Jeder Stift ein Baum für die Zukunft

Klimawandel-Projekt in Bangladesch schafft weitreichende nachhaltige Veränderung

Wer Shawpna einmal begegnet ist, vergisst sie nicht so schnell wieder. Die junge Frau aus Mongla im südwestlichen Bangladesch ist nicht nur selbstbewusst, intelligent und attraktiv – sie besitzt auch eine Ausstrahlung, in der ihre bunte Umwelt noch klarer aufleuchtet, eine Präsenz, die einen innehalten lässt. Wenn sie lächelt, fühlt man sich wie sehnlichst vermisste, geliebte Geschwister, und in ihrer ärmlichen Hütte heißt sie Besucher willkommen wie in einem Palast.

Dabei ist Shawpnas Heimat alles andere als ein prächtiges Reich. Immer heftigere Wirbelstürme bedrohen Leben und Besitz der verarmten Bewohner; der Fluss schwemmt aus der bengalischen Bucht nicht nur den Müll des Planeten an, sondern auch immer mehr Salzwasser, das Acker unfruchtbar macht. Auf dem Rückweg reißen die Fluten meterweise Flussufer mit; auch die Sundarban, der größte Mangrovenwald der Welt, kann diesem Angriff nicht ewig trotzen.

Doch Shawpna und ihre Nachbarn haben im Projekt gelernt*, wie sie den Herausforderungen begegnen können. Die Hütte errichten sie höher und binden sie mit Seilen an Bäumen fest, damit der Sturm sie nicht wegreißt. Gegen die Versalzung des Bodens hilft natürlicher Kompost; durch Umstellung auf salzresistentere Pflanzen und Meeresfrüchte oder alternative Erwerbsmöglichkeiten kann das Einkommen gesichert werden.

Auch Shawpna und ihr Bruder setzen diese Maßnahmen bedachtsam um. Doch vor einigen Monaten hatte der Bruder einen Unfall. Dadurch ist Shawpna nun die einzige, die ein Einkommen verdient, um für die betagten Eltern zu sorgen. Ein Projektmitarbeiter vermittelte ihr einen Job, in dem sie für eine andere NRO Studien durchführt. Das ging so lange gut, bis aufgrund der politischen Veränderungen in den USA die Gelder gestoppt wurden und Shawpna ihren Job verlor.

Aber davon ließ die junge Frau sich nicht unterkriegen! Im Dezember hatte sie an einem Bürgerprogramm teilgenommen und wurde auf jemand aufmerksam, der einen Papierstift benutzte. Das brachte sie auf eine neue Geschäftsidee, die gleich mehrere Lösungsansätze bietet: ein Einkommen für sie und andere, eine sauberere Umwelt, nachhaltige Veränderung durch gemeinsames Engagement.

Diese Idee verfolgte sie, schaute sich auf YouTube an, wie man Papierstifte herstellt, kontaktierte NROs, Schulen und Unternehmen, um sich gleich einen kleinen Markt zu schaffen, und begann ihre „Paper-Pen Business“. Das Design erstellt sie in einem Internet-Café in der Stadt und druckt es in einem Copyshop, kauft die Kuli-Minen und rollt zuhause das Papier zu Stiften; 100 Stück schafft sie in etwa fünf Stunden.

Das ist nicht nur eine clevere Geschäftsidee, weil NROs diese Papierstifte toll finden. Shawpna möchte auch tatsächlich einen Unterschied für ihre Umwelt machen. Dafür verkauft sie nicht nur an NROs oder Unternehmen, sondern auch auf dem lokalen Markt. 6 Taka kostet dort ein Plastikkuli, daher verkauft Shawpna ihren Papierkuli ebenfalls für 6 Taka, auch wenn sie dann nur 2 Taka Profit macht. Auf den Stift druckt sie Slogans wie „Schützt die Umwelt“ oder „Vermeidet Plastik – rettet die Sundarban“.

„Ich möchte mich dafür einsetzen, dass der Müll in unseren Flüssen und Teichen abnimmt“, betont sie. „Um die Fische zu schützen – Fische sind unser Lebensunterhalt – und auch die Sundarban.“

Dafür hat sie noch andere Ideen: Zum Beispiel plant sie, preiswerte aber robuste Stofftaschen herzustellen und für den gleichen Preis anzubieten wie die Kunststofftaschen, die man derzeit noch auf dem Markt erhält. Da die Stofftaschen länger halten, ist Shawpna überzeugt, dass sie auch so einen nachhaltigen Unterschied für die Umwelt machen kann, auch wenn ihr Profit dann etwas geringer ausfällt.

