Wenn „Zuhause“ ein Ort der Bedrohung ist

Ein Rückblick auf unser Jahresprojekt 2022: Das „Heim der Zuflucht“ für OSAEC-Opfer in den Philippinen

„Daheim“, bei Mutter und Vater, im Kreis der Verwandten – das sollte für ein Kind der sicherste Ort sein. Ein Ort der Geborgenheit, der Wertschätzung, der Fürsorge.

Die Kinder, denen unser Partner auf den Philippinen dient, haben es anders erfahren.

Auf den Philippinen ist „OSAEC“ (online sexual abuse and exploitation of children – sexuelle Ausbeutung von Kindern im Internet) eine besonders große Gefahr, denn fast alle Erwachsenen haben Internetzugang und sprechen zumindest etwas Englisch. Die Versuchung ist groß; bei manchen sicherlich aufgrund von Armut, bei anderen durch mangelndes Verständnis, den Wunsch auf „einfaches Geld“, und zerbrochene Familienstrukturen.

Denn OSAEC geschieht fast immer daheim. In den meisten Fällen sind die Eltern – vornehmlich die Mütter oder auch Großmütter – die Täter. Und Kinder jeglichen Alters müssen erfahren, dass ihr Zuhause ein Ort der Bedrohung wird. Oft kommt zur OSAEC-Tat auch noch körperlicher Missbrauch dazu.

Seit einiger Zeit ist OSAEC in den Philippinen als kriminelle Handlung eingestuft. Gemeinsam mit der NPO International Justice Mission identifizieren die lokalen Behörden Opfer von OSAEC und befreien sie mithilfe von Sicherheitskräften. Die befreiten Kinder werden dann – mit Umweg über die Polizeistation, um den Fall aufzunehmen – zum „Heim der Zuflucht“ gebracht, das unser örtlicher Partner vor knapp fünf Jahren auf Anfrage der International Justice Mission als erstes dieser Art auf den Philippinen gründete.

Das „Heim der Zuflucht“ ist ein „Assessment Center“, an dem Kinder, die aus OSAEC-Situationen befreit wurden, über mehrere Monate hinweg intensiv psychotherapeutisch und medizinisch betreut werden. Ziel ist, dass die Kinder Fertigkeiten erlernen, mit ihrem Trauma und den Erfahrungen umzugehen, sodass langfristig Heilung stattfinden kann. Gleichzeitig prüfen die Sozialarbeiter, wann und ob die Kinder bei anderen Familienmitgliedern reintegriert werden können oder erst einmal in eine längerfristige Einrichtung wechseln sollten. Das ist keine einfache Entscheidung, denn da meist die Eltern die Täter sind, kann die Sicherheit der Kinder selten gewährleistet werden. Doch oft gibt es an der Tat unbeteiligte Verwandte, die den Kindern ein neues Zuhause bieten können und von den Sozialarbeitern intensiv begleitet und unterstützt werden.

Die ersten Tage

Zu der Förderung, die ein Kind im „Heim der Zuflucht“ erfährt, gehört u.a. folgendes:

Direkt nach Ankunft erhält das Kind ein „Willkommenspaket“ mit Hygieneartikeln, einem Handtuch, einem Tagebuch, einem Stofftier u.a. Am ersten Tag kümmert eine der fünf „Hausmütter“ sich um das Kind, und sie/er hat Zeit, erst mal alleine das Erlebte zu verarbeiten und sich zu beruhigen – viele Kinder malen oder schreiben gerne in dieser Zeit ins Tagebuch. Zeitgleich treffen sich Sozialarbeiter, Polizei und Heimpersonal, um die grundlegendsten Informationen zu diesem „Fall“ auszutauschen.

Die nächsten drei Tage sind eine „Eingewöhnungsphase“, in denen einerseits die Hausmütter prüfen, welche Dinge die Kinder brauchen (wie Kleidung usw.), und andererseits die Kinder dabei unterstützen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, und sie an ihr neues „Zuhause“ gewöhnen.

Danach beginnt eine 14-tätige Phase, in der die Kinder psychologisch und medizinisch untersucht werden und auch viele Gespräche mit der Sozialarbeiterin des Heims haben. Das Team des Heims trifft sich dann, um zu besprechen, was das Kind an Förderung benötigt. Gleichzeitig beginnt auch der Familien-Sozialarbeiter, Informationen über die Familie einzuholen. Somit kann nach ca. einem Monat schon festgestellt werden, ob die Chance besteht, dass das Kind bei Familienmitgliedern reintegriert werden kann oder später zu einer Pflegefamilie oder in ein anderes Heim wechseln sollte.

Umfassende Förderung

Ein Kind bleibt in der Regel mindestens drei Monate im „Heim der Zuflucht“, da so viel Zeit benötigt wird, um alle Aspekte der Situation umfassend zu beurteilen. Manchmal bleiben Kinder auch länger, bis zu sechs Monate, wenn es schwierig ist, ein neues Zuhause für sie zu finden – das ist vor allem bei Jungen der Fall, da nur sehr wenige Einrichtungen Jungen annehmen, sowie bei Geschwistergruppen (viele der betroffenen Kinder kommen in Geschwistergruppen, da OSAEC in der Regel zuhause stattfindet und meist alle Kinder einer Familie betroffen sind), damit diese nicht getrennt werden.

In dieser Zeit gehört zum Tagesplan der Kinder:

-> Psychotherapiesitzungen, alleine und in der Gruppe – Die Kinder sind sehr dankbar für diese Treffen, vor allem wenn sie merken, dass der Heilungsprozess beginnt. Die erste Einschätzung findet mit einem externen Psychologen statt; die Therapie dann mit der Psychologin des Heims bzw. der Sozialarbeiterin. Dazu gehört auch „Psychoedukation“, sowie ein Verständnis für die Gefahren und Auswirkungen von OSAEC zu vermitteln.

-> grundlegende Hygiene wie Händewaschen, duschen usw. – Da viele Kinder aus den Elendsvierteln kommen, fehlen ihnen oft diese Kenntnisse. Zusätzlich werden den Kindern auch positive Verhaltensweisen beigebracht.

-> medizinische Fürsorge

-> Schulbildung – Die Kinder lernen per Fernunterricht an ihren eigenen Schulen (dieses „Modular Learning“ Modell hat sich während der Pandemie erfolgreich herausgebildet) und werden an vier Tagen pro Woche durch eine Hauslehrerin unterstützt. Der Fernunterricht nimmt nur wenige Stunden des Tagesablaufs ein, da die Kinder stark traumatisiert sind und zu viel Lerndruck im Rahmen des Heilungsprozesses überwältigend sein kann. Manche Kinder sind auf einem normalen Lernniveau, andere sind einige Jahre hinter ihren Altersgenossen zurückgeblieben und brauchen gesonderte Förderung.

-> Fertigkeiten für den Haushalt wie z.B. Kochen und Wäsche waschen – Das Heim lehrt den Kindern auch solche Fähigkeiten, damit sie sich später um ihren eigenen Haushalt bzw. ihre Familie adäquat kümmern können.

-> körperliche Aktivitäten, z.B. Jiu-Jitsu und Zumba – Die meisten Kinder lieben es zu tanzen und haben hier im Heim das Gefühl, dass sie unbeschwert tanzen können, ohne verurteilt zu werden.

-> Nach dem Mittagessen ist Zeit für einen Mittagsschlaf, dann folgen meist Kunst- bzw. Bastelaktivitäten, zwei Stunden Zeit zum Spielen auf dem Spielplatz des Heims, Abendessen und eine Abschlussrunde, wo sich über den Tag ausgetauscht wird. Zu jeder Zeit sind mindestens zwei Hausmütter sowie die Wächterin vor Ort und kümmern sich um alle Bedürfnisse der Kinder.

-> Jeden Dienstag dürfen die Kinder per Videogespräch ihre Familien treffen; gelegentlich findet auch ein Treffen in Person (außerhalb des Heims) mit bis zu drei an der Tat unbeteiligten Familienmitgliedern statt.

Der Heilungsprozess

Natürlich kann in drei Monaten keine völlige Heilung stattfinden. Deshalb konzentriert sich das „Heim der Zuflucht“ darauf, den Kindern die nötigen Fertigkeiten mitzugeben, sodass der Heilungsprozess, der im Heim begonnen hat, langfristig weitergeführt werden kann. Eine sehr detaillierte „Fallbearbeitung“ hilft dabei, alle nötigen Eingriffe zu bestimmen, damit der Heilungsprozess in Gang gebracht wird und vor allem nach Reintegration kein ähnliches Trauma geschehen kann. Dafür sind alle Mitarbeiter des Heims in traumainformierter Pflege geschult und die Kinder sind an allen Prozessen voll beteiligt. Das Kind ist zwar am Ende nicht völlig „verwandelt“, aber die Veränderung hat begonnen und sie/er besitzt Fertigkeiten zur sogenannten „Selbstregulierung“ und weiß, wie er/sie mit herausfordernden Situationen umgehen kann. Selbstverständlich werden die Kinder auch nach Verlassen des Heims von den Sozialarbeitern regelmäßig begleitet und besucht; in anderen Heimen stehen ihnen weitere Sozialarbeiter zur Verfügung.

Dass der Heilungsprozess in drei Monaten bereits ein gutes Stück voranschreiten kann, liegt u.a. daran, dass das „Heim der Zuflucht“ nur Kinder aus OSAEC-Situationen aufnimmt und somit jedes Kind andere Kinder kennenlernen kann, die sehr ähnliches durchgemacht haben und einander verstehen und sich gegenseitig helfen, Trauma zu verarbeiten. Vor allem aber ist das Heim nicht nur ein „Assessment Center“, sondern ein intaktes Zuhause, wie eine große Familie, in der sich alle um einander kümmern. Jayson, der Familiensozialarbeiter, zum Beispiel fühlt sich wie ein „großer Bruder“, spielt und lacht mit den Kindern, hört ihnen zu, gibt Wissen und Fertigkeiten weiter. Dieser Effekt wird auch bestärkt durch die Tatsache, dass das Heim seit Gründung dieselben Mitarbeiter hat, und so eine gut funktionierende Zusammenarbeit entwickelt werden konnte.

Reintegration und Begleitung

Leider können nur wenige Kinder tatsächlich in ihre Familien reintegriert werden. Um das möglich zu machen, prüft Jayson über mehrere Monate hinweg die Situation sehr genau, um sicherzustellen, dass das Kind in ein geschütztes Umfeld kommt und dort auch die nötige Unterstützung hat, dass der Heilungsprozess fortlaufen kann. Dafür muss Jayson erst einmal herausfinden, welche Familienmitglieder an der Tat beteiligt waren. Mit den in Frage kommenden unbeteiligten Personen geht er dann ein umfassendes Schulungsprogramm durch, in dem auch Bewusstsein für OSAEC vermittelt wird und die Familien lernen, wie sie die Kinder bestmöglich in ihrer Entwicklung fördern können. Nach Reintegration begleitet Jayson die Kinder noch über längere Zeit hinweg.

Wenn kein Familienmitglied die Kinder aufnehmen kann, wird nach einer Pflegefamilie gesucht. Leider gibt es derzeit nur sehr wenige Pflegefamilien auf den Philippinen; hier leistet das Heim auch Aufklärungsarbeit. Daher müssen viele Kinder letztendlich in eine andere Einrichtung wechseln, damit dort ihre Therapie weitergeführt werden kann. Allerdings wird auch dort weiterhin daran gearbeitet, dass die Kinder früher oder später in eine Familiensituation wechseln können; zahlreiche Kinder konnten so schlussendlich zu ihren Familien zurückkehren. Mit allen Kindern finden auch Monate oder Jahre später noch Treffen oder Videokonferenz statt, um Updates über ihre Situation zu erhalten.

Nachhaltige Veränderung

Das „Heim der Zuflucht“ ist ein wichtiges Bindeglied in den einzelnen Entwicklungsschritten, die ein Kind durchlaufen muss, um aus einer OSAEC-Situation zurück zu einem gesunden, sicheren und erfüllten Leben zu gelangen. Stephen, Gründer des Heims, fasst es so zusammen:

„Wir bieten den Kindern einen Ort, an dem sie ihr Leben neu beginnen und einen Prozess der Veränderung starten können. Diese Kinder haben Träume in ihrem Leben, und einige Kinder sagen später: Ich möchte mich gegen OSAEC engagieren, ich möchte eines Tages Hausmutter oder Hausvater werden! Wir schaffen Hoffnung für diese Kinder.“

 

Derzeitiger Bedarf im „Heim der Zuflucht“

Das Heim finanziert sich ausschließlich durch Spenden; für 2023 wird noch viel Unterstützung benötigt, u.a. weil sich auch auf den Philippinen die Lebenshaltungskosten stark erhöht haben. Zum derzeitigen Bedarf gehört:

-> Die Räumlichkeiten müssten erweitert werden, sowohl um mehr Aktivitäten durchzuführen, als auch, um mehr Kinder aufzunehmen. Derzeit bietet das Heim Platz für ca. 15 Kinder, aber der Bedarf ist riesig – wenn das Heim voll ist, müssen neu befreite Kinder abgewiesen werden, bis ein Kind aus dem Heim weitervermittelt werden kann.

-> Das Gebäude ist sehr alt und müsste dringend renoviert werden, vor allem die Küche, aber auch die Kinderzimmer. Dafür ist bereits ein Plan erstellt. Ggf. könnte auf den Bürobereich noch ein weiteres Stockwerk gebaut werden.

-> Als dringend benötigtes Element der Therapie möchte das Heim möglichst zeitnah einen „sensory room“ (Sinnesraum/Wahrnehmungsraum) einrichten, wo die Kinder sich aufhalten können, um ihre negativen Emotionen zu verarbeiten. Der Raum soll als kinderfreundlicher Raum mit Wandmalerei, geeinigtem Mobiliar und Spielzeug ausgestattet werden sowie verschiedenes Material enthalten, das die Sinne fördert – zum Beispiel Musikinstrumente, Hüpfbälle, elastische Bänder, Hoola Hoop Reifen, Lego, Glöckchen, Miniaturen u.ä. Dafür wird daran gearbeitet, dass das Büro in ein angrenzendes Gebäude umzieht, sodass der derzeitige Büroraum als sensory room umgestaltet werden kann.

-> Da das Fahrzeug des Heims sehr alt ist und sehr häufig repariert werden muss, sollte es möglichst ersetzt werden. Das Fahrzeug wird u.a. benötigt, um Kinder zur Klinik und zu Gerichtsverhandlungen zu fahren.

In Zahlen

Sensory room – 20.000 EUR

Fahrzeug – 16.500 EUR

Gesamtkosten pro Kind pro Monat – ca. 350 EUR

Das „Heim der Zuflucht“ hat begonnen, lokale Partnerschaften mit Kirchen und Unternehmen (als Teil ihres „Social Responsibility Programme“) auf den Philippinen aufzubauen, um langfristig die Kosten vor Ort decken zu können; das trägt auch dazu bei, das Bewusstsein für die Gefahren von OSAEC zu verstärken. Etwas Einkommen wird auch generiert durch Schmuck, den die Mitarbeiter herstellen und verkaufen, sowie Bastelarbeiten der Kinder. Derzeit ist das Heim allerdings noch stark auf Unterstützung von außerhalb angewiesen.

Für das „Jahresprojekt 2022“ standen bis Ende April knapp 9000 EUR zur Verfügung; derzeit wird geprüft, wie Helping Hands sich am sinnvollsten im „Heim der Zuflucht“ engagieren kann.

Wenn Sie das „Heim der Zuflucht“ darin unterstützen möchten, noch mehr Kindern eine Zuflucht zu bieten, dann wählen Sie bitte bei der Online-Spende das Projekt „Heim der Zuflucht (Philippinen)“.

 

Hinweis: Bisher hatten wir über dieses Projekt als „Schechem-Home“ berichtet; „Heim der Zuflucht“ gibt die Bedeutung des Namens in etwa in Deutsch wieder.

Ein wichtiger Schritt zur langfristigen Heilung

Das Schechem-Home auf den Philippinen kümmert sich um Opfer von sexueller Ausbeutung

Das erste, was mir auffällt, als wir Amys* Familie besuchen, ist das strahlende Lächeln von Tala*, der zwölfjährigen Schwester.

Nicht der desolate Zustand der Bretterhütte, die Mutter, Schwester und kleiner Bruder ihr Zuhause nennen.

Nicht das karge Innere mit dem brüchigen Holzboden, im Dämmerlicht eine echte Stolperfalle.

Nicht die rostigen Nägel, die überall hervorstehen und die nackten Füße der Kinder bedrohen.

Auch nicht der stinkende Bach, neben dem die Hütte kauert; in der Trockenzeit gefährlich für Kleinkinder, in der Regenzeit eine Gefahr für alle – „sie leben im Bach“ beschreiben es die Sozialarbeiter, weil das Gewässer regelmäßig die Umgebung überschwemmt.

Nein: Das erste, was auffällt, als die Sozialarbeiter, eine Bekannte und ich Amys Familie besuchen, ist Talas strahlendes Lächeln. Und der fragende Blick auf dem Gesicht des zweijährigen Bruders. Und das hoffnungsvolle Leuchten in den Augen der Mutter.

Wie es Amy geht, möchte sie wissen, und ob sie weiter ihre Schulaufgaben macht. Das können wir ihr versichern: Alle Kinder im „Schechem-Home“ setzen ihre Schulbildung fort. Und dann drückt sie Jayson, dem Familien-Sozialarbeiter, ein Kleid in die Hand, etwas verlegen erklärt sie, dass sie es „Second-Hand“ gekauft hat – „für Amy zum Geburtstag“. Den hatten wir gestern in der Schechem-Familie mit einem leckeren Mittagessen gefeiert; 15 Jahre ist sie jetzt alt.

Im Juni kam Amy das erste Mal zu Schechem. Sie wurde, wie alle anderen Kinder auch, von der Polizei gebracht. Denn nach intensiver Forschung von International Justice Mission und den lokalen Behörden in dieser Region der Philippinen war Amy als Opfer von OSEC (sexuelle Ausbeutung von Kindern im Internet) erkannt worden. Die Sicherheitskräfte befreiten sie und ein weiteres Mädchen aus dieser Situation und brachten sie zu Schechem. Nach zwei Wochen liefen die Kinder davon und kamen nach Hause, aber die Mutter hatte Angst und informierte die Behörden. So kam Amy ins Schechem-Home zurück.

Die letzten Monate waren nicht einfach. Das Schechem-Home ist ein „Assessment Center“, ein Ort, an dem Kinder, die aus OSEC-Situationen befreit wurden, über mehrere Monate hinweg intensiv psychotherapeutisch und medizinisch betreut werden. Ziel ist, dass die Kinder Fertigkeiten erlernen, mit ihrem Trauma und den Erfahrungen umzugehen, sodass langfristig Heilung stattfinden kann. Gleichzeitig prüfen die Sozialarbeiter, wann und ob die Kinder bei anderen Familienmitgliedern reintegriert werden können oder erst einmal in eine längerfristige Einrichtung wechseln sollten.

Diese Entscheidung fällt nicht leicht. In den meisten Fällen sind die Eltern – vornehmlich die Mütter – die Schuldigen, und die Sicherheit der Kinder kann nicht gewährleistet werden. Und manchmal haben die Familien einfach nicht die Mittel, um für ihre Kinder zu sorgen. Das ist auch der Fall bei Amy. Ihre Mutter war in dem Verbrechen nicht involviert. Aber sie hat kein Einkommen – und weniger als 20 Euro pro Monat erhält sie vom Staat für sich und die beiden Kinder. Ihr Mann ist im Gefängnis wegen Drogenmissbrauchs. Derzeit unterstützt die Großmutter ihre Tochter und deren Kinder; sie arbeitet als Straßenfegerin bei der Kommune.

Deshalb wird Amy in den nächsten Tagen vorerst in ein Kinderheim umziehen, in dem sie ganzheitlich gefördert wird und auch ihre Schulbildung fortsetzen kann. Dass sie überhaupt inzwischen bereit ist für diesen Schritt ist der liebevollen Fürsorge des Schechem-Personals zu verdanken.

„Als Amy zu uns kam, war sie extrem traumatisiert“, erinnert sich Analyn, die Direktorin von Schechem. „Sie hat viel Schlimmes erlebt – nicht nur ihre eigene ‚Befreiung‘ von der Polizei, sondern sie musste auch mit anschauen, wie ihr Vater verhaftet wurde, und hat viel Gewalt in ihrer Familie mitbekommen. Am Anfang hat sie ständig geweint und Wutausbrüche bekommen. Sie war einfach völlig durcheinander. Aber mit der Zeit hat sie gelernt, mit ihrer Wut und ihrer Traurigkeit umzugehen. Sie schreibt viel in ihr Tagebuch. Sie weiß jetzt, was sie tun kann, um für ihr emotionales Gleichgewicht zu sorgen. Natürlich kann solch ein Trauma in nur wenigen Monaten nicht völlig heilen. Aber Amy steht ihren Gefühlen nicht mehr hilflos gegenüber – sie hat die nötigen ‚Fertigkeiten‘ erlernt, um damit umzugehen. Und sie möchte jetzt auch unbedingt einen guten Schulabschluss machen.“

Das Besondere an Schechem ist: Es ist nicht nur ein „Assessment Center“, sondern ein Zuhause, wie eine große Familie, in der sich alle um einander kümmern. Und das hat mindestens so heilende Wirkung wie die vielen Therapiestunden beim Psychologen und den Sozialarbeitern. Auch für Amy hat es einen großen Unterschied gemacht.

Zwar ist sie immer noch eher zurückhaltend. Manchmal sitzt sie etwas abseits, und auf ihrem Gesicht liegt ein Schatten, ein Schatten der Erinnerung, den alle Therapiestunden nicht wegwischen können. Dann setzt sie sich auch mal mit Grace, der Sozialarbeiterin im Heim, in einer Ecke des Grundstücks zusammen und hat ein langes, ernstes Gespräch.

Aber dann ist sie auch wieder mittendrin, beim Spielen und Basteln, beim Kochen und Waschen im Heim. Manchmal ertönt ihr Lachen, hell, fröhlich, unbeschwert. Oder sie kommt ganz unerwartet und gibt mir eine feste Umarmung, und dann lächelt sie, ein strahlendes Lächeln, ein Lächeln, das mir bekannt vorkommt: Es ist das Lächeln von Tala, ihrer Schwester.

 

Das Schechem-Home ist ein wichtiges Bindeglied in den einzelnen Entwicklungsschritten, die ein Kind durchlaufen muss, um aus einer OSEC-Situation zurück zu einem gesunden, sicheren und erfüllten Leben zu gelangen. Das Zentrum finanziert sich ausschließlich durch Spenden; für 2023 wird noch viel Unterstützung benötigt. Wenn Sie das Heim darin unterstützen möchten, Kindern wie Amy die notwendige Förderung und Geborgenheit zu geben, dann wählen Sie bitte bei der Online-Spende das Projekt „Jahresprojekt 2022 Schechem-Home (Philippinen)“.

 Dieser Bericht basiert auf einem Projektbesuch der internationalen Geschäftsführerin im Dezember 2022. Die Namen der Kinder wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert (*).

Genug Geld ist nicht alles

Das Schechem-Home auf den Philippinen schenkt Kindern und Familien die Chance auf einen Neuanfang

Danilo* lebt seit einiger Zeit im „Schechem Home“. Anfangs machte der Elfjährige den Mitarbeitern viel Sorgen. Nicht nur hatte er Schwierigkeiten sich zu konzentrieren oder überhaupt mal stillzuhalten, er griff auch die anderen Kinder an, boxte sie oder brüllte Schimpfwörter. Wenn er spielte, handelten seine Spiele immer von Krieg und Totschlag.

Und das hat Gründe. Viele Jahre lebte Danilo ständig unter Angst, fühlte sich nie sicher. Vor allem seine Mutter misshandelte ihn, oft auch der Vater. „Wenn ich daran denke, bin ich ganz traurig“, sagt er, „und ich vermisse meine Tante, die mir immer geholfen hat. Ich mach mir Sorgen um sie, dass meine Eltern sie vielleicht bedrohen.“

Danilo ist eines der Kinder, die aus einer OSEC-Situation (online sexual exploitation of children) befreit und ins Schechem-Home in Manila, Philippinen, gebracht wurden. Dort hat er für eine Zeitlang eine Heimat und eine neue Familie gefunden. Über mehrere Monate hinweg wird ihm durch verschiedene Therapien geholfen, das Erlebte zu verarbeiten. Und das hat schon einen großen Unterschied gemacht. Zwar fängt er immer noch ab und zu eine Rauferei an oder zieht sich in eine Ecke zurück, um zu weinen – so ein Trauma ist eben nicht in ein paar Therapiestunden beseitigt. Aber meist ist er freundlich und ausgeglichen, und auch seine Spiele drehen sich nun um ein positives Thema, wie der Therapeut berichtet: „Meist geht es nun um seine Erfahrungen, nachdem er und seine Geschwister nach Schechem gebracht wurden – also um eine Zeit, in der er viel Freude erfahren durfte. Er kann jetzt seine Geschichte viel befreiter erzählen.“

Auch um andere Bedürfnisse kümmert sich Schechem: zum Beispiel lernen die Kinder bessere Hygiene und Ordnung und werden im akademischen Bereich gefördert. „Ich habe hier lesen und schreiben gelernt“, erzählt Danilo, „das konnte ich nämlich vorher noch nicht.“

Zurzeit wohnen 12 „befreite“ Kinder zwischen 0 und 17 Jahren im Schechem-Home; regelmäßig kommen neue hinzu. Neben allen Grundbedürfnissen inklusive Schulbildung stehen vor allem auch ihre psychosozialen Bedürfnisse im Mittelpunkt, und für jedes Kind wird ein individuelles Therapieprogramm ausgearbeitet. Dazu gehört unter anderem eine wöchentliche Einzeltherapiestunde, tägliche Förderung durch die Hauseltern sowie einmal pro Woche eine spielbasierte kognitive Therapie in der Gruppe. Auch andere Aktivitäten haben heilende Funktion: zum Beispiel pflanzen vier Geschwister gerne Gemüse in dem kleinen Garten des Hauses und freuen sich gemeinsam darüber, wie das Gemüse wächst, wodurch sich ihre Geschwisterbeziehung deutlich verbessert hat, denn vorher waren sie sich eher fremd.

Bevor es für ein Kind Zeit wird, das Schechem-Home zu verlassen, wird intensiv geprüft, welche Situation für das Kind am sichersten und förderlichsten ist. Manchmal muss ein Kind mit starken psychischen Einschränkungen in eine längerfristige Einrichtung für weitere therapeutische Behandlung überwiesen werden. Oft können andere Verwandte gefunden werden, zum Beispiel Großeltern, Onkel und Tanten, oder auch eine Pflegefamilie, die dem Kind ein sicheres Zuhause bieten.

Und immer wieder können die Kinder auch nach Hause zurück, weil die Eltern gelernt haben, ihr Kind richtig zu schützen. „Wir dachten, genügend Geld zu verdienen, damit alle unsere Kinder versorgt sind, ist das einzig wirklich wichtige für unsere Kinder“, erklärt eine Familie, die an Schulungen von Schechem teilgenommen hat. „Aber jetzt wissen wir, dass Sicherheit für die Kinder genauso wichtig ist. Dass wir als Familie zusammenhalten und mehr auf die Gefühle der Kinder achten und sie unterstützen. Genug Geld für den Lebensunterhalt zu haben ist nicht das einzige, was zählt!“

Auch die Familie von Andrea* ist bereit für einen Neuanfang. Vor einigen Wochen kamen sie in Schechem zu Besuch, machten verschiedene therapeutische Aufgaben zusammen und führten viele Gespräche, um die Familiensituation zu klären. Als Andrea von ihrem Vater die allererste Umarmung bekam, brach sie in Tränen aus.

Wo Danilos Zuhause in Zukunft sein wird, ist noch nicht geklärt. Aber dank Schechem hat er gelernt, mit traumatischen Erfahrungen und Erinnerungen umzugehen, und geht mit viel mehr Selbstbewusstsein und „Life Skills“ in seine Teenager-Jahre und in eine Zukunft, die nicht maßgeblich von den negativen Aspekten seiner Vergangenheit geprägt sein muss.

 

Das Schechem-Home ist unser Jahresprojekt 2022. Wenn Sie dieses Projekt unterstützen möchten, spenden Sie bitte mit Vermerk „Jahresprojekt 2022“ oder „Schechem Home“ (hier geht’s zur Online-Spende).

* Name geändert