Hoffnung für Nord-Syrien

Über unsere Partner im Libanon können wir betroffene Gebiete erreichen

Bereits über 35.000 Tote. Millionen Obdachlose, mitten im widrigsten Winterwetter. Und an vielen Orten kaum Hilfe von außerhalb – keiner weiß, wie hoch die endgültigen Verluste sein werden.

Das verheerende Ausmaß der Erdbeben im Nahen Osten macht sprachlos. Doch es gibt auch Hoffnungsschimmer. Zwar ist, besonders in Nord-Syrien und dort vor allem in den nicht von der Regierung kontrollierten Gebieten, noch fast keine internationale Unterstützung angekommen. Aber die Nachbarn sehen nicht tatenlos zu.

In kürzester Zeit nach der Katastrophe waren Gemeinden und Privaträume in Damaskus, Beirut und zahlreichen anderen Orten mit Kleidern und Lebensmitteln gefüllt. Menschen, die selbst wenig haben – in Syrien aufgrund des Bürgerkrieges, im Libanon aufgrund der massiven Wirtschaftskrise – geben, was sie entbehren können. Die Reaktion ist überwältigend, denn wer selbst Not kennt, hat ein umso größeres Herz für andere, die Not leiden. Schon am Abend nach den beiden Beben machten sich die ersten Helfer von Beirut auf den Weg, die Autos vollgeladen mit Dingen, die die Brüder und Schwestern in Syrien dringend benötigten. Einige blieben vor Ort, um in den Trümmern nach Überlebenden zu suchen.

Seit Beginn des Bürgerkrieges in Syrien hat der Libanon eine hohe Anzahl an syrischen Flüchtlingen aufgenommen – ca. ein Drittel der derzeitigen Bevölkerung; der höchste Prozentsatz an Flüchtlingen weltweit. Viele dieser Menschen haben in den Erdbeben nahe Verwandte verloren. Jetzt machen sie sich auf den Weg oder sind bereits vor Ort, gemeinsam mit ihren libanesischen Nachbarn, um dort Hilfe zu bringen, wo sonst keiner helfen kann. Nur ca. 4-5 Stunden Autofahrt sind die betroffenen Gebiete in Syrien von Beirut entfernt; sowohl Syrer als auch Libanesen können die Grenze überqueren, wo internationale Helfer erst ein Visum brauchen.

Nach den ersten spontanen Reaktionen der Nächstenliebe und Großzügigkeit soll die Hilfe nun koordinierter fortgesetzt werden. Wir sind im stetigen Kontakt mit unseren Partnern in Beirut, durch die umfassendere Nothilfe nach Syrien gelangen kann; voraussichtlich sogar in die Nicht-Regierungsgebiete. Gleichzeitig führen wir auch bereits Gespräche, um Optionen für längerfristige Wiederaufbauhilfe zu erforschen, wenn die auf Nothilfe spezialisierten Organisationen die betroffenen Gebiete verlassen. Doch vorerst geht es um das Nötigste zum Überleben: Decken, Unterkünfte, warme Mahlzeiten, medizinische Hilfe.

Die Menschen vor allem in Nord-Syrien brauchen dringend Ihre Unterstützung!

Bitte spenden Sie mit Vermerk „Katastrophenhilfe Naher Osten“ über unsere Online-Spende oder per Überweisung auf unser Konto (IBAN: DE56 5075 0094 0000 022394).

 

(Die Fotos erreichten uns von einem libanesischen Helfer in Nord-Syrien.)

Augenzeugenbericht aus Aleppo, Nord-Syrien

Lehrer und Absolvent der NES-Schule überleben verheerendes Erdbeben

„Ich sehe und höre die Schreie, die Zerstörung, die einstürzenden Gebäude, das Geschrei der Männer, die Frauen, nur halb bekleidet, und die Kinder, die um ihr Leben rennen. … Es ist ein Wunder, dass wir unter all den Toten noch am Leben sind.“

Kurz vor Beginn des Bürgerkriegs in Syrien verließ Carole mit ihrer Familie das Land. Im Libanon fand sie ein neues Zuhause und eine Heimat an der NES-Schule unseres Partners in Beirut, wo sie ein paar Jahre später die Mittelstufe abschloss und dann ihr Abitur und Studium absolvierte. Vor zwei Jahren heiratete sie Andrew, der dieses Schuljahr als Lehrer an der NES aushilft: Dort bringt er den Fünft- bis Achtklässlern bei, wie sie sich am besten vor Gefahren schützen.

Am Sonntag fuhr das Ehepaar nach Aleppo – das erste Mal seit 15 Jahren, und nur für zwei Tage, um sich um wichtige Dokumente für Carole zu kümmern. In den frühen Morgenstunden traf sie das Erdbeben. Carole beschreibt:

„Im sechsten Stock eines Hotels, dessen Fassade ganz aus Glas ist, schlief ich um 4.17 Uhr morgens, als ich aufwachte und spürte, wie das Gebäude erschüttert wurde. Das war kein Wind! Ich wusste nicht, was los war. Ich hatte nur einen Schlafanzug an und keine Hausschuhe. Wir mussten das Zimmer verlassen, ohne unsere Pässe, ohne Telefon, ohne Geld, ohne Schlüssel, ohne alles. Wir rannten von Stockwerk zu Stockwerk, zusammen mit vielen anderen, und konnten uns kaum halten auf der Treppe, mitten im Erdbeben. … Das ganze Glas des Gebäudes fiel auf uns. Wir liefen auf der Straße, ohne Schuhe. Wind und Regen prasselten auf uns ein, wir liefen, als ob wir schwimmen müssten, ohne Licht, nur mit dem Schein des Mondes, um einen Ort zu erreichen, an dem es keine Gebäude gibt. Eine Frau mit ihrem Sohn sah uns und gab mir einen einzelnen Schuh, damit ich darauf stehen konnte.“

Das Erdbeben ist nicht die erste verheerende Katastrophe, die Carole durchgemacht hat. Im August 2020 wurde sie bei der schrecklichen Explosion in Beirut stark verletzt. Jetzt trägt sie zwei Narben: „Ich dachte, dass mich nichts mehr treffen wird, was schlimmer ist als die Explosion in Beirut am 4. August. Unmöglich! Nichts wird je wieder so furchtbar sein. Aber das Erdbeben am 6. Februar hat mich bis ins Innerste erschüttert. Ich weiß jetzt, wie zerbrechlich das Leben ist.“

Carole und Andrew hatten „Glück“: Sie überlebten nicht nur, sondern auf wundersame Weise war auch ihr Auto unbeschädigt, obwohl alle Fahrzeuge vor und hinter ihrem zerstört waren. So konnten sie noch am selben Tag in den Libanon zurückkehren. Aber das Trauma wird sie noch lange verfolgen.

„Es gab noch viele andere Dinge, von denen ich nicht erzählen werde, weil sie zu schrecklich sind. Wir wurden auf wundersame Weise gerettet. Und ich fühle mich schuldig und schäme mich, weil andere getötet wurden und ich nicht.“

Mehr als 12.000 Menschenleben hat das Erdbeben vom 6. Februar bereits gekostet. Und im bereits vom Bürgerkrieg heimgesuchten Nord-Syrien ist noch gar keine internationale Hilfe angekommen. Lokal wurden zwar Kleidung und Lebensmittel gespendet, obwohl die meisten Syrer selbst sehr wenig haben. Aber darüber hinaus werden, auch aufgrund des widrigen Winterwetters, vor allem Unterkünfte und Decken benötigt sowie Arznei und medizinische Hilfe. Unsere internationale Geschäftsführerin ist weiterhin im Libanon und führt Gespräche mit unserem Partner vor Ort, um Hilfe für Syrien über Beirut zu koordinieren.

Wenn Sie den Menschen in Syrien, im Libanon und der Türkei eine helfende Hand reichen wollen, spenden Sie bitte mit Vermerk „Katastrophenhilfe Naher Osten“ über unsere Online-Spende oder per Überweisung auf unser Konto (IBAN: DE56 5075 0094 0000 022394).

Erdbeben in Syrien, Türkei, Libanon

„Unsere Kinder sind völlig traumatisiert. Seit der Explosion vor zwei Jahren haben sie Angst, und jetzt dieses Erdbeben – die meisten Kinder konnten heute Nacht nicht schlafen. Und letzte Nacht, nach dem Erdbeben, haben viele ihre Häuser in Panik verlassen und drei Stunden unter einer Brücke gehockt, und das bei diesem stürmischen Wetter! In der Schule waren sie ständig den Tränen nahe.“

Das verheerende Erdbeben, das in der Türkei und Nord-Syrien früh am Montagmorgen mehrere Tausend Todesopfer gekostet hat, hat im Libanon zwar weniger Zerstörung angerichtet. Aber es hat traumatische Erinnerungen neu hervorgeholt, vor allem bei den Kindern. Und in der katastrophalen wirtschaftlichen Situation wissen die verzweifelten Familien nicht, wie sie zum Beispiel von den Beben zerbrochene Scheiben ersetzen sollen.

