Rückblick auf unser Jahresprojekt 2025: Das Therapieprogramm an der NES-Schule im Libanon
„Meine Freunde mögen mich nicht mehr, weil ich keinen Vater hab!“
Das dachte Rana*, die seit zwei Jahren den Kindergarten an der NES-Schule im Libanon besucht. Als der Krieg begann, war die Familie zu den Großeltern gezogen, weil ihre Wohnung in einer unsicheren Gegend lag. Der Verlust ihres familiären Umfeldes war schon schwer genug für das kleine Mädchen. Dann aber wurde ihr Vater in einem feindlichen Bombenangriff getötet.
Die verzweifelte Familie bat die Schultherapeutin um Hilfe, und das NES-Team bemühte sich, für Rana Stabilität zu schaffen, während sie ihre Trauer verarbeitete. Ihr Gefühl, von den Kameraden nicht gemocht zu werden – die nicht einmal wussten, dass ihr Vater gestorben war –, war ein Ausdruck ihres Traumas. Durch die liebevolle Fürsorge des Schulpersonals und enge Zusammenarbeit mit der Familie konnte Rana ihren Verlust gesund verarbeiten und sich wieder sicher, akzeptiert und verbunden fühlen.
Traumatische Erfahrungen gehören seit Jahren im Libanon zum Alltag. Extreme Wirtschaftskrise, Pandemie, Hafenexplosion, Erdbeben und dann noch der Krieg in Nahost, der im Frühjahr 2026 erneut im Libanon eskalierte, haben tiefe Spuren bei Kindern und Erwachsenen hinterlassen. Um diesen Kindern und ihren Familien emotionale Heilung und eine angstfreie Zukunft zu ermöglichen, hat die NES-Schule im Frühjahr 2025 das Therapieprogramm begonnen, das wir als unser Jahresprojekt 2025 förderten. Schulungen und Gruppenangebote für Kinder, Eltern und Lehrer sowohl in der regulären NES sowie im STEP-Nachmittagsprogramm werden ergänzt durch Einzelgespräche mit Sarah, der Schultherapeutin.
Dabei geht es bei vielen Kindern um ganz grundlegende Aspekte der mentalen Gesundheit; vor allem im STEP musste Sarah fast von Null anfangen. „Die Kinder kommen wie ein unbeschriebenes Blatt … sie wussten zum Beispiel nicht, dass es sowas wie verbale oder körperliche Übergriffe gibt. Die meisten von ihnen erfahren das von ihren Verwandten oder Nachbarn tagtäglich, aber es ist ihnen gar nicht bewusst, dass daran etwas nicht in Ordnung ist.“
Die Kinder lernen, ihre Gefühle zu erkennen und auszudrücken; in der lokalen Kultur ist das vor allem für Jungs eine große Herausforderung, zudem viele von ihnen schon mit 10 Jahren der „Mann im Haus“ sind und für Mutter und Schwestern verantwortlich. Sie lernen auch, diese Gefühle korrekt einzuschätzen – zum Beispiel, ob sie eine Panikattacke haben oder nur nervös sind – und über welche Dinge in ihrem Alltag sie die Kontrolle haben oder nicht.
„Ich habe Angst, wenn ich die MK-Drohne höre.“
Das sagte Tariq*, ein Erstklässler an der NES, der begonnen hatte, sich immer mehr von den anderen zurückzuziehen und häufig unerklärt in Tränen ausbrach. Dank kontinuierlicher therapeutischer Begleitung und Zusammenarbeit mit seiner Familie und seinen Lehrern lernte er nach und nach, seine Gefühle zu erkennen und auszudrücken. Die MK-Drohnen des Nachbarstaates sind auch in Beirut eine ständige Präsenz und für hunderte Menschen schon Todesboten gewesen – ihr Geräusch und die damit verbundene Bedrohung kann aus dem Alltag nicht entfernt werden. Aber durch die Fürsorge und Unterstützung des NES-Teams lernte Tariq, mit seiner Angst umzugehen, seine Gefühle besser auszudrücken, und er gewann wieder Selbstvertrauen.
Schultherapeutin Sarah steht den Schülern in diesem Heilungsprozess zur Seite und führt täglich viele Einzelgespräche mit Kindern und Eltern. Was aber den größten Unterschied macht, sind die Gruppentreffen, denn dort fühlen die Kinder sich sicher und können an den Aussagen ihrer Kameraden erkennen: Ich bin nicht allein, ich bin nicht die einzige, die solche Gefühle und Fragen hat, es ist normal. Themen werden kreativ erarbeitet, durch Malen und Zeichnen für die Jüngeren und Spiele und Theater für die Älteren. „Diese Treffen dauern immer doppelt so lange wie geplant, weil die Kinder so viele Fragen haben, sie sind durstig nach Informationen, sie wollen lernen! Und ich möchte nicht, dass sie mit unbeantworteten Fragen nach Hause gehen, denn ich weiß, dass ihnen zuhause niemand damit helfen kann.“
An der NES-Schule bemüht sich nicht nur die Therapeutin, sondern das ganze Team gemeinsam darum, den 535 Schülern (NES und STEP) in Unterricht, Pause und darüber hinaus eine gesunde Alltagsroutine und ein stabiles, stützendes Umfeld zu bieten, sodass sie sich sicher und geborgen fühlen können. So war es dem NES-Team möglich, trotz der intensivierten Angriffe im Frühjahr 2026 das Schuljahr 2025/26 erfolgreich abzuschließen. Das Therapieprogramm war dabei eine wichtige Komponente und soll auch im kommenden Schuljahr weitergeführt werden.
