Corona-Krise anderswo

Dasselbe Virus, aber dramatischere Folgen: Unsere Partner berichten aus aller Welt

„Heute hatten wir die ersten Corona-Fälle. Es ist furchtbar. Alles ist dicht. Man darf sich nicht mehr öffentlich treffen“, so schreibt Gesti aus dem ärmsten Land Europas. „Unser Kindergarten wurde für drei Wochen geschlossen. Dadurch fallen alle Einnahmen weg, und wir wissen nicht, wie wir die Mitarbeiter bezahlen sollen.“

Niemand war auf diese Katastrophe vorbereitet. Doch wie immer trifft es die besonders Benachteiligten am härtesten. Unsere Projektpartner in Südasien und Afrika, Osteuropa und dem Nahen Osten stehen vor ähnlichen Herausforderungen:

Im Libanon ist die Schule unseres Partners nun schon die vierte Woche geschlossen. Das ist besonders schlimm für die Schüler, weil ja schon im Herbst aufgrund der politischen Lage mehrere Wochen Unterricht ausfielen und viele Eltern ihre Jobs verloren haben. „Die Situation hier ist sehr kritisch“, schreibt die Schulleiterin. Besonders gefährdet sind die zahlreichen Schüler aus Flüchtlingsfamilien, die ohnehin schon ums Überleben kämpfen.

In Nepal wurden bisher zwar erst zwei Menschen positiv getestet, trotzdem sind alle Schulen und auch die Kinderzentren unseres Partners für einen Monat geschlossen. Die örtlichen Mitarbeiter überprüfen aber weiterhin regelmäßig, ob die Kinder und Eltern gesund sind, um im Zweifelsfall umgehend helfen zu können. Größere Sorge bereitet unserem Partner die finanzielle Lage: Händler begannen sofort, durch künstliche Verknappung die Preise für alltägliche Produkte und Grundnahrungsmittel in die Höhe zu treiben. Viele haben Angst, dass ihnen bald das Nötigste zum Überleben fehlt.

In Sri Lanka mussten die Kinderzentren ebenfalls vorübergehend geschlossen werden. Nachts herrscht eine Ausgangssperre und die Regierung zieht in Betracht, diese auf tagsüber auszuweiten, da sich das Virus besonders durch Menschen verbreitet hat, die sich der Quarantäne entzogen haben – wodurch auch viel Panik entstanden ist. „Es ist besonders schwierig für die Bedürftigsten, die auf ein tägliches Einkommen angewiesen sind“, berichtet unser Partner. Denn sie besitzen immer nur gerade so viel Geld, um für einen Tag einzukaufen – was sehr schwierig ist, wenn Reichere die Läden leergekauft haben. „Es ist erschreckend und herzergreifend, die Menschen so leiden zu sehen.“

In Bangladesch besuchen normalerweise knapp 5000 Kinder die ca. 50 Kinderzentren unseres Partners. Ein paar dieser Kinderzentren werden zum größten Teil örtlich finanziert – zum Beispiel ein Zentrum in Naogaon: „Die meisten Kinder hier kommen aus sehr benachteiligten Randgruppen“, erklärt unser Partner. „Aber alle möchten ihre Kinder zum Zentrum schicken, weil sie hier so gut versorgt werden. Die meisten Kosten werden örtlich getragen.“ Doch das ist jetzt sehr schwierig geworden, denn auch in Bangladesch haben sich die Preise für alltägliche Dinge teilweise um 50% erhöht. „Es wird eine große Herausforderung, all unsere Mitarbeiter zu bezahlen.“

(Unsere örtlichen Partner in Südasien überlegen derzeit gemeinsam mit unserem internationalen Förderpartner NCM, Lebensmittel und andere nötige Produkte an die bedürftigsten Familien zu verteilen. Dabei sollen sich natürlich alle Helfer an strenge Sicherheitsvorkehrungen halten, um das Virus nicht weiterzuverbreiten.)

