„Vor Ort hat sich schon einiges verändert“

Franzi Huth berichtet aus Nepal

Ankunft und erste Eindrücke

An einem sonnigen Dienstagnachmittag erreichen wir nach einer sechsstündigen Fahrt endlich Tuwachung, eine ländliche Gemeinde im Osten Nepals. Die Gegend liegt inmitten einer bergigen Landschaft, wie sie in vielen Regionen des Landes zu finden ist. Das kleine “Zentrum”, das eher als idyllische Siedlung bezeichnet werden kann, ist umgeben von Bergen und Wäldern, die wiederum mehrere kleine Dörfer beheimaten. Wir erreichen das Zentrum über eine etwas wackelige Brücke, die die einzige Zufahrtsmöglichkeit nach Tuwachung darstellt. Sie führt über einen reißenden Fluss, der die Gemeinde vom Rest der Region trennt.

Besucht ist die Gegend nur sehr selten, in erster Linie wird sie als Zwischenstopp für durchreisende Touristen genutzt, was an den kleinen Cafés sowie dem Hostel direkt am Ortseingang unschwer zu erkennen ist. Zudem befinden sich einige kleinere Shops, die Ähnlichkeiten zu Kiosks in deutschen Städten aufweisen, direkt an der Hauptstraße.

Die Umgebung wirkt wie einem Landschaftskalender entsprungen, die idyllische Brücke über dem Fluss und die umliegenden Berge und Wälder machen die malerische Kulisse perfekt. Trotzdem kann sie über die Armut, die schnell und überall deutlich erkennbar wird, nicht hinwegtäuschen. Die notdürftig gezimmerten Hütten, provisorisch wirkende Ställe und die spärlich gekleideten Kinder zeigen ein deutliches Bild von der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation in Tuwachung.

Aufgrund der mangelnden Infrastruktur in diesen doch sehr ländlichen, abgeschiedenen Dörfern beschränkt sich das Arbeitsangebot fast vollständig auf lokale Landwirtschaft. Somit widmen sich die meisten der Dorfbewohner dem Anbau von Getreide und Gemüse oder auch dem Züchten von Nutztieren. Letztere sind in den Dörfern an jeder Ecke zu finden, neben den unübersehbaren Büffeln und Ziegen läuft einem auch schnell mal eine Henne mit ihren Küken oder eine Gänsefamilie über den Weg. Landwirtschaftliche Erzeugnisse werden zu einem großen Teil selbst verbraucht, untereinander wird oft getauscht. Wer ein paar Hühner hält, kann beispielsweise Eier abgeben und bekommt dafür Mais, Hirse oder Kartoffeln. Darüber hinaus berichten viele Bewohner von ihrem Wunsch, ihre Produkte auch in Kathmandu zu verkaufen, wo sich lokale Erzeugnisse großer Beliebtheit erfreuen.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat sich dessen angenommen und möchte mit sogenannten Income-Generating-Activities (IGAs) helfen, doch dazu später mehr. Zunächst einmal ein allgemeiner Blick auf die Bevölkerung: Diese besteht fast ausschließlich aus Hindus, die zudem der gleichen Kaste angehören. Somit kommt es in Tuwachung – im Gegensatz zu vielen anderen Regionen Nepals – nur sehr selten zu religiösen Konflikten. Auffallend ist darüber hinaus die Demografie und die große Menge an Kindern, die in den Dörfern leben. In so ziemlich jedem Haushalt leben mehrere, die meisten von ihnen noch ziemlich jung.

Bilaterale Entwicklungszusammenarbeit mit dem BMZ

Wie bereits angedeutet, fördert das BMZ unterschiedliche Projekte in verschiedenen Ländern des Globalen Südens. Die in erster Linie finanzielle Unterstützung erfolgt in der Regel nach erfolgreicher Bewerbung einer deutschen Organisation, bzw. eines Vereins. Im Fall von Tuwachung war dieser Verein Helping Hands e. V., der die Dorfgemeinschaft erfolgreich für ein potenzielles Entwicklungsprojekt vorschlug und dafür Fördergelder des Ministeriums erhielt. Die finanzielle Unterstützung kann ganz unterschiedlich eingesetzt werden, in Tuwachung werden davon unter anderem beispielsweise Nutztiere gekauft, um ausgewählten Haushalten eigenständiges Wirtschaften zu ermöglichen, getreu dem Motto “Hilfe zur Selbsthilfe”. Auch ein Wasserauffangbecken wurde auf Kosten des Projekts eingerichtet, um die Bewässerung der Felder auch in Dürrezeiten zu sichern. Zudem nahm sich die Kooperation des dürftigen Gesundheitssystems vor Ort an und beschloss unter anderem, Entwurmungskuren an die Bevölkerung – insbesondere an Kinder – zu verteilen. Diese Kuren sind relativ kostengünstig und einfach zu beschaffen, haben jedoch eine verhältnismäßig große Wirkung für die Gesundheit der Bewohner. Bereits 2008 wurde ihr positives Kosten-Nutzen-Verhältnis im Rahmen des Kopenhagener Konsens betont und wird seit jeher als beliebtes Ernährungsprogramm in Projekten des Globalen Südens eingesetzt.

Bisher kleinere Teilerfolge

Seitdem das Projekt in Kooperation mit dem BMZ vor einem Jahr startete, hat sich vor Ort einiges verändert. Bereits jetzt deuten sich erste Erfolge der Zusammenarbeit an. So zum Beispiel sehen einige Bewohner einem Rückgang in der Kinderarbeit, die noch heute vermehrt in vielen ländlichen Gebieten Nepals auftritt. Das Projekt unterstützt die lokale Schulbildung finanziell, indem es die Schulgebühren sowie verschiedene Materialien wie Schulranzen, Blöcke oder Stifte zur Verfügung stellt. Die Wirkung dessen ist bereits jetzt erkennbar: Kinder besuchen die Schule nun deutlich länger als noch vor einem Jahr, als der Großteil der Schüler nach der 6. oder 7. Klasse die Schule abbrechen und in der Landwirtschaft arbeiten musste. Heute sieht das Ganze anders aus: Über 90% der 12–15-Jährigen besuchen die lokale Schule, die meisten von ihnen streben darüber hinaus eine Einschreibung in der nächstgelegenen High School an. Die positive Entwicklung ist vermutlich nicht zuletzt auf die Bemühungen des Projekts zurückzuführen, das Familien die Bedeutung von Bildung nahebringt und sie finanziell in diesem Vorhaben unterstützt.

Doch nicht nur Kinder, sondern auch ihre Eltern können von den Bildungsprogrammen des Ministeriums profitieren: In sogenannten “Self Help Groups” (SHGs) schließen sie sich mit jeweils 24 weiteren Dorfbewohnern zusammen, um gemeinsam zu sparen. Monatlich wird ein kleiner Teil des – zugegebenermaßen zumeist bescheidenen – Einkommens gespart und anschließend an ein ausgewähltes SHG-Mitglied ausgezahlt. Meistens wird das Geld, ähnlich wie ein Kredit, als Startkapital verwendet, um beispielsweise einen kleinen Shop zu eröffnen oder Tiere für die Landwirtschaft zu kaufen. Im Laufe der nächsten Monate wird das Geld Stück für Stück an die Gruppe zurückgezahlt, inklusive Zinsen. Ziel ist hierbei, den einzelnen Gruppenmitgliedern den Start in die Selbstständigkeit zu ermöglichen und somit – ganz im Sinne der “Hilfe zur Selbsthilfe“ – ein Stück weit finanzielle Sicherheit zu gewährleisten. Was auf den ersten Blick wirkt wie ein klassischer Mikrokredit, unterscheidet sich von diesem einerseits durch seine Informalität, vor allem aber darin, dass die Gruppenmitglieder nicht von einem Kreditinstitut in Abhängigkeit gebracht werden, sondern die Gruppengelder selbstbestimmt verwalten und damit auch das Potenzial entfalten, die weitere Entwicklung ihrer Dörfer selbst in die Hand zu nehmen.

Ergänzt werden die SHGs mit sogenannten „Income Generating Activities” (IGAs), die in erster Linie aus Schulungen im Umgang mit Finanzen bestehen. Was zunächst aufwändig und umfangreich klingt, wird in der Praxis relativ einfach umgesetzt: Ein Experte aus der Finanzbranche (hierbei ist es den Initiatoren besonders wichtig, dass es sich um einen „local“, also einen Nepalesen, handelt) besucht auf Kosten des Projekts das Dorf und unterrichtet interessierte Bewohner in Grundlagen der Haus- und Betriebswirtschaft. Somit lernen sie, einen eigenen Laden möglichst effizient zu führen oder landwirtschaftliche Erzeugnisse gewinnbringend zu verkaufen. Insbesondere jetzt, wo einige Dorfbewohner den Wunsch äußern, ihr Gemüse und Getreide in Kathmandu zu verkaufen, könnten die IGAs eine entscheidende Unterstützung darstellen.

Langfristige Wirkung schwer absehbar

Bei all den positiven ersten Eindrücken muss jedoch berücksichtigt werden, dass das Projekt – Stand heute – erst ca. ein Jahr alt ist. Im Oktober 2021 wurde es quasi inmitten der Corona-Pandemie etabliert. Diese nahm zwar auf den ersten Blick keinen großen Einfluss darauf, trotzdem zeigt sie uns, wie fragil die globale Entwicklung ist und wie schnell entsprechende Fortschritte verloren gehen können. Dies wurde während der letzten zweieinhalb Jahre nicht nur in verschiedenen Gegenden Nepals, sondern auch in vielen weiteren Regionen dieser Welt spürbar deutlich. Aufgrund dessen sind die sich abzeichnenden Erfolge zunächst einmal mit Vorsicht zu genießen. Die langfristigen Auswirkungen des Projekts vor Ort sind derzeit einfach noch nicht abschließend feststellbar, dies wird letztlich die Zeit zeigen.

Jedoch sind das Programm und die Unterstützung des BMZ durchaus jetzt schon als sinnvoll zu betrachten, und zwar nicht nur aufgrund der einzelnen Fortschritte individueller Bewohner. Die wirtschaftliche und somit auch gesellschaftliche Situation vor Ort ist noch immer prekär: Derzeit leben etwa drei Viertel der örtlichen Bevölkerung unterhalb der offiziellen, nepalesischen Armutsgrenze. Hierfür gibt es einen einleuchtenden Erklärungsansatz: das heimische Bildungswesen. Bildung wurde in den vergangenen Jahren oft vernachlässigt, da Schüler als unterstützende Arbeitskräfte in der Landwirtschaft benötigt wurden. Nun sind Schulbesuche jedoch innerhalb eines Jahres sichtbar angestiegen, was vermutlich nicht zuletzt auf die finanzielle Unterstützung des Projekts zurückzuführen ist. Doch das Projekt unterstützt Familien noch auf einem weiteren Weg: Indem Eltern mit Hilfe der IGAs die Bedeutsamkeit von Bildung und Schulabschlüssen für den Austritt aus der Armut nähergebracht wird, wächst deren Eigeninteresse an einem möglichst ausgeprägten Bildungsweg für ihre Kinder.

Noch bleibt einiges zu tun

Trotz bisheriger Anstrengungen und sichtbarer Erfolge bleibt noch vieles offen. Ein Spaziergang durch die umliegenden Dörfer legt insbesondere ein Problem unmissverständlich dar: der regionale Umgang mit Abfall, der keinen größeren Gegensatz zu unserer typisch deutschen Mülltrennung aufweisen könnte. Überall liegen leere Plastikwasserflaschen, Müllbeutel und Verpackungsreste auf dem Boden, kreuz und quer auf den Feldwegen und im umliegenden Gestrüpp.

Doch nicht nur immer größer werdende Müllberge stellen ein (potenzielles) Problem für die Gemeinde dar. Darüber hinaus fehlt es in vielen Haushalten noch immer an Elektrizität, was natürlich in erster Linie auf die mangelnde Infrastruktur in der ländlichen Gemeinde zurückzuführen ist. Was für die Bewohner tagsüber nur bedingt ein Hindernis darstellt, wird abends, nach Anbruch der Dunkelheit, durchaus problematisch. Die fehlende Elektrizität führt zum Mangel an elektrischem Licht, vom Internet ganz zu schweigen. Obwohl das BMZ immer wieder die Bedeutsamkeit von Bildung für nachhaltige Entwicklung betont, scheint dies doch ein bedeutsames Hindernis für das Lesen und Lernen zu sein.

Ein weiteres Problem zeigt sich schnell bei einer Führung durch eines der Dörfer, nur wenige Kilometer außerhalb des Gemeindezentrums. Stolz zeigen uns die Bewohner ein eher provisorisch wirkendes Wasserauffangbecken, das das Projekt ihnen bereitstellt. Hierin wird Regenwasser gesammelt, um während der Dürreperioden, die in der Gegend häufig auftreten, Wasser zur notwendigsten Versorgung verfügbar zu haben. Schnell wird jedoch klar, dass diese Becken nicht einmal annähernd genug Wasser sammeln können, um die umliegenden Agrarflächen zu bewirtschaften. Die Region ist jedoch abhängig von effizienter Landwirtschaft und ihrer Erzeugnisse.

Bei unserem Besuch in Tuwachung wird also schnell klar, noch bleibt einiges zu tun. Das Projekt in Kooperation mit dem BMZ ist auf insgesamt dreieinhalb Jahre angesetzt, eines davon ist bereits vergangen. Die bisherige Entwicklung bestätigt den Erfolg der bisherigen Herangehensweise, Universallösung aller Probleme vor Ort ist sie jedoch nicht. Inwieweit die Unterstützung des Ministeriums nachhaltige Entwicklung für die Region und positive Veränderungen für ihre Bewohner bringt, wird sich wohl erst im Laufe der nächsten Jahre abschließend zeigen.

 

Franzi Huth absolvierte im Rahmen ihres Master-Studiengangs in Development Studies von August bis Oktober 2022 ein Praktikum bei unserem Partner NCM Nepal. Dabei konnte sie auch zwei von Helping Hands geförderte Projekte besuchen und evaluieren.

Anmerkung: Das beschriebene Projekt in Tuwachung liegt im Bezirk Khotang; in früheren Berichten zu diesem Projekt wurde diese Ortsangabe verwendet.

 

Nicht mehr bei Null anfangen

Familien in Mongla im südwestlichen Küstengebiets Bangladesch kämpfen gegen die Folgen des Klimawandels

„Sehen Sie, hier, wo es feucht ist, bis dahin kommt das Wasser, wenn die Flut ihren höchsten Pegel erreicht hat.“

Wir stehen vor einer armseligen Hütte, errichtet aus getrockneten Gräsern und Palmblättern, der Boden festgetretene Erde. Ein altes Fischernetz ist über das Strohdach gespannt, damit in dem oft heftigen Wind nichts davonweht. An der Außenwand stehen ein paar Töpfe und Eimer, an Seilen flattern Kleider zum Trocknen. Keine zwei Meter vor der Türschwelle wird der Lehmboden auf einmal feucht: die Hochwasserkante, die den Hüttenbewohnern kaum genug Raum bietet, bei Flut ihren Eingang zu erreichen. Einen Meter weiter bricht das Flussufer jäh ab – mürbe, vom Wasser ausgefressen, nur ein paar Wurzeln halten den Lehm zusammen. Dahinter erstreckt sich, nach ein paar Metern Schlamm, der Pashur-Fluss, breit wie ein See, bedrohlich wie das Meer selbst.

„Früher war mein Haus da draußen“, erklärt Sukanta, dem die Hütte gehört, und er zeigt einige Bootslängen auf den offenen Fluss hinaus, wo sich das trübe Wasser träge im Wind kräuselt. „Aber das Flussufer ist immer weiter eingebrochen, also hab ich die Hütte weiter ins Land gebaut. Das war vor ein paar Jahren – da war der Fluss noch weit weg von hier.“

Warum er denn überhaupt hier baut, fragen wir.

„Ich besitze kein Land“, sagt er. „Ich habe keine andere Wahl.“

Ein Häuschen direkt am Flussufer, wo die sanft anrollenden Wellen einen abends in den Schlaf flüstern  – wie idyllisch klingt das in unseren Ohren! Für die Menschen in Chila und Chandpai im Bezirk Mongla im südwestlichen Bangladesch ist es eher lebensbedrohlich.

Denn da sind nicht nur die immer weiter ins Land drückenden Wellen aus der Bucht von Bengalen, die die Flussufer zerfressen wie Säure. Seit der Klimawandel weltweit das Wetter verrückt macht, werden Gebiete wie Mongla immer häufiger von verheerenden Wirbelstürmen heimgesucht, die nicht nur sintflutartigen Regen und orkanstarken Wind mit sich bringen, sondern auch baumhohe Flutwellen, denen Hütten wie die von Sukanta nicht standhalten können.

„Im letzten schlimmen Zyklon, dem Amphan, ist alles zusammengestürzt und fortgeschwemmt worden“, berichtet Sukanta. „Aber ich bin das gewöhnt – 33 Jahre bin ich jetzt alt, und ich kann mich erinnern, dass es seit meiner Kindheit bei jedem Wirbelsturm so war … und ich hab viele Wirbelstürme erlebt!“

Wie die anderen Menschen dieser Gegend hat Sukanta eine beeindruckende Unbeugsamkeit – den Mut, wieder und wieder neu anzufangen, auch wenn man alles verloren hat. Trotzdem – für seine Familie wünscht er sich etwas anderes, für seine Frau und die zwei Söhne, 9 Jahre und 9 Monate alt.

„Als beim letzten Wirbelsturm die Warnsignale kamen, hab ich sie geschnappt und zum nächstgelegenen Zyklon-Schutzraum gebracht“, erinnert er sich. „Dann bin ich zu unserer Hütte zurückgerannt, um auf unsere Sachen aufzupassen. Ich dachte nicht, dass das Wasser so weit kommen würde. Trotzdem habe ich vorsichtshalber alles in Päckchen verpackt – wir haben ja nicht viel. Als das Wasser dann doch kam, hab ich alles zur Straße geschleppt und da aufgestapelt. Und dann ist das Haus zusammengebrochen.“

Die Straße – eigentlich verdient sie diesen Namen nicht. Ein paar Ziegel und festgetretener Lehm, oben auf dem brüchigen Damm, gerade breit genug, dass zwei Motorräder aneinander vorbeikommen. Bei Überschwemmungen leben oft ganze Familien tage- oder gar wochenlang auf diesem schmalen Streifen Erde, während rechts und links das Wasser schwappt und man sich nie ganz sicher ist, ob es diese letzte Zuflucht nicht auch noch unter sich begräbt.

„Ich hatte Glück.“ Sukanta ist mit seiner Geschichte noch nicht fertig. „Es ist hier zwar alles weggeschwemmt worden, aber nur ein kurzes Stück. Nach dem Wirbelsturm, als das Wasser zurückgegangen war, konnte ich die Einzelteile wieder einsammeln – Holzpfosten und so. Dann hab ich erstmal eine provisorische Unterkunft gebaut, wo wir als Familie wohnen konnten. Und danach haben wir Nachbarn uns alle gegenseitig geholfen, unsere Häuser wiederaufzubauen. Das machen wir immer so.“

Den Mut, nach solch einer Katastrophe wieder bei Null anzufangen – das haben die Menschen in Mongla jedenfalls. Aber das muss nicht sein! Sicherlich – den Klimawandel und die daraus resultierenden Naturkatastrophen können Sukanta und seine Nachbarn nicht stoppen; hier sind andere gefragt, ihren Teil dazu beizutragen. Aber durch die richtigen Vorsorgemaßnahmen können Familien und Kommunen dafür sorgen, dass der Schaden nicht so groß ausfällt. Und durch Bewusstseinsbildung in bestimmten Bereichen und ein erhöhtes Einkommen können Menschen „Resilienz“ aufbauen, sodass sie und ihr Eigentum weniger gefährdet sind und nach der nächsten Katastrophe eben nicht ganz unten bei Null anfangen müssen.

„Mein größter Wunsch ist, dass ich ein besseres Haus für meine Familie an einem sicheren Ort bauen kann“, sagt Sukanta. „Aber dafür verdiene ich nicht genug.“ Als Fischer auf dem Fluss arbeitet er, an sich schon ein harter Job mit geringem Ertrag, aber neue Verordnungen der Regierung machen die Arbeit immer schwerer. Manchmal fischt er nachts, um der Küstenwache zu entkommen, aber das ist gefährlich. „Wenn ich nur die Möglichkeit bekommen würde durch dieses Projekt, von dem ihr redet, ein höheres Einkommen zu verdienen – das würde mir und meiner Familie immens helfen.“

Den mehr als 5000 bedürftigsten Familien in Chila und Chandpai ein besseres und vor allem durchgehendes Einkommen zu ermöglichen … sie darin zu unterstützen, ihre Lebensgrundlagen an die Klimawandelsituation anzupassen … ihre Haushalte und Dörfer so auf Katastrophen vorzubereiten, dass möglichst wenig an Menschenleben oder Hab und Gut verlorengeht … sie zu motivieren und auszurüsten, sodass sie ihre sozioökonomische Entwicklung selbst in die Hand nehmen können – das sind nur ein paar der Ziele, die sich unsere Kollegen für das Klimawandel-Projekt in Mongla gesteckt haben. Seit Oktober 2021 engagiert sich unser Partner in diesem umfassenden Projekt, das noch bis Frühjahr 2025 andauern wird. Und schon jetzt zeichnet sich die Hoffnung auf den Gesichtern der Projektteilnehmer ab.

Geht dein älterer Sohn zur Schule? fragen wir noch, bevor wir uns von Sukanta verabschieden.

„Ja“, sagt er nur. Aber man liest sie in seinem Gesicht: all die Träume, die er für seine Söhne hegt, die hoffnungsvollen Erwartungen – dass sie ihr Leben nicht damit zubringen werden, vor dem heranrückenden Flussufer zu fliehen, dass sie Notlagen zuversichtlich ins Auge schauen können, weil sie nicht nur den Mut, sondern auch die Ressourcen haben, dort weiterzumachen, wo der Sturm sie unterbrochen hat: und dass sie dann nicht mehr bei Null anfangen müssen.

 

Dieses Projekt wird zu 75% vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert; Helping Hands e.V. muss einen Eigenanteil von 12,5% aufbringen (ca. 32.000 EUR). Wenn Sie die Familien in Chila und Chandpai (Mongla) im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels unterstützen möchten, spenden Sie bitte mit Vermerk „Mongla“.

Träume sind nicht nur Luftschlösser

In den Bergdörfern Ithung und Ghalegaun, Nepal, ist das erste Jahr des „integrativen Kinderzentrums“ erfolgreich beendet

Die höchsten Berge der Welt sind gar nicht so einfach zu finden. Meist verbergen sie sich hinter einem weißen Wolkenschleier, so dicht, dass das Gebirge wie ausradiert wirkt. An anderen Tagen ragen nur die majestätischen Spitzen des Himalayas aus den Wolken hervor. Wie Traumschlösser schweben sie dann hoch über dem Horizont, unerreichbar, weit weg von der Wirklichkeit. Manchmal spiegeln sie sich in einem kleinen, glasklaren See oben auf der Hügelkuppe, zum Anfassen nahe und doch so unendlich fern.

So täuschend nah und doch unerreichbar – so erscheinen den Menschen, die hier wohnen, oft ihre Träume. Der Traum, dass ihre Kinder eine gute Schulbildung erhalten. Der Traum, dass im Winter der Hunger nicht mehr nagt. Der Traum, dass ihre Familie eine bessere Zukunft hat, dass Hoffnung nicht nur Hoffnung bleibt.

„Hoffnung“ – das ist der Appell, der mir als erstes begegnet, als wir im November das Bergdorf Ithung besuchen. Gleich in der vordersten Reihe steht er und lächelt schüchtern , streckt mir einen selbstgepflückten Blumenstrauß entgegen: der kleine Junge im grauen Pulli und schwarzer Mütze, die Buchstaben H-O-P-E beherzt auf seine Stirn geschrieben. Später, als wir im Kinderzentrum in Kreisen auf dem Boden sitzen, die Kinder ihre Heimat mit Buntstiften auf Weihnachtskarten malen, da grinst er mich schon etwas kühner an, als ob er fragen möchte, was ich denn meine zu seiner Hoffnung, ob es wohl nur eine Hoffnung bleibt?

Seit einem Jahr gibt es das Kinderzentrum, das mein „Hoffnungsjunge“ besucht. Ein Jahr voller Anfechtungen und Verzweiflung. Ein Jahr, in dem die Pandemie auch das kleine Bergdorf erreichte und Menschen, alt und jung, hinwegraffte. Aber auch ein Jahr, in dem vieles besser wurde!

„Meine Tochter hatte ziemlich Probleme in der Schule“, erinnert sich Dhan Bahadur, ein Kleinbauer und Tagelöhner aus Ithung. „Ich konnte ihr nicht helfen – ich war ja selbst nie in der Schule, weil wir zu arm waren! Aber seit Kanchan ins Kinderzentrum geht, haben sich ihre schulischen Leistungen enorm verbessert. In der letzten Prüfung war sie richtig gut. Und jetzt verbringt sie viel Zeit mit ihren Schulaufgaben – die kann sie nun alleine machen, aber die Lehrer im Zentrum helfen ihr natürlich, wenn es schwierig wird.“

Eine gute Schulbildung für die Kinder – das ist einer der größten Träume vieler Familien, mit dem auch viele weitere Träume verknüpft sind. Doch bittere Armut ist hier oft die Wolkenwand, die gute Bildung und eine bessere Zukunft zu Luftschlössern macht: Ohne Geld für Schulmaterial und notwendige Hausaufgabenhilfe haben die meisten Schüler keine Chance, gehen oft einfach gar nicht zur Schule, weil sie sich schämen. Hier macht das Kinderzentrum einen deutlichen Unterschied.

Dafür ist Dhan Kumari besonders dankbar: für das Schulmaterial und die Nachhilfe, die ihrer Tochter ermöglicht, beim Lernen wirkliche Fortschritte zu machen. „Jedes Mal wenn ich sehe, wie Kriti mit einem Lächeln auf dem Gesicht zur Schule geht, ist mein Herz erfüllt von Freude!“

Kriti besucht das Kinderzentrum im Dorf Ghalegaun, eine knappe Stunde steil den Hügel bergab. Am nächsten Morgen sind wir dort zu Besuch, werden mit der Nationalhymne und traditionellen Tänzen willkommen geheißen, dürfen dann das Schulmaterial verteilen, das die Kinder jedes Quartal erhalten.

Während die Kinder ein nahrhaftes Frühstück genießen, schauen wir nebenan bei der Selbsthilfegruppe vorbei, die sich regelmäßig trifft. Denn Ithung und Ghalegaun bilden zusammen ein integratives Kinderzentrum, also ein Zentrum, in dem nicht nur die Kinder Unterstützung für die Schule erfahren, sondern Familien durch Spar- und Kreditprogramme und diverse Einkommensprojekte eine echte Chance geboten wird, ihren wirtschaftlichen Status nachhaltig zu verbessern.

Die umfassenderen Maßnahmen sind erst fürs zweite Jahr geplant. Aber schon jetzt sind erste Früchte erkennbar: zum Beispiel das gesparte Kapital in den beiden Selbsthilfegruppen in Ithung und Ghalegaun, das in Einkommensprojekte investiert wird, und die Gemüsegärten, die in Ghalegaun zahlreichen Familien nahrhafte Lebensmittel spenden werden. Nach unserem Besuch in der Selbsthilfegruppe dürfen wir einige dieser Gärten besichtigen.

„Ich bin sehr zufrieden“, sagt Phulmaia and schaut stolz auf das üppige Grün, das sie umgibt – vorschriftsmäßig eingezäunt, zum Schutz vor fresslustigen Tieren. „Wir wussten ja gar nicht, wie man richtig Gemüse anbaut. Aber seit wir extra geschult wurden, klappt es viel besser. In meinem Garten wächst jetzt das Gemüse sehr schön und das macht mich glücklich!“

Ein paar Gärten weiter oben zeigt Shanti, was sie alles an „Wintergemüse“ angebaut hat – in sauberen Reihen, wie bei der Schulung gelernt. Noch sind die Pflanzen ganz klein, die Schulung ist ja erst ein paar Wochen her. „Das sind Erbsen, Rettich, Zwiebeln und Koriander. Da drüben ist noch Kohl, Kopfsalat und Blumenkohl. Wir haben zwar schon früher einen kleinen Garten gehabt, aber nicht in diesem Umfang. Da können wir verkaufen, was unsere Familie nicht isst!“

Am Nachmittag sind wir noch einmal im Kinderzentrum in Ithung zu Gast – auch dort werden Schulhefte, Stifte und Schuluniformen verteilt. Zwischendrin zeigen die Kinder Tänze und Lieder; die Eltern, die zu diesem Programm eingeladen wurden, schauen stolz und begeistert zu. Eine der Tänzerinnen, in ein türkisfarbenes traditionelles Kostüm gekleidet, geht nach vorne, um sich zu bedanken.

„Meine Familie hat es nicht so einfach“, erzählt sie. „Wir sind sehr arm. Meine Mutter hat seit langer Zeit gesundheitliche Probleme und ihre Medizin und Arztbesuche kosten viel Geld. Meine Eltern arbeiten auf dem Feld, und das Einkommen reicht gerade für Essen und Kleidung. Eine meiner beiden Schwestern ist deshalb nach Dubai gereist, um dort zu arbeiten. Aber auch ihr Gehalt reicht nicht aus, um die medizinischen Kosten und unsere Schulden beim Vermieter zu bezahlen.

Deshalb bin ich so froh über das Kinderzentrum! Dadurch hat sich für mich einiges geändert. Ich habe schon so viel gelernt! Das Kinderzentrum kümmert sich um meine Schulbildung, und wir lernen noch so viel anderes, zum Beispiel Kunst oder Hygiene, was allen gut tut. Die Lehrerin besucht uns oft zuhause um zu schauen, ob alles okay ist. Ich freue mich jedes Mal sehr, wenn sie kommt! Das Kinderzentrum ist ein guter Ort für eine Schülerin wie mich. Vielen Dank!“

Auch der Junge mit der Hoffnungsmütze ist wieder dabei, heute in einem roten Jackett, das etwas zu groß für ihn ist, die Mütze mit der frohen Botschaft leicht verrutscht. Während die Eltern noch im Kreis sitzen und die Lehrerin mit Fragen löchern, wartet er mit den anderen Kindern, fröhlich plaudernd, in einer Ecke des Raumes. Die geschenkten Schulhefte und Stifte hält er fest im Arm – ein kostbares Gut, quasi eine Stufe auf der Treppe zum Traumschloss.

Mein Blick schweift über die Schülergruppe, die Eltern, die anderen Dorfbewohner, die dazugekommen sind. Wie viele von ihnen mussten Mütter oder Väter, Brüder, Schwestern oder Kinder zu Gastarbeit in der Ferne verabschieden, weil sie dachten, dass es zuhause keine Zukunft gibt? „Das integrative Kinderzentrum bietet euch viele Chancen – aber ihr müsst sie nutzen!“, ermutigt die Lehrerin die versammelten Eltern. In ihren Gesichtern spiegelt sich Hoffnung und eine Zuversicht, dass es tatsächlich auch für sie eine Zukunft gibt.

Draußen ist es inzwischen stockdunkel, es ist schließlich Winter. Noch weiß keiner, ob am nächsten Tag der Himmel klar sein wird, die Berge scharf und ungetrübt am Horizont locken oder sich hinter den Wolken des Alltags verstecken. Doch dass ihre Träume keine Luftschlösser bleiben müssen – das ahnen die Familien in Ithung und Ghalegaun bereits jetzt.

 

Das integrative Kinderzentrum in Ithung und Ghalegaun hatten wir, gemeinsam mit dem integrativen Kinderzentrum in Piluwa, als unser Jahresprojekt 2021 gewählt. Einen ausführlichen Rückblick über die Aktivitäten des vergangenen Jahres finden Sie in diesem Beitrag.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen Spendern, die mit uns diese wichtigen Projekte unterstützt haben! Beide Zentren haben nun mit dem zweiten Jahr begonnen, in dem besonders die Einkommensprojekte (inklusive Viehzucht und Landwirtschaft) für Familien gefördert werden.

In insgesamt ca. fünf Jahren werden die Kinderzentren finanziell selbsttragend sein (im dritten und vierten Jahr nur Teilförderung). Wir freuen uns sehr, wenn Sie uns, unseren Partner in Nepal und die Familien in Piluwa, Ithung und Ghalegaun dabei unterstützen, dieses Ziel zu erreichen! Spenden Sie bitte mit Vermerk „integrative Kinderzentren Nepal“.

 

Einfach nur herrlich

Umfassendes Dorfentwicklungsprojekt in Khotang, Nepal, schafft Veränderung

Einfach nur herrlich: einen Tag lang wandern, Sonnenschein und frische Luft genießen, die Aussicht bestaunen, Flora und Fauna erforschen, sich mal so richtig verausgaben, und am Ende des Tages zur Belohnung eine heiße Dusche, ein ausgiebiges Abendessen und dann ab ins weiche Bett.

Oder noch besser: auf kleinen, steilen Trampelpfaden tausend Höhenmeter überwinden, unter Bananenstauden und riesigen Weihnachtssternen hindurchwandern, auf den Fluss im Tal zurückblicken, der am Mt. Everest entspringt, und auf der Anhöhe dem majestätischen Panorama des Himalajas gegenüberstehen.

Die Kinder und Familien in Jhapa und Gurdum, in Bahuntar und Kharka, in Baisetar und Jayaram tun das jeden Tag.

Aber auf sie wartet keine heiße Dusche – weiter oben nicht mal fließend Wasser – und kein weiches Bett, auch kein ausgiebiges Essen: nicht immer genug, um satt zu werden. Und sie wandern auch nicht zur Erholung und nicht zum Sport. Für die Kinder ist es der Schulweg – etwas kürzer in der Grundschule, in höheren Klassen auch mal ein oder zwei Stunden zu Fuß, morgens früh, wenn der Nebel sich noch in Schwaden um den Dschungel schlingt, und abends spät, wenn die Dämmerung bereits ins Tal gekrochen ist. Und das für Unterricht, in dem sie nichts lernen und der ihnen kaum Optionen für die Zukunft bietet! Für die Eltern ist es mal der Weg zur Arbeit, öfter zum Markt, gelegentlich auch zur kleinen Gesundheitsstation, in der es nur die allergrundlegendste medizinische Hilfe gibt.

Idyllisch mag ihre Heimat sein, aber das Leben ist sehr hart. Tagtäglich mühen die Menschen sich ab mit Gärten und kleinen Feldern und etwas Vieh, aber der Boden ist trocken, felsig und steil, daher gibt er nicht viel her. Für ertragreicheren Ackerbau fehlen ihnen die Kenntnisse; mit Viehzucht kennen sie sich zwar aus, doch erhalten sie durch fehlende Marktmöglichkeiten nur dürftige Preise für ihre Tiere. Somit können sie ihre Familien nur etwa die Hälfte des Jahres vom eigenen Ertrag ernähren, manche sogar nur vier Monate. Den Rest des Jahres nehmen sie Kredite auf, meist zu hohen Zinsen, und verschulden sich mehr und mehr. Viele verlassen ihr Zuhause und suchen anderswo ihr Glück – oft vergeblich.

Doch das darf sich ändern!

Im Oktober konnte in sechs Dörfern im Khotang-Bezirk in Nepal ein umfassendes Dorfentwicklungsprojekt beginnen. Für die Kinder bedeutet das regelmäßige Unterstützung in Kinderzentren, sodass ihnen der Schulbesuch tatsächlich eine Chance für die Zukunft bietet. Für die Erwachsenen bedeutet es Förderung im Ackerbau, Viehzucht und Kleinsthandel sowie der Aufbau eines funktionierenden Marktsystems, sodass sie bis Projektende das ganze Jahr über ihre Familie ausreichend versorgen können, ohne Kredite aufnehmen zu müssen. Zudem werden durch Selbsthilfegruppen und eine Kooperative lokale Strukturen geschaffen, sodass die Menschen die sozioökonomische Entwicklung ihrer Dörfer selbst in die Hand nehmen und weit übers Projektende hinaus positive Änderungen erreichen. Bis April 2025 soll das Projekt laufen, das zu 75% vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert wird.

Und die Familien in Jhapa und Gurdum, in Bahuntar und Kharka, in Baisetar und Jayaram haben Hoffnung.

Ende November haben wir sie besucht.

Früh morgens von Jayaram am Dudhkoshi-Fluss steil den Hang hinauf nach Gurdum und Jhapa, wo über ein Drittel der Projektfamilien wohnen. Während wir über die Klippen klettern und dabei mächtig schnaufen, erinnert sich Ramila, eine Kollegin des örtlichen Partners, an ihre Kindheit. Jeden Tag ist sie diesen Pfad gelaufen – bis Klasse 5 eine Stunde Fußweg, bis Klasse 8 dann zwei oder drei Stunden, die letzten beiden Jahre konnte sie nur am Wochenende heimkommen, nach sechs Stunden Fußmarsch. „Oft habe ich einen Sack Reis auf dem Rücken mit hier hoch geschleppt, auf dem Heimweg von der Schule. Was sollten wir auch tun? Unser einziger Markt ist im Tal in Jayaram.“

Weit oben auf dem ersten Hügel, ein Stück von Ramilas Zuhause entfernt, treffen wir Anissa, die gerade ihrem Großvater das Frühstück serviert – die Eltern sind schon längst unterwegs, um zu arbeiten. Anissa besucht die 4. Klasse in der Grundschule in Gurdum und freut sich schon auf das Kinderzentrum, das im Januar dort beginnen wird. „Ich möchte mal Sängerin werden“, verrät sie uns. Tirpasing, der Großvater, wiegt den Kopf hin und her, als wir ihn auf das Projekt ansprechen. „Ich bin alt, ich kann mich nicht an alles erinnern, ich weiß nicht, was kommen wird – aber eins weiß ich: Ich habe Hoffnung!“

Einige Höhenmeter weiter lernen wir Gombhir Bahadur und seine Familie kennen. Er hatte kürzlich einen Unfall und kann zurzeit nicht arbeiten, weder auf dem Feld noch sonstwo. Aber über das Projekt hat er sich schon gut informiert. „Ich bin sehr glücklich, dass meine zwei Töchter im Jayaram Kinderzentrum gefördert werden und meine beiden Enkel, die noch klein sind, bald das Gurdum Kinderzentrum besuchen“, erzählt er uns in der Rai-Sprache, die nur wenige von uns verstehen. „Ich bin Bauer und sehr froh über die Veränderungen, die auf uns zukommen. Ich hoffe, dass meine Ziegenzucht durch das Projekt deutlich verbessert werden kann.“

Wir laufen an der Schule in Gurdum vorbei, wo der Unterricht heute noch nicht begonnen hat. Ein Klassenzimmer ist vom Erdbeben noch stark beschädigt, dafür ist die Aussicht herrlich – in der Ferne ist die Bergkette des Himalajas überm Hügelrand erschienen. „Zurzeit kommen nicht so viele Kinder hierher“, erklärt Ramila, „weil sie das Gefühl haben, dass sie ohnehin nichts lernen. Aber durch das Kinderzentrum wird das anders – dann wird sich auch der Schulbesuch stark verbessern.“

An einem Haus halten wir an und bekommen ein typisches lokales Frühstück serviert: geröstete Maiskörner und Sojabohnen. Während wir im Hof sitzen, kommen ein paar Nachbarn vorbei und werden spontan zum Frühstück eingeladen. Hinter unseren Gastgebern stehen zwei blaue Fässer: Ihr Wasser müssen sie im Tal kaufen und mit einem Traktor hochtransportieren lassen, denn auf ihrer Höhe gibt es bereits kein Wasser mehr.

Bevor wir das Gebiet von Gurdum verlassen und nach Jhapa weiterwandern, treffen wir noch Banita, die gerade ihre Ziege füttert. Was sie für Erwartungen ans Projekt hat?, fragen wir sie.

„Das ist ein sehr gutes Programm, weil unsere Kinder in ihrer Schulbildung unterstützt werden. Das ist das erste Mal, dass in unserem Dorf so ein Projekt stattfindet! Wir haben viel Hoffnung, dass es einiges positiv verändern wird. Wir sind ganz begeistert über dieses Projekt!“

Banita nimmt ihre kleinste Tochter auf den Arm; die zweite versteckt sich scheu hinterm Gebäude, die älteste ist in der Schule. Ihr Mann gesellt sich dazu, auch sein Blick ist voll Zuversicht. Was sie sich für ihre Töchter erhoffen?, fragen wir weiter.

„Darüber haben wir noch gar nicht so wirklich nachgedacht“, geben sie zu, „weil sie bisher nur so eine schlechte Bildung erhalten. Aber wir wären sehr glücklich, wenn unsere älteste Tochter die Chance hat, Krankenschwester zu werden!“

Nach einem weiteren längeren Fußmarsch erreichen wir Jhapa, dem höchsten Dorf. Hier ist die Hügelkuppe abgeflacht, sodass mehr Ackerbau möglich ist. Aber es gibt keine Wasserquelle, somit kann bisher nur im Sommer, in der Regenzeit, Getreide und Gemüse angebaut werden. Und der einzige Markt ist in Jayaram – anderthalb bis zwei Stunden hin, drei bis vier Stunden zurück.

Bevor wir uns – nach einer kurzen Verschnaufpause am höchsten Punkt, mit Blick auf den Mt. Everest – auf den Rückweg ins Tal machen, besuchen wir noch Maghmaya und Hitusari. Maghmaya freut sich über die landwirtschaftliche Unterstützung und möchte eine Schweinezucht aufbauen. „Und wir sind so dankbar über dieses Programm, weil unsere Kinder in ihrer Schulbildung gefördert werden!“

Hitusari lebt mit ihren drei Kindern in einem kleinen Steinhäuschen. Auch sie möchte in eine Schweinezucht investieren. „Ich bin so froh über dieses Projekt, und ganz aufgeregt, was es uns bringen wird. Ich freue mich auch darauf, in der Selbsthilfegruppe etwas Geld sparen zu können. Besonders diesen Aspekt finde ich toll!“ Mit ihrer Schwester und dem kleinen Neffen steht sie vor ihrer Hütte und schaut uns nach, im Gesicht ein erwartungsvolles Lächeln.

Als wir nach Dunkelwerden wieder im Projektbüro in Jayaram ankommen, wartet zwar ein gutes Essen auf uns, aber keine heiße Dusche und kein allzu weiches Bett. Trotzdem ist es einfach nur herrlich: einen Tag lang wandern und sich mal so richtig verausgaben, und als Belohnung: Menschen kennenlernen, an deren Leben wir ein paar Jahre lang teilhaben dürfen, ihre Heimat sehen, ihre Träume teilen, ihre Hoffnung spüren.

 

Für dieses Projekt muss Helping Hands e.V. mit einem Eigenanteil von 10% aufkommen (ca. 35.000 EUR). Wenn Sie die Kinder und Familien in Jhapa und Gurdum, in Bahuntar und Kharka, in Baisetar und Jayaram unterstützen möchten, dann wählen Sie bitte „Khotang (Nepal)“ auf unserem Online-Spendenformular.

Ein Herz für Piluwa

Stundenlang sind wir durch den Dschungel gefahren, durch kleine emsige Städte, über breite staubige Flussbetten, durch die nur ein Rinnsal fließt, vorbei an Wäldern mit blühenden, herrlich duftenden Bäumen. Nachdem der Bus uns endlich ausgespuckt hat – an einer verlassenen Wegkreuzung mitten im Irgendwo – geht es noch per Auto-Rikscha ein Stück durch den Urwald. Als die ersten Gebäude auftauchen, sind wir auch schon da: in Piluwa, das hier wie ein abgelegenes Dorf aussieht, sich aber weiter südlich in eine größere Stadt ausweitet, und an unserem Kinderzentrum, vor dem etwa vierzig lachende, fröhliche Kinder erwartungsvoll nach den Besuchern Ausschau halten, die Hände voller Blüten und kleiner Sträuße, die sie als Willkommensgruß auf dem Schulweg selbst gepflückt haben. Denn so ein Besuch aus dem fernen Kathmandu, das ist doch immer mal etwas anderes als Alltag. Da machen die Aufgaben, bei denen die beiden Lehrer Hilfe leisten, gleich irgendwie mehr Spaß, und wenn man Glück hat, dann haben die Besucher eine tolle neue Spielidee dabei, oder vielleicht auch mal was gutes Süßes zum Naschen.

Letzteres haben wir zwar nicht, aber nachdem die Kinder nach den Aufgaben zum gemeinsamen Spielen in den Hof gestürmt sind, haben sie auch schon im Handumdrehen ein gutes altbewährtes paXan-Spiel  gemeistert und sind mit Begeisterung dabei. Vierzig zufriedene, leuchtende Gesichter, die im Schein der untergehenden Sonne eine Hoffnung ausstrahlen, die für viele Morgen reicht. „Die Kinder lieben dieses Kinderzentrum“, erzählt uns ein örtlicher Leiter. „Sie kommen oft schon eine Stunde früher hierher, lange bevor das Programm anfängt, weil sie einfach lieber hier sind als woanders!“

Noch kein ganzes Jahr ist das Kinderzentrum in Piluwa alt – im Juni 2018 wurde es mit einer Einzelspende über Helping Hands e.V. begonnen. Die Kinder kommen aus den ca. 20 ärmsten Familien des Dorfes, die meisten aus ethnischen Randgruppen, und ihre Eltern arbeiten hart, um wenigstens ein bisschen zu verdienen: indem sie ein winziges Stück Land bewirtschaften oder auch als Tagelöhner anheuern – zum Beispiel beim Straßen- und Kanalbau oder im trockenen Flussbett, von wo sie Sand schleppen, damit Ziegel gebrannt werden können. Das Geld reicht nie – kaum für Lebensmittel, und schon gar nicht für „Luxusgüter“ wie Hefte, Stifte oder Schultasche. Im Kinderzentrum erhalten die etwa vierzig 5- bis 11-jährigen Kinder daher nicht nur Hausaufgabenhilfe, Talentförderung und Zeit zum gemeinsamen Spielen, sondern auch einen nahrhaften Snack und nötiges Schulmaterial. Schon in nur weniger als einem Jahr hat das Kinderzentrum einen sichtbaren Unterschied gemacht.

„Vorher haben die Kinder sich nachmittags nur auf der Straße rumgetrieben, aber jetzt kommen sie ganz regelmäßig zum Kinderzentrum“, berichten die beiden Lehrer. „Die Nachhilfe hat in den schulischen Leistungen schon eine Menge Wirkung gezeigt. Und die Eltern sind auch sehr dankbar, weil sie die Veränderung in ihren Kindern sehen können, und weil sie sich keine Sorgen machen brauchen, wo die Kinder sich herumtreiben, während die Eltern noch arbeiten müssen.“ Viele der Eltern sind selbst Analphabeten und könnten ihrem Nachwuchs die nötige akademische Unterstützung gar nicht bieten. Das Kinderzentrum gibt ihnen Hoffnung, dass ihre Kinder eine bessere Zukunft erwartet als die eigene.

Aber Piluwa wäre ja kein Helping Hands Kinderzentrum, wenn die positiven Effekte nur in ferner Zukunft lägen oder sich ausschließlich in ein paar besseren Schulnoten widerspiegeln. Hier geht es darum, ein ganzes Dorf nachhaltig zu verändern! Und da gibt es für Piluwa eine große Vision.

Während die Kinder sich im Zentrum durch schulische und soziale Bildung eine gute Grundlage für späteren beruflichen Erfolg erarbeiten, wird zeitgleich auch ihr Zuhause Schritt für Schritt verwandelt. In Selbsthilfegruppen lernen und üben Mütter wirtschaftliche Prinzipien, Eltern besuchen Schulungen und gründen kleine Unternehmen. Familien erhalten Hühner, Ziegen und Büffel für Viehzucht; in Gemeinschaftsgärten werden nahrhafte Lebensmittel für Familien und Kinderzentrum angebaut. Das wird auf die Nachbarn ausgeweitet, Kooperativen werden gebildet, die schließlich das Management dieser und anderer Projekte übernehmen – zum Beispiel Zugang zu sauberem Wasser – und sich um die weitere Entwicklung ihres Dorfes kümmern: unabhängig, örtlich verantwortet, nachhaltig.

„Damit könnte das Kinderzentrum in Piluwa schon in wenigen Jahren finanziell selbsttragend sein“, meint der Leiter unseres Partners in Nepal. Ein utopisches Szenario, in Wirklichkeit nicht umsetzbar? Doch – denn weiter nördlich, in einem anderen Projekt unseres Partners, hat es schon geklappt, und nun ist Piluwa an der Reihe. Das verstehen wir unter wirkungsvoller Hilfe und nachhaltiger Veränderung!

An der Wand des Kinderzentrums in Piluwa ist ein Herz aufgeklebt, zusammengesetzt aus vielen einzelnen Herzen. Ein Herz für Kinder? Ein Herz für Piluwa? Vermutlich beides – aber es offenbart auch eine Realität: Veränderung entsteht nicht dadurch, dass ein Partner aus der Ferne eine To-Do-Liste schickt. Veränderung entsteht, wenn viele einzelne Herzen gemeinsam für die gleiche Sache schlagen – Kinder, Lehrer, Eltern, Nachbarn: die Heimat zu einem wirklich lebenswerten Ort zu machen und zusammen ein Morgen zu schaffen, auf das es sich zu hoffen lohnt.

 

© 2019 Dorothea Gschwandtner/Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

„I’m just saying you could do better“

“Da vorne, das ist der schönste Strand Sri Lankas!”, sagt Emerson und zeigt auf ein sandiges Paradies, auf das weich die blau-grauen Wellen des Indischen Ozeans rollen. Einen kurzen Blick erhaschen wir auf die idyllische Bucht, dann biegt Selvaraj, unser Fahrer, nach links ab und kurz darauf nach rechts; eine kleine Nebenstraße führt uns steil den Hügel hinauf. Nach ein paar hundert Metern halten wir an, vor einigen Gebäuden in dezentem Beige, einer Schule, die einladend den Namen „Buonavista“ trägt, auch wenn die schöne Aussicht hinter Büschen und Mauern verborgen ist. Eine weiß-uniformierte Schlangenlinie von Grundschülern wartet schon geduldig neben dem vordersten Gebäude, als wir aussteigen; die ersten vier Mädchen treten vor, drücken uns leuchtend rote Blütensträuße in die Hand, lächeln schüchtern, schütteln die weißen Hände und laufen dann erleichtert zu den Kameraden zurück, mit denen sie kurz darauf in ihren Klassenräumen verschwinden.

Kaum eine Minute dauert das Begrüßungszeremoniell, ein kurzer Augenblick, in dem sich zwei Kulturen treffen – die kleine sinhalesische Schule im Süden Sri Lankas und wir, die Besucher aus Deutschland. Fast ein bisschen unwirklich, wie die Herfahrt von der Hauptstadt Colombo ins südliche Galle, die auf der „Southern Expressway“ kaum eine Stunde gedauert hat, einer Autobahn, die auch in Deutschland liegen könnte, außer, dass alles irgendwie seitenverkehrt ist und jenseits der Leitplanken keine gelben Kornfelder grüßen, sondern Reisfelder, Palmen, Wasserbüffel, bunte Saris, die auf Hibiskusbüschen trocknen.

Und leider beschränken sich auch nicht alle Kontakte zwischen zwei Kulturen auf rote Begrüßungsblumen und ein scheues Lächeln. In Unawatuna, diesem kleinen Ort mit dem überaus schönen Strand, gibt es fast mehr Touristen als Einwohner – ein gutes Einkommen für das Land, aber auch eine große Gefahr für die Wehrlosen der Bevölkerung. “Viele der Kinder hier werden von Touristen sexuell missbraucht”, erklärt Emerson, unser einheimischer Kollege. “Dabei sind besonders die Jungen gefährdet. Die Infektionsrate mit HIV und ähnlichen Krankheiten ist hoch, ebenso der Drogen- und Alkoholmissbrauch. In den wenigsten Familien gibt es noch beide Eltern. Und wegen der zahlreichen Hotels vor Ort gehen viele Kinder früh arbeiten, anstatt mit der Schule weiterzumachen.”

Konstruktiver kultureller Kontakt? Wohl eher nicht. Aber es geht auch anders. Vor etwa einem Jahr begann NCM Lanka, Helping Hands‘ örtlicher Partner, ein Kinderzentrum in Unawatuna; alle Schüler der Buonavista Grundschule gehören dazu. Das Kinderzentrum wird unterstützt durch Spenden aus Deutschland, unter anderem durch die „Shadow Riders“-Aktion, die jedes Jahr im September im Kinzigtal stattfindet: ein Versuch, dem Süden Sri Lankas etwas Nützlicheres zu schenken als schädlichen Tourismus; das Bemühen, durch nachhaltige Hilfe aus dem Kontakt der Kulturen eine gute Zukunft zu schaffen. Dafür im Handumdrehen die ganze Gesellschaft umzukrempeln, das ist nicht realisierbar. Aber Schritt für Schritt, angefangen mit den Kindern, ist Veränderung möglich.

Und schon nach nur einem Jahr sind erste Ergebnisse erkennbar. Nachdem die Kinder der Buonavista Schule in ihre Klassenräume zurückgekehrt sind, führt uns die Schulleiterin zunächst in die „Bücherei“, in der allerlei Hefte und Bücher aufgestapelt sind: Klassenbücher mit fein säuberlich eingetragenen Unterrichtsthemen, Schulhefte der Kinder, die kunstvoll verschnörkeltes Sinhala in schönster Schreibschrift wiedergeben. “Seit das Kinderzentrum begonnen hat, haben wir schon eine enorme Verbesserung bei den Kindern gesehen”, berichtet die Rektorin mit stolzem Blick. “Schauen Sie nur, wie ordentlich die Hefte jetzt aussehen!” In ihrem Büro zeigt sie uns noch zwei Berichtshefte; in einem sind die Namen, Adressen und Familiensituation jedes Kindes aufgezeichnet, das andere enthält die Noten der Schüler – “damit wir sehen können, ob sie sich verbessern oder schlechter werden, und uns um die schwächeren Schüler besonders kümmern können”, erklärt Emerson.

Nach dem obligatorischen Kaffee mit Keksen dürfen wir endlich die Klassenräume besuchen und beim Unterricht zuschauen. Der morgendliche Schulunterricht ist zwar vorbei, aber im Kinderzentrum wird weitergelernt. Nach einem nahrhaften Snack um 13 Uhr geht es noch bis ca. 15 Uhr weiter; dann wird das Gelernte des Tages aufgearbeitet, bei den Hausaufgaben angeleitet, schwächere Schüler unterstützt, Unklares erklärt, und natürlich auch viel gespielt: “Wir ermutigen die Lehrer, Bildung durch Spiel und Spaß weiterzugeben”, erwähnt Emerson, während wir über den großen Rasenplatz schlendern; gegenüber der Bücherei lockt ein nicht mehr ganz neu aussehender Spielplatz. Sehr ruhig ist es hier oben, hoch über der Stadt und dem Strand, und friedlich, nur Kinderstimmen tönen aus den Räumen und ab und zu fährt eine Auto-Rikscha vorbei, zerreißt hupend die Stille.

Im ersten Klassenraum beugen die Kinder sich konzentriert über Meter und Grammangaben und überlegen angestrengt, wie viele Millimeter denn zehn Zentimeter ergeben. Von Christian, unserem Fotografen, lassen sie sich kaum stören. Nebenan sind die Kinder etwas kreativer beschäftigt: Bildergeschichten haben sie heute durchgenommen. Ein kleiner Junge, der allein an einem der rosafarbenen Tische hockt, zeichnet behutsam Strich für Strich die bekannte Aesop-Fabel in sein Heft, in der der schlaue Fuchs der Amsel ein Stück Käse abluchst. Wird auch dieser Junge eines Tages einen Fuchs treffen und seine Kindheit opfern müssen – oder kann das Kinderzentrum ihn davor bewahren?

Im nächsten Zimmer treffen wir auf die dritte Klasse, die gerade die englischen Namen der Farben gelernt haben. Nach einem gesungenen “Good Afternoon” für die Besucher wendet die Lehrerin sich wieder dem Unterricht zu: “What’s your colour?”, ruft sie laut und deutet mit einem Ästchen an die Tafel oder hebt Farbstreifen hoch und die Kinder antworten im Chor: “Purple! Pink! Blue – B – L – U – E – BLUE!” Dann zeigt sie auf ihren Sari: “Brown!” und deutet auf das Haar eines Mädchens: “Black!” – “And your uniform?” – “White!” – “And your tie?” – “Green!” Danach singen die Kinder noch, in einer ähnlichen Lautstärke, mehrere englische Kinderlieder – ob das als Sondergenuss für uns gilt oder Teil des Unterrichts ist, wird nicht ganz klar. “Roll, roll, roll your boat” ertönen die hellen Kinderstimmen und ich muss an den Strand denken, den schönsten aller Strände Sri Lankas, der doch so viele Gefahren birgt.

Als von draußen eine Glocke bimmelt, laufen die Kinder hinaus, um den Schultag mit fröhlichen Spielen zu beenden – das beliebteste ist „Wir jagen den Fotografen über den Rasen“ – während wir noch kurz in die Bücherei treten, um mit den Eltern zu reden, die gekommen sind, um ihre Kinder abzuholen, Mütter vor allem, ein paar Großmütter sind auch dabei. Die meisten Kinder kommen aus zerrütteten Familien; nur wenige haben einen Vater zuhause, alle leiden unter der Armut. Trotzdem unterstützen die Eltern das Kinderzentrum, wo sie können.

“Wir haben schon viel Veränderung bemerkt bei unseren Kindern”, erzählen sie. “Sie sind jetzt viel besser in der Schule, und ihr Verhalten hat sich auch gebessert, sie gehorchen jetzt viel mehr!” Welche Träume sie für ihre Kinder haben? “Ihnen eine Schulbildung zu geben!” In der ersten Reihe grinsen eine Mutter und ihr Sohn sich vielsagend an, während die Rektorin noch ein bisschen über ihre Schüler schwärmt: So viele sehr talentierte Kinder hat die Schule, beteuert sie, aber ihre Möglichkeiten sind so beschränkt, überall fehle das Geld. Trotzdem hat sie schon viel erreicht: Zum Beispiel wurden kürzlich Computer an die Schule gespendet und eine ehrenamtliche Lehrerin bietet kostenlos Kurse für die Kinder an – das hat nicht jede Schule.

Vor der Bücherei wartet ein Vater auf seinen Sohn, der noch Jag-den-Fotografen spielt. Emerson erzählt mir seine Geschichte: “Dieser Mann hat keine Wohnung; er hat mit seinen zwei Kindern in einem Schuppen an der Straße gewohnt. Aber vor ein paar Tagen hat die Polizei ihn rausgeschmissen und er war dafür zwei Tage im Gefängnis.” Mein Kollege seufzt. “Eigentlich haben alle hier so eine Geschichte. Wir können nicht allen helfen, aber durch die Kinder können wir einen Unterschied machen, und wir ermutigen die Eltern immer, ihre Kinder weiter ins Kinderzentrum und in die Schule zu schicken, egal, was ihre momentane Lage ist. ” Heiteres Kinderlachen schallt über den bisher so ruhigen Schulhof; ein paar Dutzend weißgekleidete Pfeile sausen an uns vorbei. “Wir sagen ihnen: Auch wenn euer Leben vermasselt ist – für eure Kinder könnt ihr es besser machen!”

Der Mann lächelt etwas bedrückt, blickt seinem lachenden und jubelnden Sohn hinterher, muss dann doch grinsen über das ausgelassene Spiel. Mein Blick streift über sein T-Shirt. I’M JUST SAYING YOU COULD DO BETTER steht dort in großen grünen Buchstaben. Welche Träume er für seine Kinder hat? Das zu beantworten ist nicht schwer.

 

© 2015 Dorothea Gschwandtner/Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

“Die jungen Männer trauen sich nicht mehr, die Mädels zu ärgern!”

Wir brechen früh auf; der morgendliche Nebel hängt noch in Schwaden über dem flachen Land. Von Jessore geht es südwestlich nach Satkhira, dem letzten Staat vor der indischen Grenze. Stundenlang rumpeln wir vorbei an Reisfeldern bis zum Horizont, Papayaplantagen, kleinen Dörfern, Fischerbooten.

In Satkhira angekommen werden wir erst mal im Schulungszentrum mit einer Tasse Kaffee begrüßt. Vor 3,5 Jahren wurde es eingeweiht; ein Stein im Hof erinnert daran: “unterstützt durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Helping Hands, Deutschland”. Das Schulungszentrum in Satkhira ist das dritte dieser Art in Bangladesch, das mit Geldern des BMZ errichtet wurde; zurzeit wird ein weiteres in Srimongol im Nordosten des Landes gebaut.

Vom Zentrum aus geht es noch fünf Minuten weiter zu einem kleinen Gebäude, das Bangladesh Nazarene Mission (BNM), Helping Hands‘ örtlicher Partner, zur Verfügung gestellt hat. Zwanzig Frauen warten dort auf uns; mehrere halten Kinder auf dem Schoß. Es ist heiß unter dem Blechdach und ich frage mich, wie lange die Frauen bereits warten.

Verärgert sind sie jedenfalls nicht: Es geht sogleich los mit fröhlichem Geplauder. Milton, mein einheimischer Kollege, und ich setzen uns in den Kreis der Frauen auf den Boden. Nach ein paar Minuten Small Talk und viel Lachen stellt Milton mich vor; wir werden mit Blumen begrüßt. Eine Frau reicht mir ein kleines Körbchen, gefüllt mit leuchtend roten Blüten. Das Körbchen hat sie selbstgemacht. Seit sie in ihrer Selbsthilfegruppe einen Kredit erhalten hat, führt sie ihr eigenes kleines Körbeflechtunternehmen. Auf einem Zettelchen am Korb hat sie in sauberer Schrift ihren Namen und Ort verzeichnet. Ob sie das vor ein paar Jahren schon gekonnt hätte?

“Ich bin hier, um von euch zu lernen”, erkläre ich, nachdem ich mich bedankt habe. “Bei mir zuhause gibt es solche Gruppen nicht. Darum möchte ich eine Menge von euch lernen!” Die Zuhörer nicken zustimmend; Lernen ist wichtig, das wissen sie selbst.

Die Frauen, die sich in dieser Hütte treffen, formen eine sogenannte „Cluster Level Association“, eine Gruppe, in die zehn Selbsthilfegruppen jeweils zwei Abgeordnete entsandt haben. Die CLA ist für eine Reihe von organisatorischen Aufgaben verantwortlich und wird maßgeblich an der Weiterführung des Projekts beteiligt sein, wenn BNM die Leitung in örtliche Hände übergibt.

Seit fünf Monaten besteht diese CLA. Zurzeit treffen die Frauen sich einmal pro Monat, “aber wir überlegen, ob wir uns nicht besser zweimal pro Monat treffen sollten”, erklären sie. Denn so eine CLA hat viel zu tun: Einige Poster an der Wand bestätigen das. Sie sind dicht beschrieben mit monatlichen Aktionsplänen, Listen der Aktivitäten der letzten Monate, Verzeichnisse der Selbsthilfegruppen und Einkommensprojekte. Diese CLA hat bereits von sich aus zwei weitere Selbsthilfegruppen begonnen. Demnächst wollen sie als Gruppe ein kleines Unternehmen gründen, um finanziell unabhängig zu sein.

Was sie denn alles so als CLA machen, möchte ich wissen.

Eifrig beginnen die Frauen zu erzählen: vom Sparen in ihren Selbsthilfegruppen, von Fischzucht und Handarbeitsbetrieben, die sie mit Krediten aus den Selbsthilfegruppen begannen und die ihnen nun ein regelmäßiges Einkommen ermöglichen, von ihren Kindern, die jetzt alle zur Schule gehen, übers Lesen und Schreiben, das inzwischen alle Frauen in der Gruppe beherrschen, von ihren neuen Gemüsegärten, die auch ermöglichen, dass sie ihren Kindern nahrhafte Mahlzeiten zubereiten können, und von neuerworbenem Wissen über Hygiene und Sanitäreinrichtungen.

“Was macht ihr denn mit eurem Abfall?”, frage ich, weil ich Deutsche bin, und weil in Bangladesch die Straßen und Felder noch immer von weggeworfenem Müll gesäumt sind. “Den nehmen wir natürlich mit nach Hause und werfen ihn in unsere Mülleimer!”, kommt die fast etwas empörte Antwort.

Sie sind anders, diese Frauen, anders als die vielen scheuen, zurückhaltenden Frauen, die mir in Bangladesch sonst begegnen. Man merkt es, sobald man den Raum betritt: Fröhlicher sind sie, ausgelassener, selbstbewusster. Wenn Milton für mich übersetzt, fragen sie nach: was er denn da gerade zu mir gesagt habe. Sie sind nicht schüchtern; sie wissen, was sie wollen.

Fast ein wenig überflüssig kommt mir die Frage vor, die ich als nächstes stelle: Ob sie denn in ihrem Dorf schon einen Unterschied bemerken können? “Aber natürlich!” ist die lebhafte Antwort. Nicht nur, dass jetzt sämtliche Familien ihre Kinder zur Schule schicken—sogar die behinderten Kinder, was hier gar nicht selbstverständlich ist—und dass jeder einzelne Haushalt einen Gemüsegarten hat.

“Wir Frauen sind jetzt vereint”, erklären sie. “Früher waren wir schwach und machtlos. Wir waren eingeschüchtert und haben uns vor den Männern verbeugt, haben unseren Kopf bedeckt.” Irene, die Vorsitzende der CLA, zieht kurz das Ende ihres Saris über den gebeugten Kopf, dann lässt sie den Stoff wieder fallen und schaut auf.

“Aber das tun wir jetzt nicht mehr! Jetzt haben wir Mut. Wir sind nicht mehr schüchtern. Wir wissen, was unsere Rechte sind, und wie wir das kommunizieren können—zuhause, aber auch bei der örtlichen Verwaltung und bei anderen Organisationen. In unserem Dorf haben wir die Kinderheirat abgeschafft; und die jungen Männer trauen sich nicht mehr, die Mädels zu ärgern!”

Was ihre Ehemänner denn davon halten, frage ich. Naja, heißt es, anfangs waren wohl nicht alle so begeistert. “Aber jetzt sind sie alle damit einverstanden und lassen uns tun, was nötig ist. Keiner macht mehr Probleme.” Milton lacht, nachdem er das für mich übersetzt hat, und fügt hinzu: “Das kannst du selbst sehen: Wir sitzen hier jetzt schon zwei Stunden und es ist längst Zeit fürs Mittagessen—aber keiner der Männer ist aufgetaucht, um sich zu beschweren, dass das Essen noch nicht fertig ist!”

Zum Abschluss bieten sie mir noch Kokosnusswasser an, direkt aus der Nuss. “Ich habe eine Menge gelernt!”, versichere ich und versuche deutlich zu machen, wie beeindruckt ich bin von allem, was ich gehört habe. “Ich wünsche euch, dass ihr all eure erwähnten Pläne und Träume umsetzen könnt!”

Daran habe ich keinen Zweifel.

 

© 2013 Dorothea Gschwandtner/Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.