Kinderzentren sind nicht nur was für Kinder

Sri Lanka: Viele kennen die Insel im Indischen Ozean nur als Urlaubsparadies mit herrlichen Stränden oder als malerisches Setting eines Kolonialzeitromans über Teeplantagenbesitzer. Andere erinnern sich an den fast dreißig Jahre andauernden Bürgerkrieg, der große Teile des Nordens und Ostens verwüstete und Hunderttausenden das Leben kostete, oder an die verheerende Zerstörung durch den Tsunami an Weihnachten 2004.

Sri Lanka trägt alle diese Gesichter – atemberaubende Landschaften und natürliche Schönheit, Frohsinn und Lebensmut, aber auch tiefe Armut, Ausbeutung, Angst und noch längst nicht verheilte Wunden der Vergangenheit. Besonders in den Teeplantagen und den ehemaligen Bürgerkriegsgebieten ist die Bevölkerung sehr bedürftig und kann sich meist nicht selbst aus den Stricken von Armut und Ausbeutung befreien. Um Armut zu bekämpfen, Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten und Menschen eine wirkliche Perspektive für die Zukunft zu geben, hat NCM Lanka, Helping Hands‘ örtlicher Partner, in derzeit 38 Orten Kinderzentren bzw. auf Kinder ausgerichtete Dorfentwicklungsprogramme begonnen, in denen 4253 Kindern eine Zukunft geschenkt wird.

Einige dieser Kinderzentren unterstützt Helping Hands direkt durch Patenschaften oder hat sie in der Vergangenheit durch größere Spenden, teilweise als Anschubfinanzierung, gefördert. Ende 2015 waren das sieben Kinderzentren: Chettikkulam (165 Kinder), Manthuwil (111 Kinder) und Umayal Puram (45 Kinder) in ehemaligen Bürgerkriegsgebieten im Norden; Trincomalee (89 Kinder) und Vandaramulai (100 Kinder) in ehemaligen Bürgerkriegsgebieten im Osten; Dimbulla (349 Kinder) in den Teeplantagen der zentralen Bergregion und Unawatuna (40 Kinder) in einer bedürftigen Gegend im Süden.

Folgend sind einige Auszüge aus Berichten über diese Kinderzentren, die unser örtlicher Partner („NCML“) uns jedes Quartal sendet (die Berichte sind aus dem Englischen übersetzt). Diese Berichte betonen besonders auch eine Tatsache: Kinderzentren sind nicht nur etwas für Kinder: Auch ihre Familien und das ganze Dorf profitieren davon.

 

Über die „liebevolle Atmosphäre“ in den Kinderzentren (Bericht vom Sommer 2015)

Die Examen des zweiten Halbjahrs sind eben vorbei. Als NCML sich über die Fortschritte der Kinder in den Kinderzentren erkundigte, wurde uns berichtet, dass die Kinder sehr gut abgeschnitten haben. Die Lehrer und Schulleiter sind überzeugt, dass diese guten Resultate ausschließlich auf den Nachmittagsunterricht im Kinderzentrum zurückzuführen sind. “Die Lehrer unterrichten gut und auch die tägliche Mahlzeit, die die Kinder in den Kinderzentren bekommen, hat zum Wachstum beigetragen”, sagten sie.

Ein weiterer Grund für diesen Erfolg ist die liebevolle Atmosphäre in den Kinderzentren. Den Lehrern und Helfern wird nahegelegt, immer freundlich, liebevoll und fürsorglich mit den Kindern umzugehen, auch in sehr schwierigen Situationen. Sie sollen die verschiedenen Bedürfnisse der Kinder in Betracht ziehen.

NCML ist sich bewusst, dass das alles gar nicht so einfach ist. Deshalb bietet NCML auch gelegentlich Programme für die Lehrer und Helfer an. Etwa einmal im Quartal sind alle sogenannten „Caregivers“ eingeladen, ein oder zwei Nächte im Gästehaus des Hauptbüros von NCM Lanka zu verbringen. Dort werden dann auch Programme angeboten, die ihnen helfen, vom Stress und Druck zu entspannen. Das hat sehr positive Ergebnisse erzielt. Die Atmosphäre in den Kinderzentren ist sehr kinderfreundlich und die Kinder genießen ihre Zeit dort sehr; sie schließen neue Freundschaften und kreativere Methoden des Unterrichtens helfen ihnen, sich positiv zu entwickeln.

 

Örtliche Selbstbeteiligung: Schulmahlzeit und Selbsthilfegruppe in Unawatuna (Bericht vom Sommer 2015)

Auf einem winzigen Hügel beim Strand von Unawatuna befindet sich eine kleine Schule. Hier besuchen 40 Kinder die Klassen 1 bis 5. NCML begann vor einem Jahr, die Schule zu unterstützen. In Sri Lanka geschieht es oft, dass eine Schule mit geringer Schülerzahl von der Regierung geschlossen wird und die Kinder andere Schulen im Umkreis besuchen müssen. Das ist nicht einfach für die Kinder, da die anderen Schulen weiter entfernt sind als ihre Dorfschule. Wir hatten gehofft, dass durch unsere eingeleiteten Maßnahmen der Wert der Ausbildung gesteigert wird und so weitere Kinder dazukommen würden und die Schule nicht geschlossen wird. Das ist jetzt etwas über ein Jahr her und die Schule ist weiterhin geöffnet. Es gab bisher keinerlei Warnungen seitens der Regierung bezüglich einer Schließung.

Im Frühjahr waren die Eltern zu zwei wichtigen Informationsabenden eingeladen. Zuerst sprachen wir mit ihnen über die Fortschritte, die ihre Kinder bisher gemacht hatten. In einem zweiten Treffen ging es um die Einführung einer Schulmahlzeit und die Beteiligung der Eltern an diesem Projekt.

Es ist erstaunlich, wie kooperativ die Eltern des Unawatuna Kinderzentrums sind. Über die Einführung einer Schulmahlzeit waren sie begeistert. Wir betonten, dass wir ein hohes Maß an örtlicher Selbstbeteiligung benötigen, um diese Schulmahlzeit langfristig anzubieten. Die Reaktion der Eltern war überwältigend. Sie bildeten umgehend ein Komitee, um dieses Programm zu unterstützen. Sie sammelten Geld und kümmerten sich erst mal um die Speisekammer. Dann richteten sie eine kleine Küche ein, sodass die Mahlzeit direkt in der Schule zubereitet werden kann. Dazu sammelten sie noch Gelder, um die Küchenutensilien zu kaufen. Jetzt hat die Schule in Unawatuna ihre eigene Küche mit genügend Utensilien, um für eine größere Versammlung Essen zuzubereiten.

Zusätzlich wurde ein Terminplan erstellt, bei dem die Mütter abwechselnd an der Reihe sind, um bei der Zubereitung der Schulmahlzeit zu helfen. Bisher haben sich alle Mütter an die Liste gehalten und erscheinen wie geplant, um ihre Pflicht zu erfüllen. NCML spendet die nötigen Nahrungsmittel und die Mahlzeit wird hygienisch in der Schule zubereitet und vor dem Nachmittagsunterricht an die Kinder serviert. Auch dabei helfen die Eltern. Es ist bemerkenswert, wie sehr die Eltern die Ausbildung und Entwicklung ihrer Kinder unterstützen.

Kürzlich wurde auch eine Selbsthilfegruppe begonnen. Die Gruppe ist zwar noch in den Startlöchern, sodass noch keine tiefgreifenden Aktivitäten stattgefunden haben. Aber die Gruppe hat sich bereits ein paar Mal getroffen, ein Komitee gewählt und sich auf die Grundregeln geeinigt. Die jungen Frauen sind sehr erfreut und aufgeregt. Wir planen, gemeinsam mit der örtlichen Abteilung für Landwirtschaft die Frauen in Gartenbau und Gemüsezucht sowie anderen Programmen für den Lebensunterhalt zu schulen, die auch das Einkommen der Familien steigern wird. Wir sind zuversichtlich über den Erfolg dieser Gruppe, da sich schon eine starke Teamfähigkeit und Zusammenhalt herausgebildet hat.

 

Dimbulla Kinderzentrum: Größter Erfolg seit 20 Jahren (Bericht aus unserem E-Newsletter November 2014; freie Übersetzung des Berichts von NCM Lanka im Herbst 2014)

Dimbulla in Sri Lankas Bergregion ist bekannt für den guten Tee, der dort geerntet wird – aber auch für die Armut, Ausbeutung und Perspektivlosigkeit der Familien, die auf den Teeplantagen arbeiten und dort unter bedürftigsten Verhältnissen leben. Im Sommer 2012 besuchte ein paXan-Team diesen Ort und führte dort unter anderem ein Ferienprogramm für die Kinder durch. Als Folge dieses Einsatzes konnte im Herbst 2012 ein Kinderzentrum für die Kinder in Dimbulla eröffnet werden, das seit Januar 2013 in der örtlichen Schule stattfindet, der größten in dieser Gegend. Von den 349 Kindern, die im Kinderzentrum Ergänzungsunterricht und weitere Hilfe erhalten, werden einige durch Patenschaften aus Deutschland unterstützt.

Diese örtliche Schule besteht seit über fünfzig Jahren und bemüht sich, trotz knapper Ressourcen den Kindern aus Dimbulla und umliegenden Dörfern eine ausreichende Ausbildung zu bieten. Aber obwohl die Aussicht aus den Fenstern der Schule – auf malerische Teegärten so weit das Auge reicht – atemberaubend sein mag, die Aussicht der Schüler auf eine bessere Zukunft ohne Armut ist gering. Kein einziges Kind hatte in den letzten zwanzig Jahren das Examen bestanden, das in Sri Lanka landesweit alle Schüler der 5. Klasse absolvieren müssen und das somit einen Messwert für das akademische Niveau der Schule bietet.