In Albanien herrscht zwar weiterhin Ausgangssperre, zur Arbeit dürfen die Einwohner nur von 6 bis 9 Uhr morgens und 16 bis 18 Uhr nachmittags und es fehlt an vielen notwendigen Hilfsmitteln, vor allem auch in Krankenhäusern. Trotzdem konnte unser Partner bereits dringend benötigte Hilfe leisten: An viele der Familien unseres Kinderzentrums verteilten freiwillige Helfer unter Beachtung der Sicherheitsvorkehrungen Tüten mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln. Die Familien waren dafür enorm dankbar, denn die meisten können sich keine Lebensmittel mehr leisten. Der Kindergarten ist weiterhin geschlossen, doch die Kinder sind zuhause aktiv und senden regelmäßig Bilder von den Bastelarbeiten, die sie unter Anleitung herstellen konnten.

In Rumänien musste unser Partner Veritas alle Programme am 12. März schließen; derzeit bis 22. April. Die Mitarbeiter können in dieser Zeit Arbeitslosengeld erhalten. Die Leiter der verschiedenen Programme (u.a. für Kinder aus benachteiligten Familien, Senioren, Menschen mit Behinderung) bleiben mit ihren Klienten in Kontakt und helfen, wo möglich.

In Kenia befindet sich die Schule unseres Partners in einem der gefährdetsten Gebiete des Landes: dem Kariobangi-Slum in Nairobi. Hygiene beachten, Kontakt meiden – das ist in einem Slum viel schwieriger oder gar unmöglich. Die Familien stehen vor enormen wirtschaftlichen Herausforderungen, denn die meisten sind darauf angewiesen, täglich ihr Geld zum Überleben zu verdienen. Und auch hier mussten alle Schulen geschlossen werden. Das bedeutet für die Kinder der „Arche“ Schule, dass sie in den nächsten Wochen sehr hungrig sein werden, denn für viele ist sonst das Schulessen die einzige richtige Mahlzeit am Tag. Lernen per Internet oder Videokonferenz ist im Slum keine Option; dafür hat die Regierung aber angekündigt, jeden Tag bis nachmittags nur Bildungsprogramme in Radio und Fernsehen auszustrahlen. Trotzdem – den Kindern fehlt vor allem das „Zuhause“, das sie in der „Arche“ gefunden haben!

 

So dramatisch die Lage ist – es besteht auch viel Hoffnung. Denn unsere Partner geben nicht so schnell auf und bemühen sich heute genauso wie gestern und morgen, denen zur Seite zu stehen, die am meisten gefährdet sind.

Deshalb möchten wir auch in dieser Krise unseren Partnern unter die Arme greifen, damit ihre wertvolle Arbeit weitergehen kann und Kindern und Familien in Not geholfen wird!

Ihre Spende ermöglicht einen Neuanfang und Hilfe, wo es am Nötigsten ist. Herzlichen Dank dafür!

Mein Traum: Ein ganz normales Schulkind sein

Früher war Jiro* ein ganz normales Schulkind. Er ging zum Unterricht, machte seine Hausaufgaben, spielte mit Freunden, freute sich auf die Ferien und war stolz, als sein kleiner Bruder Nabil* geboren wurde.

Dann brach der Bürgerkrieg aus.

Anfangs machte das kaum Unterschied: Die Kämpfe waren weit weg von Jiros Heimatstadt. Zwar musste der Vater sich einen anderen Job suchen, aber ansonsten blieb vieles wie gewohnt. Nabil wurde eingeschult, Jiro spielte weiter mit seinen Freunden.

Bis zu dem Tag, an dem der Vater nicht nach Hause kam. Sein Bus war an einem neuen Checkpoint angehalten worden und alle mussten sich ausweisen. Jiros Vater hatte den „falschen“ religiösen und ethnischen Hintergrund. Der Bus fuhr weiter, der Vater blieb zurück. Bis heute weiß die Familie nicht, ob er noch lebt.

Es war spät abends, als die Mutter ihren Jungs berichten musste, was passiert war. „Mein Herz schlug wie wild“, erinnert sich Jiro. „Die Welt wurde ganz dunkel.“ Monatelang wurde mit den Entführern verhandelt. Nichts geschah.