Therapieprogramm Rückblick 2025/26
Nach einer Testphase im Frühjahr 2025 wurden für das Schuljahr 2025/26 folgende Aspekte angepasst bzw. haben sich positiv entwickelt:
- Um die Bildung so inklusiv wie möglich zu gestalten, wurde Miss Rita für sonderpädagogische Angebote eingestellt. Sie ist an jedem Schultag da und kümmert sich um die bisher etwa 30 Schüler, bei denen nach einem kleinen diagnostischen Test bzw. im Schulalltag festgestellt wurde, dass sie unter Verhaltensauffälligkeiten oder Lernschwierigkeiten leiden. Ein Fünftklässler, der unter einer Lese- und Schreibschwäche leidet, konnte sich zum Beispiel so nicht nur deutlich verbessern, sondern Selbstvertrauen aufbauen: „Seine ganze Perspektive änderte sich – er ist viel selbstbewusster und vergleicht sich nicht mehr mit anderen; er scheut sich nicht zu fragen und möchte sich immer neuen Herausforderungen stellen.“
- Im STEP-Programm konnten die Schüler selbst angeben, welche Themen ihnen in diesem Schuljahr besonders wichtig sind, und Sarah hat daraufhin ihr Programm entwickelt.
- In der regulären NES wurden die Anzahl der Einheiten verdoppelt und konzentrierten sich besonders auf Trauma-Resilienz und toxische Positivität, mit dem Ziel, dass Gefühle auf gesunde Art bewältigt werden können (anstatt verleugnet zu werden) und Trauma nicht über Generationen hinweg weitergegeben wird. Viele Eltern der Schüler, sowohl Syrer und Irakis als auch Libanesen, haben selbst Krieg durchlebt und nicht gesund verarbeitet; deshalb waren diese beiden Themen auch besonders für Eltern relevant.
- Sarah hat die Kinder und Familien inzwischen viel besser kennengelernt und es ist gegenseitiges Vertrauen gewachsen. Daher kann sie einerseits besser einschätzen, wo Hilfe benötigt wird und wo Lücken sind; andererseits sind auch die Kinder viel eher bereit, ihre Gefühle und Gedanken zu teilen: „So kann ich zum richtigen Zeitpunkt Fragen stellen und die richtigen Dinge ansprechen. Ich kann die Veränderung in ihren Augen sehen – sie sprechen offen über Dinge, die sie sich vorher nicht zu sagen trauten.“ Auch die Eltern kommen inzwischen sehr regelmäßig zur Beratung und Aussprache.
- Besonders im STEP-Programm hat Sarah noch viel intensiver und auch einzeln mit den Lehrern zusammengearbeitet, damit sie für die Kinder den richtigen Kontext schaffen können. Die Lehrer können Symptome nun viel besser einordnen und wissen eher, welche Kinder ein Gespräch mit Sarah brauchen. „Manchmal muss ich sie daran erinnern, dass wir eine enorme Verantwortung haben … bei diesen Kindern hat man das Gefühl, sie sitzen ständig geduckt da, dass sie Angst vor uns haben … ich ermutige die Lehrer, diese Kinder nicht aufzugeben.“
Große Herausforderungen sind weiterhin:
- Viele Kinder (vor allem im STEP-Programm) haben Sprachschwierigkeiten, aber die Eltern können sich keine Sprachtherapie leisten. Für das NES-Therapieprogramm war Sprachtherapie ursprünglich eingeplant, konnte aber aufgrund mangelnder Finanzen bisher nicht angeboten werden.
- Im Rahmen des Therapieprogramms verbringt Sarah zwei Tage pro Woche mit Kindern, Schülern und Eltern. Der Bedarf ist aber so groß, dass das gesamte Therapieangebot eigentlich täglich zur Verfügung stehen müsste.
- Viele der STEP-Schüler müssen zum Unterhalt der Familie beitragen. Das heißt, dass sie den ganzen Vormittag arbeiten – meinst für einen Hungerlohn – und den ganzen Nachmittag in der Schule sind. „Sie tragen Verantwortung, die weit über ihr Alter hinausgeht“, betont Sarah. „Aber sie versuchen eben, etwas zu verändern, den Teufelskreis zu durchbrechen, in dem ihre Familien seit langem gefangen sind. Viele ihrer Eltern können nicht einmal lesen.“
„Wir leben in einem Land, wo die Angst immer präsent ist – auf verschiedene Weise, aber immer präsent.“
Das fühlt Jasmin*, die an der NES die 6. Klasse besucht. Durch das Erdbeben im Februar 2023 hatte sie ein starkes Trauma entwickelt und fürchtete ständig, dass ihr Haus einstürzen könnte – damals weigerte sie sich fast einen Monat lang, drinnen zu schlafen. Mit dem Ausbruch des Krieges kam diese Angst zurück. Konfliktbezogene Geräusche lösten erhebliche Ängste und Schlafstörungen aus; Jasmin fehlte häufig in der Schule und konnte sich kaum konzentrieren. Durch intensive therapeutische Betreuung und die Zusammenarbeit mit ihrer Familie und ihren Lehrern entwickelte Jasmin nach und nach gesündere Bewältigungsstrategien, lernte besser, ihre Ängste auszudrücken, und fand wieder Anschluss an das Schulleben.
Um das Therapieprogramm auch im kommenden Schuljahr anbieten zu können, ist noch dringend weitere Unterstützung erforderlich. Wenn Sie dazu beitragen möchten, dass Schüler und Familien an der NES Heilung erfahren und lernen, ohne Angst in die Zukunft zu blicken, dann spenden Sie bitte mit Vermerk „NES Therapie“ (zur Online-Spende).

