Als ich Celine* das erste Mal sah, wirkte sie etwas verloren. Um sie herum rannten, lachten und lärmten ihre neuen Mitschüler und das fröhliche Geschrei hallte von den hohen Betonwänden wider, die den Schulhof der NES-Schule im dicht bevölkerten Vorort Beiruts einschließen. Celine, mittendrin – mit großen Augen hinter dicken Brillengläsern, die Arme schützend um die neue Schuluniform geklammert … ein bisschen fassungslos, dass sie wirklich hier auf dem Schulhof stand.
Und es war ja auch ein kleines Wunder! Damals, im November 2021, waren Plätze in Schulen, die tatsächlich regelmäßig Unterricht anboten – trotz Pandemie, trotz Wirtschaftskrise, trotz anhaltender Flüchtlingslage – heiß begehrt und rar. Die NES-Schule platzte bereits aus allen Nähten, als ein 18-Jähriges Mädchen im Büro der Schulleiterin saß und sie um einen Platz für ihre kleine Schwester anflehte. Die Mutter hatte die Familie verlassen, der Vater war Soldat und fast nie zuhause; gemeinsam mit der Großmutter kümmerte sich das junge Mädchen allein um ihre drei jüngeren Geschwister. Schule um Schule hatte sie bereits abgeklappert, um einen Platz für die Siebenjährige zu finden.
An der NES hatte sie Glück. Aus der 1. Klasse war gerade ein Kind weggezogen und daher wider Erwarten ein Platz frei. Die Schwester strahlte, als sie Celine am nächsten Tag zum Unterricht brachte – überglücklich, ihr Schwesterchen an einem sicheren Ort zu wissen.
In den ersten paar Tagen schien Celine etwas überwältigt zu sein. Aufgrund der Familiensituation war sie ein ganzes Jahr nicht in der Schule gewesen, und die vielen Kinder auf einmal machten ihr angst. Und ohne den Halt einer stabilen Familie ist ein Neuanfang doppelt schwer. Aber auch damit hatte sie an der NES Glück: denn die NES ist keine „normale“ Schule – sie ist auch ein Zufluchtsort, eine Oase des Friedens im Chaos.
Schon vom ersten Schultag an kümmerten die neuen Mitschüler und Lehrer sich liebevoll um das schüchterne Mädchen. Celine fühlte sich so angenommen, wie sie ist, und wurde schnell in die Schul-Familie integriert – so wie all die anderen Kinder aus unterschiedlichster Herkunft, Religion oder Konfession, die an der NES einen Ort finden, an dem sie wertgeschätzt und in all ihrer Unterschiedlichkeit als vollwertiger Teil der Familie akzeptiert werden: eine Gleichwertigkeit, die sie an anderen Schulen nicht erfahren würden.
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Schon beim nächsten Besuch konnte ich beobachten, wie gut sich Celine eingewöhnt hatte und wirklich glücklich an der Schule war. Sie hatte Freunde gefunden und sich auch akademisch stark verbessert. Leider galt das nicht für ihre Familiensituation. Der Vater verdient kaum noch etwas – sein mageres Gehalt beim Militär ist aufgrund der Währungskrise fast nichts mehr wert, und da der Staat bankrott ist, wird er manchmal gar nicht bezahlt. Das Schulgeld kann die Familie sich schon lange nicht mehr leisten; auch für eine dringend benötigte neue Brille für Celine oder einen Besuch beim Augenarzt ist nichts übrig. Dank des Studienfonds, den Helping Hands vor sieben Jahren für die NES eingerichtet hat, kann Celine trotzdem an der Schule bleiben.
Die NES ist für das Mädchen schon längst zur Familie geworden. Die Großmutter ist inzwischen verstorben, der Vater kümmert sich fast gar nicht mehr – manchmal sehen die Geschwister ihn tagelang nicht und leben quasi alleine – und die große Schwester arbeitet nun und studiert nebenher, sodass für die Geschwister keine Zeit mehr bleibt. Es sind jetzt die Lehrer und das Team an der NES, die sich um Celine kümmern: die schauen, ob sie zum Unterricht erscheint, die Zeit und ein offenes Ohr für sie haben, die ihr auch mal die Haare kämmen und dafür sorgen, dass sie genug isst – und die immer wieder mit dem Vater reden und ihn ermutigen, für seine Kinder Verantwortung zu übernehmen.
An einer anderen Schule hätte Celine keine Chance gehabt. Aber die NES ist eben mehr als eine Schule. Im letzten November, am amerikanischen Thanksgiving Day, veranstaltete die Schule eine kleine Feier zum Thema Dankbarkeit. Im Schulhof hing ein langes buntes Banner mit dem Word „Gratitude“ an der Wand, und die Schüler durften Notizen daran heften, wofür sie dankbar sind. Ich sah Celine zu, wie sie ihren eigenen grünen Zettel ans Banner klebte, wie sie mit ihren Freundinnen lachte und spielte, wie sie voll Vertrauen mit einem Lehrer sprach, wie sie die Süßigkeiten genoss, die Schüler aller Klassen mitgebracht hatten, um mit denen zu teilen, die sich keine leisten können.
Die NES ist für Celine nicht einfach nur Schule: Es ist ihre Heimat.
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Nach den Sommerferien kommt Celine in die sechste Klasse. Dank des Studienfonds darf sie auch weiterhin die NES Heimat nennen. Doch auch viele andere Schülerinnen und Schüler benötigen dringend diese Unterstützung – noch viel mehr, seit der wiederholte Ausbruch der Bombenangriffe weitere Familien zur Flucht getrieben und die wirtschaftlichen Herausforderungen für alle noch verschärft hat. Mit einer Spende für den NES-Studienfond machen Sie es möglich, dass weitere Kinder wie Celine an der NES Heimat finden können.
* Name zum Schutz der Privatsphäre geändert. Der Artikel basiert auf einem Reisebericht der Geschäftsführung von Helping Hands.