Schließlich musste die Familie das Land verlassen. „Wir wollten nach Deutschland kommen. Jemand versprach uns zu helfen, wir mussten viel Geld zahlen. Eine Woche vor dem Abflug rief er an und sagte die Reise ab. Jemand anders hatte ihm mehr gezahlt.“

So kamen Jiro, Nabil und seine Mutter nach Beirut, wo sie bei einer Tante wohnen konnten. Das Leben für syrische Flüchtlinge im Libanon ist nicht einfach. Aufgrund der Wirtschaftskrise sind Jobs und bezahlbarer Wohnraum ohnehin schon knapp. Und gegen das Nachbarland verspüren viele Libanesen aus historischen Gründen eine tiefe Aversion. Die meisten staatlichen Schulen nehmen inzwischen keine syrischen Kinder mehr an.

Ein ganz normales Kind zu sein – in die Schule zu gehen und dort als gleichwertiger Kamerad angenommen zu werden, nachmittags Hausaufgaben zu machen und mit Freunden zu spielen, bis die Eltern von der Arbeit nach Hause kommen – dieser „Traum“ ist für viele syrische Kinder im Libanon unerreichbar.

Einige Zeit nach ihrer Ankunft traf Jiros Mutter in einer Kirche eine Frau, die ein Bildungsprogramm für Flüchtlingskinder anbot. Nach einigen Monaten in diesem Programm konnten die Brüder dank eines Stipendiums an die NES wechseln, die Schule unseres Partners in Beirut. Und dort konnte Jiro – endlich – wieder ein ganz normales Schulkind sein!

„Mein Leben hat sich um 180 Grad gedreht. Ich hatte Angst. Ich wusste nicht, wie meine Zukunft aussieht. Ich dachte immer negativ.

Aber das hier ist die beste Schule der Welt. Viel besser als meine Schule in Syrien. An der NES hatte ich noch nie das Gefühl, dass jemand mich diskriminiert. Hier fühlt es sich wie ein Zuhause an, wie Familie. Wir kommen gut zurecht mit den Lehrern, ich habe viele Freunde. Im Unterricht hab ich mich verbessert, auch im Sport, in Musik. Alles, was wir machen, macht mir Spaß. Jetzt fühle ich Frieden.“

Im Sommer 2019 absolvierte Jiro von der NES. Er hatte nicht nur gute Noten, sondern entwickelte auch deutliches Führungspotential: Im letzten Jahr leitete er die Schülervertretung. Die Lehrer und anderen Schüler vermissen ihn sehr!

Sein Bruder Nabil ist jetzt in der fünften Klasse. Er hat sich gut eingelebt, ist immer freundlich und wird von allen gemocht. „An der NES hab ich neue Freunde gefunden, die mich nicht mobben. Sie haben mir sogar geholfen, neue Sprachen zu lernen, obwohl ich kam und weniger wusste.“

Kameraden, die nicht mobben, eine Schule, wo man respektiert und wertgeschätzt wird, einfach ein ganz normales Schulkind sein – davon träumen die Flüchtlingskinder im Libanon und andere Kinder aus benachteiligten Randgruppen, die in regulären Schulen keine Chance hätten. Und der NES Studienfond lässt diesen Traum zur Wirklichkeit werden!

Im Rahmen unseres Jahresprojekts 2020 haben wir uns vorgenommen, mindestens 22.000 Euro für den Studienfond und ggf. weitere Projekte zu sammeln. Helfen Sie mit, dass Kinder wie Jiro und Nabil die Chance haben, ein „ganz normales Schulkind“ zu sein!

 

* Namen aus Sicherheitsgründen geändert

Drei Lehrer drücken die Schulbank

In der Arche Schule in Nairobi, Kenia, werden auch Lehrern Träume erfüllt

„Der Lehrer Stephen machte 1999 sein Abitur. Er hatte gute Noten und hätte im Teacher Training  College Lehramt studieren können. Aber das geschah nicht, denn sein Vater war alkoholabhängig und kümmerte sich um nichts. Stephen beschloss, sich mit handwerklichen Arbeiten Geld zu verdienen. Zur Arche kam er zuerst als Reinigungskraft. Aber dann haben wir sein großes Talent entdeckt!
Jetzt lernt er im Teacher Training College, sein Lehrtalent zu perfektionieren. Er setzt alles um, was er im College lernt. Er ist auch sehr kinderbezogen: Wie ein Vater ist er für die Schüler und die Kinder mögen ihn sehr. Die Fertigkeiten und das Wissen, die er im College erhält, tragen auch dazu bei, dass unsere Schüler zu reifen Persönlichkeiten heranwachsen.“