In diesem Jahr hat sich das geändert. Von den 20 Fünftklässlern, die diesen Sommer das Examen absolvierten, erreichten 17 eine Punktzahl über 100 – bereits eine großartige Leistung für diese Schule – und drei Schüler bestanden die Prüfung (mit über 157 Pkt.); sie erhalten nun ein Stipendium für eine von ihnen frei wählbare weiterführende Schule und somit eine echte Chance auf eine gute Ausbildung und deutlich bessere Berufschancen.

Das Prüfungsergebnis ist ein riesiger Erfolg für die Lehrer in Dimbulla, die das ganze Jahr über viel Zeit und Energie investiert haben. “Seit das Kinderzentrum hier begonnen hat, konnten wir enorme Fortschritte beobachten”, betonte der Schulleiter in einem Gespräch. “Es hat einen großen Unterschied gemacht, dass die Lehrer jetzt mehr Zeit mit einzelnen Kindern verbringen und wirklich auf ihre Bedürfnisse eingehen können.”

Die Schule ist sehr stolz auf ihre drei Stipendiaten: alles Kinder von Teepflückern, die die Kosten für die notwendige Vorbereitung auf das Examen nie selbst hätten bezahlen können. Dass ihre Kinder eine gute Schulbildung erhalten und sich so aus dem Teufelskreis der Armut befreien können, der die meisten Familien auf den Teeplantagen gefangen hält, das ist der Traum vieler Eltern hier. Dank des Kinderzentrums darf dieser Traum nun für drei Familien Wirklichkeit werden.

 

Besserer Lebensstandard durch Hühnerzucht in Umayal Puram (Bericht vom Winter 2014/2015)

Das Dorf Umayal Puram liegt weit verstreut auf dem schmalen Stück Land, das die nördliche Halbinsel mit Sri Lanka verbindet. Durch diese Lage wurde der Ort vom Bürgerkrieg besonders hart getroffen und von beiden Seiten bekriegt. Viele der Ortsbewohner verbrachten Jahre damit, sich im Dschungel zu verstecken und später in Flüchtlingslagern zu leben. Nachdem die Menschen nach Ende des Bürgerkriegs vor einigen Jahren in ihr Heimatdorf zurückkehrten, war nichts mehr übrig, mit dem sie ihr Leben neu hätten beginnen können – nur ödes Land, trocken und für die Landwirtschaft unbrauchbar. An vielen Orten hat sich das bis heute nicht geändert. Aber in den letzten Jahren hat die Regierung auch viel in die Verbesserung der Infrastruktur investiert; neue Straßen wurden gebaut, die Häuser zumindest an den Hauptstraßen wurden mit Strom versorgt und andere Besserungen sind in Vorbereitung.

Auch NCML hat Projekte begonnen, um den Familien in Umayal Puram beim Neuanfang zu helfen. Im Rahmen des örtlichen NCM Lanka Kinderzentrums wurde, wie in anderen Kinderzentren auch, eine Selbsthilfegruppe gebildet, zu der derzeit 13 Frauen und Witwen des Dorfes gehören. Sie haben sich bisher fünfmal getroffen und wichtige Bedürfnisse ihrer Dorfgemeinschaft diskutiert. Durch die Selbsthilfegruppe hat NCML 28 extrem arme Familien für zusätzliche Unterstützung ausgewählt. Dabei geht es erst einmal darum sicherzustellen, dass die Menschen genügend zu essen haben. Die meisten Haushalte haben weniger als zwei Mahlzeiten pro Tag, und das ist nicht so einfach zu ändern. Als erste Phase im Kampf gegen den Hunger hat NCML in allen Dörfern, in denen es Kinderzentren gibt, ein sogenanntes „Livelihood Program“ geplant, ein Programm zur Sicherstellung des Lebensunterhalts.

Die 28 ausgewählten Familien in Umayal Puram besuchten zwei Schulungen über Hühnerzucht, wo sie unter anderem auch lernten, auf die Gesundheit und Sicherheit der Hühner zu achten, um Verlust zu vermeiden und die Produktivität zu erhöhen. Hühnerzucht ist ein sehr beliebtes Nebeneinkommen in Sri Lanka, da es niedrige Kosten hat und wirtschaftlich sehr effizient ist – die Vögel picken auf den Feldern und vermehren sich schnell. Eine Henne legt dort im Durchschnitt 13–15 Eier und kann in der Regel 9–11 Eier ausbrüten. Manche Hennen brüten zweimal im Jahr oder öfter, sodass ein Paar sich im Jahr auf 22 Hühner erhöhen kann. Wenn die Familie das, was sie nicht verzehrt, auf dem Markt verkauft, kann sie bis zu einem Dollar pro Tag zu ihrem normalen Einkommen dazu verdienen.

Die Familien beteiligten sich selbst an der Vorbereitung des Projekts, unter anderem dadurch, dass jede Familie für den Bau ihres eigenen Hühnerstalls verantwortlich war. Außerdem werden 10% des monatlichen Einkommens an die Selbsthilfegruppe zurückgegeben.

Das Kinderzentrum profitiert auch in dem Sinne von diesem Projekt, dass das erhöhte Einkommen und gesünderes Essen den Kindern helfen wird, im Unterricht besser mitzukommen. Nach einem guten Frühstück am Morgen können sie sich am Unterricht besser beteiligen; auch werden weniger Fehltage erwartet, was zweifellos ihrer akademischen Entwicklung zugutekommt. Dadurch können die Lehrer sich vermehrt auf Kinder mit Lernschwächen konzentrieren. Und natürlich reduziert der bessere Zugang zu nahrhaftem Essen auch die Mangelernährung.

 

„Straßenbau“ in Chettikkulam: Mission Accomplished (Bericht vom Winter 2014/2015)

Da Kinderzentren im Grunde eine besondere Art von Dorfentwicklungsprogramm sind, führt NCML in diesem Zusammenhang sogenannte „Area Development Programs“ durch, die in enger Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern geschehen.

Die Schule in Chettikkulam hatte ein Problem: Ein Stück des Weges direkt hinter der Schule war während der Regenzeit regelmäßig überflutet. Ungefähr 30 Kinder konnten dadurch in der Regenzeit nur zur Schule und zum Kinderzentrum kommen, wenn sie einen langen Umweg in Kauf nahmen – das Ergebnis war, dass viele Kinder einfach gar nicht kamen. Aber das ist natürlich keine Lösung. Die Stadtverwaltung wurde zwar wiederholt um Hilfe gebeten, aber es änderte sich nichts: Die 30 Familien, für die dieser Pfad der einzige direkte Weg in die Stadt ist, hatten eben Pech.

Aufgrund der guten Arbeit, die NCML während der letzten Jahre in dieser Gegend geleistet hat, haben die Dorfbewohner großen Respekt vor ihnen. Sie waren sich sicher: NCML hat immer eine Antwort auf unsere Probleme. Also sprachen sie mit den örtlichen NCML Mitarbeitern und baten um Hilfe.

Die einfachste Lösung für dieses Problem war, das Wasser unter der Straße hindurch zu leiten. Die NCML Mitarbeiter kauften zwei Kanäle, die lang genug waren, um unter dem Weg hindurch zu reichen. Dann forderten sie die Erwachsenen des Dorfes dazu auf, ihnen bei der Installation zu helfen. Ungefähr 20 Männer kamen, um ihr Dorf in dieser Sache zu unterstützen. Nach einem Tag harter Arbeit waren die beiden Kanäle gelegt und mit Zement und Erde bedeckt.

Im Dezember begann der Regen. Normalerweise hätten die Menschen sich schon längst andere Wege gesucht. Aber dieses Jahr hat der Regen keinen negativen Einfluss auf die Familien, die diese Straße benutzen. Das Wasser sammelt sich nicht auf dem Weg. Es fließt durch den Kanal und die Menschen und Fahrzeuge können ohne Behinderung zur Stadt und wieder zurück kommen. Auch die Kinder kommen jetzt weiterhin regelmäßig zur Schule. Und ihre Eltern brauchen sich keine Sorge mehr machen, dass die kleinsten Kinder in der früher überfluteten Straße ertrinken könnten.

 

Hände waschen – gar nicht so einfach! (Bericht vom Frühjahr 2016; freie Übersetzung)

Während der letzten Jahre hat NCM Lanka immer wieder versucht, den Kindern in Kinderzentren beizubringen, dass man sich ordentlich die Hände waschen muss, bevor man isst und nachdem man auf Toilette war, um Krankheiten zu vermeiden und Bakterien nicht zu verbreiten. Die Kinder haben zwar schnell verstanden, warum das wichtig ist und wie man sich die Hände so wäscht, dass sie auch wirklich sauber sind – trotzdem setzten nur wenige Kinder dies wirklich in die Tat um. Der Hauptgrund dafür war die Zugänglichkeit zu Wasser. In städtischen Gebieten, wo die Schulen besser ausgestattet sind, ist das zwar kein Problem. Aber in den Dorfschulen, in denen NCMLs Kinderzentren stattfinden, bekommt man Wasser in der Regel nur aus einem offenen Brunnen, der 60–70 Meter entfernt ist von den Toiletten und Klassenzimmer. Die Kinder müssen sich das Wasser in einem Plastikbehälter oder Eimer holen, und damit ist es nicht einfach, die Hände ordentlich zu waschen, jedenfalls nicht beide Hände mit Seife.

Um dieses Problem zu lösen, setzte NCM Lanka sich erst einmal ein Ziel: dass bis zum Jahresende in 60% der Fälle die Kinder ihre Hände richtig waschen und bessere Hygiene haben. Zuerst einmal redeten die Mitarbeiter mit den Kindern darüber und erklärten ihnen noch einmal, wie wichtig diese Hygiene ist, und sprachen auch mit den Lehrern und Schulleitern darüber.

NCM Lanka bemüht sich in allen Aspekten der Kinderzentren darum, dass Aktivitäten kindergerecht sind und auch Lerninhalte so gestaltet werden, dass sie für Kinder am besten zu verinnerlichen sind. „Bildung durch Spiele“ ist ein gutes Beispiel dafür. Die Kinder gehen unter anderem auch deshalb gerne zum Kinderzentrum, weil sie dort viel Spaß haben.