Die Lehrer und Mitarbeiter der NES-Schule in Beirut, die wir seit vielen Jahren fördern, kümmern sich um die 338 Schulkinder und versuchen zu helfen, wo sie können. D. Gschwandtner, Internationale Geschäftsführerin von Helping Hands e.V., war zur Zeit des Erdbebens in Beirut. Sie berichtet:

„Das Beben war sehr deutlich zu spüren, und wurde gefolgt von mehreren Stunden mit starken Gewitterstürmen – viele Straßen sind völlig überflutet. Zwar haben wir bisher nur von einem Gebäude gehört, das eingestürzt ist, aber in Beirut sind wegen der Explosion noch viele Häuser beschädigt und rissig; in manchen Stadtteilen sind die Gebäude auch sehr alt. Viele Menschen haben große Angst. Unsere Schulkinder und die Kollegen vor Ort haben in den letzten Jahren so viel durchgemacht – die Explosion, Corona, eine zerbrechende Wirtschaft, in der eine Tankfüllung so viel kostet wie das Monatsgehalt eines Lehrers. Und jetzt auch noch ein Erdbeben!

Trotzdem bin ich begeistert davon, wie die Kollegen an der NES-Schule mit der Situation umgehen. Sie geben nicht auf, arbeiten unermüdlich von früh bis spät und bringen große Opfer, um sich um diese Kinder zu kümmern und ihnen einen festen Halt zu geben, und vor allem eine gute Schulbildung. Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn ich in der Schule bin, was für eine liebevolle, fürsorgliche Atmosphäre hier herrscht und wie die Lehrer sich um die Kinder sorgen, nicht wie Schüler, die sie unterrichten müssen, sondern fast wie ihre eigenen Kinder.“

Natürlich ist die momentane Lage in Syrien und der Türkei noch viel dramatischer; vor allem in Syrien, die auf keine funktionierende Wirtschaft zurückgreifen können. Derzeit prüfen wir, wie in diesen Gebieten geholfen werden kann; bisher ist die Kommunikation noch schwierig. Aber auch die Kinder und Familien im Libanon sollten nicht vergessen werden.

Wenn Sie den Menschen in Syrien, im Libanon und der Türkei eine helfende Hand reichen wollen, spenden Sie bitte mit Vermerk „Katastrophenhilfe Naher Osten“ über unsere Online-Spende oder per Überweisung auf unser Konto (IBAN: DE56 5075 0094 0000 022394).

 

Fotos (von privat): links: NES-Schüler in der Woche vor dem Erdbeben; rechts: Ein Gebäude, das in Bekaa, Libanon, eingestürzt ist.

Wem die Zukunft gehört

Reisebericht aus Khotang, Nepal

„Die Zukunft gehört denen, die an die Schönheit ihrer Träume glauben.“ (Eleanor Roosevelt)

So einfach ist es zwar meist nicht. Aber für Dorjeman nimmt diese Zukunft Form an. Denn Dorjeman hat einen Traum. Ein Traum, der auf den ersten Blick vielleicht lächerlich wirkt:

Das winzige Dorf Kurle, in dem Dorjeman lebt, ist nicht für Träume gemacht. Idyllisch mag es sein, so zwischen den nepalesischen „Hügeln“ gelegen, aber völlig abgeschieden – auf dem Weg hierher sind wir mehrere Stunden entlang schmaler Bergpfade geklettert. Strom gibt es keinen und die beruflichen Chancen sind mager. Schulkinder müssen ab der 5. Klasse entweder bei Verwandten unterkommen oder sieben bis acht Stunden zu Fuß laufen, täglich. Und es ist extrem trocken; obwohl das Dorf direkt am Sunkoshi-Fluss liegt, wirken die Felder eher wie Wüste, hier und da halten monströse Kakteen Wache über das verdorrte Gras.

Und hier möchte Dorjeman ein Marktzentrum etablieren? Denn das ist sein Traum: „Wir wollen hier einen Markt aufbauen, denn an diesem Punkt treffen drei Bezirke aufeinander. Und auf der anderen Seite des Flusses sind große Dörfer – seit zwei Jahren haben wir ja die Brücke. Wenn wir einen Markt schaffen, dann werden die Leute kommen und hier kaufen.“

Dorjemans Traum ist nicht nur Wunschdenken, sondern das erhoffte Ziel von harter Arbeit. Denn einiges hat sich schon getan in Kurle! Ende 2021, als das von Helping Hands und der deutschen Bundesregierung geförderte Dorfentwicklungsprogramm im Khotang-Bezirk begann, wurden auch in Kurle sieben Haushalte ausgewählt, an dem Projekt teilzunehmen. Mitte 2022 erhielten sie Zuchttiere, um ihr Einkommen zu verbessern.

Aber gemeinsam ist besser! In Kurle schlossen sich vier Haushalte zusammen, um gemeinsam eine Schweinefarm zu eröffnen – „Es ist nicht so einfach, alleine ein großes Unternehmen aufzubauen“, erklärt Dorjeman, „also haben wir beschlossen, uns zusammenzutun.“ Als die Schweine kamen, hatten Dorjeman, Babita, Sandip und Krishna bereits einen ziemlich beeindruckenden Stall für die Tiere gemauert. Siebzehn Schweine halten sie jetzt dort, in allen erdenklichen Formen und Farben, groß und klein, weiß, braun, schwarz, gefleckt … und in erstaunlich sauberer und artgerechter Umgebung. Ums Füttern und Sorgen kümmern sie sich abwechselnd; wenn ein Schwein verkauft wird, teilen sie sich den Gewinn.

Und das ist noch nicht alles! Denn ein Markt, auf dem nur Schweine verkauft werden, ist doch eher begrenzt. Deshalb hat Dorjeman noch viele andere gute Ideen. „Wir wollen auch eine Agro-Farm aufbauen und Gemüse für den Markt hinzufügen“, sagt er. Dafür zeigt er uns seine Gemüsefelder. Dort wachsen Tomaten üppig in einem adaptierten Folientunnel; auch Bananen, Salat, Rettich, Okra und Kürbisse kann er derzeit anbieten.

Zwar ist bisher die Bewässerung noch ein Problem. Obwohl der Fluss so nahe ist, ist die Gegend extrem trocken. Wiederholte Male wurde den Bewohnern ein Wasseranschluss per Rohr versprochen, aber nie umgesetzt; eine Pumpe für Flusswasser gibt es auch nicht. Doch im Rahmen unseres Projektes wurde allen teilnehmenden Haushalten eine Plastikplane für einen Teich gegeben, um Regenwasser und Abwasser zu sammeln. Das hilft schon sehr, denn im Teich können sich Verunreinigungen absetzen, sodass das Wasser sogar für eine Sprinkleranlage genutzt werden kann. Und als Folge unseres Besuches soll Rohranschluss an einen knapp zwei Kilometer entfernten Bach hergestellt werden, wodurch alle Haushalte mit genügend Wasser versorgt werden können. „Träume für unser Dorf?“, sagen sie, als wir fragen. „Ganz einfach: Strom, und ausreichende Bewässerung.“

Neben dem Gemüseanbau hat Dorjeman auch eine Hühnerfarm etabliert. In einem Stall tummeln sich 60 fünf-Tage-alte Küken, daneben stolzieren etwas ältere Masthähnchen herum. Bereits nach 45 Tagen können sie verkauft werden und bringen knapp 3 Euro pro Kilo ein.

Die Hühnerfarm hat Dorjeman auf eigene Kosten aufgebaut, nachdem er entsprechende Schulungen im Projekt besucht hat. Denn die Projektteilnehmer lernen nicht nur, wie sie ihre gewählte Viehzucht ertragreicher betreiben können, sondern erhalten Wissen zu jeglicher lokal relevanter Viehzucht sowie Gemüseanbau. Und das macht enorm viel aus!