„Die Lehrerin Martha kam vor sechs Jahren zu uns. Sie kommt aus sehr bescheidenen Verhältnissen. Ihre Mutter starb, als sie klein war. Eine Stiefmutter zog sie auf, war aber sehr brutal zu ihr. Die Lage verschlimmerte sich noch, als sie einmal spät abends geschickt wurde, um Feuerholz zu holen, und von einer sehr giftigen Schlange gebissen wurde, sodass ihr rechter Fuß amputiert werden musste.
In der Schule war sie sehr gut und mit ihren Noten hätte sie problemlos zur Universität gehen können. Aber ihr Traum wurde zerschlagen, weil die Stiefmutter es verbot. Also rannte Martha davon und kam nach Nairobi, um nach Arbeit zu suchen, und so erhielt sie eine Chance in der Arche Schule. Sie ist eine sehr gute und strukturierte Lehrerin und diese Weiterbildung ist perfekt für ihre Talente und Interessen. Nach Aussagen ihrer Dozenten ist sie sehr intelligent und fleißig. Wir sind sicher, dass sie viel dazu beitragen wird, die akademische Qualität unserer Schule zu verbessern.“

„Der Lehrer George ist sehr innovativ. Er unterrichtet Mathematik und Naturwissenschaft. Er schloss sich letztes Jahr unserem Lehrerteam an, nach einem sehr traurigen Lebensweg. Schon als kleines Kind wurde er Vollwaise. Auf Zuckerrohrfarmen verdiente er sich einen Lebensunterhalt. Er arbeitete noch zusätzlich am Wochenende, und mit seinem geringen Gehalt bezahlte er die weiterführende Schule. Als er vor einem Jahr zu uns kam, machte er den Eindruck eines engagierten Lehrers. Nach der Probezeit waren wir uns einig: Obwohl er nur das Abitur besaß, war er ein sehr guter Lehrer, und es war für ihn nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung. Deshalb haben wir ihn auch für diese Weiterbildung empfohlen.
Auch George wird von seinen Schülern sehr gemocht. Er begleitet sie wie ein Bruder. Er hat wirklich eine gute Beziehung mit ihnen, vor allem wenn sie Fußball spielen. Wir als Schule sind so dankbar für diese Lehrer und ihre Hingabe, und dass wir alle gemeinsam als Team zusammenarbeiten, um unsere Schule auf ein höheres Niveau zu bringen.“

 

So schreibt Bentina, die Direktorin der Arche Schule im Kariobangi-Slum in Nairobi, Kenia, über die drei Lehrer, die – unterstützt durch Helping Hands e.V. – seit letztem Jahr eine Weiterbildung besuchen. Im Frühjahr 2019 berichtete die Arche Schule, dass aufgrund neuer gesetzlicher Bestimmungen einige Lehrer der Arche nicht weiter unterrichten dürfen. Manche konnten die benötigten Papiere erhalten, andere benötigten eine Weiterbildung. Helping Hands beschloss, in diese Lehrer und damit in die Zukunft der Schule zu investieren.

Daher besuchen Stephen, Martha und George seit letztem Jahr ein Teacher Training College. Die berufsbegleitende Weiterbildung dauert zwei Jahre und umfasst sechs Module; Schulpraktika und Praxisexamen werden direkt in der Arche Schule absolviert und von Dozenten und Vertretern des Bildungsministeriums monatlich geprüft. Die Lehrer zahlen Reisekosten zum College in Machakos, Verpflegung und 10% der Unigebühren und Unterkunft selbst; der Rest wird aus den fördernden Spenden beglichen.

Drei Module haben die Lehrer bereits absolviert und sind enorm dankbar für die Möglichkeit, so ihr offizielles Lehrerzertifikat zu erhalten. „Sie sind alle unglaublich angetan … so viel hätten sie sich nie erarbeiten können, um das selbst zu bezahlen“, schreibt unser örtlicher Partner. „Diese Ausbildungsmöglichkeit ist wirklich die Erfüllung ihrer Träume!“

Rückblick: Jahresprojekt 2019

„Straße oder Schulbank?“ Oder vielleicht eher:
„Bücher oder Drogen?“

Gut, so ganz direkt wird wohl kaum einer unserer Kinder in Kombinat, Albanien, diese Entscheidung treffen müssen. Aber irgendwie doch: denn die richtigen Schulbücher sind erforderlich, um die Schule besuchen zu dürfen. Und die sind teuer! Für ältere Kinder kann das schon mal über 100 Euro kosten. Das kann sich doch keine Familie dort leisten! Eben nicht – und das bedeutet, dass viele Kinder einfach gar nicht zur Schule gehen. So wäre es auch für Gjergj gewesen, der älteste von sieben Jungs. „Wenn er nicht zur Schule gehen würde, dann wäre er sicherlich auf der Straße und im Drogenhandel verstrickt“, erklärt Gesti, Leiter unseres örtlichen Partners.