Doch nicht nur die Umwelt liegt Shawpna am Herzen. Auch für ihre Nachbarn, für ihre ganze Dorfgemeinschaft möchte sie sich einsetzen.

„Ich hoffe, dass mein Papierstifte-Unternehmen gut läuft, damit ich noch ein paar Frauen dafür einstellen kann“, erklärt sie. „Auch die Stofftaschen machen wir dann gemeinsam. Es ist viel besser, wenn wir ein Team sind und uns die Arbeit teilen.“

In ihrer Selbsthilfegruppe ist Shawpna die Erste Vorsitzende. Auch dort hat sie schon viel bewegt; u.a. haben sich unter ihrer Initiative drei Gruppen zusammengeschlossen – „um uns gegenseitig zu motivieren, nachhaltiger zu sein, voneinander zu lernen, und weil wir uns einfach mögen“, erklären die Frauen. Zusätzlich zu ihren diversen individuellen Kleinstgewerben – zum Beispiel Ziegenzucht, Teestuben oder traditioneller Schmuck – haben die Frauen der drei Gruppen ein gemeinsames Unternehmen für Handarbeiten gegründet und sich einen Markt aufgebaut, „damit wir unabhängig sein können!“

Shawpna ist hier eine treibende Kraft, die ihre Nachbarinnen immer wieder zusammenbringt und motiviert und auch Chancen und Erfolge nicht für sich behält, sondern mit den anderen Frauen teilt. Ihre Zuversicht und Innovation gibt der Gruppe auch eine Zukunft, denn nur mit festem Zusammenhalt können die Frauen sich in ihrem männlich-dominanten Umfeld durchsetzen.

„Im Projekt habe ich eine Menge Schulungen besucht und viel gelernt, sodass ich jetzt in der Lage bin, uns als Gruppe zu vertreten – unsere Rechte einzufordern, unsere Stimme zu erheben, neue Ressourcen zu finden. Nach Abschluss des Projekts werde ich mich darum bemühen, von verschiedenen Regierungsministerien und gleichgesinnten NROs Unterstützung zu erhalten, damit wir so unsere Gruppe langfristig weiterführen können.“

Vor kurzem hat Shawpna ihr Studium in Sozialwissenschaft erfolgreich abgeschlossen. Aber das, was sie braucht, um die positiven Veränderungen in ihrer Dorfgemeinschaft langfristig aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln, hat sie im Projekt gelernt: „Wir haben so viel Wissen und Kenntnisse von euch erhalten – und wir sind jetzt alle sehr selbstbewusst und zuversichtlich!“, betont sie. Vor allem für die Schulungen zum Klimawandel bzw. Klimaschutz ist sie dankbar, „denn jetzt habe ich selbst die Initiative ergriffen, und ohne die Schulungen hätte ich das nicht gewusst.“

Auf die Bemerkung, dass ihr Einsatz für den lokalen Umweltschutz ja auch Auswirkungen für den Rest des Planeten hat, lacht die junge Frau fröhlich: denn in ihren Papierstiften ist ein Geheimnis versteckt.

„In jeden Papierstift rolle ich ein kleines Samenkorn mit ein. Wenn der Stift dann leer ist und weggeworfen wird, wächst ein großer Baum daraus.“

Jeder Stift ein Baum für die Zukunft – Shawpnas Zukunft und die ihrer Familie, ihres Dorfes, ihres weiteren Umfelds … aber auch unsere Zukunft und die unseres Planeten.

Denn Zukunft gestalten, das geht nur gemeinsam.

 

* Das Projekt zur „Klimawandel-Adaption und Katastrophenrisikominderung“ in Mongla, Bangladesch begann im Herbst 2021 und läuft noch bis Ende April 2025. Ein kurzes Erklär-Video zu diesem Projekt finden Sie hier.

Wir schaffen das!

Ermutigende Erfolgsgeschichten aus dem Großprojekt in Mongla, Bangladesch

Ein weiteres Jahr ist vergangen in Mongla im südwestlichen Küstengebiet von Bangladesch, und wir stehen wieder am Flussufer. Dasselbe Flussufer wie vor ein, vor zwei Jahren – und eben doch nicht dasselbe. Wieder hat der Fluss mehrere Meter Land gefressen. Die Familien, die mal ein ordentliches Stück Land viele Gehminuten vom Fluss entfernt hatten, wohnen jetzt am Ufer und schauen zu, wie das Wasser Monat für Monat ihr Land verschlingt, bis nichts mehr übrig ist.

Und trotzdem – die Menschen geben nicht auf. Sichern beim Sturm ihre Hütten, züchten Hühner und Ziegen, lernen neue Fertigkeiten, sodass sie auch noch ein Einkommen verdienen können, wenn Fischteiche und Gemüsegärten im Fluss verschwunden sind.

Um ausreichende Vorsorgemaßnahmen für den Katastrophenfall und eine funktionierende Anpassung an die geänderten klimatischen Bedingungen – darum geht es in diesem Großprojekt, das wir seit Herbst 2021 mit finanzieller Förderung der Bundesregierung hier in Mongla unterstützen, und das jetzt in die Endphase läuft. Dabei wurden die Maßnahmen im Frühjahr ordentlich auf die Probe gestellt: Wirbelsturm „Remal“ hat gezeigt, was bei der Katastrophenvorsorge funktioniert und was noch verbesserungswürdig ist.

Die Berichte, die wir hören, als wir im Rahmen einer Projektreise in Mongla von Haus zu Haus ziehen, machen Mut. Da ist zum Beispiel Minoti, deren Hühner- und Entenzucht wir letztes Jahr bestaunen durften. Diese Geflügelzucht hat sie ausgebaut, dann mit ihrem Einkommen und einem Darlehen aus der Selbsthilfegruppe eine Kuh gekauft, inzwischen hat sie schon vier Kühe, die in einem ordentlichen Stall untergebracht sind. Minoti ist Witwe, aber mit ihrem Einkommen kann sie nun ihre zwei Kinder gut versorgen. Im Wirbelsturm hat sie fast nichts verloren – ihr Vieh hatte sie in Sicherheit gebracht, das Haus ordentlich gesichert; nur ein kleines Stück Dach musste sie erneuern und den Garten neu aussäen. Sogar das in dieser Gegend ewig-präsente Trinkwasserproblem hat sie gelöst, indem sie sich hinter die Hütte einen großen, betonierten Wasserspeicher gebaut hat. Minoti – fleißig, innovativ, motiviert, freundlich und selbstständig – ist eine große Ermutigung für ihre Nachbarn und Freunde, denn nichts motiviert so sehr wie ein gutes Beispiel!

Leider gibt es auch viele, die im Sturm sehr viel verloren haben, teils weil sie nicht genügend Vorsorgemaßnahmen umgesetzt hatten, manchmal auch einfach, weil sie an der falschen Stelle wohnen. Aber auch hier werden in Gesprächen zwei Dinge deutlich: einerseits, dass den Menschen bewusst ist, welche Nachbarn besser vorbereitet waren, und sie das nachahmen möchten, und andererseits, dass zwar viel Hab und Gut verloren ging, das erlernte Wissen aber weiterhin besteht – die Mehrzahl der Personen, die Viehzucht oder kleine Unternehmen im Zyklon verloren haben, haben bereits neu begonnen oder planen es noch vor Ende des Jahres.

Und immer wieder treffen wir auf beeindruckende Beispiele von Innovation, Kreativität und ersten großen Erfolgen.

Labuni aus Chandpai hat im Rahmen des Projektes ein „Market Development Training“ besucht; jetzt verkauft sie mit ihrer Häkelgruppe inzwischen über Facebook bis nach Dhaka; ein Händler exportiert ihre Ware sogar. Ihre kreativen Ideen sorgen dafür, dass die Nachfrage nicht abnimmt. 25 Frauen verdienen so durch Häkeln ein Einkommen, und Labuni sucht ständig nach weiteren, weil sie so viele Aufträge bekommt; u.a. bietet sie auch Kurse an, sodass weitere Frauen die Fertigkeiten erlernen können.

Protap in Chila hat seine Krabbenzucht so erfolgreich ausgebaut, dass er jetzt monatlich 30.000 Taka (ca. 250 EUR) netto verdient; letztes Jahr waren es noch 20.000 Taka; ohne den Zyklon hätte er vermutlich schon 35.000 Taka erreicht. Auch seine Ware wird ins Ausland exportiert. Früher konnte er durch Fischzucht seine sechsköpfige Familie so gerade eben ernähren. Seit er im Projekt die Schulungen zur Krabbenzucht mitgemacht hat und umgestiegen ist, geht es ihnen richtig gut; ein ordentliches Haus konnte er bauen, und hat sogar etwas Erspartes auf der Bank.

Tohomina, eine der Ärmsten in der Zielgruppe, strahlt übers ganze Gesicht, als wir zu Besuch kommen. Letztes Jahr ging es ihr noch richtig schlecht, die Hütte war am Zerfallen, das magere Einkommen reichte für nichts. Aber dank der stetigen Bemühungen des Projektteams wohnt Tohomina mit Mann und zwei kleinen Kindern jetzt in einer ordentlichen Hütte – die Nachbarn halfen ihr beim Bau – die auch beim Zyklon stehenblieb. Gemüse und Geflügelzucht liefen gut bis zum Sturm, aber trotz der Verluste ist Tohomina jetzt voller Zuversicht; man kann ja schließlich immer wieder neu anfangen, wenn man die nötigen Kenntnisse hat.

Am letzten Nachmittag lernen wir noch Rituparna kennen, die hervorragend Englisch kann und deren künstlerische Fähigkeiten uns sprachlos machen: u.a. selbst entworfener Schmuck und individuell bemalte Taschen von einer Qualität, die auch auf dem deutschen Markt problemlos verkauft werden könnten. Bisher hat sich Rituparna ihren eigenen Markt noch nicht so richtig erschlossen; sie verkauft zwar über Facebook, aber die Einnahmen sind im Vergleich zur Qualität gering. Doch ein enormes Potential schlummert hier – und wieder sind wir beeindruckt, dass Rituparna dabei nicht sich selbst im Blick hat, sondern sich vor allem bessere Chancen für die Mädchen wünscht, denen sie ihre Künste weitervermittelt.

Schlussendlich ist eine der Erkenntnisse unseres Besuches: Mit der richtigen Kenntnisvermittlung und langfristiger Begleitung  und Ermutigung können vor allem die Grundlagen verändert werden, sodass Menschen auch bei Rückschlägen oder in schwierigen Situationen nicht aufgeben, sondern mit Zuversicht weitermachen oder Neues beginnen, denn sie wissen: Wir können das schaffen, denn wir haben es schon einmal geschafft!

 

Dieser Reisebericht konzentrierte sich auf den Aspekt des Projektes, der zum Ziel hat, den Familien alternative Einkommensmöglichkeiten zu vermitteln, sodass sie trotz Katastrophen und Klimawandel ihre Familien ernähren können. Ein weiterer Bericht wird sich spezifisch auf die verschiedenen Maßnahmen zur Katastrophenvorsorge auf Haushalt- und Dorfebene beziehen.

Hier finden Sie ein kurzes Erklär-Video zu diesem Projekt.

Dieses Projekt wird zu 75% vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert; Helping Hands e.V. muss einen Eigenanteil von 12,5% aufbringen (ca. 32.000 EUR). Wenn Sie die Familien in Chila und Chandpai (Mongla) im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels unterstützen möchten, spenden Sie bitte mit Vermerk „Mongla“.

Achtundvierzig Stunden Wirbelsturm in Bangladesch

Unser Partner in Mongla setzt vor, während und nach der Katastrophe entscheidende Maßnahmen um

„Es war wirklich schlimm! Achtundvierzig Stunden pausenloser Sturm und strömender Regen – viel länger als je zuvor. Massive Verluste im Ackerbau, den Fischfarmen, bei Unterkünften, auch in Infrastruktur. Tausende mussten evakuiert werden.“

Am letzten Maiwochenende wurden Teile von Bangladesch und Indien von Wirbelsturm „Remal“ heimgesucht. Der „Sundarban“, der größte Mangrovenwald der Welt, erlitt verheerende Schäden; das Ökosystem wird wohl mehrere Jahrzehnte brauchen, um sich zu erholen. Auch im Gebiet Mongla, am Nordrand des Sundarban in Bangladesch, wütete der Sturm; dort fördern wir seit drei Jahren ein Projekt zur Klimawandel-Adaption. David, unser Projektleiter vor Ort, konnte eine erste Einschätzung der Lage schicken.

„Alle unsere Projektteilnehmer sind betroffen. Zeitweise stand das gesamte Gebiet von Mongla unter Wasser, der Fluss stieg über zwei Meter an. Wir als Projekt-Team sind alle unversehrt und helfen den Betroffenen, wo wir können.“

Neben den ununterbrochenen Regenfällen erschwerten stundenlange Stromausfälle und sehr eingeschränkte Mobilfunk- und Internetverbindungen die Kommunikation und Koordinierung der Hilfsmaßnahmen. Aber darauf war das Team unseres lokalen Partners vorbereitet!

Denn einer der Hauptaspekte des laufenden Projektes in Mongla ist die Katastrophenvorsorge für genau solche Situationen. Dazu gehören Präventionsmaßnahmen auf allen Ebenen, vom kleinsten Haushalt bis hin zur lokalen Regierung. Über drei Jahre hinweg wurden hunderte von Personen geschult, Komitees wurden eingerichtet, Materialien verteilt und durch kontinuierliches Follow-Up dafür gesorgt, dass die Dörfer im Projektgebiet auf den Katastrophenfall vorbereitet sind. Dazu gehörte zum Beispiel:

Familien haben schon vor Monaten ihre Hütten auf höhere Sockel gebaut und ihre Dächer und auch Wände mit Seilen festgebunden sowie Äste von Bäumen entfernt, die auf ihre Hütten fallen könnten.

Haushalte haben Trockennahrung gelagert und ihre Wertsachen und Tiere in Sicherheit gebracht.

Zwei Wasseraufbereitungsanlagen wurden errichtet, die jetzt sicheres Wasser liefern – besonders nach flächendeckenden Überflutungen absolut überlebenswichtig.

Außerdem wurden vor kurzem 18 schwimmende Latrinen gebaut – eine für jedes Dorf. Da sie auf der Wasseroberfläche treiben, können sie genutzt werden, auch wenn alle anderen Toiletten überschwemmt sind.

Gleich zu Projektbeginn wurden 18 Ward Disaster Management Committees (WDMC) gegründet und die zwei Union Disaster Management Committees aktiviert, die umfassende Pläne erstellt haben, wo und wie im Katastrophenfall reagiert werden sollte.

Diese Komitees wurden mit Megaphonen, Schwimmwesten, Taschenlampen, Gummistiefeln und anderem Material ausgestattet, sodass sie während der Katastrophe voll einsetzbar sind.

Bevor Zyklon Remal Bangladesch erreichte, war unser Projektteam und die Komitees an Planungstreffen zur Minderung der Katastrophengefahr auf höchster lokaler Regierungsebene beteiligt.

Direkt vor dem Zyklon ging das Projektteam und die 270 Mitglieder der WDMC von Tür zu Tür, um alle Haushalte zu warnen, und half dabei, Familien zu evakuieren und sie zum Zyklon-Schutzraum zu bringen, vor allem schwangere und stillende Frauen.

Während des Zyklons unterstützte das Projektteam die Kommunalverwaltung darin, in den Schutzräumen Lebensmittel und Mahlzeiten zu verteilen.

Seit Ende der Katastrophe besucht das Projektteam die Haushalte in der Gegend um festzustellen, welche Schäden verursacht wurden und welche Hilfe benötigt wird.

Noch ist die Bedarfsermittlung nicht beendet. Aber schon jetzt steht fest, dass durch den unermüdlichen Einsatz unseres Projektteams und die umfassenden Präventionsmaßnahmen der Komitees viele Verluste verhindert werden konnten.

Weitere Artikel sowie ein kurzes erklärendes Video zu diesem Projekt finden Sie hier.

Wenn Sie den Menschen in Mongla und unserem Projektteam beim Wiederaufbau und weiteren Präventionsmaßnahmen unter die Arme greifen möchten, dann spenden Sie mit Vermerk „Klimawandel-Projekt Mongla“.

Wenn der Fluss die Zukunft frisst

Erste Erfolge und weitere Herausforderungen im Großprojekt in Mongla im südwestlichen Küstengebiet von Bangladesch

Wir stehen am Flussufer, neben uns bricht der Boden jäh ab; ein paar Wurzeln geben noch etwas Halt. Darunter zerrt das salzige Flusswasser an der Erde, so recht wohl fühlt man sich dabei nicht.

Vor einem Jahr standen wir schon einmal hier. Oder genauer gesagt: Wir standen fünf Meter weiter draußen, da, wo sich jetzt die graubraunen Wassermassen wälzen.

Damals – also: vor einem Jahr – war das Ufer etwa einen Meter von Sukantas Türschwelle entfernt. Jetzt steht er auf einem matschigen Vorsprung, der ins Wasser herausragt: „Hier war meine Hütte“, erklärt er, „– das hinterste Ende meiner Hütte.“ Schon vor Monaten musste er umziehen, seine armselige Behausung ein paar Meter weiter innen neu errichten. Aber da wird er wohl auch nicht lange bleiben können; zu schnell frisst der Fluss das Land. Hinter seiner Hütte ist ein kleiner Kanal, weiter kann er also nicht. Wenn der Fluss auch die jetzige Heimat verschluckt hat, dann weiß Sukanta nicht mehr, wohin; er, seine Frau und die zwei Kinder. Eigenes Land hat er nicht.

Aber auch die, die ihr eigenes Land besitzen, sind nicht viel besser dran. Alia und Ranis Familien müssen Jahr für Jahr zuschauen, wie der Fluss ihr Land verschlingt. Immer wieder werden die Hütten versetzt, Gärten neu angelegt, Fischteiche anderswo gegraben.  „Wenn wir am Fußweg angekommen sind, dann geht es nicht mehr weiter – dann haben wir kein Zuhause mehr und keinen Boden, wo wir etwas anpflanzen oder Tierzucht betreiben können.“

Wenn das passiert, dann bleiben ihnen nicht mehr viele Optionen offen. Und vielleicht werden sie aus Verzweiflung den gleichen Weg wählen wie so viele andere: jeden Tag mit dem Kahn den Nebenfluss überqueren und in der Bekleidungsfabrik arbeiten – harte Arbeit, acht Stunden am Tag, sieben Tage pro Woche, für knapp 60 Euro im Monat. Keiner wünscht sich das – aber für viele ist es die einzige Möglichkeit, sich überhaupt Essen für die Familie leisten zu können.

Im Herbst 2021 haben wir mit unserem örtlichen Partner hier in Mongla ein Projekt begonnen, das einigen dieser Entwicklungen entgegenwirken soll. Zwar kann nicht die gesamte Länge des Flussufers stabilisiert werden; an dieser Aufgabe scheitert ja schon die Regierung vor Ort. Aber den Familien helfen, besser auf Katastrophen vorbereitet zu sein, ihre Landwirtschaft und Viehzucht an die geänderten klimatischen Gegebenheiten – u.a. auch die Versalzung des Grundwassers – anzupassen oder alternative Optionen zum Einkommenserwerb erschließen, wo Acker- bzw. Gartenbau nicht möglich sind: Das sind Aufgaben, denen wir uns gestellt haben, gemeinsam mit dem Projektpersonal vor Ort und mit finanzieller Förderung der Bundesregierung.

Nach knapp zwei Jahren konnten schon in einigen Bereichen Erfolge verzeichnet werden; davon konnte sich unsere Geschäftsführung bei einem Projektbesucht Anfang September überzeugen. Dazu gehört zum Beispiel:

Frauen haben sich in Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen und lernen dort, ihre Hoffnungen und Herausforderungen selbst in die Hand zu nehmen

Die Frauen sparen regelmäßig einen kleinen Betrag, aus dem Gesamtersparnis geben sie sich gegenseitig kleine Kredite, mit denen sie Kleinstunternehmen aufbauen: zum Beispiel eine Entenzucht, Hühner oder Schweine

In verschiedenen Schulungen haben sie außerdem weitere Fertigkeiten erlernt, mit denen sie ein Einkommen verdienen können: zum Beispiel sind hier viele Frauen fleißig am Häkeln! Dafür muss allerdings auch noch ein Markt erschlossen werden, damit die Handarbeiten zu einem angemessenen Preis verkauft werden können

Einige Familien haben nach entsprechenden Schulungen ihre Einkommensaktivitäten umgestellt: zum Beispiel ist Krabbenzucht für die veränderten Wasserbedingungen viel passender

Verschiedene Bauern haben, ebenfalls nach entsprechenden Schulungen, ihren Gemüseanbau so umgestellt, dass er mit dem neuen Klima besser zurechtkommt, außerdem ökologisch nachhaltiger und ertragreicher ist. Dafür haben sie auch passenderes Saatgut erhalten. Sie stellen ihren eigenen Kompost her – mit Kompostwürmern funktioniert das besonders gut und es kann noch Kompost verkauft werden – haben ihre Beete erhöht, um sie vor Flutwasser zu schützen, sammeln ihr eigenes Saatgut und verhindern mit natürlichen Mitteln, dass die Ernte von Schädlingen gefressen wird.

Zusätzlich können Familien in Chandpai jetzt Wasser von einer eben neu errichteten Wasseraufbereitungsanlage holen – das trägt enorm zur besseren Hygiene und Gesundheit bei

Und dann ist natürlich auch alles für den nächsten Tropensturm vorbereitet: die Katastrophen-Komitees der Dörfer haben einen Notfallplan erstellt und sind mit Megaphon, Taschenlampen, Schwimmwesten und ähnlichem ausgestattet.

Nur ein paar Minuten Fußweg von Sukantas Hütte entfernt besuchen wir Israfil. Stolz zeigt er uns seinen Gemüseanbau – auf jedem freien Quadratmeter wächst irgendetwas: Gurken, Chili, Tomaten, Kürbisse. Das äußerste Beet ist dem Flussufer gefährlich nahe. „Fünf Meter Land hat mir der Fluss im letzten Jahr geraubt!“, berichtet er und zeigt raus aufs strömende Wasser. „Aber jetzt reicht es! Ich werde das Ufer hier befestigen, mit einer Schutzmauer aus Bambusstäben sollte das doch zu schaffen sein. Diesen Garten nimmt der Fluss mir nicht!“ Seit er im Rahmen des Projektes verschiedene Schulungen für verbesserten Gemüseanbau besucht hat, produziert er genug, um auch etwas zu verkaufen; 60 Taka pro Kilo bekommt er dafür. „Nur das Wasser holen, das ist noch ein Problem – einen Kilometer muss ich die Kanister schleppen, um salzfreies Wasser zum gießen zu bekommen. Das hat meine Schulter kaputt gemacht.“

Trotzdem ist er guter Dinge; man kann ja nicht erwarten, dass gleich alles auf einmal besser wird. Die stetige Unterstützung und Beratung durch das Projektpersonal hat ihm viel Hoffnung gegeben: Gemeinsam ist doch jede Herausforderung zu meistern! Da mag der Fluss weiter das Ufer fressen – die Zukunft, die kann er Israfil und Sukanta, Alia und Rani nicht nehmen.

 

Dieses Projekt wird zu 75% vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert; Helping Hands e.V. muss einen Eigenanteil von 12,5% aufbringen (ca. 32.000 EUR). Wenn Sie die Familien in Chila und Chandpai (Mongla) im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels unterstützen möchten, spenden Sie bitte mit Vermerk „Mongla“.

Nicht mehr bei Null anfangen

Familien in Mongla im südwestlichen Küstengebiets Bangladesch kämpfen gegen die Folgen des Klimawandels

„Sehen Sie, hier, wo es feucht ist, bis dahin kommt das Wasser, wenn die Flut ihren höchsten Pegel erreicht hat.“

Wir stehen vor einer armseligen Hütte, errichtet aus getrockneten Gräsern und Palmblättern, der Boden festgetretene Erde. Ein altes Fischernetz ist über das Strohdach gespannt, damit in dem oft heftigen Wind nichts davonweht. An der Außenwand stehen ein paar Töpfe und Eimer, an Seilen flattern Kleider zum Trocknen. Keine zwei Meter vor der Türschwelle wird der Lehmboden auf einmal feucht: die Hochwasserkante, die den Hüttenbewohnern kaum genug Raum bietet, bei Flut ihren Eingang zu erreichen. Einen Meter weiter bricht das Flussufer jäh ab – mürbe, vom Wasser ausgefressen, nur ein paar Wurzeln halten den Lehm zusammen. Dahinter erstreckt sich, nach ein paar Metern Schlamm, der Pashur-Fluss, breit wie ein See, bedrohlich wie das Meer selbst.

„Früher war mein Haus da draußen“, erklärt Sukanta, dem die Hütte gehört, und er zeigt einige Bootslängen auf den offenen Fluss hinaus, wo sich das trübe Wasser träge im Wind kräuselt. „Aber das Flussufer ist immer weiter eingebrochen, also hab ich die Hütte weiter ins Land gebaut. Das war vor ein paar Jahren – da war der Fluss noch weit weg von hier.“

Warum er denn überhaupt hier baut, fragen wir.

„Ich besitze kein Land“, sagt er. „Ich habe keine andere Wahl.“

Ein Häuschen direkt am Flussufer, wo die sanft anrollenden Wellen einen abends in den Schlaf flüstern  – wie idyllisch klingt das in unseren Ohren! Für die Menschen in Chila und Chandpai im Bezirk Mongla im südwestlichen Bangladesch ist es eher lebensbedrohlich.

Denn da sind nicht nur die immer weiter ins Land drückenden Wellen aus der Bucht von Bengalen, die die Flussufer zerfressen wie Säure. Seit der Klimawandel weltweit das Wetter verrückt macht, werden Gebiete wie Mongla immer häufiger von verheerenden Wirbelstürmen heimgesucht, die nicht nur sintflutartigen Regen und orkanstarken Wind mit sich bringen, sondern auch baumhohe Flutwellen, denen Hütten wie die von Sukanta nicht standhalten können.

„Im letzten schlimmen Zyklon, dem Amphan, ist alles zusammengestürzt und fortgeschwemmt worden“, berichtet Sukanta. „Aber ich bin das gewöhnt – 33 Jahre bin ich jetzt alt, und ich kann mich erinnern, dass es seit meiner Kindheit bei jedem Wirbelsturm so war … und ich hab viele Wirbelstürme erlebt!“

Wie die anderen Menschen dieser Gegend hat Sukanta eine beeindruckende Unbeugsamkeit – den Mut, wieder und wieder neu anzufangen, auch wenn man alles verloren hat. Trotzdem – für seine Familie wünscht er sich etwas anderes, für seine Frau und die zwei Söhne, 9 Jahre und 9 Monate alt.

„Als beim letzten Wirbelsturm die Warnsignale kamen, hab ich sie geschnappt und zum nächstgelegenen Zyklon-Schutzraum gebracht“, erinnert er sich. „Dann bin ich zu unserer Hütte zurückgerannt, um auf unsere Sachen aufzupassen. Ich dachte nicht, dass das Wasser so weit kommen würde. Trotzdem habe ich vorsichtshalber alles in Päckchen verpackt – wir haben ja nicht viel. Als das Wasser dann doch kam, hab ich alles zur Straße geschleppt und da aufgestapelt. Und dann ist das Haus zusammengebrochen.“

Die Straße – eigentlich verdient sie diesen Namen nicht. Ein paar Ziegel und festgetretener Lehm, oben auf dem brüchigen Damm, gerade breit genug, dass zwei Motorräder aneinander vorbeikommen. Bei Überschwemmungen leben oft ganze Familien tage- oder gar wochenlang auf diesem schmalen Streifen Erde, während rechts und links das Wasser schwappt und man sich nie ganz sicher ist, ob es diese letzte Zuflucht nicht auch noch unter sich begräbt.

„Ich hatte Glück.“ Sukanta ist mit seiner Geschichte noch nicht fertig. „Es ist hier zwar alles weggeschwemmt worden, aber nur ein kurzes Stück. Nach dem Wirbelsturm, als das Wasser zurückgegangen war, konnte ich die Einzelteile wieder einsammeln – Holzpfosten und so. Dann hab ich erstmal eine provisorische Unterkunft gebaut, wo wir als Familie wohnen konnten. Und danach haben wir Nachbarn uns alle gegenseitig geholfen, unsere Häuser wiederaufzubauen. Das machen wir immer so.“

Den Mut, nach solch einer Katastrophe wieder bei Null anzufangen – das haben die Menschen in Mongla jedenfalls. Aber das muss nicht sein! Sicherlich – den Klimawandel und die daraus resultierenden Naturkatastrophen können Sukanta und seine Nachbarn nicht stoppen; hier sind andere gefragt, ihren Teil dazu beizutragen. Aber durch die richtigen Vorsorgemaßnahmen können Familien und Kommunen dafür sorgen, dass der Schaden nicht so groß ausfällt. Und durch Bewusstseinsbildung in bestimmten Bereichen und ein erhöhtes Einkommen können Menschen „Resilienz“ aufbauen, sodass sie und ihr Eigentum weniger gefährdet sind und nach der nächsten Katastrophe eben nicht ganz unten bei Null anfangen müssen.

„Mein größter Wunsch ist, dass ich ein besseres Haus für meine Familie an einem sicheren Ort bauen kann“, sagt Sukanta. „Aber dafür verdiene ich nicht genug.“ Als Fischer auf dem Fluss arbeitet er, an sich schon ein harter Job mit geringem Ertrag, aber neue Verordnungen der Regierung machen die Arbeit immer schwerer. Manchmal fischt er nachts, um der Küstenwache zu entkommen, aber das ist gefährlich. „Wenn ich nur die Möglichkeit bekommen würde durch dieses Projekt, von dem ihr redet, ein höheres Einkommen zu verdienen – das würde mir und meiner Familie immens helfen.“

Den mehr als 5000 bedürftigsten Familien in Chila und Chandpai ein besseres und vor allem durchgehendes Einkommen zu ermöglichen … sie darin zu unterstützen, ihre Lebensgrundlagen an die Klimawandelsituation anzupassen … ihre Haushalte und Dörfer so auf Katastrophen vorzubereiten, dass möglichst wenig an Menschenleben oder Hab und Gut verlorengeht … sie zu motivieren und auszurüsten, sodass sie ihre sozioökonomische Entwicklung selbst in die Hand nehmen können – das sind nur ein paar der Ziele, die sich unsere Kollegen für das Klimawandel-Projekt in Mongla gesteckt haben. Seit Oktober 2021 engagiert sich unser Partner in diesem umfassenden Projekt, das noch bis Frühjahr 2025 andauern wird. Und schon jetzt zeichnet sich die Hoffnung auf den Gesichtern der Projektteilnehmer ab.

Geht dein älterer Sohn zur Schule? fragen wir noch, bevor wir uns von Sukanta verabschieden.

„Ja“, sagt er nur. Aber man liest sie in seinem Gesicht: all die Träume, die er für seine Söhne hegt, die hoffnungsvollen Erwartungen – dass sie ihr Leben nicht damit zubringen werden, vor dem heranrückenden Flussufer zu fliehen, dass sie Notlagen zuversichtlich ins Auge schauen können, weil sie nicht nur den Mut, sondern auch die Ressourcen haben, dort weiterzumachen, wo der Sturm sie unterbrochen hat: und dass sie dann nicht mehr bei Null anfangen müssen.

 

Dieses Projekt wird zu 75% vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert; Helping Hands e.V. muss einen Eigenanteil von 12,5% aufbringen (ca. 32.000 EUR). Wenn Sie die Familien in Chila und Chandpai (Mongla) im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels unterstützen möchten, spenden Sie bitte mit Vermerk „Mongla“.