie absolut mutig von ihnen, denke ich mir. Andere kommen mit großen Koffern und Taschen, die sie nicht die vielen Treppen hinauf und hinunter tragen können, sodass Freiwillige ihnen zu Hilfe eilen.

Wie viele Koffer, Taschen mit gerissenen Gurten und Haustierkoffer habe ich getragen! Die Menschen sind so benommen und gestresst. Sie haben Fragen und zögern, sie zu stellen, aber sie starren auf unsere gelben Westen. „добрий вечір!“ („Guten Abend!“), sage ich mit einem Lächeln. Und eine Welle der Erleichterung macht sich breit. „Ich muss…“, sagen sie. Einige musste herausfinden, wie sie zur Hauptbahnhofshalle kommen. Ein anderer brauchte eine kostenlose polnische Telefonkarte. Eine weitere Person wollte wissen, wie sie einen Bus in eine andere Stadt in Polen finden konnte. Andere brauchten eine Unterkunft für die Nacht.

Mittendrin sind die Menschen, die nach ihren Freunden oder Familienangehörigen suchen, die gerade ankommen. „Wann kommt der Zug aus Kiew an?“ Eine Frage, die wir nicht mit Gewissheit beantworten können, weil der Zug immer zu einer anderen Zeit ankommt. Und natürlich fragen auch viele: „Wo muss ich hin, um den Zug nach Kiew zu nehmen?“ In dieser Schlange stehen viele Männer, Journalisten und Amerikaner. Unter den ehrenamtlichen Helfern traf ich einen Mann aus Oregon, der erst vor zwei Wochen mit seiner Freundin angereist war und seitdem auf jede erdenkliche Weise hilft. Ein anderer junger Mann, den ich traf, kam allein aus Kanada. Er hat einen 9-Personen-Bus gemietet und fährt die Leute kostenlos herum. Gestern Abend füllte er seinen Wagen mit Menschen, die nach Krakau wollten. Es dauerte keine 20 Minuten, und schon waren sie weg.

Eine Flüchtlingsfamilie, der ich begegnete, hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt. Sie waren mit uns im Zug auf dem Weg nach Norden. Eine Großmutter, ihre Tochter und eine Enkelin in ihren Zwanzigern. Sie stammten aus Kharkiv, einem der am stärksten betroffenen Gebiete. Die Großmutter weinte ständig und dachte an ihren 40-jährigen Sohn, den sie zurücklassen mussten. Sie versuchte immer wieder, ihn anzurufen, aber er war den ganzen Tag nicht ans Telefon gegangen. Ihre Wohnung war völlig zerstört. Sie waren auf dem Weg nach Berlin.

Sie erzählten uns, dass der Zug aus Kharkiv, der normalerweise nicht mehr als 15 Waggons hat, bei der Evakuierung mindestens 30 hatte. Der Zug war so voll, dass in jedem Abteil, in dem normalerweise nur vier Personen Platz haben, bis zu 17 Personen saßen. Die Menschen standen überall verstreut auf dem Gang. Man wollte unbedingt so viele Menschen wie möglich unterbringen, und so fingen die Fahrgäste an, ihr eigenes Gepäck oder ihre Taschen aus dem Fenster zu werfen, nur um ein weiteres Kind oder eine weitere Person unterzubringen. Stellt euch das vor!

Die junge Frau erzählte uns, dass eine ihrer Freundinnen mit ihren Eltern geflohen war und sie es bis nach Österreich geschafft hatten. Als sie angekommen waren, erlitt der Vater der Freundin einen Nervenzusammenbruch.  Ich stellte mir vor, was er in der Ukraine durchgemacht haben muss: die Bombardierungen, die Luftschutzbunker, den Hunger, und dann die Flucht, der Weg über die Grenze, in einen überfüllten Zug steigen, ein neues Land nach dem anderen, eine neue Stadt nach der anderen, die langen Zugfahrten, und die ganze Zeit weiter und weiter weg von zu Hause. Er ist ein weiteres Opfer des Krieges.