Aber Gjergj geht zur Schule – und er hat Schulbücher. Die hat er in unserem Kinderzentrum in Kombinat erhalten. Im Herbst sammelte eine Kinderkirche in Hessen, um die Kinder in Kombinat mit Schulmaterial zu unterstützen: Ihre ganz eigenen Füller, Buntstifte, Hefte, gleich zu Schulanfang – das war toll! Aus Spenden für unser Jahresprojekt 2019 konnten zusätzlich die Schulbücher für die älteren Kinder bezahlt werden. Eine Handvoll Bücher, die die Entscheidung trifft zwischen Straße und Schulbank; die dafür sorgt, dass Jungs und Mädchen eine Zukunft haben.
Denn dafür setzen die Mitarbeiter des Kinderzentrums sich ein: dass Kindern aus Randgruppen, die sonst kaum Chancen hätten, durch Schulbildung und sonstige Förderung echte Möglichkeiten für die Zukunft geboten werden. Und an Motivation fehlt es diesen Kindern nicht! Die Lehrerin berichtet:

„Eine meiner besten Schülerinnen ist Aurora. Ich bin so dankbar dass solche Kinder hier im Kinderzentrum sind, die ansonsten keinen Ort zum Lernen hätten und so viel verpassen würden. Viele Tage bleibe ich länger mit ihr im Zentrum, über die Arbeitszeit hinaus, weil sie immer darum bittet, noch mehr zu lernen. Am Ende des Schuljahres hatte sie sehr gute Noten und war eine der besten Schülerinnen ihrer Klasse.

Und Gyselda: Jedes Mal, wenn sie eine gute Note schreibt, kommt sie und umarmt mich und dankt mir. Sie ist auch eins der Kinder, die immer länger bleiben, um noch mehr zu lernen. Keinen einzigen Tag hat sie dieses Jahr im Kinderzentrum verpasst. Ich bin so stolz auf sie!“

Die Hingabe ihrer Lehrer und die Förderung, die sie im Kinderzentrum erhalten, machen einen riesigen Unterschied für die Kinder. Die Unterstützung hilft ihnen besonders darin, ihre eigenen Talente und Fähigkeiten zu entdecken und zu entwickeln. Straße oder Schulbank? Was hier die richtige Antwort ist, ist diesen Kindern völlig klar.

Ein ganzes Jahr lang beteiligten sich hunderte von Einzelpersonen, Gruppen und Kirchengemeinden – zum Beispiel durch einen Spendenlauf und ein Jazzkonzert – an unserem Jahresprojekt 2019: Kinderzentrum und Kindergarten in Kombinat, Albanien. Mehr als 15.000 Euro kamen so bis Ende Dezember zusammen! Über den genauen Einsatz der Mittel beraten wir mit dem örtlichen Partner in den kommenden Wochen. Unter anderem konnte dadurch aber bereits eine neue Lehrerin für den Kindergarten eingestellt werden; das trägt dazu bei, dass der Kindergarten zeitnah finanziell selbsttragend wird und auch das Kinderzentrum mit unterstützt.

Etwas Stabilität schenken, einen Ort bieten, an dem die Kinder sich sicher und geliebt fühlen – das ist für sie enorm wichtig, denn jedes dieser Kinder lebt in schwierigen familiären Verhältnissen. Das ist aber auch besonders dann relevant, wenn sonstige Stabilität zusammenbricht. Das Erdbeben in Albanien Ende November zerstörte auch in Kombinat viele Häuser – sämtliche Familien des Kinderzentrums waren betroffen (der Kindergarten blieb unbeschädigt). Aber unser örtlicher Partner stand ihnen zur Seite, half mit Lebensmitteln, Decken und Schlafsäcken durch die ersten Tage hindurch, ermutigte und beriet, schenkte Hoffnung in einer Weihnachtsfeier – ebenfalls durch Spenden aus dem Jahresprojekt – und fand schließlich ein neues Gebäude fürs Kinderzentrum, sodass im Januar der Unterricht wieder aufgenommen werden konnte. Die Kinder sind begeistert von den neuen Räumen, die erheblich mehr Platz bieten; sogar ein Hof und Garten zum Spielen stehen nun zur Verfügung.