In diesem Sinne also machten die Mitarbeiter von NCML sich Gedanken, wie sie Händewaschen zu einer interessanten Aktivität für die Kinder machen könnten, die sich dann irgendwann zu einer Gewohnheit entwickelt. Sie hatten schon beobachtet, dass Wasserspiele für die Kinder immer sehr attraktiv sind. Es ging also darum, ein Programm zu entwickeln, dass sowohl für die Kinder interessant ist, als auch die grundlegenden Ziele erreicht.

Da es kein sauberes fließendes Wasser auf den Schulhöfen gibt, führte NCM Lanka nahe der Toiletten und im Bereich der Klassenzimmer sogenannte „Tippy Taps“ ein. Dabei wird Wasser in einen größeren Behälter gefüllt, der durch einen mit dem Fuß betätigten Hebel gekippt wird, sodass die Kinder beide Hände frei haben, um sich ordentlich mit Seife die Hände zu waschen. Die Tippy Taps machen den Kindern Spaß und NCM Lanka hofft, dass sie so ermutigt werden, die Hände nach der Toilette und vor dem Essen ordentlich zu waschen.

Wie erwähnt hatte NCML schon vorher versucht, den Kindern richtiges Händewaschen beizubringen, aber ohne vollen Erfolg. Da die Tippy Taps in den Schulen, in denen sie bereits installiert wurden, bisher gut genutzt werden, plant NCML, bis Ende Mai in allen Schulen Tippy Taps zu installieren, sodass das Ziel von 60% Erfolg beim Händewaschen bis Dezember erreicht werden kann.

 

© 2016 Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

Selbstbewusstsein will gelernt sein

Vor sechs Jahren (2009–2010) konnte Bangladesh Nazarene Mission, Helping Hands‘ örtlicher Partner, mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und Helping Hands e.V. im Südwesten Bangladeschs zwei Schulungszentren errichten; in Seetpur in der Provinz Satkhira und in Dapkhali in der Provinz Jessore. Parallel zum Bau wurde ein Entwicklungs- und Schulungsprogramm eingeleitet, das langfristige Veränderungen bewirken sollte, unter anderem durch die Gründung von Selbsthilfegruppen. Der Projektantrag hielt fest:

„Ausgrenzung und Armut können nur überwunden werden, wenn die Rahmenbedingungen verändert und die Voraussetzungen für eine aktive soziale Teilhabe geschaffen werden. Entscheidend dafür sind: Veränderung des Selbstbewusstseins, Erweiterung der Kenntnisse, Verstärkung der wirtschaftlichen, gesundheitlichen und schulischen Basis sowie eine begleitende Betreuung.“

Inzwischen ist das Projekt schon längst in die Hände des örtlichen Partners bzw. der Dorfbewohner übergeben worden. Und die erhoffte langfristige Veränderung kann jetzt, fünf Jahre nach Ende der Projektlaufzeit, an zahlreichen Stellen beobachtet werden. Nachfolgend sind die Berichte von zwei Frauen aus Seetpur, deren Leben durch Selbsthilfegruppen verändert wurden und deren Kinder weiterhin vom Kinderzentrum in Seetpur profitieren, das parallel zum Projekt begonnen und anfangs ebenfalls von Helping Hands finanziell unterstützt wurde.

Die folgenden Geschichten wurden direkt aus dem Originalbericht übersetzt.

 

Jhorna erzählt im November 2014:

Jhorna lief den schmalen, matschigen Pfad entlang und weinte. Eine Lehrerin des Seetpur Kinderzentrums hielt sie an und fragte, was denn passiert sei? Jhorna wischte ihre Tränen weg und erklärte: “Mein Mann will nicht arbeiten gehen. Er ist Alkoholiker und macht unser Leben zur Qual. Er schlägt mich auch oft.” Sie erzählte auch, dass sie ihren Kindern die letzten zwei Tage nichts zu essen geben konnte, weil sie kein Geld hatte. Die Familie lebt in extremer Armut. Manchmal helfen Jhorna und ihr Mann als Tagelöhner auf Feldern, aber die Hälfte der Zeit haben sie gar keine Arbeit.

Die Lehrerin lud Jhorna zum Treffen einer Selbsthilfegruppe ein. Gleich am nächsten Tag ging Jhorna dorthin und lernte die Gruppe kennen. Sie war sehr interessiert daran und wurde schnell zu einem aktiven Mitglied. Die einheimischen Mitarbeiter besuchten sie zuhause und sprachen auch mit ihrem alkoholabhängigen Mann. Anfangs wollte er gar nichts mit ihnen zu tun haben. Er war auch dagegen, dass seine Frau die Selbsthilfegruppe besucht. “Ich hasse sie alle!”, behauptete er.

Aber die Mitarbeiter waren sehr geduldig. Sie sprachen Jhorna viel Mut zu. Langsam begann sie, kleine Beträge zu sparen. Der erste Kredit, den sie von der Selbsthilfegruppe erhielt, betrug 1000 Taka und damit gründete sie einen kleinen Lebensmittelladen. Zuerst wollte ihr Mann nicht dabei helfen. Doch als er sah, dass seine Frau Geld verdiente, änderte er seine Meinung. Er begann, sie zu unterstützen. Nach einer Weile nahmen sie einen zweiten Kredit über 6000 Taka. Das erhöhte wiederum ihr Einkommen. “Es war ein Fehler, dass ich mich gegen die Selbsthilfegruppe gestellt habe”, gab der Ehemann zu. “Jetzt verstehe ich, wie ihr die Leben der Menschen verändert durch eure Arbeit!”

Vor einem Monat übernahm Jhornas Mann die volle Verantwortung für den Laden. Denn Jhorna fand einen neuen Job als Koch in einer Jugendherberge.

“Jetzt kann ich meinen Kindern drei Mahlzeiten am Tag geben. Wir leben nicht mehr in Armut. Mein Mann hat auch aufgehört, Alkohol zu trinken. Wir leben nun in Frieden miteinander!”, sagt Jhorna. Und auch die Nachbarn sind beeindruckt, die positive Veränderung in Jhornas Familie zu sehen. Der örtliche Partner von Helping Hands hat sich um sie gekümmert wie gute Freunde.

 

Nurjahan erzählt im Februar 2015:

Es gab eine Zeit, da fürchtete sich Nurjahan jedes Mal, wenn sie das Haus verließ. “Ich habe immer meinen Kopf bedeckt und mich in eine Ecke gedrückt”, erinnert sie sich. Jetzt ist ihr Leben das genaue Gegenteil. Seit sie Mitglied einer Selbsthilfegruppe in Seetpur wurde, sagt sie, “Alles ist jetzt ganz anders. Ich bin viel selbstbewusster!”

“Mein Mann ist Tagelöhner und verdiente nur sehr wenig”, berichtet Nurjahan von früher. “Mit seinem Einkommen konnten wir unsere Grundbedürfnisse nicht erfüllen, die Kinder mussten sogar mit der Schule aufhören. Ich konnte ihnen keine drei Mahlzeiten am Tag geben und sie litten unter Mangelernährung. Oft habe ich im Stillen geweint. Aber ich habe mich auch mit meinem Mann gestritten, weil er die Bedürfnisse seiner Familie nicht erfüllte. Unser Familienleben war eine Hölle.”

Nurjahan begann, nach alternativen Einkommensmöglichkeiten zu suchen. Sie wusste, dass es in Seetpur eine Selbsthilfegruppe gab, in der bedürftige Frauen Kredite bekommen, um verschiedene Einkommensaktivitäten zu starten. Sie hatte auch die Freude auf den Gesichtern der Frauen gesehen, die bereits Kredite erhalten hatten. Also wurde sie im Jahre 2010 ein Mitglied der Gruppe und begann, jede Woche 10 Taka zu sparen. Zuerst nahm sie einen ganz kleinen Kredit und investierte ihn in Gemüseanbau. Später erhielt sie Schulungen über Kleinstunternehmen. Sie fühlte sich ermutigt, selbst ein Kleinstunternehmen zu gründen. Als ihren fünften Kredit nahm sie 14000 Taka (ca. 150 Euro) und eröffnete bei sich zuhause einen Lebensmittelladen.

Diese Investition hat ihr großen Erfolg gebracht. Ihr Leben begann sich zu verändern. Sie verkauft jetzt Reis, Kekse, Öl und andere Dinge, die man zum täglichen Leben braucht. Ihr tägliches Einkommen beträgt etwa 500 Taka (knapp 6 Euro). Ihr Mann hilft ihr im Laden und arbeitet weiterhin als Tagelöhner. Die zwei Kinder gehen jetzt wieder zur Schule und besuchen auch das Seetpur Kinderzentrum.

Ihre Nachbarin Rabaya ist wirklich beeindruckt: “Ich bin sehr überrascht über die Verwandlung in Nurjahan. Früher lieh sie sich von uns Nahrungsmittel aus, jetzt gibt sie selbst den Armen Essen. Sie ist ein großes Vorbild in unserem Dorf!”

Nurjahan ist heute eine der bedeutendsten Personen im Ort. Sie wurde als Vorsitzende der „Uashahi“ Selbsthilfegruppe gewählt – „Uashahi“ bedeutet „Ermutigung“. Viele arbeitslose Frauen kommen zu ihr, um sich Rat zu holen, wie auch sie selbstständig werden können. “Jeder im Dorf weiß, dass ich die erste Vorsitzende der Uashahi Selbsthilfegruppe bin”, erklärt Nurjahan. “Wenn jemand einen Kredit braucht oder Beratung über Kleinstunternehmen, kommen sie zu mir. Ich helfe ihnen sehr gerne!”

Sogar Nurjahans Ehemann fragt um ihre Meinung, wenn es darum geht, in der Familie eine Entscheidung zu treffen. “Wir leben im Frieden miteinander. Er teilt alles mit mir ”, freut sie sich.

Nurjahan ist stolz darauf, wie weit sie es schon gebracht hat, seit sie der Selbsthilfegruppe beigetreten ist. “Früher, wenn Besucher kamen, dann habe ich richtig gezittert, so nervös war ich”, sagt sie. “Aber jetzt bin ich selbstsicherer geworden; jetzt kann ich ganz selbstbewusst aufblicken!”