„Bevor das Projekt angefangen hat, hatte ich gar keine Kenntnisse – ich hatte noch nie Schulungen besucht, nur eben etwas Erfahrung“, berichtet Dorjeman. „Die Schulungen sind sehr nützlich für mich. Zum Beispiel hatte ich vorher Tomaten angepflanzt, und sie sind alle eingegangen. Nach der Schulung hab ich sie nochmal anders gepflanzt und jetzt wachsen sie sehr gut! Alles, was wir lernen, ist hilfreich – wie ich mich richtig um das Vieh kümmere, das beste Futter; ich kann die Tiere jetzt sogar selbst behandeln, wenn sie krank sind. Vor dem Projekt hatte ich keine Ahnung über Viehzucht, Landwirtschaft, Gemüseanbau – aber jetzt weiß ich, wie all das erfolgreich umgesetzt werden kann!“

Eine ordentliche Portion Innovation, Fleiß, Kompetenz und Zuversicht – das ist der Stoff, aus dem Dorjemans Träume gemacht sind. Träume, die er auch eines Tages mit seinem zweijährigen Sohn teilen möchte – Jumsang heißt der Kleine, das bedeutet, „Sei bereit!“ Dorjemans Hoffnung für seinen Sohn ist so klar, wie sie einfach ist: „Wenn ich in diesen Gewerben gute Arbeit leiste, wird mein Sohn auch in das Geschäft einsteigen.“

Und auch das ist ja ein Ziel des Projektes: Dörfer so zu entwickeln, dass die Menschen vor Ort genügend zum Leben erwirtschaften können und nicht darauf angewiesen sind, für Gastarbeit ins Ausland zu gehen. Und natürlich auch, die Dörfer langfristig und nachhaltig zu entwickeln – nicht nur für ein paar Jahre, sondern für Generationen.

Dorjeman glaubt nicht nur an die Schönheit seiner Träume. Er setzt sie auch um – für Kurle und Khotang, und vor allem für die Zukunft – für seine Zukunft und für die Zukunft seines Sohnes Jumsang.

 

Das umfassende Dorfentwicklungsprojekt im Bezirk Khotang in Nepal wurde im Herbst 2021 begonnen und wird zu 75% vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert. Der Bericht basiert auf einem Besuch unserer internationalen Geschäftsführerin im November 2022.

Um den finanziellen Eigenanteil des Projektes zu begleichen, benötigen wir noch Unterstützung! Spenden bitte mit Vermerk „Nepal Khotang“ auf unser Konto bei der KSK Gelnhausen, IBAN: DE56 5075 0094 0000 022394 (zur Online-Spende).

Ein wichtiger Schritt zur langfristigen Heilung

Das Schechem-Home auf den Philippinen kümmert sich um Opfer von sexueller Ausbeutung

Das erste, was mir auffällt, als wir Amys* Familie besuchen, ist das strahlende Lächeln von Tala*, der zwölfjährigen Schwester.

Nicht der desolate Zustand der Bretterhütte, die Mutter, Schwester und kleiner Bruder ihr Zuhause nennen.

Nicht das karge Innere mit dem brüchigen Holzboden, im Dämmerlicht eine echte Stolperfalle.

Nicht die rostigen Nägel, die überall hervorstehen und die nackten Füße der Kinder bedrohen.

Auch nicht der stinkende Bach, neben dem die Hütte kauert; in der Trockenzeit gefährlich für Kleinkinder, in der Regenzeit eine Gefahr für alle – „sie leben im Bach“ beschreiben es die Sozialarbeiter, weil das Gewässer regelmäßig die Umgebung überschwemmt.

Nein: Das erste, was auffällt, als die Sozialarbeiter, eine Bekannte und ich Amys Familie besuchen, ist Talas strahlendes Lächeln. Und der fragende Blick auf dem Gesicht des zweijährigen Bruders. Und das hoffnungsvolle Leuchten in den Augen der Mutter.

Wie es Amy geht, möchte sie wissen, und ob sie weiter ihre Schulaufgaben macht. Das können wir ihr versichern: Alle Kinder im „Schechem-Home“ setzen ihre Schulbildung fort. Und dann drückt sie Jayson, dem Familien-Sozialarbeiter, ein Kleid in die Hand, etwas verlegen erklärt sie, dass sie es „Second-Hand“ gekauft hat – „für Amy zum Geburtstag“. Den hatten wir gestern in der Schechem-Familie mit einem leckeren Mittagessen gefeiert; 15 Jahre ist sie jetzt alt.

Im Juni kam Amy das erste Mal zu Schechem. Sie wurde, wie alle anderen Kinder auch, von der Polizei gebracht. Denn nach intensiver Forschung von International Justice Mission und den lokalen Behörden in dieser Region der Philippinen war Amy als Opfer von OSEC (sexuelle Ausbeutung von Kindern im Internet) erkannt worden. Die Sicherheitskräfte befreiten sie und ein weiteres Mädchen aus dieser Situation und brachten sie zu Schechem. Nach zwei Wochen liefen die Kinder davon und kamen nach Hause, aber die Mutter hatte Angst und informierte die Behörden. So kam Amy ins Schechem-Home zurück.

Die letzten Monate waren nicht einfach. Das Schechem-Home ist ein „Assessment Center“, ein Ort, an dem Kinder, die aus OSEC-Situationen befreit wurden, über mehrere Monate hinweg intensiv psychotherapeutisch und medizinisch betreut werden. Ziel ist, dass die Kinder Fertigkeiten erlernen, mit ihrem Trauma und den Erfahrungen umzugehen, sodass langfristig Heilung stattfinden kann. Gleichzeitig prüfen die Sozialarbeiter, wann und ob die Kinder bei anderen Familienmitgliedern reintegriert werden können oder erst einmal in eine längerfristige Einrichtung wechseln sollten.

Diese Entscheidung fällt nicht leicht. In den meisten Fällen sind die Eltern – vornehmlich die Mütter – die Schuldigen, und die Sicherheit der Kinder kann nicht gewährleistet werden. Und manchmal haben die Familien einfach nicht die Mittel, um für ihre Kinder zu sorgen. Das ist auch der Fall bei Amy. Ihre Mutter war in dem Verbrechen nicht involviert. Aber sie hat kein Einkommen – und weniger als 20 Euro pro Monat erhält sie vom Staat für sich und die beiden Kinder. Ihr Mann ist im Gefängnis wegen Drogenmissbrauchs. Derzeit unterstützt die Großmutter ihre Tochter und deren Kinder; sie arbeitet als Straßenfegerin bei der Kommune.

Deshalb wird Amy in den nächsten Tagen vorerst in ein Kinderheim umziehen, in dem sie ganzheitlich gefördert wird und auch ihre Schulbildung fortsetzen kann. Dass sie überhaupt inzwischen bereit ist für diesen Schritt ist der liebevollen Fürsorge des Schechem-Personals zu verdanken.

„Als Amy zu uns kam, war sie extrem traumatisiert“, erinnert sich Analyn, die Direktorin von Schechem. „Sie hat viel Schlimmes erlebt – nicht nur ihre eigene ‚Befreiung‘ von der Polizei, sondern sie musste auch mit anschauen, wie ihr Vater verhaftet wurde, und hat viel Gewalt in ihrer Familie mitbekommen. Am Anfang hat sie ständig geweint und Wutausbrüche bekommen. Sie war einfach völlig durcheinander. Aber mit der Zeit hat sie gelernt, mit ihrer Wut und ihrer Traurigkeit umzugehen. Sie schreibt viel in ihr Tagebuch. Sie weiß jetzt, was sie tun kann, um für ihr emotionales Gleichgewicht zu sorgen. Natürlich kann solch ein Trauma in nur wenigen Monaten nicht völlig heilen. Aber Amy steht ihren Gefühlen nicht mehr hilflos gegenüber – sie hat die nötigen ‚Fertigkeiten‘ erlernt, um damit umzugehen. Und sie möchte jetzt auch unbedingt einen guten Schulabschluss machen.“

Das Besondere an Schechem ist: Es ist nicht nur ein „Assessment Center“, sondern ein Zuhause, wie eine große Familie, in der sich alle um einander kümmern. Und das hat mindestens so heilende Wirkung wie die vielen Therapiestunden beim Psychologen und den Sozialarbeitern. Auch für Amy hat es einen großen Unterschied gemacht.

Zwar ist sie immer noch eher zurückhaltend. Manchmal sitzt sie etwas abseits, und auf ihrem Gesicht liegt ein Schatten, ein Schatten der Erinnerung, den alle Therapiestunden nicht wegwischen können. Dann setzt sie sich auch mal mit Grace, der Sozialarbeiterin im Heim, in einer Ecke des Grundstücks zusammen und hat ein langes, ernstes Gespräch.

Aber dann ist sie auch wieder mittendrin, beim Spielen und Basteln, beim Kochen und Waschen im Heim. Manchmal ertönt ihr Lachen, hell, fröhlich, unbeschwert. Oder sie kommt ganz unerwartet und gibt mir eine feste Umarmung, und dann lächelt sie, ein strahlendes Lächeln, ein Lächeln, das mir bekannt vorkommt: Es ist das Lächeln von Tala, ihrer Schwester.

 

Das Schechem-Home ist ein wichtiges Bindeglied in den einzelnen Entwicklungsschritten, die ein Kind durchlaufen muss, um aus einer OSEC-Situation zurück zu einem gesunden, sicheren und erfüllten Leben zu gelangen. Das Zentrum finanziert sich ausschließlich durch Spenden; für 2023 wird noch viel Unterstützung benötigt. Wenn Sie das Heim darin unterstützen möchten, Kindern wie Amy die notwendige Förderung und Geborgenheit zu geben, dann wählen Sie bitte bei der Online-Spende das Projekt „Jahresprojekt 2022 Schechem-Home (Philippinen)“.

 Dieser Bericht basiert auf einem Projektbesuch der internationalen Geschäftsführerin im Dezember 2022. Die Namen der Kinder wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert (*).

„So möchten wir es unsern Kindern beibringen“

Integratives Kinderzentrum in Ghalegaun, Nepal, fördert „Tradition der Unterstützung anderer“

„Das ist eine wirklich große Veränderung für uns!“ Phulmaia steht in ihrem Gemüsegarten, zeigt stolz auf die üppig wachsenden Pflanzen, ihr Gesicht strahlt. „Vorher wussten wir gar nicht, wie man Gemüse richtig anbaut, und wir hatten nie genug – von den Nachbarn mussten wir was erbetteln. Jetzt haben wir mehr als genug Gemüse für die ganze Familie!“

Vor einem Jahr standen wir schon einmal in Phulmaias Garten; da hatte sie gerade eine Schulung zum Gemüseanbau besucht und den Garten ganz neu angelegt. Und schon damals war sie mächtig stolz auf ihren Acker! In der Zwischenzeit hat sich einiges verändert:

Im Rahmen des Projektes, das Helping Hands e.V. in dem kleinen Bergdorf Ghalegaun im Osten Nepals gemeinsam mit dem örtlichen Partner NCM Nepal durchführt, werden, neben den Bildungszentren für Kinder, auch deren Familien gefördert, um das Einkommen und die Ernährungssicherheit zu verbessern. Wie genau diese Förderung eingesetzt wird, können die Familien selbst entscheiden.

Phulmaia und ihr Mann haben eine etwas ausgefallenere Lösung gefunden als die meisten Familien: Mehrere Schreinerwerkzeuge und Geräte haben sie gekauft. Denn Phulmaias Mann hat viel Erfahrung im Schreinerhandwerk, aber ohne die nötigen Werkzeuge bekam er selten Aufträge. Das ist jetzt anders: Durchschnittlich jeden zweiten Tag kann er an einem Möbelstück arbeiten oder beim Hausbau mithelfen. Damit verdient er ein für lokale Verhältnisse recht adäquates Einkommen. Gemeinsam mit den gesteigerten Erträgen aus Ackerbau und Viehzucht im kleinen Rahmen kann die Familie damit die wichtigsten Ausgaben im Haushalt begleichen.

Und noch anderes hat sich verändert:

In der Selbsthilfegruppe, in der jede teilnehmende Familie vertreten ist, findet ein reger Austausch statt. „Das ist wirklich hilfreich für uns, dass wir uns so gegenseitig bei verschiedenen Themen Rat geben können“, erklärt Phulmaia. „Wir arbeiten wirklich gut zusammen. Und wenn ich selbst etwas beitrage, dann hören die anderen mir zu und ich werde ernst genommen.“

Und dann ist da natürlich noch das Kinderzentrum, in dem ihr neunjähriger Sohn Jay die nötige Förderung bekommt, um einen ordentlichen Bildungsstand zu erreichen. „Das ist für uns so eine große Erleichterung! Ich wünsche mir ja, dass Jay eine gute Ausbildung bekommt und dass er einfach ein guter Mensch wird!“ Jay, den wir kurz vorher auf dem Weg zur Schule getroffen haben, macht den Eindruck, dass das durchaus ein erfüllbarer Wunsch ist: Wie seine Mutter strahlt er Freude und Zufriedenheit aus. Das Leben ist doch so schön!

Aber es hat auch Schattenseiten. Daran erinnern uns Bal Bahadur und Mattimaya, Phulmaias Eltern, die ein paar Minuten entfernt wohnen. Auch sie nehmen am Projekt teil, denn sie kümmern sich um zwei ihrer Enkeltöchter. Die Mutter ging vor einiger Zeit als Gastarbeiter ins Ausland und es besteht kein Kontakt mehr – leider keine Seltenheit in Nepal. Der Vater lebt als Gastarbeiter in der Großstadt und kümmert sich auch nicht um die Kinder.

Trotzdem sind die Großeltern zuversichtlich. Ihre Enkelinnen werden im Kinderzentrum nachhaltig gefördert. Und mit dem Startkapital, das durch das Projekt zur Verfügung gestellt wurde, hat das Ehepaar einen kleinen Laden aufgebaut. Das läuft inzwischen sehr gut; das Einkommen hilft, die Familie zu versorgen. „Wir hoffen, dass wir den Laden noch weiter ausbauen können“, erzählen sie, „sodass wir die traditionellen Jobs wie Ackerbau aufgeben können und Vollzeit-Ladenbesitzer sind. Wir werden ja jeden Tag älter … aber trotzdem hoffen wir, dass wir unsere Enkelinnen zu guten Bürgern machen können, dass sie gut gebildet sind und finanziell unabhängig!“

Vor knapp zwei Jahren hat das Projekt in Ghalegaun begonnen und jede Familie hat einiges zu berichten: darüber, was sich verändert hat, aber auch, welche Hoffnung für die Zukunft sie noch hegen. Im November haben wir einige von ihnen besucht:

Asha hat eine Kuh bekommen und verkauft nun die Milch. Sie hofft, das Milchgeschäft noch zu erweitern, damit sie in ihre eigene Hütte umziehen kann – derzeit wohnt sie noch bei Verwandten. Ihre zwei Töchter besuchen das Kinderzentrum, der Sohn ist erst ein Jahr alt. „Früher haben meine Mädchen in einigen Fächern versagt, aber jetzt haben sie überall gute Noten. Und ihre persönliche Hygiene hat sich auch verbessert!“

Nisha ist gut beschäftigt: Neben dem kleinen Laden hat sie auch eine Schweinezucht begonnen. Wenn die Schweine verkauft sind, möchte sie mit einem Teil des Erlöses den Laden erweitern. Denn sie hat eine rege Kundschaft: Weiter unten im Dorf gibt es keinen Laden mehr. Deshalb kommen alle zu ihr, um Öl und Mehl, Seife und Waschpulver, Kekse und Chips oder Getränke zu kaufen. In Schulungen hat sie gelernt, wie sie für ihre Kinder nahrhafte Mahlzeiten zubereitet – einmal pro Woche kocht sie nun „Jaulo“, ein besonders nahrhaftes Rezept mit lokalen Zutaten.

Ambar Bikram, ein schüchterner, wortkarger Mann, ist als Waise aufgewachsen. Er kann nicht lesen und schreiben und hat bisher nur Tagelöhnerarbeit geleistet. Aber jetzt hat er Hoffnung: Im Juli hat er eine Kuh bekommen; der Verkauf der Milch macht schon einen deutlichen finanziellen Unterschied. Dazu möchte er einen Zuchtbullen kaufen und das Geschäft ausbauen. Dann kann er seinen vier Töchtern mehr bieten, als er selber hatte: „Binu, meine Jüngste, besucht das Kinderzentrum. Ich wünsche mir, dass sie eine gute Bürgerin wird, wohlhabend, mit guten Kenntnissen und einer ordentlichen Ausbildung. Mal sehen, wie ich das schaffe und finanziell tragen kann.“

Sunita hat sich für eine Ziegenzucht entschieden. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten hofft sie, diese Zucht größer auszubauen und dafür auch weitere Schulungen zu besuchen. Über die Selbsthilfegruppe wurde eine Zuchtziege gekauft; das hilft den Mitgliedern der Gruppe, ihre eigenen Tiere besser zu züchten, sodass sie sie für höhere Preise verkaufen können.