Straße oder Schulbank? Bücher oder Drogen? Ein herzliches Dankeschön, dass Sie sich mit den Kindern in Kombinat für die bessere Wahl eingesetzt haben!

Langeweile gibt’s hier nicht

Langweilig – das wird es an der Arche Schule im Kariobangi-Slum in Nairobi, Kenia, eigentlich nie.

Für die „Kleinen“ war es vor ein paar Wochen sehr aufregend: Sie gingen auf große Müll-Expedition. Der neue kenianische Lehrplan beinhaltet viele praktische Dinge – zum Beispiel, dass Kinder lernen, für ihre Umwelt Verantwortung zu übernehmen. Also zogen die Drittklässler los – mit selbstgebastelter Schutzkleidung im Heinzelmännchen-Look – und sammelten in der Umgebung der Schule den Müll ein. Was für ein Ereignis!

Bei den „Großen“ geht es schon ein wenig ernster zu: In dieser Woche finden die Abschlussprüfungen der 8. Klasse statt. Und Anfang Dezember schreiben die Oberstufenschüler, die über die Arche durch eine Patenschaft unterstützt werden, ihre Examen. Das ist sehr aufregend für sie, denn das Ergebnis entscheidet, ob sie ein Stipendium erhalten und auf der Uni studieren können. Vorher dürfen die Highschooler noch eine Woche auf ein Feriencamp – das Highlight des Jahres!

Aber auch für die Schulleitung der Arche wird es nicht langweilig. Durch die Umwälzungen des letzten Jahres – im November 2018 berichteten wir darüber – sind einige Familien weggezogen, die die Arche sehr unterstützt hatten. Andere zahlen das Schulgeld nicht mehr, sodass finanzielle Lücken entstanden sind und einige Kinder zuhause bleiben mussten. Aber da zeigten sich wiederum einige Eltern solidarisch und bezahlten die Gebühren füreinander. Neue Eltern haben Leitung übernommen und setzen sich positiv für die Schule ein.

Und dann kamen noch Herausforderungen von „ganz oben“: Seit einigen Wochen werden die privaten Grundschulen in Kenia streng kontrolliert, da in einer Schule sieben Kinder aufgrund von Baumängeln umkamen. Im Gebiet der Arche Schule wurden alle privaten Schulen nach Kontrolle umgehend geschlossen – außer der Arche. Ein stabiles Schulgebäude mit ordentlich gepflastertem Hof, adäquat ausgestattete Klassenzimmer, saubere Sanitäranlagen, eine modernisierte Küche und ein Personal, das von Herzen am Wohlergehen der Schule und der Schüler interessiert ist: Da war von Schließung nicht die Rede, ganz im Gegenteil!

Für die Leitung der Arche Schule ist das eine schöne Bestätigung – und ermutigt dazu, sich weiter unermüdlich einzusetzen für die Kinder des Kariobangi-Slums, die ohne die Arche Schule sehr wahrscheinlich gar keine Schulbildung erhalten würden. Langweilig? Dieses Wort kennen die Kinder kaum. Das Leben ist doch so aufregend!