Einer von 7 Millionen Vertriebenen.“

 

Dieser Bericht wurde von Sylvia Cortez geschrieben, die gemeinsam mit ihrem Mann die Arbeit unseres Partners in der Ukraine leitet und derzeit von Polen aus ihren Dienst fortsetzt. Der Bericht (mit Foto) wurde von unserer Partnerorganisation Nazarene Compassionate Ministries am 22. April veröffentlicht (https://ncm.org/blog/hopeforthejourneyinpoland).

 

Wenn Sie uns dabei unterstützen möchten, den Menschen der Ukraine langfristig Hoffnung zu schenken, spenden Sie bitte mit Vermerk „Ukraine-Krise“ über unsere Online-Spende oder per Überweisung auf unser Konto (IBAN: DE56 5075 0094 0000 022394).

Ein Name, eine Geschichte, eine Zukunft

Unser Partner in Rumänien schenkt Menschen aus der Ukraine Zuflucht

Menschen, die vor Krieg, Not und Terror flüchten – sie werden schnell zu „dem Flüchtlingsstrom“ oder zu „zwei Millionen Vertriebenen“ oder zu „der leidenden Zivilbevölkerung“. Aber jeder und jede einzelne von ihnen hat einen Namen, eine Heimat, eine Geschichte und eine Zukunft.

In Bukarest konnten Mitarbeiter unseres örtlichen Partners seit dem 25. Februar bisher 98 dieser Einzelpersonen kennenlernen. In zwei Wohnungen bieten sie Unterkunft für Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und auf Durchreise sind in eine neue Heimat. Sie stellen ihnen alles Nötige zur Verfügung: ein sicheres und komfortables Obdach, Lebensmittel und Kleidung, Medikamente und Hygieneartikel. Sie helfen ihnen, Zug- oder Flugtickets zu kaufen, COVID-Tests zu bezahlen, von und zum Bahnhof oder Flughafen zu kommen und sich in Bukarest zurechtzufinden. Die, die in Rumänien bleiben möchten, unterstützen sie darin, die Ämter erfolgreich zu navigieren und eine langfristige Bleibe und einen Job zu finden.

Vor allem aber schenken sie den Menschen ein offenes Ohr, zeigen ihnen Liebe und Fürsorge, lachen und weinen mit ihnen, hören auf ihre Geschichten und interessieren sich für ihre Zukunft – und vergessen ihre Namen nicht. Mihaela*, eine unserer einheimischen Kolleginnen in Bukarest, hat uns von ein paar ihrer neuen Freunde erzählt.

Irina* kam mit ihren zwei kleinen Kindern und ihrer besten Freundin und deren Tochter nach Bukarest, nachdem sie aus Kharkov fliehen mussten – ohne ihre Männer, von denen sie sich in Kharkov verabschieden mussten und die sie nicht einmal bis zur Grenze begleiten konnten.

„Ich konnte gleich sehen, wie sehr sie sich bemühte, stark zu bleiben und sich nicht von ihren Gefühlen überwältigen zu lassen“, erinnert sich Mihaela .

Die Freundin wollte mit ihrer Tochter nach Spanien weiter; Irina plante, mit ihren Kindern in Italien bei Freunden Zuflucht zu suchen. Mihaela half ihr, geeignete Flugtickets zu finden. 400 Euro hatte Irina dafür; das reichte für die drei Tickets, nicht aber für die Gepäckgebühren.

„Das einzige Gepäck, dass sie für sich selbst und ihre zwei Kinder hatte, waren eine kleine Tasche und ein Rucksack mit Dokumenten“, beschreibt Mihaela. Als Irina die Gepäckgebühren sah, meinte sie: „Das kann ich mir nicht leisten, da muss ich das Gepäck wohl hierlassen.“ Aber das war alles, was sie besaß!

Mihaela hatte bereits beschlossen, dass sie das Ticket samt Gepäck selbst bezahlen wollte. Als Irina die Rechnung in rumänischen Lei sah und nach dem Eurowert fragte, winkte Mihaela ab: Es ist alles schon bezahlt.