Dil Bahadur, mit dem wir sprechen, weil seine Frau Manmaya gerade Futter für die neue Kuh sammelt, ist froh, dass er mit dem Einkommen vom Milchverkauf seine Darlehen abbezahlen kann. „Das sollten wir in sechs Monaten schaffen“, meint er, „dann sparen wir noch etwas länger und können dann hoffentlich ein halbes Jahr später eine weitere Kuh kaufen. So sieben oder acht Kühe in unserer Farm, das wäre toll.“ Von den vier Kindern ist nur der Jüngste im Kinderzentrum. „Wir haben große Träume für ihn – dass er Arzt wird, oder vielleicht Ingenieur. Dafür haben wir natürlich nicht das nötige Geld, daher möchten wir ihm einfach eine gute Ausbildung ermöglichen – so viel eben, wie wir können.“

Kabita und Suman haben einen Laden eröffnet, sehr günstig nahe der Schule gelegen. Deshalb kochen sie auch sechsmal pro Woche die nahrhafte Mahlzeit fürs Kinderzentrum; bei Feierlichkeiten im Dorf verkaufen sie Snacks und Tee. Natürlich haben auch sie viele Ideen, wie sie das Geschäft noch erweitern können. Dabei geht es ihnen vor allem darum, für die Ausbildung der Kinder genug zu verdienen: Die älteste Tochter ist bereits im Internat für die Oberstufe; das kostet Geld. „Wir möchten, dass sie unabhängig werden“, sagt Suman. „Das ist herausfordernd, weil gute Bildung teuer ist.“ Doch in Sachen Bildung macht das Kinderzentrum schon einen entscheidenden Unterschied: „Früher wollten die Dorfkinder nicht so recht in die Schule gehen“, erinnert Kabita sich. „Aber das Kinderzentrum finden sie toll. Und sie bestehen darauf, dass sie hingehen dürfen, auch wenn die Eltern stattdessen Arbeit für sie hätten.“

Und dann ist da noch Shanti, die wir ebenfalls schon im November 2021 getroffen haben. Ihr Garten läuft hervorragend – oft gibt sie Gemüse an Nachbarn ab, weil die Familie genug hat. Die gekaufte Kuh gibt relativ viel Milch – momentan etwas weniger, weil es kalt geworden ist – und vom Erlös kann Shanti ganz gut die Haushaltsausgaben begleichen: Kleidung, weitere Lebensmittel und anderes. Natürlich möchte sie noch einiges verbessern: mehr Kühe kaufen, mit einem „Tunnel“ aus Plastikplane auch im Winter Gemüse anbauen können, die Bildung der Kinder weiter fördern. Auch Shanti selbst hat einiges gelernt in mehreren Schulungen, „das versuche ich, in allen Aspekten umzusetzen und das neue Wissen einzusetzen!“

Und wie Phulmaia strahlt sie Freude und Zufriedenheit aus, und auch eine große Portion Zuversicht: „Ich hoffe, diese Aktivitäten gehen noch ein paar Jahre weiter“, erwähnt sie zum Schluss, „das wäre sehr hilfreich, denn dann können wir es alles selbst weiterführen.“

Unterstützt werden die Projektfamilien in diesem Plan vom Komitee der Selbsthilfegruppe, bestehend aus Vorstand und vier weiteren Mitgliedern. Obwohl diese Personen alle selbst Projektteilnehmer sind, setzen sie sich unermüdlich ehrenamtlich ein, um die Maßnahmen zum Erfolg zu bringen. Zahlreiche Schulungen haben sie schon koordiniert und machen täglich Hausbesuche um zu sehen und zu ermutigen, ob das Gelernte auch umgesetzt wird und wo nötig weiteren Input zu geben. Bisher scheint das sehr gut zu funktionieren: „Die meisten setzen die Schulungen um“, berichten die drei Mitglieder des Vorstands, mit denen wir uns an einem Nachmittag zusammensetzen, „und wenn nicht, dann besuchen wir sie und ermutigen, das Wissen, das sie in den Schulungen erhalten haben, auch einzusetzen.“ Für die Selbsthilfegruppe haben sie gemeinsam Regeln erstellt; eventuelle Konflikte löst das Komitee. „Wir besprechen auch, welche Aktivitäten gut laufen oder nicht so gut, und dann konzentrieren wir uns auf die guten.“

Natürlich wird das alles innerhalb der Gruppe abgesprochen, denn Selbsthilfegruppen funktionieren gerade dann gut, wenn die Mitglieder sich gemeinsam für die Zukunft einsetzen. „Wenn wir alle gut zusammenarbeiten, dann können wir die Gruppe zum Wohlstand führen!“, betont der Schriftführer. „Denn wir wollen das Programm natürlich weiterführen! Dafür bilden wir jetzt eine Grundlage: durch Zinsen in der Gruppe, Erwerbstätigkeiten in den Haushalten. Wir als Vorstand sind bereit, unser Dorf auf diesem Weg zu leiten.“

„Wir haben eine Vision“, erklärt der 1. Vorsitzende. „Die Vision, dass unsere Kinder gut ausgebildet sind und die Selbsthilfegruppe stark ist und finanziell und an Wissen gewonnen hat. Dass wir finanziell selbsttragend sind und unser Wissen auch an andere Dörfer weitergeben!“ Und der Kassierer fügt noch hinzu:

„So wie ihr, Helping Hands und NCM Nepal, uns jetzt unterstützt, so möchten wir es unseren Kindern beibringen: dass auch sie andere unterstützen und eine echte ‚Tradition der Unterstützung‘ anderer Menschen und anderer Dörfer entsteht.“

 

Das integrative Kinderzentrum wurde im Januar 2021 in den Dörfern Ithung und Ghalegaun nahe Phidim im östlichen Nepal begonnen. Berichte zum Bildungsaspekt des Kinderzentrums sowie zu den Maßnahmen in Ithung folgen in Kürze.

Um das integrative Kinderzentrum bis zur finanziellen Unabhängigkeit zu begleiten, benötigen wir noch dringend finanzielle Unterstützung! Spenden bitte mit Vermerk „integrative Kinderzentren Nepal“ auf unser Konto bei der KSK Gelnhausen, IBAN: DE56 5075 0094 0000 022394 (zur Online-Spende).

„Vor Ort hat sich schon einiges verändert“

Franzi Huth berichtet aus Nepal

Ankunft und erste Eindrücke

An einem sonnigen Dienstagnachmittag erreichen wir nach einer sechsstündigen Fahrt endlich Tuwachung, eine ländliche Gemeinde im Osten Nepals. Die Gegend liegt inmitten einer bergigen Landschaft, wie sie in vielen Regionen des Landes zu finden ist. Das kleine “Zentrum”, das eher als idyllische Siedlung bezeichnet werden kann, ist umgeben von Bergen und Wäldern, die wiederum mehrere kleine Dörfer beheimaten. Wir erreichen das Zentrum über eine etwas wackelige Brücke, die die einzige Zufahrtsmöglichkeit nach Tuwachung darstellt. Sie führt über einen reißenden Fluss, der die Gemeinde vom Rest der Region trennt.

Besucht ist die Gegend nur sehr selten, in erster Linie wird sie als Zwischenstopp für durchreisende Touristen genutzt, was an den kleinen Cafés sowie dem Hostel direkt am Ortseingang unschwer zu erkennen ist. Zudem befinden sich einige kleinere Shops, die Ähnlichkeiten zu Kiosks in deutschen Städten aufweisen, direkt an der Hauptstraße.

Die Umgebung wirkt wie einem Landschaftskalender entsprungen, die idyllische Brücke über dem Fluss und die umliegenden Berge und Wälder machen die malerische Kulisse perfekt. Trotzdem kann sie über die Armut, die schnell und überall deutlich erkennbar wird, nicht hinwegtäuschen. Die notdürftig gezimmerten Hütten, provisorisch wirkende Ställe und die spärlich gekleideten Kinder zeigen ein deutliches Bild von der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation in Tuwachung.

Aufgrund der mangelnden Infrastruktur in diesen doch sehr ländlichen, abgeschiedenen Dörfern beschränkt sich das Arbeitsangebot fast vollständig auf lokale Landwirtschaft. Somit widmen sich die meisten der Dorfbewohner dem Anbau von Getreide und Gemüse oder auch dem Züchten von Nutztieren. Letztere sind in den Dörfern an jeder Ecke zu finden, neben den unübersehbaren Büffeln und Ziegen läuft einem auch schnell mal eine Henne mit ihren Küken oder eine Gänsefamilie über den Weg. Landwirtschaftliche Erzeugnisse werden zu einem großen Teil selbst verbraucht, untereinander wird oft getauscht. Wer ein paar Hühner hält, kann beispielsweise Eier abgeben und bekommt dafür Mais, Hirse oder Kartoffeln. Darüber hinaus berichten viele Bewohner von ihrem Wunsch, ihre Produkte auch in Kathmandu zu verkaufen, wo sich lokale Erzeugnisse großer Beliebtheit erfreuen.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat sich dessen angenommen und möchte mit sogenannten Income-Generating-Activities (IGAs) helfen, doch dazu später mehr. Zunächst einmal ein allgemeiner Blick auf die Bevölkerung: Diese besteht fast ausschließlich aus Hindus, die zudem der gleichen Kaste angehören. Somit kommt es in Tuwachung – im Gegensatz zu vielen anderen Regionen Nepals – nur sehr selten zu religiösen Konflikten. Auffallend ist darüber hinaus die Demografie und die große Menge an Kindern, die in den Dörfern leben. In so ziemlich jedem Haushalt leben mehrere, die meisten von ihnen noch ziemlich jung.

Bilaterale Entwicklungszusammenarbeit mit dem BMZ

Wie bereits angedeutet, fördert das BMZ unterschiedliche Projekte in verschiedenen Ländern des Globalen Südens. Die in erster Linie finanzielle Unterstützung erfolgt in der Regel nach erfolgreicher Bewerbung einer deutschen Organisation, bzw. eines Vereins. Im Fall von Tuwachung war dieser Verein Helping Hands e. V., der die Dorfgemeinschaft erfolgreich für ein potenzielles Entwicklungsprojekt vorschlug und dafür Fördergelder des Ministeriums erhielt. Die finanzielle Unterstützung kann ganz unterschiedlich eingesetzt werden, in Tuwachung werden davon unter anderem beispielsweise Nutztiere gekauft, um ausgewählten Haushalten eigenständiges Wirtschaften zu ermöglichen, getreu dem Motto “Hilfe zur Selbsthilfe”. Auch ein Wasserauffangbecken wurde auf Kosten des Projekts eingerichtet, um die Bewässerung der Felder auch in Dürrezeiten zu sichern. Zudem nahm sich die Kooperation des dürftigen Gesundheitssystems vor Ort an und beschloss unter anderem, Entwurmungskuren an die Bevölkerung – insbesondere an Kinder – zu verteilen. Diese Kuren sind relativ kostengünstig und einfach zu beschaffen, haben jedoch eine verhältnismäßig große Wirkung für die Gesundheit der Bewohner. Bereits 2008 wurde ihr positives Kosten-Nutzen-Verhältnis im Rahmen des Kopenhagener Konsens betont und wird seit jeher als beliebtes Ernährungsprogramm in Projekten des Globalen Südens eingesetzt.

Bisher kleinere Teilerfolge

Seitdem das Projekt in Kooperation mit dem BMZ vor einem Jahr startete, hat sich vor Ort einiges verändert. Bereits jetzt deuten sich erste Erfolge der Zusammenarbeit an. So zum Beispiel sehen einige Bewohner einem Rückgang in der Kinderarbeit, die noch heute vermehrt in vielen ländlichen Gebieten Nepals auftritt. Das Projekt unterstützt die lokale Schulbildung finanziell, indem es die Schulgebühren sowie verschiedene Materialien wie Schulranzen, Blöcke oder Stifte zur Verfügung stellt. Die Wirkung dessen ist bereits jetzt erkennbar: Kinder besuchen die Schule nun deutlich länger als noch vor einem Jahr, als der Großteil der Schüler nach der 6. oder 7. Klasse die Schule abbrechen und in der Landwirtschaft arbeiten musste. Heute sieht das Ganze anders aus: Über 90% der 12–15-Jährigen besuchen die lokale Schule, die meisten von ihnen streben darüber hinaus eine Einschreibung in der nächstgelegenen High School an. Die positive Entwicklung ist vermutlich nicht zuletzt auf die Bemühungen des Projekts zurückzuführen, das Familien die Bedeutung von Bildung nahebringt und sie finanziell in diesem Vorhaben unterstützt.

Doch nicht nur Kinder, sondern auch ihre Eltern können von den Bildungsprogrammen des Ministeriums profitieren: In sogenannten “Self Help Groups” (SHGs) schließen sie sich mit jeweils 24 weiteren Dorfbewohnern zusammen, um gemeinsam zu sparen. Monatlich wird ein kleiner Teil des – zugegebenermaßen zumeist bescheidenen – Einkommens gespart und anschließend an ein ausgewähltes SHG-Mitglied ausgezahlt. Meistens wird das Geld, ähnlich wie ein Kredit, als Startkapital verwendet, um beispielsweise einen kleinen Shop zu eröffnen oder Tiere für die Landwirtschaft zu kaufen. Im Laufe der nächsten Monate wird das Geld Stück für Stück an die Gruppe zurückgezahlt, inklusive Zinsen. Ziel ist hierbei, den einzelnen Gruppenmitgliedern den Start in die Selbstständigkeit zu ermöglichen und somit – ganz im Sinne der “Hilfe zur Selbsthilfe“ – ein Stück weit finanzielle Sicherheit zu gewährleisten. Was auf den ersten Blick wirkt wie ein klassischer Mikrokredit, unterscheidet sich von diesem einerseits durch seine Informalität, vor allem aber darin, dass die Gruppenmitglieder nicht von einem Kreditinstitut in Abhängigkeit gebracht werden, sondern die Gruppengelder selbstbestimmt verwalten und damit auch das Potenzial entfalten, die weitere Entwicklung ihrer Dörfer selbst in die Hand zu nehmen.

Ergänzt werden die SHGs mit sogenannten „Income Generating Activities” (IGAs), die in erster Linie aus Schulungen im Umgang mit Finanzen bestehen. Was zunächst aufwändig und umfangreich klingt, wird in der Praxis relativ einfach umgesetzt: Ein Experte aus der Finanzbranche (hierbei ist es den Initiatoren besonders wichtig, dass es sich um einen „local“, also einen Nepalesen, handelt) besucht auf Kosten des Projekts das Dorf und unterrichtet interessierte Bewohner in Grundlagen der Haus- und Betriebswirtschaft. Somit lernen sie, einen eigenen Laden möglichst effizient zu führen oder landwirtschaftliche Erzeugnisse gewinnbringend zu verkaufen. Insbesondere jetzt, wo einige Dorfbewohner den Wunsch äußern, ihr Gemüse und Getreide in Kathmandu zu verkaufen, könnten die IGAs eine entscheidende Unterstützung darstellen.

Langfristige Wirkung schwer absehbar

Bei all den positiven ersten Eindrücken muss jedoch berücksichtigt werden, dass das Projekt – Stand heute – erst ca. ein Jahr alt ist. Im Oktober 2021 wurde es quasi inmitten der Corona-Pandemie etabliert. Diese nahm zwar auf den ersten Blick keinen großen Einfluss darauf, trotzdem zeigt sie uns, wie fragil die globale Entwicklung ist und wie schnell entsprechende Fortschritte verloren gehen können. Dies wurde während der letzten zweieinhalb Jahre nicht nur in verschiedenen Gegenden Nepals, sondern auch in vielen weiteren Regionen dieser Welt spürbar deutlich. Aufgrund dessen sind die sich abzeichnenden Erfolge zunächst einmal mit Vorsicht zu genießen. Die langfristigen Auswirkungen des Projekts vor Ort sind derzeit einfach noch nicht abschließend feststellbar, dies wird letztlich die Zeit zeigen.

Jedoch sind das Programm und die Unterstützung des BMZ durchaus jetzt schon als sinnvoll zu betrachten, und zwar nicht nur aufgrund der einzelnen Fortschritte individueller Bewohner. Die wirtschaftliche und somit auch gesellschaftliche Situation vor Ort ist noch immer prekär: Derzeit leben etwa drei Viertel der örtlichen Bevölkerung unterhalb der offiziellen, nepalesischen Armutsgrenze. Hierfür gibt es einen einleuchtenden Erklärungsansatz: das heimische Bildungswesen. Bildung wurde in den vergangenen Jahren oft vernachlässigt, da Schüler als unterstützende Arbeitskräfte in der Landwirtschaft benötigt wurden. Nun sind Schulbesuche jedoch innerhalb eines Jahres sichtbar angestiegen, was vermutlich nicht zuletzt auf die finanzielle Unterstützung des Projekts zurückzuführen ist. Doch das Projekt unterstützt Familien noch auf einem weiteren Weg: Indem Eltern mit Hilfe der IGAs die Bedeutsamkeit von Bildung und Schulabschlüssen für den Austritt aus der Armut nähergebracht wird, wächst deren Eigeninteresse an einem möglichst ausgeprägten Bildungsweg für ihre Kinder.

Noch bleibt einiges zu tun

Trotz bisheriger Anstrengungen und sichtbarer Erfolge bleibt noch vieles offen. Ein Spaziergang durch die umliegenden Dörfer legt insbesondere ein Problem unmissverständlich dar: der regionale Umgang mit Abfall, der keinen größeren Gegensatz zu unserer typisch deutschen Mülltrennung aufweisen könnte. Überall liegen leere Plastikwasserflaschen, Müllbeutel und Verpackungsreste auf dem Boden, kreuz und quer auf den Feldwegen und im umliegenden Gestrüpp.

Doch nicht nur immer größer werdende Müllberge stellen ein (potenzielles) Problem für die Gemeinde dar. Darüber hinaus fehlt es in vielen Haushalten noch immer an Elektrizität, was natürlich in erster Linie auf die mangelnde Infrastruktur in der ländlichen Gemeinde zurückzuführen ist. Was für die Bewohner tagsüber nur bedingt ein Hindernis darstellt, wird abends, nach Anbruch der Dunkelheit, durchaus problematisch. Die fehlende Elektrizität führt zum Mangel an elektrischem Licht, vom Internet ganz zu schweigen. Obwohl das BMZ immer wieder die Bedeutsamkeit von Bildung für nachhaltige Entwicklung betont, scheint dies doch ein bedeutsames Hindernis für das Lesen und Lernen zu sein.

Ein weiteres Problem zeigt sich schnell bei einer Führung durch eines der Dörfer, nur wenige Kilometer außerhalb des Gemeindezentrums. Stolz zeigen uns die Bewohner ein eher provisorisch wirkendes Wasserauffangbecken, das das Projekt ihnen bereitstellt. Hierin wird Regenwasser gesammelt, um während der Dürreperioden, die in der Gegend häufig auftreten, Wasser zur notwendigsten Versorgung verfügbar zu haben. Schnell wird jedoch klar, dass diese Becken nicht einmal annähernd genug Wasser sammeln können, um die umliegenden Agrarflächen zu bewirtschaften. Die Region ist jedoch abhängig von effizienter Landwirtschaft und ihrer Erzeugnisse.

Bei unserem Besuch in Tuwachung wird also schnell klar, noch bleibt einiges zu tun. Das Projekt in Kooperation mit dem BMZ ist auf insgesamt dreieinhalb Jahre angesetzt, eines davon ist bereits vergangen. Die bisherige Entwicklung bestätigt den Erfolg der bisherigen Herangehensweise, Universallösung aller Probleme vor Ort ist sie jedoch nicht. Inwieweit die Unterstützung des Ministeriums nachhaltige Entwicklung für die Region und positive Veränderungen für ihre Bewohner bringt, wird sich wohl erst im Laufe der nächsten Jahre abschließend zeigen.

 

Franzi Huth absolvierte im Rahmen ihres Master-Studiengangs in Development Studies von August bis Oktober 2022 ein Praktikum bei unserem Partner NCM Nepal. Dabei konnte sie auch zwei von Helping Hands geförderte Projekte besuchen und evaluieren.

Anmerkung: Das beschriebene Projekt in Tuwachung liegt im Bezirk Khotang; in früheren Berichten zu diesem Projekt wurde diese Ortsangabe verwendet.

 

paXan 2022 Libanon: Stecker, Staub und Spachtelmasse – und viel Segen

paXan-Team richtet Computerlabor für die NES-Schule in Beirut ein

Die Mauernutfräse schreit. Zahlreiche Staubwolken später erscheinen zwei tiefe Furchen in der Wand. Doch damit ist die Arbeit noch nicht getan: Mit Hammer und Meißel muss der schmale Schacht freigeklopft werden, harte Knochenarbeit bei Hitze, Staub und hoher Luftfeuchtigkeit. Mal in fingerlangen Stücken, mal in winzigen Splittern bröckelt das Mauerwerk auf den sorgfältig abgedeckten, da neugefliesten Boden. Immer wieder probiert man, ob das Leerrohr schon passt? Nein, leider noch nicht tief genug: Es wird weiter gehämmert, manchmal muss auch die Fräse ein zweites Mal ran. Endlich liegen die Kanäle frei. Die Kabel werden ins Leerrohr eingezogen, dann geht es ans Spachteln … und Schmirgeln … und wieder Spachteln. Wie spachtelt man eine Wand, die von der Sonne wie eine Herdplatte erhitzt wird?? (Richtig: spät in der Nacht, wenn man vom Zedernwald zurück ist.) Und wieder Schmirgeln: Die Staubhauben türmen sich auf den schmalen Rändern der abgeklebten Steckdosen. Endlich kann saubergemacht und der Raum in schönem Kaffeebraun gestrichen werden, ein kleiner Tribut an die vielen Tassen libanesischen Espressos, die uns immer wieder mit neuer Energie versorgt haben.

Ein Computerlabor für die NES-Schule in Beirut, das klingt vielleicht erst einmal wie ein Projekt für Privilegierte. Aber in Wirklichkeit ist es dringend notwendig. Die Wirtschaft im Libanon bröckelt seit vielen Jahren, inzwischen ist eigentlich nur noch ein Trümmerhaufen übrig. In dem ehemals durchschnittlich verdienenden Land im Nahen Osten leben inzwischen über 80% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Korruption und immer wieder neue Katastrophen sorgen dafür, dass die Lage sich kontinuierlich verschlechtert. Wer kann, verlässt das Land.

Aber viele können nicht: auch die meisten der Familien, deren Kinder die NES-Schule besuchen. Eine Mehrzahl dieser Kinder hätte überhaupt keine Chance auf eine Schulbildung, wenn die Schulleitung der NES nicht alles täte, um so viele Kinder wie möglich in den engen Klassenräumen unterzubringen. Der hingebungsvolle Einsatz und die tausenden Überstunden des Personals ermöglichen hunderten von Kindern eine erfolgreiche Zukunft; einen Schulabschluss, der vor Ort hoch geachtet wird, und dazu ein gesundes Selbstbewusstsein, das Wissen, wertvoll und wertgeschätzt zu sein.

Doch trotz der derzeitigen Lage ist natürlich auch der Libanon schon längst im digitalen Zeitalter angekommen. Wenn die Schüler als Jugendliche die NES verlassen, benötigen sie grundlegende IT-Fähigkeiten, um auf dem Arbeitsmarkt oder ggf. im Studium eine wirkliche Chance zu haben. Und deshalb hoffte die NES schon seit Jahren, ein adäquates Computerlabor in der Schule einzurichten, wo die Schüler lernen können, was sie zum Überleben und Gedeihen in der modernen Welt brauchen.

Dank der großzügigen Spenden aus dem Berliner Joggathon und dem unermüdlichen Einsatz eines paXan-Teams ist diese Hoffnung nun zur Wirklichkeit geworden. Ein fünfköpfiges Team kam am 5. September in Beirut an; die Schule hatte vorher schon dafür gesorgt, dass im Mehrzweckraum die nicht mehr benötigte Bühne abgebaut und der Boden neu gefliest wurde. Das deutsche Team kümmerte sich dann zehn Tage lang um die Verkabelung unter Putz und montierte neue Steckdosen, beseitigte Wasserschäden im Raum und auf dem darüberliegenden Dach-Spielplatz, renovierte die Wände und versah sie mit neuem Anstrich. Das libanesische Team unterstützte durch unzählige Hilfeleistungen und unentwegte Ermutigung, kümmerte sich um Türen und Schränke, mobilisierte Schüler für einen Putznachmittag und montierte am letzten Tag die vorgefertigten Computer-Tische, die außerhalb der Kurszeiten heruntergeklappt werden, sodass die Halle weiterhin als Mehrzweckraum genutzt werden kann. Computerkurse für bis zu 26 Schüler können nun hier stattfinden; die ersten Laptops dafür hatte das Team gleich aus Deutschland mitgebracht.

Es war ein müdes aber sehr zufriedenes Team, das am 15. September vom libanesischen Sommer in den deutschen Frühwinter zurückflog. Noch bei keinem paXan-Einsatz haben wir so viel feinen Staub produziert, so durchgehend geschwitzt oder so effektiv unsere erledigte Arbeit unterm nächsten Arbeitsschritt wieder versteckt. Noch bei keinem Einsatz wurden wir vom Team vor Ort so herzlich umsorgt, so beständig ermutigt und uns so unaufhörlich der Segen Gottes zugesprochen. Und das ist auch ein Segen, den wir mitnehmen durften: von unseren Freunden im Libanon zu lernen, wie man auch in einer wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch aussichtslosen Situation eine solch authentische Dankbarkeit ausstrahlen kann, eine echte Lebensfreude und eine tiefe Motivation, mich dort einzusetzen, wo ich gebraucht werde.

das paXan-Team 2022 Libanon

 

GEBRAUCHT: Es werden noch Laptops für das Computerlabor gebraucht. Bitte keine Laptops mehr als Sachspende vorbeibringen! Wir freuen uns aber weiterhin über Geldspenden für Laptops, die im Libanon gekauft werden; 16 Laptops werden noch benötigt (pro Laptop ca. 450 EUR). Spenden bitte mit Vermerk „Computerlabor NES“ o.ä.

Vor allem aber sind wir weiterhin dankbar für jegliche Unterstützung für den NES-Studienfond, der Kindern den Schulbesuch an der NES ermöglicht. Spenden bitte mit Vermerk „NES Studienfond“ (Online-Spende); weitere Infos finden Sie auf unserer Seite zum Jahresprojekt 2020.

Chancen in der Krise

Update aus der Ukraine

Über ein halbes Jahr dauert der Krieg in der Ukraine nun an. Millionen sind geflüchtet, aber viele Millionen harren noch immer aus in einem Land, in dem das tägliche Überleben keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Und die, die ihre Heimat verlassen haben, sind oft hin- und hergerissen: fortbleiben, dort, wo es sicher ist, oder heimgehen, dorthin, wo sie vielleicht gebraucht werden?

Im August konnten wir Vladimir und Sylvia treffen, die die Arbeit unseres Partners in der Ukraine leiten und derzeit von Polen aus ihren Dienst fortsetzen – zum Beispiel auch, Geflüchtete zu besuchen und sie zu ermutigen.

Unzählige Geschichten haben sie schon gehört, Geschichten von Trennung und Sorge, von Freundschaft und unerwartetem Willkommen, von Hoffnungslosigkeit und von neuem Mut. Und dann sind da natürlich die täglichen Bilder aus der Ukraine: Bilder der Zerstörung, ganze Städte in Trümmern, vernichtete Infrastruktur. „Es wird vielleicht dreißig Jahre dauern, um alles wiederherzustellen“, vermutet Vladimir. Und noch ist der Krieg nicht vorbei!

Aber die Krise bietet auch neue Möglichkeiten. „Wir sehen das wirklich auch als Chance“, betont Sylvia, „eine Chance, nach dem Krieg verschiedene Dienste in einem besseren Format neu aufzubauen.“

Dazu gehören zum Beispiel die Rehazentren für Drogen- und Alkoholabhängige, die Helping Hands schon in der Vergangenheit unterstützt hat. Oder eine Art Ausbildungszentrum, in dem diese Menschen einen Beruf erlernen oder ein kleines Unternehmen aufbauen können, um unabhängig zu werden.

„Wir möchten auch in die neue Generation investieren, durch Bildung und ähnliches“, fügt Vladimir hinzu. „Das ist Teil unserer Vision für den Wiederaufbau. Und wir dürfen die Senioren nicht vergessen. Sie gehörten schon vor der Krise zu den gefährdeten Bevölkerungsgruppen, aber jetzt sind sie noch viel schlimmer dran.

Ein weiterer Fokus sollte auf Familien sein. Dieser Krieg hat sie hart getroffen – die Trennung, physische Trennung aber auch in anderen Bereichen, die Kinder leiden unter Kriegsneurose – wir müssen darauf vorbereitet sein, ihnen zu helfen, ich bin noch nicht sicher wie genau, aber vor allem psychisch und geistlich. Gebäude sind da erst mal nebensächlich! Wir müssen auf die Traumata eingehen, und ganz wichtig: Versöhnungsarbeit leisten. Und dabei sollten wir nicht warten, bis der Krieg vorüber ist. Soweit möglich müssen wir jetzt schon aktiv werden!“

Das ist natürlich gar nicht so einfach. In der Ukraine konzentriert die Hilfe sich derzeit noch auf dringend benötigte Lebensmittel und Hygieneartikel. Aber außerhalb sind schon viele gute Initiativen angestoßen worden.

Eine davon ist das „Sweet Surrender“ Café in Poznań, Polen. Vor fast zwanzig Jahren hat Helping Hands dieses Sozialprojekt unterstützt. Zwischenzeitlich war es geschlossen, doch jetzt wurde es wiedereröffnet als ein Gemeinschaftshaus für Flüchtlinge aus der Ukraine; zu den Angestellten gehören Ukrainer und Polen. Zuerst ging es darum, den Menschen dabei zu helfen, richtig anzukommen und sich einzuleben. Jetzt werden unter der Woche verschiedene Programme angeboten: In vier Sprachkursen und zwei Gesprächs-Clubs können Polnisch und Englisch gelernt werden; Frauen treffen sich einmal pro Woche für eine Kaffeestunde; Kinder und Jugendliche spielen, lernen und lachen gemeinsam in wöchentlichen Clubs, in denen sie auch polnische Jugendliche kennenlernen können; seit kurzem wird Kunst-Therapie angeboten, um u.a. Trauma zu verarbeiten. Auch Musikunterricht, Spielabende, Kochkurse und Gruppentherapie gehören zum Programm.

„Die Leiter konzentrieren sich darauf, herauszufinden, was die Ukrainer im Moment brauchen“, erklärt Sylvia. „Sie leisten wirklich gute Arbeit und bieten den Menschen einen sicheren Raum, in dem sie nicht nur Zeit verbringen, sondern auch wachsen können.“

Und Vladimir fasst zusammen: „Was die Menschen mit am wichtigsten brauchen, ist das Gefühl, dass sie nicht alleine sind.“

 

Wenn Sie uns dabei unterstützen möchten, den Menschen der Ukraine langfristig Hoffnung zu schenken, spenden Sie bitte mit Vermerk „Ukraine-Krise“ über unsere Online-Spende oder per Überweisung auf unser Konto (IBAN: DE56 5075 0094 0000 022394).

Nur noch 5%!

Schulen in Vidrare und Tarnava, Bulgarien, feiern Erfolge

Welch ein Erfolg!

Seit zwanzig Jahren arbeitet unser örtlicher Partner in Bulgarien mit der Dorfschule in Vidrare zusammen. Damals lag der Anteil der Kinder, die die Schule abbrechen, bei 60%. Die meisten Kinder kommen aus sehr schwierigen Verhältnissen, leiden unter großer Armut, werden von zuhause kaum gefördert, manche leben in den Bergen um Vidrare und müssen schon vor der Schule bei der Arbeit helfen.

Nach zwanzig Jahren unermüdlichen Einsatzes – u.a. durch Beratung, individuelle Förderung und viele, viele Hausbesuche – ist die Schulabbruchrate im letzten Schuljahr auf 5% gesunken. Die Schulleitung hofft, diesen Prozentsatz im kommenden Schuljahr auf 0% zu senken.

Derzeit ist die Schule in Vidrare ein Zuhause für 50 Roma-Kinder der Klassen 4 bis 7, die aus fünf verschiedenen Orten kommen. Die Schule bietet Essen für alle und Unterkunft für diejenigen, die aus anderen Dörfern kommen. Außerdem gibt es zusätzliche Hilfe für die gefährdeten Familien, einschließlich psychologischer Beratung und sozialer Unterstützung. Während der Covid-19-Pandemie wurde die Schule zu einer Drehscheibe für die Sammlung und Verteilung von Lebensmitteln und Kleidung aus der gesamten Region für die Bedürftigen.

Seit einigen Jahren kümmert sich Zhana, Leiterin unseres örtlichen Partners, auch um eine zweite Schule in der Region, in der Kleinstadt Tarnava nahe der rumänischen Grenze. Sie berichtet:

„Die Schule in Tarnava hat Schüler aus zwei Dörfern – Tarnava und Altimir – und hat insgesamt 160 Kinder. 90 Prozent von ihnen stammen aus Roma-Familien. Das Leben der Schule ist eng mit dem Dorfleben verbunden. Die Kinder werden in alle Aktivitäten der Gemeinschaft einbezogen, was dazu beiträgt, ihre Begabungen und Talente zu entdecken und zu entwickeln und ein gutes Selbstwertgefühl aufzubauen. Die meisten Schüler leben in zwei getrennten Roma-Vierteln, und die Teilnahme am Gemeinschaftsleben ist der Ort, an dem sich beide Kulturen (die der Roma und die der Bulgaren) begegnen, wo sie Erfahrungen sammeln und sich gegenseitig wertschätzen lernen.

Die Schule bietet Frühstück und Mittagessen für alle Kinder an. Außerdem bietet die Schule den Kindern auch viele Möglichkeiten für Aktivitäten nach der Schule, wie z. B. den „Young Lady“-Club, traditionelle und moderne Tänze, den Schachclub, den Souvenirclub, den „Young Chefs“-Club usw.  Die Schule bietet auch zusätzliche Klassen für die bulgarische Sprache und Mathematik an. Wie der Direktor der Schule erklärt hat, ist es sein Ziel, „Kindern die Möglichkeit zu geben, ihr Potenzial unabhängig von ihrer aktuellen Situation zu entwickeln.“

Viele der Absolventen setzen ihre Ausbildung fort, und in den letzten Jahren haben viele von ihnen ein Hochschulstudium abgeschlossen. Zwei von ihnen sind jetzt Lehrer an der Schule.“

An diesen großartigen Entwicklungen durften auch Sie beteiligt sein! Durch Ihre Spenden über Helping Hands konnten über die Jahre schon viele kleine oder größere Projekte an beiden Schulen gefördert werden.

Die finanzielle Unterstützung im Rahmen des letzten Weihnachtstransportes wurde für das Heizungsprogramm in den Grundschulen in Vidrare und Tarnava verwendet. Die Spende wurde auf beide Schulen aufgeteilt und für den Kauf von Paletten (Tarnava) und Propan (Vidrare) für die Heizungsanlagen der Schulen verwendet.

Zhana schreibt:  „Beide Gemeinden, in Vidrare und Tarnava, möchten Ihnen für Ihre Hilfe und Ihr Engagement in ihrem Leben danken. Wir sind davon überzeugt, dass alle Bemühungen, Kindern zu helfen und sie zu unterstützen, nicht nur eine Investition in die Zukunft sind.  Wir sehen bereits jetzt verschiedene Gemeinschaften, die sich gegenseitig akzeptieren und versuchen, einander zu verstehen, und die auch zusammen leben. Wir danken Ihnen für Ihre Investition und Ihr großzügiges Herz!

 

Foto: Schüler in Vidrare bei einer kulturellen Veranstaltung.