„Hurra, ich bin jetzt ein Schulkind!“

„Hurra, ich bin jetzt ein Schulkind!“ So werden in den nächsten Wochen viele tausende Kinder in Deutschland jubeln. Und so – in diversen anderen Sprachen – jubeln tausende Kinder in den Kinderzentren unserer Partner weltweit. Für viele von ihnen ist es gar nicht so selbstverständlich, dass sie in die Schule gehen können.
Aber ob selbstverständlich oder nicht – so ein erster Schultag ist doch in jedem Kinderleben ein Abenteuer, und nicht das kleinste! Das erste Mal mit dem Schulranzen – und am Einschulungstag natürlich auch mit Schultüte – unterwegs sein, das ist schon was ganz Besonderes. Das wird gefeiert!
Aber alleine feiern ist blöd, und deshalb haben sich die Schulanfänger im Kindergarten Friedrichstal in Bad Orb (Hessen) etwas ganz Besonderes ausgedacht. Eine Zeitlang haben sie Geld gesammelt, sind dann zusammen einkaufen gegangen, und haben schließlich alles ordentlich verpackt: Eine ganze Menge „School Packs“ sind so zusammengekommen.
Denn das ist einer der Gründe, weshalb viele Kinder aus bedürftigen Familien in unseren Partnerländern eben nicht zur Schule gehen: weil sie sich das Schulmaterial nicht leisten können. Aber daran soll es nicht liegen!
Daher verschicken wir gerne in unserem jährlichen Transport so viele School Packs wie möglich. Gut, sie sind nicht in Schultüten-Form: Aber die Freude darüber ist ebenso groß! Und nicht nur Freude, auch Erleichterung, bei den Eltern, die ihr geringes Gehalt nun für anderes Wichtiges ausgeben können, und bei den Kindern, die im Unterricht richtig mitmachen können: Denn ohne Schreibmaterial lernt sich auch das Schreiben so schlecht. Und manchmal ist so ein School Pack auch einfach „nur“ ein richtig schönes Geschenk.
Wenn die Kinder des Kindergartens Friedrichstal in knapp zwei Wochen eingeschult werden, dann ist nicht nur in Bad Orb die Freude groß: weil die Schulanfänger schon jetzt gelernt haben, ihre Freude mit anderen zu teilen.
Denn auch darum geht es bei dem, was wir „Entwicklungshilfe“ nennen könnten, oder auch: „Wirkungsvoll helfen, nachhaltig verändern“ … ob durch School Packs, Patenschaft oder Spende für ein Kinderzentrum: Freude zu teilen, weil ein Kind das erleben darf, was wir als „ganz normales Leben“ kennen: mit gefüllter Schultasche in die Schule gehen und lernen, dieser Welt mit Zuversicht und Selbstbewusstsein zu begegnen.
Weitere Infos auf unserer Website.

Unser Jahresprojekt 2019: Erfolge und Visionen

Unser Jahresprojekt 2019 fördert ein Kinderzentrum und einen Kindergarten in Kombinat, Albanien. Mitte Juni war Ergest Biti, unser Leiter vor Ort, bei uns zu Gast. Im Interview berichtet er von Erfolgen und Visionen.

Helping Hands e.V. (HH): Das Kinderzentrum läuft jetzt einige Jahre. Konntet ihr schon einen Unterschied bei den Kindern sehen?

Gesti (G): Auf jeden Fall. Bevor sie zu uns kamen, konnten einige Kinder nicht mal schreiben. Aber jetzt haben sie richtig gute Noten. Sie brauchten einfach nur ein bisschen Unterstützung, jemand, der sich um sie kümmert und ihnen die Hausaufgaben erklärt. Und wir möchten den Kindern gute Werte beibringen. Nur ein Beispiel: In Albanien werfen die meisten Kinder ihren Müll einfach auf die Straße. Aber unsere Kids machen das nicht mehr – sie heben eher mal den Müll von anderen auf.

HH: Habt ihr auch Kontakte zu den Eltern?

G: Das ist uns ganz wichtig. Im Kinderzentrum haben wir ein monatliches Treffen mit allen Eltern. Wir reden auch mit ihnen über ihre Probleme, geben Rat und helfen, wo wir können, und sie vertrauen uns. Im Kindergarten trifft die Leiterin sich einmal pro Woche mit den Eltern.

HH: Was sind eure Pläne für die Zukunft? Wie werdet ihr die finanziellen Mittel aus unserem Jahresprojekt einsetzen?