© 2016 BNM & Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

Weihnachtsfreude 2015: Hoffnungsschimmer

Dumpf liegt der Nebel auf den Hügeln, als wir von Pravets in Richtung Nordosten fahren, umhüllt Häuser und Bäume mit einem trüben Schleier. Die Welt, die sich in den letzten Tagen von ihrer schönsten Sonnenseite gezeigt hat, wirkt plötzlich ganz anders, schweigsam, bedrückend, fast ein wenig bedrohlich. Am Sonntag sind wir angereist, vier Helping Hands Mitarbeiter und Ehrenamtliche aus Deutschland, um das Verteilen der Weihnachtspäckchen in Bulgarien mitzuerleben und einige der Menschen kennenzulernen, denen die Päckchen eine Weihnachtsfreude bereiten. Dabei durften wir am Montag und Dienstag schon viel Freude und vor allem auch Hoffnung erfahren – in Vidrare, wo nach Jahren intensiver Entwicklungs- und Aufklärungsarbeit eine deutliche Änderung im Denken der Menschen spürbar ist; in Tarnava, einem Vorzeigedorf für Roma-Familien, die durch Selbsthilfe ihre Situation verbessern, die sich aber trotzdem herzlich über ein Weihnachtspäckchen freuen, gerade auch deshalb, weil dadurch ihre Eigeninitiative gewürdigt wird.

Heute früh geht es nach Osikovska Lakavitsa – und dort ist nicht nur der Ortsname eine Herausforderung. Denn nicht alle bedürftigen Familien sind, wie in Tarnava, bereit, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, sondern verlassen sich auch gerne mal auf das, was die Regierung ihnen verspricht. Der Unterschied ist nicht zu übersehen: Einige Teile des Ortes erinnern eher an ein Ghetto. Zhana, unsere einheimische Kollegin, begann erst kürzlich in diesem Dorf mit ihrem Dienst und weiß, dass noch eine Menge Aufklärungsarbeit auf sie zukommt, um Eltern nahezulegen, dass Leben nicht nur Überleben ist – und dass ihre Kinder eine bessere Zukunft verdient haben.

Das Schulhaus in Osikovska Lakavitsa ist kalt und deutlich ärmlicher als die Gebäude, die wir in den letzten Tagen besucht haben. Dafür ist der Empfang ebenso herzlich und die Kinder strahlen uns ihr Willkommen entgegen. Ein kleiner Chor, in bunte Tracht gekleidet, singt bulgarische Weihnachtslieder für uns – gar nicht so selbstverständlich, denn keines dieser 47 Roma-Kinder konnte bei der Einschulung Bulgarisch. Hinter den Kindern hängt ein großes Schild, auf dem in Deutsch fein säuberlich aufgeschrieben ist: „Willkommen! Wir freuen uns, dass Sie sich in unserer Schule! Vielen Dank!“ Genau was wir „in unserer Schule“ dürfen, entscheiden wir ganz spontan selbst: Nach der Päckchenverteilung begleiten wir die Kinder in eins der Klassenräume und verbringen ein bisschen echte Zeit mit ihnen: Neben einem Lied und den Zahlen von 1 bis 10 ist da auch Zeit für gemeinsames Lachen, für viele Umarmungen, für die Möglichkeit, den Kindern etwas Liebe und Wertschätzung weiterzugeben.

Leider müssen wir uns allzu früh verabschieden, um zum nächsten Ort weiterzufahren. In Osikovitsa herrscht eine andere Atmosphäre. Zwar gibt es auch hier viel Armut, doch einige der Roma-Familien fügen sich nicht in ihr Schicksal und möchten selbst dazu beitragen, ihren Lebensstandard zu verbessern – „Kämpfer“ nennt eine der Lehrerinnen diese Familien. Trotzdem ist auch dieser Ort nicht ohne Herausforderungen. Wie in vielen anderen Orten leben hier Roma und bulgarische Familien Seite an Seite, und das alles andere als friedlich. Aber in Osikovitsa hat eine gesunde Integration begonnen – dank eines Theatervereins. Die Idee dazu entstand vor zwei Jahren, als Zhana und eine der Lehrerinnen zusammensaßen und überlegten, wie sie dem ethnischen Konflikt in der Siedlung begegnen könnten. Kurz darauf wurde der Theaterverein gegründet, in dem Roma und Bulgaren gemeinsam schauspielern – und das sehr erfolgreich; sogar für einen internationalen Wettbewerb konnte die Theatergruppe sich qualifizieren. Vor allem aber trägt das gemeinsame Projekt enorm zur Konfliktbewältigung bei und unterstützt die Entwicklung der Kinder. “Wir können beobachten, wie das Selbstwertgefühl dieser Kinder jeden Tag wächst – weil jemand sich dafür interessiert, was sie tun”, berichtet uns die Lehrerin, die die Leitung des Theatervereins übernommen hat.

In der Schule wird uns ein kleiner Auszug des diesjährigen Weihnachtsstücks vorgespielt. Dann geht es an die Weihnachtspäckchenverteilung. Dafür sind einige der Eltern in die Schule gekommen, denn für die kleinsten Kinder sind die Päckchen viel zu schwer. Im Schulkorridor, wo wir die Pakete übergeben, ist es ziemlich düster – dafür strahlen die Augen der Kinder umso mehr, als sie ihr Päckchen in Empfang nehmen. Und nicht nur Weihnachtsfreude spiegelt sich in ihren Gesichtern wider – da ist auch eine gewisse Selbstsicherheit, die die stolzen Blicke der Lehrer unterstreicht.

Später besuchen wir noch eine Familie in Osikovitsa. Die Mutter ist vor kurzem mit ihren drei Söhnen hierher zurückgezogen, nachdem der Vater des dritten Sohnes sie verlassen hat. Jetzt leben sie in einer kleinen Hütte auf dem Grundstück ihrer Verwandten, eigentlich nur eine halbe Garage, aber freundlich und warm. Niki, der Jüngste, nimmt das Weihnachtspäckchen in Empfang. Erst schaut er noch etwas skeptisch, schleppt das Päckchen zum Bett, beäugt es kritisch, während der große Bruder es öffnet. Doch mit jedem kleinen Schatz, den er aus dem Päckchen ausgräbt, steigt die Begeisterung. Den Kaffee und Reis reicht er gleich seiner Mutter: “Die sind für dich!” Die erste Tafel Schokolade, die zum Vorschein kommt, erhält noch eine beglückte Umarmung; Tafel zwei und drei werden dann vorsichtig auf dem Bett zurechtgelegt: “Das ist für meine Brüder, denn ohne die kann ich nicht leben!” Auch die Gummibärchen werden brav geteilt: Schon bald zieren drei kleine Häufchen Gummibärchen, fein säuberlich auf Taschentüchern serviert, die Kommode beim Ofen. Fröhlich schaut die Mutter ihrem Vierjährigen zu; man sieht genau, dass sie stolz ist auf ihre Jungs und dankbar für die guten Dinge aus Deutschland, die ihnen das Weihnachtsfest versüßen. Der mittlere Sohn spielt dieses Jahr beim Weihnachtstheaterstück mit: ein kleiner Friedensbote, der gemeinsam mit seinen Mitschülern dazu beiträgt, dass gelungene Integration nicht nur ein Begriff bleibt.

Als wir Osikovitsa verlassen, ist die Landschaft noch immer in Nebel gehüllt. Doch plötzlich schimmert kurz die Sonne hinter dem Wolkenschleier hervor – so wie auch das Dorf erhellt ist von Hoffnungsschimmern in der Gewissheit, dass Armut, Abhängigkeit und Konflikte keine Macht haben müssen. Und auch unsere Weihnachtspäckchen sind so ein Hoffnungsschimmer: ein Zeichen der Liebe, das Kindern und Familien vermittelt, wie wertvoll sie sind.

 

Seit etlichen Jahren entsendet Helping Hands allweihnachtlich Hilfstransporte nach Rumänien und Bulgarien. Die Weihnachtspäckchen, gefüllt mit allerlei Lebensmitteln und Hygieneartikeln, werden an bedürftige Kinder, Familien und ältere Menschen verteilt und sind oft das einzige Geschenk, das diese Menschen erhalten. Auch in diesem Jahr haben sich zahlreiche Einzelpersonen und Familien im Main-Kinzig-Kreis und ganz Deutschland an der Weihnachtspäckchenaktion beteiligt. Im Namen aller Beschenkten bedanken wir uns für diesen Einsatz!

„I’m just saying you could do better“

“Da vorne, das ist der schönste Strand Sri Lankas!”, sagt Emerson und zeigt auf ein sandiges Paradies, auf das weich die blau-grauen Wellen des Indischen Ozeans rollen. Einen kurzen Blick erhaschen wir auf die idyllische Bucht, dann biegt Selvaraj, unser Fahrer, nach links ab und kurz darauf nach rechts; eine kleine Nebenstraße führt uns steil den Hügel hinauf. Nach ein paar hundert Metern halten wir an, vor einigen Gebäuden in dezentem Beige, einer Schule, die einladend den Namen „Buonavista“ trägt, auch wenn die schöne Aussicht hinter Büschen und Mauern verborgen ist. Eine weiß-uniformierte Schlangenlinie von Grundschülern wartet schon geduldig neben dem vordersten Gebäude, als wir aussteigen; die ersten vier Mädchen treten vor, drücken uns leuchtend rote Blütensträuße in die Hand, lächeln schüchtern, schütteln die weißen Hände und laufen dann erleichtert zu den Kameraden zurück, mit denen sie kurz darauf in ihren Klassenräumen verschwinden.