„Das war der Moment, in dem sie die Fassung verlor und anfing zu weinen. Sie schaute mich an und sie sagte, ‚Es tut mir leid, ich weiß, ich muss für meine Kinder stark sein, aber ich kann das nicht mehr. 400 Euro ist das ganze Geld, was ich für mich und die Kinder hatte.‘ Sie konnte gar nicht aufhören zu weinen. ‚Seit ich in Rumänien angekommen bin, wurde ich einfach überwältigt von der ganzen Liebe‘, sagte sie, ‚ich weiß gar nicht was tun mit all dieser Liebe!'“

Inzwischen ist Irina mit ihren Kindern sicher in Italien angekommen und wohnt bei Freunden.

Maria*, 36 Jahre alt, wollte mit ihrer älteren Mutter und ihrem 16-jährigen Sohn aus Kharkov fliehen, als die Bombenangriffe begannen. Im Chaos der Flucht wurden sie vom Sohn getrennt, konnten ihn auch telefonisch nicht erreichen. In einem Konvoi erreichten sie die rumänische Grenze, kamen in Bukarest an – Maria außer sich vor Sorge, weil sie nicht wusste, wo ihr Sohn war.

Also nahm Mihaela Kontakt auf mit Kollegen in der Ukraine, die nicht ruhten, bis sie den Jungen gefunden und einen Ort mit Internetverbindung erreicht hatten, damit er mit der Mutter sprechen konnte. In einem Konvoi kam auch er an die rumänische Grenze. Dort nahm ihn ein ehrenamtlicher Mitarbeiter in Empfang, setze ihn in einen Bus nach Bukarest, wo er wiederum von einem Mitarbeiter abgeholt wurde, der ihn zur Mutter und Großmutter brachte. „Vielen, vielen Dank, meine großherzigen rumänischen Freunde“, schrieb Maria an Mihaela, „ich halte jetzt endlich meinen Sohn im Arm!“

Maria, ihr Sohn und ihre Mutter sind jetzt in Deutschland bei Freunden untergebracht.

Aber Zuflucht finden nicht nur die, die aus der Ukraine flüchten – sondern auch solche, die dorthin zurückkehren. Für zwei Nächte waren fünf Männer in einer der Unterkünften in Bukarest zu Gast. Sie arbeiteten im Ausland, als der Krieg begann, gaben sofort ihre Jobs auf und setzten sich in einen Zug nach Bukarest, um von dort weiter in die Ukraine zu reisen.

„Diese Männer hatten all ihre Familien, Frauen, Kinder, Eltern, Geschwister, in Kharkov“, beschreibt Mihaela. „Und als sie hörten, dass die Stadt bombardiert wurde und sie keinen Kontakt zu ihren Familien bekamen, wurden sie fast verrückt vor Sorge.“ Doch trotz der Furcht und Unsicherheit drückten die Männer auch eine tiefe Dankbarkeit aus. Als sie in der Unterkunft ankamen und erfuhren, dass sie für ein solch komfortables Zimmer nichts bezahlen brauchten, waren sie sprachlos und zwei begannen zu weinen.

Nach zwei Tagen fanden sie Zugtickets in die Ukraine und Mihaela kam, um sich zu verabschieden. „Einer der Männer kam zu mir, und die Tränen liefen seine Wangen hinunter. ‚Wir werden uns wahrscheinlich nie wiedersehen‘, sagte er, ‚ich gehe in die Heimat, mit all meinen Freunden, und wenn wir unsere Familien finden, dann werden wir sicherstellen, dass sie hierherkommen, und wir hoffen, dass ihr ihnen so viel Liebe zeigt, wie ihr uns gezeigt habt!'“

Jeder Mensch, der aus der Ukraine flüchtet, hat eine Geschichte – und eine Zukunft. Damit es eine Zukunft mit Hoffnung ist, dafür setzen wir und unsere Partner in Rumänien und Moldawien, Ungarn und Polen ein. Das geht nur mit Ihrer Hilfe! Wenn Sie uns dabei unterstützen möchten, den Menschen der Ukraine langfristig Hoffnung zu schenken, spenden Sie bitte mit Vermerk „Ukraine-Krise“ über unsere Online-Spende oder per Überweisung auf unser Konto (IBAN: DE56 5075 0094 0000 022394).

(Foto © NCM Romania. Unterkunft in Bukarest.) * Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert