paXan 2022 Libanon: Stecker, Staub und Spachtelmasse – und viel Segen

paXan-Team richtet Computerlabor für die NES-Schule in Beirut ein

Die Mauernutfräse schreit. Zahlreiche Staubwolken später erscheinen zwei tiefe Furchen in der Wand. Doch damit ist die Arbeit noch nicht getan: Mit Hammer und Meißel muss der schmale Schacht freigeklopft werden, harte Knochenarbeit bei Hitze, Staub und hoher Luftfeuchtigkeit. Mal in fingerlangen Stücken, mal in winzigen Splittern bröckelt das Mauerwerk auf den sorgfältig abgedeckten, da neugefliesten Boden. Immer wieder probiert man, ob das Leerrohr schon passt? Nein, leider noch nicht tief genug: Es wird weiter gehämmert, manchmal muss auch die Fräse ein zweites Mal ran. Endlich liegen die Kanäle frei. Die Kabel werden ins Leerrohr eingezogen, dann geht es ans Spachteln … und Schmirgeln … und wieder Spachteln. Wie spachtelt man eine Wand, die von der Sonne wie eine Herdplatte erhitzt wird?? (Richtig: spät in der Nacht, wenn man vom Zedernwald zurück ist.) Und wieder Schmirgeln: Die Staubhauben türmen sich auf den schmalen Rändern der abgeklebten Steckdosen. Endlich kann saubergemacht und der Raum in schönem Kaffeebraun gestrichen werden, ein kleiner Tribut an die vielen Tassen libanesischen Espressos, die uns immer wieder mit neuer Energie versorgt haben.

Ein Computerlabor für die NES-Schule in Beirut, das klingt vielleicht erst einmal wie ein Projekt für Privilegierte. Aber in Wirklichkeit ist es dringend notwendig. Die Wirtschaft im Libanon bröckelt seit vielen Jahren, inzwischen ist eigentlich nur noch ein Trümmerhaufen übrig. In dem ehemals durchschnittlich verdienenden Land im Nahen Osten leben inzwischen über 80% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Korruption und immer wieder neue Katastrophen sorgen dafür, dass die Lage sich kontinuierlich verschlechtert. Wer kann, verlässt das Land.

Aber viele können nicht: auch die meisten der Familien, deren Kinder die NES-Schule besuchen. Eine Mehrzahl dieser Kinder hätte überhaupt keine Chance auf eine Schulbildung, wenn die Schulleitung der NES nicht alles täte, um so viele Kinder wie möglich in den engen Klassenräumen unterzubringen. Der hingebungsvolle Einsatz und die tausenden Überstunden des Personals ermöglichen hunderten von Kindern eine erfolgreiche Zukunft; einen Schulabschluss, der vor Ort hoch geachtet wird, und dazu ein gesundes Selbstbewusstsein, das Wissen, wertvoll und wertgeschätzt zu sein.

Doch trotz der derzeitigen Lage ist natürlich auch der Libanon schon längst im digitalen Zeitalter angekommen. Wenn die Schüler als Jugendliche die NES verlassen, benötigen sie grundlegende IT-Fähigkeiten, um auf dem Arbeitsmarkt oder ggf. im Studium eine wirkliche Chance zu haben. Und deshalb hoffte die NES schon seit Jahren, ein adäquates Computerlabor in der Schule einzurichten, wo die Schüler lernen können, was sie zum Überleben und Gedeihen in der modernen Welt brauchen.

Dank der großzügigen Spenden aus dem Berliner Joggathon und dem unermüdlichen Einsatz eines paXan-Teams ist diese Hoffnung nun zur Wirklichkeit geworden. Ein fünfköpfiges Team kam am 5. September in Beirut an; die Schule hatte vorher schon dafür gesorgt, dass im Mehrzweckraum die nicht mehr benötigte Bühne abgebaut und der Boden neu gefliest wurde. Das deutsche Team kümmerte sich dann zehn Tage lang um die Verkabelung unter Putz und montierte neue Steckdosen, beseitigte Wasserschäden im Raum und auf dem darüberliegenden Dach-Spielplatz, renovierte die Wände und versah sie mit neuem Anstrich. Das libanesische Team unterstützte durch unzählige Hilfeleistungen und unentwegte Ermutigung, kümmerte sich um Türen und Schränke, mobilisierte Schüler für einen Putznachmittag und montierte am letzten Tag die vorgefertigten Computer-Tische, die außerhalb der Kurszeiten heruntergeklappt werden, sodass die Halle weiterhin als Mehrzweckraum genutzt werden kann. Computerkurse für bis zu 26 Schüler können nun hier stattfinden; die ersten Laptops dafür hatte das Team gleich aus Deutschland mitgebracht.

Es war ein müdes aber sehr zufriedenes Team, das am 15. September vom libanesischen Sommer in den deutschen Frühwinter zurückflog. Noch bei keinem paXan-Einsatz haben wir so viel feinen Staub produziert, so durchgehend geschwitzt oder so effektiv unsere erledigte Arbeit unterm nächsten Arbeitsschritt wieder versteckt. Noch bei keinem Einsatz wurden wir vom Team vor Ort so herzlich umsorgt, so beständig ermutigt und uns so unaufhörlich der Segen Gottes zugesprochen. Und das ist auch ein Segen, den wir mitnehmen durften: von unseren Freunden im Libanon zu lernen, wie man auch in einer wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch aussichtslosen Situation eine solch authentische Dankbarkeit ausstrahlen kann, eine echte Lebensfreude und eine tiefe Motivation, mich dort einzusetzen, wo ich gebraucht werde.

das paXan-Team 2022 Libanon

 

GEBRAUCHT: Es werden noch Laptops für das Computerlabor gebraucht. Bitte keine Laptops mehr als Sachspende vorbeibringen! Wir freuen uns aber weiterhin über Geldspenden für Laptops, die im Libanon gekauft werden; 16 Laptops werden noch benötigt (pro Laptop ca. 450 EUR). Spenden bitte mit Vermerk „Computerlabor NES“ o.ä.

Vor allem aber sind wir weiterhin dankbar für jegliche Unterstützung für den NES-Studienfond, der Kindern den Schulbesuch an der NES ermöglicht. Spenden bitte mit Vermerk „NES Studienfond“ (Online-Spende); weitere Infos finden Sie auf unserer Seite zum Jahresprojekt 2020.

Ein ganz normaler Schultag

NES-Schule in Beirut, Libanon, hat mehr Schüler als je zuvor

Ein ganz normaler Schultag! Am Vormittag Französisch und Mathe, nach der großen Pause die erste Klassenarbeit in Arabisch. Dann ein bisschen Sportunterricht, und nach der zweiten Pause dürfen die Klassen 4 bis 9 noch im Hof bleiben: Denn jetzt wird der Schulsprecher gewählt. Die Kandidaten halten eine kurze Rede, ihre Mitschüler applaudieren, klar zeichnet sich der Klassensprecher der 9. Klasse als Spitzenkandidat hervor. Dann stellen die Kinder sich klassenweise an zwei bunten Stellwänden an, hinter denen sie ganz anonym ihre Stimme abgeben dürfen. Die Fünftklässler jubeln, als die Glocke ertönt: Eine gesamte Schulstunde hat die Wahl gedauert!

Ein ganz normaler Schultag? Zugegeben: Es wird nicht jeden Tag ein Schulsprecher gewählt. Aber regelmäßiger Unterricht, der einem mal mehr, mal weniger Spaß macht, ab und zu eine Klassenarbeit, Spiel und Spaß in den Pausen, Freunde zum Lachen, sich Streiten und Wieder-Vertragen, Lehrer, die am Fortschritt ihrer Schützlinge interessiert sind – all das gehört zum Schulalltag dazu. Und genau das ist, was sich viele Kinder im Libanon Morgen für Morgen wünschen: einfach einen ganz normalen Schultag!

Aber wie so vieles im Libanon ist auch das nicht selbstverständlich. Dort müssen die Kinder nicht nur das Trauma von monatelangen Lockdowns, Gewalt auf der Straße und der verheerenden Explosion im vergangenen Jahr verarbeiten. Jeder Tag bringt eine neue Krise, keiner weiß, was Morgen droht, das Land versinkt im Chaos und die Erwachsenen haben schon längst aufgegeben, sich über den wirtschaftlichen Untergang aufzuregen – es hilft ja doch nichts.

Und wie immer ist die NES-Schule in Beirut eine Oase des Friedens im Chaos: oder noch viel mehr denn je. 327 Schüler hat die Schule dieses Schuljahr aufgenommen, mehr als irgendein anderes Jahr seit dem Bürgerkrieg – die Klassenräume platzen aus allen Nähten. Und jeden Tag kommen weitere Eltern und flehen die Schulleiterin an, ihren Kindern einen Schulplatz zu gewähren. Die öffentlichen Schulen sind im Streik und haben den Schulbetrieb noch immer nicht aufgenommen. Und überhaupt könnten viele der NES-Schüler gar keine staatliche Schule besuchen oder wären dort extremer Ausgrenzung ausgesetzt – zum Beispiel die 133 syrischen Kinder, aber auch die 62 Kinder von Gastarbeitern aus Äthiopien und Ägypten, Nigeria, dem Sudan und der Elfenbeinküste, aus Sri Lanka, Indien und Bangladesch, aus China und Korea, Palästina und Irak.

Ein ganz normaler Schultag: Für die Kinder im Libanon ist die NES ein Anker im Sturm, ein Ort der Zuflucht, der Geborgenheit. Wenn man mit ihnen auf dem Schulhof steht, ihr unbekümmertes Lachen hört, im Getöse der großen Pause dem Fußball ausweicht, beim Klassenfoto-Schießen zusammen Spaß hat und ihnen nach der 7. Stunde nachwinkt, wenn sie am Schultor von Eltern oder Schulbus abgeholt werden, dann kann man beinahe vergessen, dass ihre Welt am Auseinanderbrechen ist.

Und selbst wenn die Wirtschaftskrise früher oder später überwunden sein sollte, wird die Bevölkerung, von der inzwischen 75% unter der Armutsgrenze lebt, noch lange brauchen, bis sich ihre Lage stabilisiert hat. Deshalb möchten wir mit unserem NES-Studienfond auch vorsorgen: damit jedes neue Schuljahr für so viele Kinder wie möglich mit einem ganz normalen Schulalltag beginnen kann. Wenn Sie für den NES Studienfond spenden möchten, dann wählen Sie bitte „NES Studienfond (Libanon)“ auf unserem Online-Spendenformular.

(Weitere Infos zur derzeitigen Lage im Libanon finden Sie im Blog-Artikel von Anfang Oktober.)

Gemeinsam können wir so viel!

Die NES-Schule in Beirut, Libanon, beginnt mit dem neuen Schuljahr

„Es ist einfach unglaublich – und wir sind machtlos dagegen.“ Marlene, die Schulleiterin der NES in Beirut, Libanon, findet kaum Worte, um die unfassbare Situation in ihrem Land zu beschreiben. „Der Wechselkurs unserer Währung hat sich verzehn- oder fünfzehnfacht. Ein Gehalt, das mal 1000 Dollar wert war, ist jetzt nur noch 80 Dollar wert. Die ärmeren Familien können sich nicht mal das Essen im Supermarkt leisten. Käse – unerschwinglich. Und Fleisch erst recht! Also bringen unsere Schüler trockenes Brot als Mittagessen mit. Benzin, Bücher, Kleidung … alles zehnmal so teuer wie noch vor ein paar Monaten. Und wir reden gar nicht erst über Medikamente! Wir können nur zuschauen, wie alles von Tag zu Tag schlimmer wird – und sind machtlos.“

Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – hat die NES-Schule diese Woche mit dem neuen Schuljahr begonnen. Am Mittwoch wurden die Kindergartenklassen und die Klasse 9 mit einem bunten „Back to School“-Programm willkommen geheißen, am Freitag folgen Klassen 1-3, am Montag Klassen 6-8, und am kommenden Mittwoch schließlich Klassen 4-5. Warum nur jeden zweiten Tag?

„Wir können es uns nicht leisten, jeden Tag Unterricht zu machen. Es ist fast nie Strom da, sodass unser Generator ständig laufen muss. Aber der Kraftstoff dafür ist einfach zu teuer! Und außerdem können wir von unseren Lehrern nicht erwarten, jeden Tag herzukommen. Eine Tankfüllung kostet so viel wie ein Monatsgehalt – und der Preis wird ständig noch erhöht. Man steht auch einen ganzen Tag dafür an. Deshalb haben wir entschieden, jeweils am Montag, Mittwoch und Freitag Unterricht in der Schule zu machen, und für Dienstag und Donnerstag geben wir Aufgaben mit nach Hause. Online-Unterricht ist auch keine Option mehr – es hat ja fast niemand Internet oder einigermaßen regelmäßig Strom.“

Aber der Unterricht soll weitergehen, schon, um den Kindern wenigstens ein bisschen Stabilität zu geben, während die Welt um sie herum auseinanderbricht. 260 Kinder sind für dieses Schuljahr an der NES angemeldet – mehr als im Vorjahr – und fast alle brauchen finanzielle Unterstützung. Da ist der Studienfond, den wir als das Helping Hands Jahresprojekt 2020 ins Leben gerufen haben, eine riesige Hilfe! Zu den Kosten pro Kind zählen unter anderem die regulären Schulgebühren, aber auch Transport im Schulbus, Bücher, Uniformen. Schulbücher können im Zweifelsfall durch Kopien ersetzt werden, aber die Uniformen wurden auf Bitte der Eltern beibehalten, da ein T-Shirt im Laden noch viel teurer ist: „Bitte lasst unsere Kinder in Uniformen kommen, wir können uns keine andere Kleidung für sie leisten!“

Und auch andere Lösungen werden erforscht: Auf dem Dach der NES soll jetzt ein kleines Solarsystem installiert werden, das wenigstens für sechs Stunden Strom liefert und so der Generator nicht den ganzen Tag laufen muss. Dafür wurden bereits genügend Spenden versprochen. Und überall sind viel Kreativität, Geduld und Durchhaltevermögen nötig. Aber das sind die Lehrer und Mitarbeiter der NES ja gewöhnt!

„Alone we can do so little. Together we can do so much.“* – diese Worte an der Wand des Schulhofs scheinen der Aussage der Schulleiterin fast ein bisschen zu widersprechen. Natürlich: Gegen den wirtschaftlichen Zusammenbruch können die Schüler und Lehrer der NES wohl wenig tun. Aber gemeinsam können sie das sein, was sie schon seit über 50 Jahren sind: Eine Familie, die zusammenhält. Ein Zuhause für die, die sich heimatlos fühlen. Und eine Oase des Friedens im Chaos ihrer zerbrechenden Welt.

 

Wenn Sie für den NES Studienfond spenden möchten, um Kindern im Libanon den weiteren Schulbesuch zu ermöglichen, dann wählen Sie bitte „NES Studienfond (Libanon)“ auf unserem Online-Spendenformular.

* Alleine können wir so wenig tun. Gemeinsam können wir so viel tun!

Neuer Mut inmitten katastrophaler Wirtschaftskrise

Schüler und Personal der NES in Beirut nehmen an Hanauer Joggathon teil

„Die Situation wird immer schlimmer – in allem. Es ist zum verzweifeln!“

Während man sich andernorts freut, dass ein wenig Normalität in den Alltag zurückkehrt, rutscht der Libanon immer weiter ab in die katastrophalste Wirtschaftskrise, die der moderne Staat je erlebt hat.

Innerhalb weniger Monate hat die lokale Währung 90% ihres Wertes verloren. Das Geld, das noch 2019 einen Einkaufskorb voller Gemüse, Obst, Fleisch, Reis und Milch gefüllt hätte, reicht heute gerade noch für eine Flasche Milch. Ein T-Shirt kostet neunmal so viel wie vor zwei Jahren, der Preis für Öl zum Kochen hat sich versechzehnfacht (Infografiken von AlJazeera). Der Prozentsatz an Menschen, die in Armut leben, hat sich innerhalb eines Jahres auf 55% verdoppelt – inzwischen können sich über die Hälfte der libanesischen Bevölkerung kaum mehr das Nötigste zum Überleben leisten. Auch die Stromversorgung ist am Zusammenbrechen; Generatoren und Kraftstoff für die meisten unerschwinglich.

Doch es gibt auch Grund zur Hoffnung. Die NES-Schule in Beirut ist weiterhin eine Oase des Friedens im Chaos – und seit Ende Mai kann tatsächlich wieder Unterricht im Schulgebäude stattfinden. „Wir sind begeistert, weil wir jetzt schon fast drei Wochen Präsenzunterricht haben konnten!“, schreibt die Schulleiterin. Normalerweise würden jetzt bereits die Absolvierungen stattfinden, stattdessen gibt es bis Ende Juni Unterricht.

Und nicht nur die Gesichter der Schüler und Lehrer strahlen, dass sie endlich wieder beisammen sein können, auch die Schule erstrahlt in neuem Glanz: Nach der Explosion im August konnten als Teil der Reparaturen auch nötige Renovierungsarbeiten durchgeführt und die Schule in der neuen Schulfarbe gestrichen werden. Die neuen Schuluniformen konnten sich bisher leider die wenigsten Eltern leisten, daher dürfen die Kinder derzeit in den alten Farben kommen oder einfach in neutraler Kleidung.

„Wir hoffen sehr, dass im kommenden Schuljahr alle Kinder ihre eigene Schuluniform haben können und auch Schulbücher in Farbe; dieses Jahr mussten wir viele Kopien machen, damit die Schüler überhaupt Unterrichtsmaterial hatten.“

Auch andere Herausforderungen müssen überwunden werden: zum Beispiel ist es für Personal, Eltern und Schulbusse derzeit nicht einfach, die Schule zu erreichen, weil es fast kein Benzin mehr zu kaufen gibt – „oder man muss zwei drei Stunden anstehen, nur um 10 Liter Benzin einzufüllen“.

Aber wie immer geben Lehrer und Personal der NES-Schule nicht auf. „Es geht uns noch gut, wir sind in Sicherheit, und wir hoffen, dass die Dinge sich ändern werden“, betont die Schulleiterin.

Und Ermutigung kommt auch von anderer Seite!

Vom 21. bis 27. Juni findet in Hanau ein dezentraler Joggathon statt, der auch in diesem Jahr den NES-Studienfond unterstützt. Und jetzt wird die Hilfe noch dringender benötigt!

Und auch dieses Jahr nehmen Schüler und Lehrer der NES-Schule am Joggathon teil und rennen in Beirut „gemeinsam“ mit den Läufern in Deutschland für ihr Projekt (voraussichtlich am 21. Juni).

 

Wer sich am Joggathon beteiligen möchte oder für das Projekt spenden, findet hier alle nötigen Informationen (im Detail: Sponsoren-Info).

Für die Schüler der NES suchen wir Sponsoren! Bei Interesse bitte eine Mail an: joggathon@kdn-hanau.de

Rückblick: Jahresprojekt 2020

Oase des Friedens im Chaos – so hatten wir unser Jahresprojekt 2020 überschrieben. Denn genau das ist die NES-Schule in Beirut heute und schon immer gewesen: eine Oase des Friedens inmitten des Bürgerkriegs (1975–1990), religiöser und gesellschaftlicher Konflikte, der syrischen Flüchtlingskrise und zuletzt der Wirtschaftskrise mit Straßenprotesten, die das Land Ende 2019 im Griff hatten.

Im Jahre 2020 bekam dann „Chaos“ eine ganz neue Bedeutung. Erst die Coronakrise, die Menschenleben gefährdet und die bereits extrem geschwächte Wirtschaft aufs Äußerste strapaziert. Und dann im August die verheerende Explosion in Beirut: dutzende Tote, tausende Verletzte, ein Drittel der Stadt beschädigt oder zerstört. Das wirtschaftliche und politische Chaos nahm weiter zu. Inzwischen ist etwa die Hälfte der libanesischen Bevölkerung in die Armut abgerutscht, die Währung hat im Vergleich zu Ende 2019 bis zu 90% an Wert verloren (Stand Mitte März, AlJazeera). Die Preise der vornehmlich importierten Produkte haben sich vervielfacht und steigen noch kontinuierlich; alltägliche Dinge wie Shampoo oder Waschmittel sind zum Luxusgut geworden.

„Unser Land bricht zusammen“, berichtete die Schulleiterin im Januar. „Die wirtschaftliche Lage ist unvorstellbar! Und das ist innerhalb von wenigen Monaten passiert – alles ist jetzt anders! Alle, die können, verlassen das Land – vor allem die gut Ausgebildeten, die Ärzte; niemand investiert irgendetwas. Wir wissen wirklich nicht, wie es weitergehen wird. Es bricht einem das Herz!

Nun ist jeder arm hier. Mit unseren Gehältern können wir so geradeeben Lebensmittel und Strom bezahlen. Die Preise sind wie verrückt angestiegen – Joghurt, zum Beispiel, kostet das 6- oder 8-fache … wenn man welchen finden kann. Vor allem Medikamente oder medizinische Behandlung sind ein Problem, aber viele Familien können sich nicht mal genug Brot leisten.“

Auch die NES-Schule ist von diesen Geschehnissen hart getroffen. Bei der Explosion wurde viel zerstört; die Lockdowns machten regulären Unterricht unmöglich; durch die angestiegenen Preise sind Strom und Reparaturen, Benzin für den Schulbus, selbst normale Reinigungsmittel fast unerschwinglich. Im vergangenen April hatte die Schulleiterin angesichts der Krise in einem Zoom-Meeting ihrem Personal mitgeteilt: „Ich bin mir nicht sicher, ob wir weitermachen können!“

Und doch: Auch in diesem Katastrophenjahr konnte die NES-Schule weiterhin eine Oase des Friedens im Chaos sein. Während der Lockdowns kümmerten Lehrer und Schulleitung sich hingebungsvoll um die Kinder. Und dank großzügiger internationaler Hilfe konnte im Herbst tatsächlich das neue Schuljahr begonnen werden – und kein Kind wurde zurückgewiesen, obwohl die meisten Eltern sich das Schulgeld nicht mehr leisten können.

„Wir haben im Herbst alle Kinder kontaktiert. Wenn Kinder sagten, wir können aus finanziellen Problemen nicht kommen, dann haben wir ihnen gesagt, dass sie trotzdem kommen können! Dadurch haben wir dieses Jahr sogar mehr Schüler als im letzten, insgesamt 252 Kinder.“ Vielen libanesischen Familien konnte geholfen werden, die durch Explosion und Wirtschaftskrise ihr Einkommen verloren hatten. Und auch alle syrischen Kinder, deren anderweitige Unterstützung weggebrochen war, besuchen weiterhin die Schule oder das STEP-Programm.

Dafür war einige Kreativität nötig, denn die Familien konnten sich insgesamt nicht einmal 20% der Schulgebühren leisten. „Wir haben alle Schulbücher kostenlos verteilt – denn die sind inzwischen sehr teuer. Für die Schuluniformen haben die Familien sich untereinander ausgetauscht, oder die Kinder kommen einfach in normaler Kleidung. Und auch ‚eschool‘, das Online-Schulprogramm, das wir benutzen, konnte bezahlt werden. Dank einer Spende haben wir allen Kindern, vor allem Klasse 4 bis 9, Tablet-Computer ausgeliehen, sodass der Online-Unterricht jetzt viel besser klappt.“

All das wäre ohne die finanzielle Unterstützung von Helping Hands e.V. und anderen internationalen Spendern nicht möglich gewesen. Während die Spenden über Helping Hands vornehmlich den „Studienfond“ unterstützen, der Kindern aus finanzschwachen Familien ermöglicht, weiter die Schule zu besuchen, halfen Spenden anderer Organisationen, die Explosions-Schäden an der Schule zu beseitigen, die erheblich umfassender waren als ursprünglich gedacht – dabei wurden auch gleich ein paar andere wichtige Reparaturen bzw. Umbauarbeiten vorgenommen – sowie ca. 15 NES-Familien bei der notwendigsten Renovierung ihrer Wohnungen zu unterstützen und 25 Familien mit Lebensmitteln und Medikamenten durch die schwerste Zeit zu helfen.

Aber all das wäre auch ohne die unermüdliche Arbeit der Lehrer und Administration der NES-Schule nicht möglich gewesen.

Im Herbst konnte tatsächlich etwa vier Wochen Präsenzunterricht in der Schule stattfinden; die Klassen wurden jeweils in zwei Gruppen unterteilt, die an unterschiedlichen Tagen kamen, und Pausen und Sport mussten gestrichen werden. Trotzdem konnten auch – unter strengen Hygienemaßnahmen und klassenweise anstatt schulübergreifend – einige „traditionelle“ Feierlichkeiten stattfinden. Bei den „Back to School“ Aktivitäten freuten die Kindergartenkinder sich über den Besuch eines Clowns und eine Luftblasenmaschine; die 1. bis 3. Klasse machte Spiele und Tänze – natürlich mit Abstand; Klasse 4 und 5 lachten gemeinsam bei Wettbewerben und in einer Fotobox; die Mittelstufenschüler wurden durch eine Art „Geländespiel“ herausgefordert.  Im November fand das übliche Kostümfest zum St. Barbara’s Day statt, und im Dezember wurden die Weihnachtsfeiern über drei Tage hinweg in kleineren Gruppen durchgeführt; auch zahlreiche ehemalige NES-Schüler halfen dabei.

Im Frühjahr 2020 sowie seit Januar 2021 fand bzw. findet auch in der NES der Unterricht online statt. Das ist eine große Herausforderung, vor allem auch aufgrund der wirtschaftlichen Lage – inzwischen fällt zeitweise bis zu 12 Stunden am Tag der Strom aus, und die Internetverbindung ist oft schwach. Den ganzen Tag über ist das Team der NES auf den Beinen, um technische Probleme allgemein und die Computerprobleme jeder Familie einzeln zu beheben, denn viele Eltern kennen sich mit Computern überhaupt nicht aus.

„Unsere Lehrer arbeiten von 7.45 Uhr früh bis 6 Uhr abends. Es ist sehr anstrengend. Wir haben live Unterricht ab der 4. Klasse. Die Lehrer senden ihre Unterrichtsinhalte als Videos und beantworten dann live Fragen. Auch nachmittags stehen sie zur Verfügung, um Fragen zu beantworten. In den unteren Klassen finden ebenfalls live sessions statt. Hier sind teilweise die Kinder in zwei Gruppen geteilt, damit die Lehrer sich individuell auf jedes einzelne Kind konzentrieren können.“

Das libanesische Programm „eschool“ leistet hier gute Dienste und ermöglicht auch Online-Examen und Benotung bzw. Bewertungen, aber das muss auch erst gelernt sein: Besonders ein Lehrer investierte hunderte Stunden, die anderen Lehrer und Eltern in das System einzuweisen und bei Schwierigkeiten zu helfen.

Auch das STEP-Programm findet weiterhin statt. „Einige unserer NES-Lehrer helfen jetzt auch bei STEP mit, weil sie mehr Erfahrung haben; das ist wirklich gut für die Kinder.“ Ab der 3. Klasse wird eschool benutzt. Mit Schülern, die besondere Lernschwierigkeiten haben, treffen die Lehrer sich einzeln per Videokonferenz und erklären den Unterrichtsstoff.

„Unsere Lehrer geben wirklich alle ihre Zeit für die Kinder – Schüler um Schüler, denn jedes Kind zählt!“, betont die Schulleiterin. „Ich treffe mich regelmäßig mit den Lehrern, um sie zu ermutigen und zu beraten. Und wir versuchen als NES, weiterhin die vollen Gehälter zu bezahlen – manche großen Schulen im Libanon zahlen nur noch die Hälfte, obwohl das Geld ja auch nur noch einen Bruchteil wert ist.“

Ermutigung und therapeutische Begleitung ist nach diesem Jahr und besonders nach der Explosion im Sommer dringend nötig. „Viele Kinder sind immer noch traumatisiert und zittern jedes Mal, wenn sie ein Flugzeug hören.“ Kurz nach der Katastrophe bot die NES-Schule für alle Kinder ein besonders Programm in Traumaseelsorge an und identifizierte Kinder, die besondere Hilfe brauchten; die Beratung wird durch den Schultherapeuten und eine Ärztin weitergeführt. Hier besteht auch aufgrund der scharfen Lockdowns weiterhin ein großer Bedarf: Viele Familien leben gemeinsam in einem kleinen Raum und häusliche Gewalt ist ein enormes Problem, das teilweise kulturell „akzeptiert“ ist.

Für die Lehrer wurde ebenfalls vom Schultherapeuten ein Traumaseelsorgeseminar angeboten, das sich sowohl auf die Explosion bezog, aber auch Depression aufgrund der wirtschaftlichen Lage vorbeugen sollte.

Eine Oase des Friedens im Chaos – das Personal der NES-Schule ist sich seiner zentralen Aufgabe weiterhin bewusst.

„Als eine unterstützende Organisation bekanntgab, dass sie die Schulgelder der syrischen Kinder nicht mehr weiter fördern könnten, haben mich fünf dieser Kinder jeden Tag kontaktiert und mich angefleht, dass sie bleiben dürfen“, erinnert sich die Schulleiterin. „Sie hatten große Angst – dass sie nach Syrien zurückmüssen, dass ihre Eltern sie verheiraten, wenn sie nicht zur Schule gehen.“

Und dank der Spenden für unseren Studienfond, weiterer Spenden und großer Opfer des Personals finden diese Schüler und ihre Freunde weiterhin eine „Oase“ in der NES-Schule.

„Wir möchten nicht, dass auch nur ein einziges Kind zuhause bleiben muss ohne zu lernen“, betont die Schulleiterin. „Wir möchten weiterhin allen Kindern helfen. Viele Kinder könnten ohne Unterstützung ihre Schulbildung nicht weiterführen, aufgrund der wirtschaftlichen Lage, und die wird sich nicht bessern! Aber wir sehen das als einen echten ‚Dienst‘ an – obwohl wir alle unter der Situation leiden und es für uns alle schwierig ist, möchten wir ein Licht sein für diese Familien. Wir möchten einen Unterschied machen im Leben dieser kleinen Kinder und auch ihrer Eltern!“

Der „Studienfond“ ist dabei eine sehr große Hilfe. Und auch wir bei Helping Hands möchten uns ganz herzlich bedanken für alle Unterstützung für unser „Jahresprojekt 2020“ – für die vielen großzügigen Einzelspenden, die drei Joggathons in Berlin, Gelnhausen und Hanau im Frühjahr und Sommer, bei denen auch die NES in Beirut mitgemacht hatte, für andere Spendenaktionen und auch für das große Interesse an diesem Projekt. Über 40.000 EUR sind so im vergangenen Jahr für den Studienfond zusammengekommen – fast das Doppelte unseres ursprünglichen Ziels!

Für die Verteilung der „Stipendien“ wurde bei der NES ein Komitee eingerichtet, zu dem auch eine Helping Hands-Mitarbeiterin gehört. Darin soll auch geplant werden, wie die Schule selber den Fond weiter auffüllen kann. Aber natürlich ist – gerade auch in der derzeitigen wirtschaftlichen Lage – weitere Unterstützung dafür sehr willkommen und notwendig. Daher sind wir jederzeit dankbar für weitere Spenden mit Vermerk „Studienfond NES“ oder über dieses Online-Spendenformular.

Schule – Na endlich!

Während Deutschland sich an einen neuen Lockdown gewöhnt, scheint die Lage sich für manche unserer Partner zu entspannen. Zwar sind Wirtschaftskrise und Pandemie, Hunger und Angst weiterhin präsent, aber zumindest dürfen an vielen Orten die Kinder wieder in die Schule – wenn das nicht gute Nachrichten sind! Hier ein kurzer Überblick:

Ganz aktuell: In der NES-Schule im Libanon ist seit dem 26. Oktober das Gebäude wieder von Kinderlachen erfüllt! Gar nicht so selbstverständlich: Das erste Mal seit März dürfen die Schüler wieder zum Präsenzunterricht. Die Mittelstufe begann vergangenen Montag, der Kindergarten am Dienstag, seit dem 2.11. sind auch die Grundschüler vor Ort. Sie lernen in einer Welt, die nicht mehr dieselbe ist: Nicht nur der ewige Lockdown hat die Kinder sehr belastet, sondern auch die verheerende Explosion im August. Deshalb bot die Schule bereits im September zwei Traumaseelsorge-Seminare für Schüler und Lehrer an – noch dringender nötig, als ursprünglich gedacht. „Uns war vorher gar nicht bewusst, wie sehr die Lehrer dieses Seminar brauchten!“, so die Schulleiterin. „Sie schütteten ihre Herzen aus und konnten sich auch gegenseitig ermutigen.“

In Nepal begann unser Kinderzentrum in Piluwa am 19. Oktober mit dem Unterricht, nachdem es eine Woche vorher als erweitertes Dorf­entwick­lungs­projekt feierlich wieder- bzw. neueröffnet wurde (Details dazu lesen Sie hier). Die Familien haben sehr darauf gewartet und sind voller Hoffnung für die Zukunft.

In der Arche-Schule im Kariobangi-Slum in Kenia hieß es erst, alle Schulen seien bis Januar geschlossen. Wie erfreut waren wir zu erfahren, dass seit Mitte Oktober die Abschlussklassen (4. und 8. Klasse) wieder zum Unterricht kommen dürfen! Neue Waschbecken wurden installiert, es wird viel Abstand gehalten, regelmäßig Temperatur gemessen … und alle sind froh, endlich wieder in der Schule zu sein. Für später ist geplant, im Schulhof Container und Zelte aufzustellen, damit auch die anderen Klassen bald wieder zum Unterricht kommen können. Fast ein ganzes Schuljahr haben sie dann verloren, denn Online-Unterricht ist im Slum kaum möglich. Die Lehrer bemühten sich sehr, die Kinder von der Straße wegzuhalten, indem sie Bücher verteilten, per Handy kurze Videos aufnahmen und die Schüler aufforderten, jeweils einzeln zu ihnen zu kommen, um Hilfe bei Aufgaben zu erhalten.

Nach 7 Monaten öffneten sich am 5. Oktober im Straßenkinderzentrum in Antananarivo, Madagaskar, wieder die Pforten. Während des Lockdowns wurde ein bereits vorher geplantes Projekt mit Unterstützung von Helping Hands verwirklicht: Für das Zentrum wurde ein Wassertank installiert, der nun den ganzen Tag über fließendes Wasser ermöglicht. „Die Kinder kamen zurück und können jetzt jeden Tag ganz einfach sauberes Wasser bekommen“, berichtete unser Partner. „Könnt ihr euch vorstellen, wie das gewesen wäre mit dem Händewaschen, ohne Wasser? Der Wassertank kam genau zum richtigen Zeitpunkt!“

Bereits seit Anfang des neuen Schuljahres ist das Kinderzentrum in Albanien wieder geöffnet. Die Kinder tragen Masken, es wird regelmäßig desinfiziert und Temperatur gemessen. Wir hoffen, dass das Kinderzentrum auch über den Winter offen bleiben kann.

Das gilt auch für die Schule in Vidrare, Bulgarien: Dort konnte das neue Schuljahr wieder im Schulgebäude beginnen – nach vier Wochen intensiver Planung, um alle Vorschriften einzuhalten – und die Mitarbeiter vor Ort hoffen sehr, dass die Schule offen bleibt. „Andere Formen des Unterrichts funktionieren hier nicht wirklich“, erklärt unser örtlicher Partner. „Online geht gar nicht – die Plattformen sind zwar kostenlos, aber die Eltern können sich den Internetzugang nicht leisten. Die Lehrer haben Material entworfen und in gedruckter Form an die Familien verteilt.“

Auch andere Bedürfnisse erfüllt die Schule: zum Beispiel Nahrung und Wärme. Wenn die Kinder in der Schule sind, sparen die Eltern eine Menge Brennholz und zwei Mahlzeiten pro Tag, die sie sonst gar nicht bezahlen könnten. Hier griff die Dorfgemeinschaft sich gegenseitig unter die Arme: Familien, die etwas besser dran waren, und auch das Schulkollegium sammelten Kleidung und packten Essenspakete für die bedürftigeren Familien. Ein schönes Beispiel von lokaler Initiative!

Wirkungsbeobachtung: „STEP“ in Beirut, Libanon

Erst stehen sie noch etwas schüchtern am Eingang, umklammern die Hände ihrer Eltern und schauen mit großen Augen auf das unbekannte Schulgebäude – aber dann ist auch schon für die ersten das Eis gebrochen und sie rennen begeistert auf den Schulhof hinaus: So viel wunderbarer Platz zum Spielen! Leider wird es kurz darauf schon Ernst: Die Spielbegeisterung muss für die Pause aufgehoben werden, denn der Unterricht geht los. Noch ist alles neu – dort, wo sonst neun Klassen, einheitlich in Schuluniform gekleidet, schöne ordentliche Reihen bilden, stehen an diesem Nachmittag kunterbunte  wirre Schlangen, die vor Aufregung gar nicht zur Ruhe kommen können. Macht nichts! Das Aufreihen werden die Kinder bald lernen, und Schuluniformen sind auch schon bestellt. Jetzt heißt es erst einmal, die Kinder willkommen zu heißen, eine einladende Atmosphäre zu schaffen und zu vermitteln, dass Schule auch mit Disziplin so richtig Spaß machen kann!

Dieser Dienstag ist ein großes Ereignis im Leben der knapp 100 Kinder: für viele das erste Mal, oder zumindest das erste Mal seit langem, dass sie in eine „richtige“ Schule gehen. Wegen Bürgerkrieg und Flucht haben die Kinder so viel Unterricht verpasst, dass sie in regulären Schulen nicht registriert werden können. Seit  Sommer 2014 gibt es für solche Kinder in Beirut ein besonderes Programm, genannt „STEP“, das ihnen etwas Unterricht bietet und sich um ihre sozialen Bedürfnisse kümmert, allerdings eine reguläre Schule nicht vollständig ersetzt.

An diesem Dienstag im November 2019 ist es nicht nur Mrs Caroline, die Leiterin von STEP, die die Kinder begrüßt. Auch Miss Marlene, die Schulleiterin der NES-Schule in Beirut, lächelt den Schülern entgegen. „Das sind alles Kinder, die in keine andere Schule gehen könnten“, erklärt sie später. „In den öffentlichen Schulen ist kein Platz für sie. Vor allem jetzt, wo durch die Wirtschaftskrise immer mehr Libanesen in öffentliche Schulen wechseln – für Syrer ist da kein Platz. Vielleicht können wir einige bald in die NES aufnehmen – mal sehen. Wir müssen das erst beobachten.“

Das war ursprünglich der Gedanke des STEP-Programms: dass Kinder durch Nachhilfeunterricht das verpasste Lernen genügend aufholen können, um dann in einer „richtigen“ Schule einen Schulplatz bekommen zu können. Leider zeigte die Erfahrung, dass das nicht so einfach war. Zwar erfüllte das STEP-Programm eine wichtige Rolle im Leben der Kinder, die sonst wohl untätig zuhause oder auf der Straße herumgesessen wären, jedoch schaffte es bisher kein Kind, tatsächlich in eine „normale Schule“ zu wechseln.

Im Herbst 2019 wurde also das Programm sorgfältig evaluiert und völlig neu strukturiert. Was konnte aus den Erfahrungen gelernt werden, und was wird jetzt anders gemacht?

1) Da STEP in einem Kirchengebäude stattfand, waren die Räumlichkeiten problematisch. Der Raum für die Kindergartenkinder war deutlich zu klein. Die anderen Klassen wurden im Kirchsaal unterrichtet, dafür wurden jeweils Raumteiler aufgestellt. Das bedeutete, dass der Unterricht in Kreativität und Aktivitäten stark eingeschränkt war; die Kinder saßen bloß um runde Tische und konnten sich nicht durch den Raum bewegen. Das war vor allem für jüngere Schüler sehr schwierig und ihrem Lernstil nicht angebracht.

2) Die Kinder wurden in drei gemischten Klassen unterrichtet – nicht nach Jahrgangsstufe, sondern nach Fach. Dadurch waren zum Beispiel in einer Klasse Schüler im Alter von 7, 10, 13, 15 Jahren; das verursachte einige Probleme, da sie durch den Altersunterschied oft in Streit geritten oder nicht genügend Rücksicht nahmen.

3) Nur drei Fächer wurden angeboten: Arabisch, Englisch und Mathematik.

4) Es gab keine ordentliche Fläche für die Pause, für Spiel oder Sport; nur der überdachte Eingangsbereich vor dem Kirchsaal.

5) Die Lehrer hatten keinen Raum, in dem sie ihren Unterricht vorbereiten konnten.

6) Manchen Lehrern, die auch selbst Flüchtlinge waren, fehlte die nötige Qualifizierung, um neben Arabisch auch Englisch, Mathe oder andere Fächer zu unterrichten.

7) Es gab keine Noten – keine Examen oder Klausuren, keine Fortschrittsberichte für die Eltern.

8) Durch die engen Räumlichkeiten und die stark altersgemischten Klassen gab es einige Probleme mit der Disziplin u.ä. unter den Schülern. Durch den „lockeren Rahmen“ nahmen sowohl Schüler als auch Eltern das Programm auch nicht so wirklich ernst – es war eben keine „richtige“ Schule.

Das Leitungsteam von STEP hatte bereits überlegt, in größere Räumlichkeiten umzuziehen. Im vergangenen Jahr baten sie ihre Kollegen von der NES, das Programm zu evaluieren und Änderungen vorzuschlagen. „Als wir die Evaluierung durchführten, stellten wir fest, dass das Programm nicht wirklich so funktioniert wie erhofft“, berichtet Miss Marlene. „Wenn es so weitergeht, dann werden wenige Schüler je in eine normale Schule wechseln können.“

Da die NES kürzlich die offizielle Erlaubnis erhalten hatte, ihre maximale Schülerzahl durch Nachmittagsunterricht zu erhöhen, war es ihnen möglich, ihre Räumlichkeiten für STEP zu öffnen. Da STEP als Nachmittagsprogramm der NES auch offiziell anerkannt ist, bietet das die Möglichkeit, qualifizierende STEP-Schüler beim Bildungsministerium zu registrieren, als ob sie eine reguläre Schule besuchen. Dafür muss die NES eng mit STEP zusammenarbeiten und das Programm regelmäßig evaluieren. Die Leitung bleibt in der Hand von Mrs Caroline, der STEP-Direktorin, aber die Schulleitung der NES überprüft das Programm und gibt Rat wo nötig.

Am 5. November 2019 fand STEP das erste Mal im Schulgebäude der NES statt – durch die Straßenproteste und damit verbundenen Schulschließungen etwas später als geplant.

Was also hat sich geändert?

1) In den Klassenräumen ist deutlich mehr Platz. Die Lehrer sind sehr froh darüber, da die Räume viel mehr Möglichkeiten bieten, den Unterricht ansprechend zu gestalten – sie können unterschiedliche Aktivitäten mit den Kindern machen und sogar die Monitore (für PowerPoint, Videos etc.) in den Klassenräumen nutzen.

2) Die Klassen sind gemäß der Jahrgangsstufe eingeteilt; teilweise lernen noch Kinder verschiedenen Alters zusammen (was sich nicht gänzlich vermeiden lässt, da die Kinder aufgrund der Flucht unterschiedlich viele Jahre Schule verpasst haben), aber die Situation hat sich stark gebessert.

3) Unterricht in allen Fächern wird angeboten, wie in einer regulären Schule. Die Lehrer unterrichten nach dem offiziellen libanesischen Lehrplan, haben alle nötigen Ressourcen und benutzen anerkannte Englischbücher, Mathebücher usw.

4) Die Kinder haben auf dem Schulhof der NES endlich richtig Platz zum Spielen und die größere Fläche kann auch für Aktivitäten im Unterricht genutzt werden.

5) Die Lehrer können das Lehrerzimmer der NES nutzen, um ihren Unterricht vorzubereiten.

6) Derzeit unterrichten 7 Lehrer und Lehrerinnen bei STEP; die Schulleiterin überprüft sorgfältig, dass alle Lehrer die nötigen Qualifizierungen haben. Zwei hatten bereits vorher bei STEP unterrichtet, zwei sind NES-Lehrer und drei Lehrer wurden neu eingestellt (mit Graden in Psychologie und Literatur); mindestens eine Lehrerin ist selbst syrischer Flüchtling.

7) Die Kinder werden regulär benotet, erhalten Zeugnisse und es gibt Elternabende.

8) Durch die neuen Räumlichkeiten hat sich auch die Disziplin enorm verbessert. Schüler und Eltern und auch die Lehrer nehmen den Unterricht jetzt ernst. Die Kinder hoffen sehr, möglichst bald in reguläre NES-Schulklassen wechseln zu können: „Davon träumen sie alle, die Kinder und die Eltern“, sagt Miss Marlene. Regelmäßige Evaluierungen sind geplant, um zu entscheiden, welche Schüler sich genügend verbessert haben, sodass sie in die NES wechseln bzw. offiziell registriert werden können.

In den alten Räumlichkeiten konnten im STEP-Programm nur 40–45 Kinder aufgenommen werden; seit STEP in der NES stattfindet wurde die Zahl auf 100 erhöht. Im November 2019 begannen 98 Kinder den Unterricht im Kindergarten und den Klassen 1 bis 5. Alle stammen aus muslimischen syrischen Flüchtlingsfamilien; die meisten der christlichen irakischen Flüchtlinge, die bisher das Programm besuchten, konnten bereits Visa für westliche Länder erhalten und sind ausgereist. Trotz unterschiedlichem religiösem Hintergrund (Sunniten, Schiiten, Kurden usw.) lernen die Kinder harmonisch miteinander.

Am Ende der ersten Woche ist Mrs Caroline sehr zufrieden. „Die Lehrer sind sehr erfreut über die Änderungen“, berichtet sie, „sie sagen es ist viel entspannter und sie können mehr Unterrichtsstoff bewältigen. Die Disziplin hat sich verbessert, die Schüler haben mehr Platz. Es läuft alles sehr gut!“

 

Ein Schulplatz im (neuen) STEP-Programm kostet ca. 1.100 Euro pro Kind pro Jahr, davon zahlen ca. 250 Euro die Eltern selbst. Der Gesamtbetrag beinhaltet neben den Lehrergehältern und laufenden Kosten (Strom etc.) auch Bücher, Schulmaterial und Schuluniform sowie Versicherung und die Anfahrt per Schulbus.

Sie können ein Kind im STEP-Programm unterstützen, indem Sie mit Vermerk „STEP“ für die Schulgebühren spenden (850 Euro pro Kind pro Jahr) oder eine Patenschaft übernehmen.

 

Schüler zeigen Solidarität

Nach verheerender Explosion in Beirut engagieren sich zahlreiche NES-Schüler und Absolventen für ihre Stadt

„Die letzten Tage waren sehr hektisch. Direkt nach der Explosion haben wir uns erst mal darum bemüht, in der Schule den Schutt und die Glasscherben wegzuräumen. Viele unserer Schüler und Ehemaligen sind mit anderen Jugendlichen in die besonders zerstörten Stadtgebiete gegangen und haben dort bei allem und jedem geholfen. Sie haben Gästehäuser hergerichtet, sodass Familien, die ihre Wohnungen verloren haben, dort unterkommen konnten. Dann haben sie geholfen, zwei zerstörte Krankenhäuser aufzuräumen und zu säubern. Zusätzlich haben sie in Ashrafieh zwölf beschädigte Wohnungen und Häuser aufgeräumt und gereinigt. Später haben sie noch sieben Tage lang täglich 225 Mittagsmahlzeiten zubereitet und verteilt, und für betroffene Familien auch Ventilatoren gekauft. Unser befreundetes Hilfswerk, Life Agape Ministry, gibt weiterhin warme Mahlzeiten aus.“ Heute (25.8.) wird außerdem eine „mobile Klinik“ für Verletzte angeboten; auch dabei helfen einige Schüler. „Wir sind sehr stolz darauf, wie unsere Schüler sich engagieren!“

Das ist die NES-Schule in Beirut, Libanon: Dort lernen die Schüler nicht nur Arabisch, Chemie und Mathematik, sondern Nächstenliebe und Solidarität, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern über die eigene Not hinaus auch die Not der anderen zu sehen und zu lindern. Viele der NES-Schüler kommen ohnehin aus sehr schwierigen Verhältnissen – Flüchtlingsfamilien, Gastarbeiter, Waisenkinder – aber selbst die wenigen, deren Familien es vorher einigermaßen gut ging, bekommen die anhaltende Wirtschaftskrise am eigenen Leib zu spüren, denn ein großer Teil der Mittelklasse rutscht immer mehr in die Armut ab. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen? – waren viele Schüler und Absolventen sofort bereit, sich für ihre betroffenen Nachbarn und ihre gemarterte Stadt einzusetzen.

Bei der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut am 4. August kamen knapp 200 Menschen um, mehr als 6000 wurden verwundet. Die Vereinten Nationen warnen vor einer Hungersnot, denn u.a. vernichtete die Detonation 85% der Getreidevorräte (Oxfam). Zudem sind ganze Stadtteile zerstört – viele Bewohner sprechen davon, dass die Explosion mehr Schaden angerichtet hat als 15 Jahre Bürgerkrieg – und daher sind nun etwa 300.000 Menschen obdachlos. Zusätzlich haben viele noch bewohnbare Wohnungen große Schäden erlitten.

„Als Schule helfen wir im Moment vor allem unseren Lehrern und Schülern, die Schäden in ihren Wohnungen zu reparieren. Wir arbeiten mit verschiedenen Handarbeitern zusammen, Schreinern und so, die wir zu den Familien schicken, denen wir helfen möchten, und die wir dann bezahlen.“

Die Schäden dieser Art können, zumindest mit der nötigen finanziellen Unterstützung, beseitigt werden. Aber was ist mit den emotionalen Schäden?

Die Explosion hat für viele Libanesen nicht nur ihre Lebensgrundlage, sondern ihr letztes Fünkchen Hoffnung zerstört. Verheerende Waldbrände vor knapp einem Jahr, dann wochenlange Straßenproteste, die schlimmste Wirtschaftskrise, die das Land je durchlebt hat, eine drastisch fallende Währung und massive Arbeitslosigkeit, dann noch Corona und schließlich dieser katastrophale Schlag – die Bevölkerung ist völlig traumatisiert. Wie lange wird es dauern, bis das Land sich erholt, selbst wenn die politischen, wirtschaftlichen und humanitären Krisen überwunden werden können?

Genau hier macht die NES-Schule so einen wichtigen Unterschied. Auf der einen Seite kümmern sie sich natürlich gerade jetzt um die Schüler, die besonders betroffen sind, wie die Schulleiterin beschreibt: „Wir bemühen uns darum, die verletzten Schüler emotional zu unterstützen. Wir wechseln uns ab, die Schüler zu besuchen, vor allem die, die auch ihr Zuhause verloren haben.

Wir möchten weiterhin ein Licht sein für Menschen, die in Not sind!“

Dieses Licht ist die NES schon seit über 50 Jahren. Kinder, die in anderen Schulen diskriminiert oder sozial ausgegrenzt werden, finden hier einen Ort, an dem sie angenommen und wertgeschätzt sind. Besonders solche Kinder, die an anderen Schulen teilweise gar keinen Platz bekommen würden – Kinder aus Flüchtlings- oder Gastarbeiterfamilien, die auch in dieser Krise ganz besonders hart getroffen sind – können hier in sicherer und herzlicher Atmosphäre eine gute Schulbildung genießen. Das relativ neue „Therapiezentrum“ mit Psychologe und Sprachtherapeut hilft enorm, traumatisierten Kindern die nötige Hilfestellung zu geben, damit sie ihr Trauma verarbeiten und ihren Schulalltag erfolgreich meistern können. Und gerade dieses Jahr, in dem praktisch alle Kinder in Beirut gewissermaßen unter Trauma leiden, ist die Schule als „Oase des Friedens im Chaos“ ein unbeschreiblich wichtiger Anker im durcheinandergewirbelten Leben der NES-Schüler.

Ursprünglich sollten am 1. September die Einführung für die Lehrer beginnen und Mitte September der reguläre Schulbetrieb wieder aufgenommen werden. Da aufgrund der Explosion dutzende Krankenhäuser und Kliniken zerstört wurden und die Corona-Fälle stark angestiegen sind, wurde bis mindestens zum 4. September ein weiterer Lockdown verhängt. Ob demnach der Unterricht im Klassenraum starten kann oder für den Übergang weiter online unterrichtet wird, ist noch unklar – jedenfalls besteht die Hoffnung, dass in Kürze wieder normaler Präsenzunterricht stattfinden kann. Die Reparaturarbeiten an der Schule laufen noch, sind aber hoffentlich bis Mitte September abgeschlossen.

Die Schüler und Angestellten der NES – Berichten zufolge die ganze libanesische Bevölkerung – zeichnen sich in dieser schwierigen Lage durch außerordentliche Solidarität aus. Auch wir können unseren Freunden im Libanon ein Zeichen der Solidarität und der Ermutigung senden. Das geht am besten durch den NES-Studienfond, der maßgeblich dazu beiträgt, dass möglichst viele Schüler weiter ihre „Oase des Friedens“ besuchen können. Das geht auch durch Patenschaften für einzelne Schüler, oder eine Spende mit Vermerk „Beirut Explosion“ (IBAN DE56 5075 0094 0000 022394). Oder Sie schreiben eine ermutigende Nachricht für unsere Kollegen und die Kinder im Libanon (am besten auf Englisch – aber gerne auch auf Deutsch – an: webmaster@helpinghandsev.org). Danke, dass Sie den Kindern und ihren Familien in dieser Zeit besonders zur Seite stehen!

Weitere Fotos auf Facebook und Instagram.

„Die Zerstörung ist unvorstellbar“

Explosion erschüttert Beirut; Schüler und Schule unseres Partners betroffen

„Es ist eine Katastrophe. Wir wissen nicht, was wir sagen sollen. Es ist wie ein Erdbeben … die Zerstörung ist unvorstellbar, überall.“

So schildert es die Schulleiterin der NES-Schule unseres Partners im Libanon am Dienstagabend, wenige Stunden nachdem eine verheerende Explosion am Hafen in Beirut das ganze Land erschütterte – sogar in Zypern, 200 Kilometer entfernt, war der Schlag landesweit zu spüren.

Bisher wird von über 150 Toten und mehr als 5000 Verletzten gesprochen. Nachrichtensender berichten, dass unter anderem auch drei Krankenhäuser zerstört wurden und es ohnehin schon an medizinischem Material mangelt – die Verletzten werden versorgt, so weit es geht.

Zwei NES-Schüler der 5. Klasse wurden durch Glas verletzt und im Krankenhaus behandelt (einer der beiden kam in unserem Blogartikel „Ich habe Schulweh“ zu Wort); ansonsten wurden glücklicherweise keine Schüler und Lehrer getroffen.

Die entsetzliche Kraft der Druckwelle hat aber nicht nur Tausende verletzt, sondern auch weit über den Hafen hinaus Gebäude verwüstet.

„Auch unsere Schule hat kein Glas mehr, keine Türen – eine Menge ist zerstört“, berichtet die Schulleiterin.

Die NES-Schule ist unser Jahresprojekt 2020; bei den Joggathons im Mai und Juni engagierten sich hunderte Läufer und Sponsoren für den „NES-Studienfond“ – Unterstützung, die Schule und Schüler jetzt noch nötiger haben als zuvor.

Denn diese Katastrophe trifft den Libanon nicht aus heiterem Himmel, sondern inmitten einer anhaltenden Wirtschaftskrise, durch die das Land schon vor Corona extrem geschwächt war. Tausende, die bisher der Mittelklasse angehörten, sind unter die Armutsgrenze gerutscht; die, die schon vorher bedürftig waren, wissen kaum, wie sie die Krise überstehen sollen.

„Mehr können wir wirklich nicht mehr ertragen“, schreibt die Schulleiterin. „Unsere Leute haben nichts zu essen, wie sollen wir da die Stadt wieder aufbauen!“

 

Wenn Sie die NES-Schule in dieser Situation unterstützen und den betroffenen Familien eine helfende Hand reichen möchten, überweisen Sie Ihre Spende bitte mit Vermerk „Beirut Explosion“ auf unser Konto bei der KSK Gelnhausen (IBAN: DE56 5075 0094 0000 022394) oder spenden Sie online (Stichwort „Beirut Explosion“). Alternativ können Sie auch direkt für unser Jahresprojekt 2020 spenden, da die Gelder für dieses Projekt in den NES-Studienfond fließen und darüber hinaus genutzt werden, um nötige Renovierungsarbeiten an der Schule durchzuführen.

„Ich habe Schulweh!“

Wir vermissen unsere Schüler.
Wir vermissen unsere Lehrer.
Wir vermissen unsere Klassenräume, Bücherei, Labor und Schulhof.
Wir vermissen das Lachen, den Unterricht, die Freundschaften, die Konflikte.
Wir vermissen die Schule!

So schrieb die „NES“-Schule in Beirut am 1. April auf ihrer Facebook-Seite. Zu dem Zeitpunkt waren die Schulen erst ein paar Tage zu. Inzwischen sind die Sommerferien schon halb rum und noch immer ist nicht klar, ob zum Anfang des nächsten Schuljahres wieder regulärer Unterricht stattfinden kann.

Aber die Schule im Libanon ist Herausforderungen gewöhnt. Und so konnte auch hier eine Lösung gefunden werden. Das ist vor allem dem unermüdlichen Einsatz der Lehrer zu verdanken, unterstützt durch die Administration. „Ich hatte befürchtet, dass ich dieses Schuljahr wiederholen muss“, schreibt ein Mädchen aus der siebten Klasse. „Aber jetzt, mit dem Online-Unterricht, hoffe ich, dass ich in die 8. Klasse versetzt werde!“ Und auch ein Fünftklässler betont: „Ich habe keine Angst vor dem kommenden Schuljahr. Bestimmt werde ich in der 6. Klasse sein.“

Die ersten zwei Wochen des Lockdowns waren in der NES noch der Wiederholung mit Hilfe von Arbeitsblättern gewidmet, dann begann der reguläre Online-Unterricht. Die Lehrer senden Videos oder unterrichten direkt durch eine App, sie geben Aufgaben, die die Schüler bearbeiten und ihnen zurücksenden, worauf sie umgehend Feedback erhalten. Dafür sind Eltern und Kinder sehr dankbar, besonders auch wegen der persönlichen Interaktion, die die Kinder besonders vermissen.

Eine Schülerin aus der neunten Klasse berichtet: „Ich war überrascht zu sehen, dass die Lehrer uns eine Zeit geben, in denen wir sie anrufen können und unsere Fragen stellen. Und das beste ist, dass sie jede einzelne Aufgabe von uns persönlich korrigieren und zurückschicken.“ – „Mein Sohn kommuniziert direkt mit den Lehrern“, beschreibt eine Mutter. „Er schickt Aufgaben und sie korrigieren. Zum Beispiel schrieb ein Lehrer auf eine Aufgabe sofort ‚Richtig, gut gemacht!‘. Es ist, als ob er mit meinem Sohn zusammensitzt.“ Zusätzlich wird durch Gruppenarbeiten und besondere Projekte sowie Facebook-Gruppen ermöglicht, dass die Schüler auch untereinander in Kontakt bleiben.

„Ich mag besonders die Naturwissenschaften; die Experimente machen echt Spaß!“, erzählt Zach aus der sechsten Klasse. „Aber Mathe ist schon schwierig für mich. Da bin ich sehr froh, dass ich meinen Mathelehrer anrufen kann und ihm alle meine Fragen stellen, oder sogar per Video mit ihm reden.“

Die Lehrer sind sehr zufrieden und betonen, wie gut es – wider Erwarten – mit dem Online-Unterricht klappt: „Wenn unsere Schüler eine Online-Unterrichtstunde haben, dann sind alle dabei und genau pünktlich da. Sogar, wenn ihre offizielle Zeit schon rum ist, schreiben sie noch eifrig Textnachrichten. Es ist wirklich toll zu sehen, wie motiviert sie sind. Es macht mir gar nichts aus, ihre ganzen Nachrichten und Fragen zu bekommen und mir die Zeit zum antworten zu nehmen.“ Und ein anderer Lehrer freut sich: „Ich beginne pünktlich um 10 Uhr und, kaum nachdem ich Guten Morgen gesagt habe, werde ich schon mit den ‚Hallo’s der Schüler bombardiert. Das ist sehr ermutigend. Meist sind alle Schüler da, und wir können gemeinsam interagieren. Klar, es ist nicht wie normaler Unterricht – aber es funktioniert.“

Natürlich fordert dieser Online-Unterricht einiges von den Lehrern, denn Online-Unterricht muss eben kreativ sein – für jede Stunde Unterricht sind etwa drei Stunden Vorbereitung erforderlich, zum Beispiel um Diagramme, Bilder, Videos zu erstellen und die richtigen Aufgaben zu finden sowie eine Zusammenfassung zu erstellen, die am Ende der Stunde an die Schüler geschickt wird, damit sie die Aufgaben besser bearbeiten können. „Dieser Online-Unterricht fordert alle Kreativität von mir, die ich in meinen Jahren als Lehrer gelernt habe!“

Ein Junge aus der fünften Klasse schreibt: „Die Videos, die die Lehrer uns schicken, sind sehr hilfreich. Manchmal geben sie uns ein Projekt auf, dann müssen wir ein Foto davon machen und es ihnen zurückschicken. Das macht echt Spaß!“ Und auch die Eltern sind dankbar: „Die Lehrer sind sehr kreativ im unterrichten“, erklärt eine Mutter. „Sie bemühen sich, wie sie nur können, um die Unterrichtsinhalte so klar wie möglich zu vermitteln. Sie begleiten die Kinder Schritt für Schritt. Ich muss meiner Tochter bei gar nichts helfen! Danke an euch Lehrer, dass ihr so kreativ seid und euch so um unsere Kinder bemüht!“

Doch trotz aller Kreativität und Motivation ist die Situation alles andere als ideal. Manche Familien haben kaum Internetzugang oder besitzen keine Tablets oder Laptops, nur ein einziges Handy für mehrere Kinder. Die Eltern bemühen sich, diese Hindernisse einigermaßen zu meistern, sodass ihre Kinder den Unterricht besuchen können. Fürs kommende Schuljahr hofft die Schulleitung, für die ganze Schule gebrauchte Tablets zu erhalten, sodass alle Schüler ungehindert am Online-Unterricht teilnehmen können, falls das erforderlich wird.

Denn bisher stehen die Chancen nicht gut, dass die Lage im Libanon sich bald entspannt hat. In Bezug auf Corona verschlechtert sich die Situation derzeit noch. Und dann ist da noch die Wirtschaftskrise, die Libanon schon vor Corona fest im Griff hatte.

„Dies war ein seltsames und herausforderndes Schuljahr“, schreibt die Schulleitung. „Seit dem Bürgerkrieg vor 20 Jahren standen wir nicht mehr vor solchen Herausforderungen! Für uns im Libanon, selbst wenn die Covid-19 Beschränkungen gehoben werden, müssen wir mit erneuten Straßenprotesten rechnen, denn die Wirtschaft bricht weiter zusammen und unsere Währung verliert täglich an Wert.“

Nachrichtensender sprechen von der schlimmsten Wirtschaftskrise, die das Land je durchgemacht hat, und berichten, dass inzwischen auch die libanesische Mittelklasse in die Armut abrutscht und bald große Teile der Bevölkerung hungern werden; schon jetzt liegt die Hälfte unter der Armutsgrenze.

Das hat selbstverständlich auch Auswirkungen auf den Schulbesuch. Familien, die sich vorher das Schulgeld leisten konnten, bräuchten jetzt Unterstützung. Und dann sind da natürlich die über 100 Kinder aus syrischen Flüchtlingsfamilien und anderen ethnischen Minderheiten, die um ihren Schulplatz an der NES bangen müssen, weil Unterstützung aus anderen reichen Ländern aufgrund der Coronakrise plötzlich versiegt ist.

Aber da besteht Grund zur Hoffnung: Im Mai und Juni engagierten sich 126 Läufer in Gelnhausen, Berlin und ganz Deutschland bei zwei Joggathon-Spendenläufen für die Schule in Beirut; auch Schüler, Lehrer und Freunde der NES-Schule liefen im Libanon mit. Insgesamt kamen so über 15.500 Euro für einen „Studien-Fond“ zusammen, der besonders solchen Kindern helfen soll, weiterhin die NES-Schule besuchen zu können, die ansonsten überhaupt keinen Schulplatz erhalten könnten – syrische Kinder zum Beispiel werden im Libanon in öffentlichen Schulen meist nicht mehr aufgenommen.

Was das für diese Kinder bedeutet, das beschreiben zwei Schülerinnen aus der 6. und 7. Klasse sehr eindrücklich:

„Ich bin 15 Jahre alt, aber erst in der 6. Klasse. Ich kann es mir nicht leisten, noch ein Schuljahr zu verlieren; ich war so traurig, als der Unterricht gestoppt wurde. Ich wollte weiterlernen und die Jahre ausgleichen, die ich wegen dem Krieg in Syrien verloren habe! Ich dachte, dass der Corona-Virus meinen Traum zerstört hat, aber als die Schule uns in der ersten Woche des Lockdowns kontaktierte und über den Online-Unterricht erzählte, fühlte ich mich sehr ermutigt und aufgeregt. … Ich nehme diesen Unterricht sehr ernst und gebe mein Bestes, um richtig gut zu sein. Aus der Krise habe ich gelernt, nicht aufzugeben!“

„Wir hören meist, dass jemand ‚Heimweh‘ hat. Habt ihr schon mal von jemand gehört, der ‚Schulweh‘ hat? Ich habe Schulweh.
Nachdem wir Syrien verlassen hatten, wurde die NES mein Zuhause, meine Sicherheit, mein Dazugehörigkeitsgefühl. Einige Lehrer wurden meine Mentoren und sogar meine Freunde, ich schütte mein Herz bei ihnen aus, wenn ich traurig bin.
Im Libanon wurde die NES zu meiner neuen Heimat.
… Ich bin dankbar für den Online-Unterricht, aber ich vermisse alles, was irgendwie mit der Schule zu tun hat. Sobald diese Krise rum ist, möchte ich meine Freunde treffen und mit ihnen Basketball spielen. Ich träume davon, dass ich eines Tages aufwache und merke, dass die Covid-19 Krise vorüber ist und ich auf meinem Platz in meinem Klassenzimmer sitze!“