Kaum eine Minute dauert das Begrüßungszeremoniell, ein kurzer Augenblick, in dem sich zwei Kulturen treffen – die kleine sinhalesische Schule im Süden Sri Lankas und wir, die Besucher aus Deutschland. Fast ein bisschen unwirklich, wie die Herfahrt von der Hauptstadt Colombo ins südliche Galle, die auf der „Southern Expressway“ kaum eine Stunde gedauert hat, einer Autobahn, die auch in Deutschland liegen könnte, außer, dass alles irgendwie seitenverkehrt ist und jenseits der Leitplanken keine gelben Kornfelder grüßen, sondern Reisfelder, Palmen, Wasserbüffel, bunte Saris, die auf Hibiskusbüschen trocknen.

Und leider beschränken sich auch nicht alle Kontakte zwischen zwei Kulturen auf rote Begrüßungsblumen und ein scheues Lächeln. In Unawatuna, diesem kleinen Ort mit dem überaus schönen Strand, gibt es fast mehr Touristen als Einwohner – ein gutes Einkommen für das Land, aber auch eine große Gefahr für die Wehrlosen der Bevölkerung. “Viele der Kinder hier werden von Touristen sexuell missbraucht”, erklärt Emerson, unser einheimischer Kollege. “Dabei sind besonders die Jungen gefährdet. Die Infektionsrate mit HIV und ähnlichen Krankheiten ist hoch, ebenso der Drogen- und Alkoholmissbrauch. In den wenigsten Familien gibt es noch beide Eltern. Und wegen der zahlreichen Hotels vor Ort gehen viele Kinder früh arbeiten, anstatt mit der Schule weiterzumachen.”

Konstruktiver kultureller Kontakt? Wohl eher nicht. Aber es geht auch anders. Vor etwa einem Jahr begann NCM Lanka, Helping Hands‘ örtlicher Partner, ein Kinderzentrum in Unawatuna; alle Schüler der Buonavista Grundschule gehören dazu. Das Kinderzentrum wird unterstützt durch Spenden aus Deutschland, unter anderem durch die „Shadow Riders“-Aktion, die jedes Jahr im September im Kinzigtal stattfindet: ein Versuch, dem Süden Sri Lankas etwas Nützlicheres zu schenken als schädlichen Tourismus; das Bemühen, durch nachhaltige Hilfe aus dem Kontakt der Kulturen eine gute Zukunft zu schaffen. Dafür im Handumdrehen die ganze Gesellschaft umzukrempeln, das ist nicht realisierbar. Aber Schritt für Schritt, angefangen mit den Kindern, ist Veränderung möglich.

Und schon nach nur einem Jahr sind erste Ergebnisse erkennbar. Nachdem die Kinder der Buonavista Schule in ihre Klassenräume zurückgekehrt sind, führt uns die Schulleiterin zunächst in die „Bücherei“, in der allerlei Hefte und Bücher aufgestapelt sind: Klassenbücher mit fein säuberlich eingetragenen Unterrichtsthemen, Schulhefte der Kinder, die kunstvoll verschnörkeltes Sinhala in schönster Schreibschrift wiedergeben. “Seit das Kinderzentrum begonnen hat, haben wir schon eine enorme Verbesserung bei den Kindern gesehen”, berichtet die Rektorin mit stolzem Blick. “Schauen Sie nur, wie ordentlich die Hefte jetzt aussehen!” In ihrem Büro zeigt sie uns noch zwei Berichtshefte; in einem sind die Namen, Adressen und Familiensituation jedes Kindes aufgezeichnet, das andere enthält die Noten der Schüler – “damit wir sehen können, ob sie sich verbessern oder schlechter werden, und uns um die schwächeren Schüler besonders kümmern können”, erklärt Emerson.

Nach dem obligatorischen Kaffee mit Keksen dürfen wir endlich die Klassenräume besuchen und beim Unterricht zuschauen. Der morgendliche Schulunterricht ist zwar vorbei, aber im Kinderzentrum wird weitergelernt. Nach einem nahrhaften Snack um 13 Uhr geht es noch bis ca. 15 Uhr weiter; dann wird das Gelernte des Tages aufgearbeitet, bei den Hausaufgaben angeleitet, schwächere Schüler unterstützt, Unklares erklärt, und natürlich auch viel gespielt: “Wir ermutigen die Lehrer, Bildung durch Spiel und Spaß weiterzugeben”, erwähnt Emerson, während wir über den großen Rasenplatz schlendern; gegenüber der Bücherei lockt ein nicht mehr ganz neu aussehender Spielplatz. Sehr ruhig ist es hier oben, hoch über der Stadt und dem Strand, und friedlich, nur Kinderstimmen tönen aus den Räumen und ab und zu fährt eine Auto-Rikscha vorbei, zerreißt hupend die Stille.

Im ersten Klassenraum beugen die Kinder sich konzentriert über Meter und Grammangaben und überlegen angestrengt, wie viele Millimeter denn zehn Zentimeter ergeben. Von Christian, unserem Fotografen, lassen sie sich kaum stören. Nebenan sind die Kinder etwas kreativer beschäftigt: Bildergeschichten haben sie heute durchgenommen. Ein kleiner Junge, der allein an einem der rosafarbenen Tische hockt, zeichnet behutsam Strich für Strich die bekannte Aesop-Fabel in sein Heft, in der der schlaue Fuchs der Amsel ein Stück Käse abluchst. Wird auch dieser Junge eines Tages einen Fuchs treffen und seine Kindheit opfern müssen – oder kann das Kinderzentrum ihn davor bewahren?

Im nächsten Zimmer treffen wir auf die dritte Klasse, die gerade die englischen Namen der Farben gelernt haben. Nach einem gesungenen “Good Afternoon” für die Besucher wendet die Lehrerin sich wieder dem Unterricht zu: “What’s your colour?”, ruft sie laut und deutet mit einem Ästchen an die Tafel oder hebt Farbstreifen hoch und die Kinder antworten im Chor: “Purple! Pink! Blue – B – L – U – E – BLUE!” Dann zeigt sie auf ihren Sari: “Brown!” und deutet auf das Haar eines Mädchens: “Black!” – “And your uniform?” – “White!” – “And your tie?” – “Green!” Danach singen die Kinder noch, in einer ähnlichen Lautstärke, mehrere englische Kinderlieder – ob das als Sondergenuss für uns gilt oder Teil des Unterrichts ist, wird nicht ganz klar. “Roll, roll, roll your boat” ertönen die hellen Kinderstimmen und ich muss an den Strand denken, den schönsten aller Strände Sri Lankas, der doch so viele Gefahren birgt.

Als von draußen eine Glocke bimmelt, laufen die Kinder hinaus, um den Schultag mit fröhlichen Spielen zu beenden – das beliebteste ist „Wir jagen den Fotografen über den Rasen“ – während wir noch kurz in die Bücherei treten, um mit den Eltern zu reden, die gekommen sind, um ihre Kinder abzuholen, Mütter vor allem, ein paar Großmütter sind auch dabei. Die meisten Kinder kommen aus zerrütteten Familien; nur wenige haben einen Vater zuhause, alle leiden unter der Armut. Trotzdem unterstützen die Eltern das Kinderzentrum, wo sie können.

“Wir haben schon viel Veränderung bemerkt bei unseren Kindern”, erzählen sie. “Sie sind jetzt viel besser in der Schule, und ihr Verhalten hat sich auch gebessert, sie gehorchen jetzt viel mehr!” Welche Träume sie für ihre Kinder haben? “Ihnen eine Schulbildung zu geben!” In der ersten Reihe grinsen eine Mutter und ihr Sohn sich vielsagend an, während die Rektorin noch ein bisschen über ihre Schüler schwärmt: So viele sehr talentierte Kinder hat die Schule, beteuert sie, aber ihre Möglichkeiten sind so beschränkt, überall fehle das Geld. Trotzdem hat sie schon viel erreicht: Zum Beispiel wurden kürzlich Computer an die Schule gespendet und eine ehrenamtliche Lehrerin bietet kostenlos Kurse für die Kinder an – das hat nicht jede Schule.

Vor der Bücherei wartet ein Vater auf seinen Sohn, der noch Jag-den-Fotografen spielt. Emerson erzählt mir seine Geschichte: “Dieser Mann hat keine Wohnung; er hat mit seinen zwei Kindern in einem Schuppen an der Straße gewohnt. Aber vor ein paar Tagen hat die Polizei ihn rausgeschmissen und er war dafür zwei Tage im Gefängnis.” Mein Kollege seufzt. “Eigentlich haben alle hier so eine Geschichte. Wir können nicht allen helfen, aber durch die Kinder können wir einen Unterschied machen, und wir ermutigen die Eltern immer, ihre Kinder weiter ins Kinderzentrum und in die Schule zu schicken, egal, was ihre momentane Lage ist. ” Heiteres Kinderlachen schallt über den bisher so ruhigen Schulhof; ein paar Dutzend weißgekleidete Pfeile sausen an uns vorbei. “Wir sagen ihnen: Auch wenn euer Leben vermasselt ist – für eure Kinder könnt ihr es besser machen!”

Der Mann lächelt etwas bedrückt, blickt seinem lachenden und jubelnden Sohn hinterher, muss dann doch grinsen über das ausgelassene Spiel. Mein Blick streift über sein T-Shirt. I’M JUST SAYING YOU COULD DO BETTER steht dort in großen grünen Buchstaben. Welche Träume er für seine Kinder hat? Das zu beantworten ist nicht schwer.

 

© 2015 Dorothea Gschwandtner/Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

paXan 2015 Armenien

paXan 2015 Armenien

Frage an Radio Eriwan:
Kann ein rostiger alter Container in zehn Tagen in ein hochwertiges Hühnerparadies verwandelt werden?

Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip Ja.

Man nehme: Zehn motivierte Jungerwachsene aus Deutschland und eine Anzahl motivierender Armenier, besagten sehr rostigen alten Container-aus-Erdbebenzeiten, zahlreiche Tassen armenischen Kaffee, etliche Paar Arbeitshandschuhe und diverse Schutzbrillen, etwa 25 Platten Styropor, ca. 15 neue verzinkte Stahlbleche, viele viele Schrauben und Nägel (gern auch Second-hand), mehrere Eimer Farbe (Sorte Hühner-konform), einige Sack Zement und gebrauchte Felsblöcke (auch als „Armenian block“ bekannt), ein paar Holzplanken (ebenfalls recycelt), einen Zaun mit Pfosten, eine Tür, einen Kran, zwei überdimensionale Leitern und 1x gutes deutsches Werkzeugsortiment (Importware).

Diese Zutaten vermengen, mit einer ordentlichen Portion Arbeitseifer pro Person, einer Prise Zerstörungswut, etwas Flexibilität (kann durch Kreativität ersetzt werden) und einer überdurchschnittlichen Menge Humor würzen, gut durchrühren und dann ein tägliches Monatsregenunwetter, vorzugsweise mit Regenbogen, vorsichtig unterheben. Fünf Stunden ruhen lassen.

Die Masse gleichmäßig auf acht Arbeitstage plus zwei Sonntage verteilen und dann bei 35 Grad im Schatten gut durchbraten. Zum Schluss noch mit wasserfester Farbe fröhlich-bunt verzieren.

Dieses Rezept probierte das paXan-Team 2015 im August in Armenien aus und konnte nach zehn Tagen mit großer Zufriedenheit das fertige Bauwerk bestaunen. Nach einem weiteren Tag geschichtlicher Erholungsreise im Schatten des Ararat machte sich das Team aus Gelnhausen, Hanau, Mainz und Worms dann auf die Heimreise ins Rhein-Main-Gebiet; diesmal ohne die fünfstündige Verspätung, die die Anreise zwölf Tage vorher schon zum ersten Abenteuer hatte werden lassen.

Zurück lässt das Team nicht nur ein fertiges Hühnergehege, sondern auch zahlreiche neue Freundschaften und hoffentlich gute Erinnerungen an die „crazy Germans“ – und außerdem neue Hoffnung und Perspektive für die Bewohner eines kleinen Ortes auf der nordwestarmenischen Hochebene: Zukunftsperspektiven, die dieses bitterlich arme Gebiet dringend nötig hat.

Denn Armenien wirkt auf den Besucher wie ein sterbendes Land. Das Ende der Sowjetunion, diverse wirtschaftliche und politische Krisen, ein verheerendes Erdbeben, das im Dezember 1988 die Provinz Shirak verwüstete und dessen Auswirkungen auf die lokale Infrastruktur und Industrie noch immer spürbar sind – all das trägt dazu bei, dass Armut und Arbeitslosigkeit vor allem im Nordwesten des Landes extrem hoch sind und immer mehr junge und auch ältere Armenier ihre Heimat verlassen müssen, um im Ausland genügend zu verdienen, dass sie wenigstens ihre Familien ernähren können.

Um dem entgegenzuwirken und den Menschen neue Perspektiven in ihrer Heimat zu eröffnen, begann der örtliche Partner von Helping Hands e.V. vor zwei Jahren ein Projekt, das den ärmsten Familien hilft, sich durch Hühnerzucht eine Existenz aufzubauen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern und auch ihre Ernährung zu verbessern. Mindestens 30 Familien profitieren von diesem Projekt, das jetzt im dritten Jahr läuft und schon guten Erfolg gezeigt hat.

Im Rahmen dieses Hühnerzuchtprojektes unterstützte das paXan-Team vom 14. bis 26. August tatkräftig die einheimischen Familien. Die meiste Zeit verbrachte das Team damit, einen Hühnerstall mit Außengehege für die örtliche Kirche des Nazareners zu bauen, die vor Ort als Projektpartner wirkt und sich durch die Hühnerzucht ein Einkommen verdienen möchte, um den Menschen ihrer Stadt noch effektiver helfen zu können. Außerdem kamen am Samstagmittag einige Familien des Projektes in die Gemeinde, wo ihnen in einer Vorführung gezeigt wurde, wie sie winterfeste Inkubatoren bauen können; das Material dafür wurde aus Deutschland mitgebracht.

Aber wie bei allen paXan-Einsätzen ging es auch bei paXan 2015 nicht nur ums „Anpacken“, sondern vor allem auch darum, mit den Menschen vor Ort Gemeinschaft zu haben und Wertschätzung zu vermitteln. Dafür beteiligte sich das Team an einem Kinderprogramm für etwa 60 Kinder des Ortes, in dem fünf Tage lang viel gesungen, gebastelt, gespielt und gelacht wurde. Außerdem konnten die Woche über viele neue Freundschaften geknüpft werden: beim Werken am Hühnerhaus, beim Genießen der vortrefflichen armenischen Mahlzeiten, bei sonntäglichen Ausflügen mit den einheimischen Jungerwachsenen, bei diversen Besuchen im Nachbarhaus (wo freundlicherweise eine zweite Dusche zur Verfügung gestellt wurde) oder auch bei der einen oder anderen Erkundungsreise ins „Magazin“. Alles in allem eine Zeit, die von viel Lachen, guter Gemeinschaft und kulturellem Austausch geprägt war. Zum Abschied stand allerseits die Frage im Raum: Und, kommt ihr nächstes Jahr wieder?

 

© 2015 Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

Weihnachtsfreude 2014: Beschenkt

Viscri: ein kleines, malerisches Dorf im rumänischen Siebenbürgen. Schulter an Schulter drängen sich Höfe mit farbenfroh getünchten Mauern aneinander, neben jeder Tür eine kleine Bank fürs nachbarliche Schwätzchen. Auf der Grünfläche dazwischen grasen Pferde, erfrischen sich an den Tränken, Hühner und Gänse ziehen gackernd und zeternd in Grüppchen einher. Ländliche Idylle pur—aber hinter den bunten Fassaden verbirgt sich auch viel Armut und Not.

350 Menschen leben in diesem Dorf; dazu kommen ca. 6000 Besucher pro Jahr. Aber am Tourismus verdient nur eine Handvoll Familien. Die anderen sind kleine Landwirte, können gerade so überleben mit dem, was sie sich hart erarbeiten. „Luxusgüter“ wie Kaffee, Schokolade, Handcreme sind für sie eine besondere Überraschung: Das ist nicht zu übersehen an den strahlenden Gesichtern, als sie unsere Weihnachtspäckchen in Empfang nehmen, dem ständig wiederholten, freudigen “Bine, bine, mulţumin! Mulţumin frumos! Crăciun fericit! Möge es Gott euch vergelten!”

An einem sonnigen, milden Tag im Dezember sind wir hier zu Besuch, die Freunde aus Deutschland, die „ihren Päckchen“ aus der Helping Hands Weihnachtspäckchenaktion hinterhergeflogen sind und nun vor Ort miterleben dürfen, wie diese Päckchen echte Freude und Wertschätzung vermitteln. 864 Päckchen aus ganz Deutschland konnten dieses Jahr im Weihnachtstransport versandt werden; 500 Päckchen spenden in bulgarischen Bergdörfern Weihnachtsfreude, der Rest wird in Rumänien an bedürftige Familien und ältere Menschen verschenkt, vornehmlich in Sighişoara, Ţigmandru, Viscri und Buneşti. Nach Besuchen in Sighişoara und Ţigmandru stehen heute Viscri und Buneşti auf dem Programm; Ehepaar Ludu nimmt uns dort herzlich in Empfang. Seit einigen Jahren bieten sie in Viscri Programme für Kinder und jetzt auch für Erwachsene an und kümmern sich auf eindrucksvolle Weise um die Familien des Dorfes und deren Bedürfnisse. Den ganzen Tag über können wir beobachten, wie sehr die Ludus von den Dorfbewohnern geschätzt werden.

Nachdem die Päckchen in Herr Ludus altem Dacia verstaut sind, ziehen wir los: wandern von Hof zu Hof, übergeben Päckchen, dürfen beobachten, wie auf den Gesichtern der Menschen die Alltagssorge der Überraschung und die Überraschung der Freude weicht. Manche der Beschenkten sind ältere Frauen und Männer, die mit gutmütiger Gelassenheit den unerwarteten Besuch willkommen heißen, andere sind junge Familien mit schüchtern lächelnden oder auch mal verschmitzt grinsenden Kindern.

In einer Straße, in der überwiegend Roma-Familien wohnen, werden wir in eine Wohnung gebeten, bescheiden eingerichtet, aber makellos sauber; eine junge Frau bietet uns Fanta an. Ihr kleiner Sohn ist vom Päckchen absolut fasziniert, muss es erst einmal umarmen, springt dann um seine Eltern, kehrt zum Päckchen zurück und wirft die kurzen Arme darüber, lacht vergnügt. “Das ist aber auch für deine Mama und deinen Papa!”, ermahnt Frau Ludu. Der kleine Junge grinst und hält das Päckchen noch ein bisschen fester.

Ein paar Türen weiter treffen wir die kleine Teresa mit ihrer Schwester und ihrer Mutter. Als das Päckchen übergeben wird, schnappt sie es sich sofort und rennt damit, fröhlich lachend, zu ihrer Haustür: So ein Schatz muss sofort in Sicherheit gebracht werden!

Im letzten Haus der Straße wohnt eine junge Frau, die für ihre kranke Tante sorgt. Im vergangenen Jahr hat das Mädchen einige Monate in Deutschland gearbeitet; die Sprache beherrscht sie schon gut. Wir bleiben ein Weilchen bei ihr und unterhalten uns, staunen über die Dankbarkeit und den Frieden, den diese junge Frau ausstrahlt, trotz der widrigen Umstände, in denen sie lebt. Und auch eine bemerkenswerte Zuversicht zeichnet sie aus: Im Januar möchte sie zurück nach Deutschland, um Geld zu verdienen, damit sie im Herbst ein Studium beginnen kann. So viel Hoffnung im letzten Haus des Ortes!

Während wir durchs Dorf zurück zum Haus der Ludus spazieren, sind wir selbst ermutigt, von dieser Hoffnung, von der Freude und Zufriedenheit, der ehrlichen Dankbarkeit, die uns an diesem Tag so großzügig entgegengestrahlt sind. Ein unscheinbares Päckchen mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln—aber es enthält so viel Weihnachtsfreude, dass es Nehmer und Geber gleichermaßen zu Beschenkten macht.

 

Seit etlichen Jahren entsendet Helping Hands allweihnachtlich Hilfstransporte nach Rumänien und Bulgarien. Die Weihnachtspäckchen, gefüllt mit allerlei Lebensmitteln und Hygieneartikeln, werden an bedürftige Kinder, Familien und ältere Menschen verteilt und sind oft das einzige Geschenk, das diese Menschen erhalten. Auch in diesem Jahr haben sich zahlreiche Einzelpersonen und Familien im Main-Kinzig-Kreis und ganz Deutschland an der Weihnachtspäckchenaktion beteiligt. Im Namen aller Beschenkten bedanken wir uns für diesen Einsatz!

paXan 2014 USA & Mexiko

paXan 2014 USA & Mexiko

„Pack’s an!“ – diese Aufforderung charakterisiert alle paXan-Teams, die seit einigen Jahren jeden Sommer an mehr oder weniger entfernte Ziele reisen, um Menschen Frieden, Wertschätzung und tatkräftige Hilfe weiterzugeben. Angepackt wurde dieses Jahr besonders viel, und zwar vom USA-paXan-Team, das vom 13. bis 27. September in Bakersfield, Kalifornien, sowie direkt über die Grenze in Tecate, Mexiko, zu Gast war. Da wurde geputzt und entrümpelt, gewaschen und gestrichen, eine Speisekammer verlegt und die Speisekammer in ein Büro umgewandelt, ein Baum gefällt und die Kanalisation ausgeschippt und überall dort mit angepackt, wo Hilfe gebraucht wurde.

Denn Hilfe – das ist auch in einem offenbar reichen Land wie Amerika oft bitter nötig. Viele Menschen leiden dort unter Armut und Abhängigkeit, brauchen Ermutigung und Trost aber auch eine Chance, ein neues Leben aufzubauen. Dabei hilft die Bakersfield Church of the Nazarene, die unter anderem ein „Recovery Program“ für Drogen- und Alkoholabhängige anbietet und ein Zentrum für Obdachlose unterstützt. Das Zentrum bietet mit über 100 Betten den vielen Obdachlosen in dieser Gegend eine Unterkunft und Verpflegung sowie kurzfristige Unterstützung durch Kleidung, Hygieneartikel, aber natürlich auch einen Ort, an dem diese Menschen liebevoll angenommen werden. Außerdem begleiten Sozialarbeiter die Menschen in ein „normales“ Leben, indem sie ihnen helfen, einen Job und eine Wohnung zu finden.

Das paXan-Team, bestehend aus 11 Teilnehmern aus Gelnhausen, Hanau, Frankfurt und Berlin, half zwei Tage in diesem Obdachlosen­zen­trum, wo die Jungerwachsenen unter anderem Wände streichen und das Kühllager ausräumen konnten. Außerdem kochte das Team für die Teil­nehmer des Recovery Programs und verbrachte dann beim gemeinsamen Essen wertvolle Gemeinschaft mit ihnen. Weiter half das Team beim Sortieren und der Ausgabe von Essen für bedürftige Senioren in der Gegend, einer Arbeit, die vergleichbar mit der deutschen Tafelarbeit ist.

“Die Menschen waren so dankbar, dass jemand zu ihnen kommt und mit anpackt”, berichtet Eva Radick, paXan-Teilnehmerin aus Gelnhausen. Und Christoph Nick, Leiter des Teams, fügt hinzu: “Letztendlich kam es doch wie überall wieder auf die Menschen an, die man trifft, die man berührt und die einen selbst berühren. Für jeden Menschen ist Wertschätzung wichtig, unabhängig vom Ort und den Lebensumständen, und das ist etwas, das man auf jeden Fall bei solchen Teams vermitteln kann.”

Während des Einsatzes konnte das Team für ein verlängertes Wochenende gen Süden über die Grenze nach Mexiko fahren und dort auf einem Bibelschulcampus Außenwände verputzen und streichen. Dieser Teil des Einsatzes war ebenfalls sehr eindrücklich für die Teilnehmer, die dankbar waren für die Gelegenheit, auch an diesem Ort durch ihre tatkräftige Hilfe ganz praktisch Wertschätzung und „pax“ – Frieden – weiterzugeben.

paXan 2014 Albanien:
Ein neuer Tag beginnt

paXan 2014 Albanien

Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne streifen über die Müllkippe, tauchen die fast fertigen Toilettenhäuschen in orangegoldenes Licht, während wir unsere selbstentworfenen Designer-Griffe an den Türen anbringen. Noch eine letzte Schraube wird festgedreht, dann versinkt die Sonne hinterm Hügel und wir treten zurück, betrachten zufrieden das Werk unserer Woche: zwei fertige Holzhäuschen, die als krönender Abschluss am oberen Ende der Roma-Siedlung in den Himmel ragen.

Während die Dämmerung die Müllkippe hinaufkriecht und wir die letzten Werkzeuge zusammensuchen, kommen langsam die anderen Teilnehmer des paXan-Teams den Hügel herauf, warten bei den Toilettenhäuschen, schauen zu, wie sich einer nach dem anderen die Roma-Familien einfinden: ein paar Mütter, einige junge Männer, die in coolen Brillen gespannt die Häuschen inspizieren, und die Kinder, die uns über die Woche ans Herz gewachsen sind. Im Kreis stehen wir zusammen, während Gesti, unser einheimischer Kollege, erklärt: Aus Deutschland sind sie gekommen, diese zehn jungen Leute hier, weil sie etwas für euch tun wollten, um euch sanitäre Anlagen und Zugang zu Wasser zu ermöglichen, weil sie euch zeigen möchten, dass ihr wichtig seid. Und die Roma nicken eifrig, deuten auf die Häuschen, lächeln uns zu: Wir haben ihnen zugeschaut, diese ganze Woche, wie sie geschuftet haben, für uns! Man sieht ihnen an, wie viel ihnen das bedeutet: nicht nur die fertigen Toilettenhäuschen, die sich in ihrem hellen, unbefleckten Holz klar vom schmutzigen Grau der Müllkippe abheben, sondern vor allem die Wertschätzung, die ihnen durch den Einsatz des Teams vermittelt wurde.

Und dann erzählt Gesti weiter, von dem, was noch kommt: Fließend Wasser für die Siedlung, aus dem Brunnen, an dem das Team ebenso unermüdlich gearbeitet hat und der in den nächsten Tagen fertiggestellt werden soll. Ein großes, wetterbeständiges Zelt, in dem an Wochentagen für die Kinder abends ein Kinderprogramm mit Hausaufgabenhilfe und weiteren Aktivitäten stattfinden wird, eine Art kleines Kinderzentrum. Und verschiedene Ausbildungsprogramme für die Jugendlichen, die Hoffnung vermitteln sollen und eine Chance, aus dem Teufelskreis der Armut auszubrechen. “Wir können doch nichts anderes als Müll sammeln und sortieren”, behaupten die Erwachsenen. “Aber unsere Kinder—die sollen es besser haben!” Wie wichtig ihnen das ist, das kann man ablesen an der echten Dankbarkeit, die aus ihren Gesichtern strahlt. Und noch etwas wird deutlich, an diesem dämmerigen Samstagabend auf der Müllkippe: Für diese Roma-Familien ist die Sonne nicht untergegangen. Ein neuer Tag beginnt, ein Morgen voller Hoffnung, mit neuen Chancen und Möglichkeiten auf echte, nachhaltige Veränderung.

Und auch wir als Team verlassen Albanien nicht unverändert. Zehn Tage haben wir gemeinsam in diesem Land verbracht, haben zusammen gelacht und geschuftet, geschwitzt und ausgeruht, mit den Kindern im Kinderprogramm gespielt und gesungen und gebastelt, haben Sand geschleppt und Zement gemischt, Bretter genagelt und Bohlen gesägt, Stein gemeißelt und Schutt geschippt, Wände gezimmert und Dächer befestigt und uns vier Meter tief durch steinharten Lehmboden im Brunnenloch gekämpft—und am Ende doch nicht gewusst, ob der Bauchmuskelkater von der Schufterei kommt oder vom vielen Lachen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, nach einer Woche Schweiß und harter Arbeit zufrieden auf das Werk unserer Hände zu schauen. Aber noch ermutigender ist es, die Dankbarkeit der Menschen zu sehen, denen wir dienen durften, und zu wissen, dass die lachenden und auch mal weinenden Kinder aus unserem Kinderprogramm auf eine Zukunft hoffen können, die nicht vom Müll gezeichnet ist.

Und schließlich ist es auch ein überwältigendes Erlebnis, erfahren zu dürfen, wie echte Teamarbeit aussieht: Wo jeder seine oder ihre diversen Talente an der richtigen Stelle einbringt, aber auch überall sonst unermüdlich mit anpackt und vollen Einsatz zeigt, wo jeder jeden unterstützt, ermutigt und eine helfende Hand reicht, wo alle angenommen sind, so wie sie sind, und wo am Ende eines langen, anstrengenden Tages dennoch genug Energie für eine heitere und entspannte Feedbackrunde übrig ist. Um einige Schweißtropfen und Lachtränen ärmer verlassen wir Tirana, aber unendlich bereichert an Erfahrungen und Eindrücken, an Erinnerungen und Freundschaften und echtem Erfolg.

Strahlend steigt die Sonne über den Horizont, als wir am Montagmorgen in Frankfurt landen. Ein neuer Tag beginnt, ein Morgen voller Hoffnung, an dem wir wissen dürfen, dass auch für die Roma-Familien auf „unserer“ Müllkippe in Tirana gerade die Sonne aufgegangen ist.

 

© 2014 Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

“Die jungen Männer trauen sich nicht mehr, die Mädels zu ärgern!”

Wir brechen früh auf; der morgendliche Nebel hängt noch in Schwaden über dem flachen Land. Von Jessore geht es südwestlich nach Satkhira, dem letzten Staat vor der indischen Grenze. Stundenlang rumpeln wir vorbei an Reisfeldern bis zum Horizont, Papayaplantagen, kleinen Dörfern, Fischerbooten.

In Satkhira angekommen werden wir erst mal im Schulungszentrum mit einer Tasse Kaffee begrüßt. Vor 3,5 Jahren wurde es eingeweiht; ein Stein im Hof erinnert daran: “unterstützt durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Helping Hands, Deutschland”. Das Schulungszentrum in Satkhira ist das dritte dieser Art in Bangladesch, das mit Geldern des BMZ errichtet wurde; zurzeit wird ein weiteres in Srimongol im Nordosten des Landes gebaut.

Vom Zentrum aus geht es noch fünf Minuten weiter zu einem kleinen Gebäude, das Bangladesh Nazarene Mission (BNM), Helping Hands‘ örtlicher Partner, zur Verfügung gestellt hat. Zwanzig Frauen warten dort auf uns; mehrere halten Kinder auf dem Schoß. Es ist heiß unter dem Blechdach und ich frage mich, wie lange die Frauen bereits warten.

Verärgert sind sie jedenfalls nicht: Es geht sogleich los mit fröhlichem Geplauder. Milton, mein einheimischer Kollege, und ich setzen uns in den Kreis der Frauen auf den Boden. Nach ein paar Minuten Small Talk und viel Lachen stellt Milton mich vor; wir werden mit Blumen begrüßt. Eine Frau reicht mir ein kleines Körbchen, gefüllt mit leuchtend roten Blüten. Das Körbchen hat sie selbstgemacht. Seit sie in ihrer Selbsthilfegruppe einen Kredit erhalten hat, führt sie ihr eigenes kleines Körbeflechtunternehmen. Auf einem Zettelchen am Korb hat sie in sauberer Schrift ihren Namen und Ort verzeichnet. Ob sie das vor ein paar Jahren schon gekonnt hätte?

“Ich bin hier, um von euch zu lernen”, erkläre ich, nachdem ich mich bedankt habe. “Bei mir zuhause gibt es solche Gruppen nicht. Darum möchte ich eine Menge von euch lernen!” Die Zuhörer nicken zustimmend; Lernen ist wichtig, das wissen sie selbst.

Die Frauen, die sich in dieser Hütte treffen, formen eine sogenannte „Cluster Level Association“, eine Gruppe, in die zehn Selbsthilfegruppen jeweils zwei Abgeordnete entsandt haben. Die CLA ist für eine Reihe von organisatorischen Aufgaben verantwortlich und wird maßgeblich an der Weiterführung des Projekts beteiligt sein, wenn BNM die Leitung in örtliche Hände übergibt.

Seit fünf Monaten besteht diese CLA. Zurzeit treffen die Frauen sich einmal pro Monat, “aber wir überlegen, ob wir uns nicht besser zweimal pro Monat treffen sollten”, erklären sie. Denn so eine CLA hat viel zu tun: Einige Poster an der Wand bestätigen das. Sie sind dicht beschrieben mit monatlichen Aktionsplänen, Listen der Aktivitäten der letzten Monate, Verzeichnisse der Selbsthilfegruppen und Einkommensprojekte. Diese CLA hat bereits von sich aus zwei weitere Selbsthilfegruppen begonnen. Demnächst wollen sie als Gruppe ein kleines Unternehmen gründen, um finanziell unabhängig zu sein.

Was sie denn alles so als CLA machen, möchte ich wissen.

Eifrig beginnen die Frauen zu erzählen: vom Sparen in ihren Selbsthilfegruppen, von Fischzucht und Handarbeitsbetrieben, die sie mit Krediten aus den Selbsthilfegruppen begannen und die ihnen nun ein regelmäßiges Einkommen ermöglichen, von ihren Kindern, die jetzt alle zur Schule gehen, übers Lesen und Schreiben, das inzwischen alle Frauen in der Gruppe beherrschen, von ihren neuen Gemüsegärten, die auch ermöglichen, dass sie ihren Kindern nahrhafte Mahlzeiten zubereiten können, und von neuerworbenem Wissen über Hygiene und Sanitäreinrichtungen.

“Was macht ihr denn mit eurem Abfall?”, frage ich, weil ich Deutsche bin, und weil in Bangladesch die Straßen und Felder noch immer von weggeworfenem Müll gesäumt sind. “Den nehmen wir natürlich mit nach Hause und werfen ihn in unsere Mülleimer!”, kommt die fast etwas empörte Antwort.

Sie sind anders, diese Frauen, anders als die vielen scheuen, zurückhaltenden Frauen, die mir in Bangladesch sonst begegnen. Man merkt es, sobald man den Raum betritt: Fröhlicher sind sie, ausgelassener, selbstbewusster. Wenn Milton für mich übersetzt, fragen sie nach: was er denn da gerade zu mir gesagt habe. Sie sind nicht schüchtern; sie wissen, was sie wollen.

Fast ein wenig überflüssig kommt mir die Frage vor, die ich als nächstes stelle: Ob sie denn in ihrem Dorf schon einen Unterschied bemerken können? “Aber natürlich!” ist die lebhafte Antwort. Nicht nur, dass jetzt sämtliche Familien ihre Kinder zur Schule schicken—sogar die behinderten Kinder, was hier gar nicht selbstverständlich ist—und dass jeder einzelne Haushalt einen Gemüsegarten hat.

“Wir Frauen sind jetzt vereint”, erklären sie. “Früher waren wir schwach und machtlos. Wir waren eingeschüchtert und haben uns vor den Männern verbeugt, haben unseren Kopf bedeckt.” Irene, die Vorsitzende der CLA, zieht kurz das Ende ihres Saris über den gebeugten Kopf, dann lässt sie den Stoff wieder fallen und schaut auf.

“Aber das tun wir jetzt nicht mehr! Jetzt haben wir Mut. Wir sind nicht mehr schüchtern. Wir wissen, was unsere Rechte sind, und wie wir das kommunizieren können—zuhause, aber auch bei der örtlichen Verwaltung und bei anderen Organisationen. In unserem Dorf haben wir die Kinderheirat abgeschafft; und die jungen Männer trauen sich nicht mehr, die Mädels zu ärgern!”

Was ihre Ehemänner denn davon halten, frage ich. Naja, heißt es, anfangs waren wohl nicht alle so begeistert. “Aber jetzt sind sie alle damit einverstanden und lassen uns tun, was nötig ist. Keiner macht mehr Probleme.” Milton lacht, nachdem er das für mich übersetzt hat, und fügt hinzu: “Das kannst du selbst sehen: Wir sitzen hier jetzt schon zwei Stunden und es ist längst Zeit fürs Mittagessen—aber keiner der Männer ist aufgetaucht, um sich zu beschweren, dass das Essen noch nicht fertig ist!”

Zum Abschluss bieten sie mir noch Kokosnusswasser an, direkt aus der Nuss. “Ich habe eine Menge gelernt!”, versichere ich und versuche deutlich zu machen, wie beeindruckt ich bin von allem, was ich gehört habe. “Ich wünsche euch, dass ihr all eure erwähnten Pläne und Träume umsetzen könnt!”

Daran habe ich keinen Zweifel.

 

© 2013 Dorothea Gschwandtner/Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

paXan 2013 Rumänien

paXan 2013 Rumänien

Eine „Ritterwoche“ für Kinder in Rumänien

Sighişoara: eine malerische Stadt im rumänischen Siebenbürgen, im 12. Jahrhundert von deutschen Einwanderern gegründet. Viele Kinder besuchen dort auch heute noch eine deutsche Schule. Hoch oben über dem Fluss thront die „Burg“, das historische Zentrum der Stadt. Der ideale Ort also für eine echte deutsche Ritterwoche.

Vom 24. August bis 1. September reisten 11 Jungerwachsene als paXan-Team 2013 nach Rumänien. Wie immer hieß es dabei jeden Tag „Pack’s an!“—denn an den Nachmittagen wurde fleißig geschuftet: ein lokales Gemeindegebäude wurde renoviert, eine Außenwand neu verputzt, diverse Wände und das Tor gestrichen und einige Räume entrümpelt. In diesem Gebäude bietet Helping Hands‘ örtlicher Partner unter anderem Programme für Senioren an. Für die gute Arbeit des Teams waren die einheimischen Mitarbeiter sehr dankbar.

Aber die paXan-Teams sind nicht nur dafür bekannt, dass sie tatkräftig mit anpacken. Vor allem möchten die Jungerwachsenen Beziehungen knüpfen, mit den Menschen vor Ort Zeit verbringen und ihnen zeigen, dass sie wertvoll sind. Daher sind Ferienprogramme für Kinder und Jugendliche immer ein wichtiger Bestandteil der Einsätze.

In Sighişoara hatte das paXan-Team dafür, passend zum mittelalterlichen Stadtbild, eine „Ritterwoche“ geplant. Eine Woche lang durften die Kinder vor Ort jeden Vormittag von 9 bis 13 Uhr mit den deutschen Besuchern malen und basteln, spielen und Spaß haben, Geschichten lauschen und Theaterstücke miterleben. Die Kinder, aber auch die Eltern, waren begeistert: “Das ist das erste Ferienprogramm, zu dem mein Kind jeden Tag unbedingt hingehen möchte!”, freute sich eine Mutter.

Auch im nahegelegenen Dorf Tigmandru und in der Roma-Siedlung Sapte Noiembrie freuten die Bewohner sich über den Besuch des paXan-Teams. In diesen Orten führt der örtliche Partner von Helping Hands regelmäßig diverse Projekte und Programme für Kinder und Jugendliche durch. Besonders in der Roma-Siedlung, wo junge Menschen unter großer Armut und Perspektivlosigkeit leiden, genossen es die Jugendlichen, einfach mal mit den deutschen Besuchern Zeit zu verbringen und Spaß zu haben.

Natürlich ist solch ein Einsatz auch für die jungerwachsenen Teilnehmer eine tolle Erfahrung mit vielen neuen Eindrücken und auch einfach einer Menge Spaß. “Es war ein klasse Team”, war das allgemeine Fazit. “Wir hatten sehr gute Gemeinschaft.” Und am letzten Tag gab es sogar noch einen kleinen Auftritt im lokalen Fernsehen!