Fassungslos starre ich am Mittag des 26. August auf die Fotos auf meinem Handy. „Es ist etwas Fürchterliches passiert“, hat Aindra, unser Kollege aus Nepal, mir gerade geschrieben. „Heute Morgen – eine unglaubliche Flutwelle aus dem Himalaya – Tausende von Menschen und Häusern weggespült. Wir fahren morgen hin, um zu helfen. Bitte betet für uns!“
Sicherlich habt auch ihr die Bilder in den Nachrichten gesehen, die Videos von der entsetzlichen Sturzflut, die talabwärts donnert und alles mit sich reißt. Unwirklich, wie aus einem schlechten Film. Aber leider zeigen sie bittere Realität.
Schon zweimal war ich selbst dort, bin durch genau dieses Tal gefahren, auf dem Weg nach Kispang, einem Seitental, wo wir das nächste integrative Kinderzentrum starten möchten – und das jetzt völlig abgeschnitten ist. Ich sehe es alles noch vor mir: den Fluss, der sich gemächlich durchs idyllische Bergpanorama schlängelt, die Straße, die nach China führt, und die Brücke, auf der wir den Fluss überqueren, um nach Kispang zu kommen, die grünen Felder am Ufer und die bunten Häuser, bescheiden und doch Zuhause für lachende Kinder und zuversichtliche Eltern.
Und jetzt? Alles fortgerissen, ausgelöscht … und zurückgeblieben ist eine breite Schneise von Schlamm, Trümmern und Trostlosigkeit.
In den folgenden Tagen erreichen uns immer mehr Nachrichten von unserem Team in Nepal – ebenso fassungslos, trauernd und mit-leidend mit den Betroffenen. Aindra berichtet am Montag nach seinem zweiten Besuch vor Ort:
„Hunderte von Häusern wurden weggerissen, zermalmt oder sind unter dicken Schlammschichten begraben. Alle Brücken sind weg, die Straßen zerstört, die Strom- und Telefonnetze unterbrochen. Etwa tausend Tote wurden schon geborgen und Tausende werden noch vermisst, aber es sind nicht genug Maschinen da, um sie unter Trümmern und Schlamm zu finden. Die Menschen sagen, dass es seit vier oder fünf Generationen hier nicht so eine Fluss-Katastrophe gegeben hat.
In den beiden Städten Trishuli und Devighat, die ich besucht habe, hatten die Anwohner wenigstens ein bisschen Warnung. Aber flussaufwärts kam die Flutwelle zu plötzlich, dort wurden die Menschen einfach weggespült. Die Lage ist schrecklich dort – auf dem Landweg ist die Gegend unerreichbar und die Hubschrauber können nicht landen.
Die Überlebenden sind jetzt in öffentlichen Gebäuden untergebracht und werden mit Nahrungsmitteln und Schlafplätzen versorgt, aber die hygienische Lage ist furchtbar. Wir haben unsere Familien besucht und ihnen erste Hilfsgüter mitgebracht, die wir unter Freunden in Kathmandu gesammelt haben. Einige der Familien haben alles verloren: ihre Hütten, ihr Vieh und ihr Land, ihre Dokumente, das Schulmaterial – einfach alles, was sie besitzen. Eine Mutter berichtete uns, dass ihre Kinder so geradeeben entkommen sind: Zwei Minuten vor der Flutwelle haben sie auf ihrem Schulweg die Brücke überquert. Sie macht sich große Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder. Schon nach dem Erdbeben 2015 mussten sie aus ihrer Heimat in den Bergen hierher umsiedeln – und nun diese Katastrophe!
Die betroffenen Kinder und Erwachsenen sind in ihren grundlegenden Bedürfnissen gefährdet – in Hygiene und körperlicher und psychischer Gesundheit, ausgewogener Ernährung und einer sicheren Bleibe, in der Bildung der Kinder … Ich habe ihre Tränen gesehen und ihren Kummer. Wir wollen sie unterstützen, jetzt in der Not, aber auch beim Wiederaufbau, um ihre Hoffnung und Freude wiederherzustellen!“
Und dafür sind eure helfenden Hände gefragt!
Derzeit wird das Grundlegendste benötigt: Lebensmittel, Unterkünfte, medizinische Hilfe. Aber dann geht es an den Wiederaufbau, um den betroffenen Familien eine langfristige Perspektive zu schenken: Häuser und Ställe müssen neu errichtet werden, Felder angepflanzt und Viehzucht wieder aufgebaut, in die Bildung der Kinder investiert. Unser Partner vor Ort hat jahrzehntelange Erfahrung in genau diesen Bereichen und hat auch schon zahlreiche Kontakte unter den Betroffenen. In den letzten zwei Jahren wurden auch bereits alle Vorbereitungen für ein neues integratives Kinderzentrum in diesem Gebiet getroffen. Aber für all das benötigen sie Ihre Unterstützung!
Die Bilder und Berichte aus Nepal machen mich sehr betroffen – nicht nur, weil ich diese Menschen persönlich kenne, sondern auch, weil Katastrophen dieser Art kein Einzelfall bleiben werden. Vielleicht geht es euch ähnlich?
Und doch macht es auch Hoffnung: das Engagement und die Hingabe von den Menschen vor Ort und Freunden in aller Welt, die die betroffenen Kinder und Erwachsenen in solch einer Lage nicht allein lassen. Die erkennen, dass wir alle in einer Welt leben und Verantwortung tragen für unsere Nachbarn, ob nah oder fern. Danke, dass ihr ein Teil davon seid!
Dorothea Gschwandtner, Geschäftsführung
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