G: Zuerst einmal werden wir noch einen weiteren Erzieher für den Kindergarten einstellen. Der Kindergarten ist erst ein Jahr alt, aber läuft schon sehr gut. Einige der Kinder sind aus wohlhabenden Familien, wo der Vater Geschäftsmann ist o.ä. Aber von Anfang an haben wir uns zum Ziel gesetzt, auch Kindern aus sozialschwachen Familien den Kindergartenbesuch kostenlos zu ermöglichen. Pro 10 Kindern geben wir ein volles Stipendium, pro 5 Kindern ein halbes. Derzeit haben wir bei 25 Kindern 3 Kinder mit vollem und 5 mit halbem Stipendium. Damit möchten wir die Familien vor Ort unterstützen. Weil immer mehr Kinder dazukommen, brauchen wir noch einen Erzieher, der eine weitere Gruppe übernehmen kann. Um das möglich zu machen, hilft es uns sehr, wenn fürs erste Jahr das Gehalt aus Spenden bezahlt wird, sodass wir weiter ein paar Kindern einen kostenlos Platz anbieten können und trotzdem der Kindergarten dann so schnell wie möglich finanziell selbsttragend wird. Durch die Einnahmen im Kindergarten kann dann zeitnah auch das Kinderzentrum finanziell unabhängig werden.

HH: Das ist ein tolles Ziel! Was plant ihr sonst noch an neuen Aktivitäten?

G: In Kürze sind Sommerferien, und wir möchten sehr gerne ein Camp für die Kinder vom Kinderzentrum veranstalten. Das kostet so etwa 500 Euro. Im September möchten wir auch wieder Bücher und Schulmaterial verteilen, da die meisten Familien sich das nicht leisten können. Und wir planen auch, in der Zukunft sehr viel mehr in die Schulung von Lehrern zu investieren. Dieses Jahr hatten wir das zum ersten Mal, es ging um Kinderschutz. Das möchten wir jetzt einmal pro Jahr anbieten – eine dreitägige Schulung zu verschiedenen Themen, Zeit für Austausch und auch ein bisschen Entspannung.
Und schließlich – das ist ein großer Bedarf – brauchen wir dringend neue Räumlichkeiten für das Kinderzentrum. Im Moment können wir keine weiteren Anmeldungen annehmen, weil unsere Räume zu klein sind. Aber viele Familien aus dem Ort bitten uns, ihre Kinder aufzunehmen. Wenn wir größere Räumlichkeiten mieten könnten, wäre das sehr hilfreich. Es gibt auch ein Gebäude, das wir im Blick haben, das müsste dann allerdings noch renoviert werden, um es fürs Kinderzentrum zu nutzen.

Weitere Infos zum Jahresprojekt finden Sie auf unserer Website.

Ein Herz für Piluwa

Stundenlang sind wir durch den Dschungel gefahren, durch kleine emsige Städte, über breite staubige Flussbetten, durch die nur ein Rinnsal fließt, vorbei an Wäldern mit blühenden, herrlich duftenden Bäumen. Nachdem der Bus uns endlich ausgespuckt hat – an einer verlassenen Wegkreuzung mitten im Irgendwo – geht es noch per Auto-Rikscha ein Stück durch den Urwald. Als die ersten Gebäude auftauchen, sind wir auch schon da: in Piluwa, das hier wie ein abgelegenes Dorf aussieht, sich aber weiter südlich in eine größere Stadt ausweitet, und an unserem Kinderzentrum, vor dem etwa vierzig lachende, fröhliche Kinder erwartungsvoll nach den Besuchern Ausschau halten, die Hände voller Blüten und kleiner Sträuße, die sie als Willkommensgruß auf dem Schulweg selbst gepflückt haben. Denn so ein Besuch aus dem fernen Kathmandu, das ist doch immer mal etwas anderes als Alltag. Da machen die Aufgaben, bei denen die beiden Lehrer Hilfe leisten, gleich irgendwie mehr Spaß, und wenn man Glück hat, dann haben die Besucher eine tolle neue Spielidee dabei, oder vielleicht auch mal was gutes Süßes zum Naschen.

Letzteres haben wir zwar nicht, aber nachdem die Kinder nach den Aufgaben zum gemeinsamen Spielen in den Hof gestürmt sind, haben sie auch schon im Handumdrehen ein gutes altbewährtes paXan-Spiel  gemeistert und sind mit Begeisterung dabei. Vierzig zufriedene, leuchtende Gesichter, die im Schein der untergehenden Sonne eine Hoffnung ausstrahlen, die für viele Morgen reicht. „Die Kinder lieben dieses Kinderzentrum“, erzählt uns ein örtlicher Leiter. „Sie kommen oft schon eine Stunde früher hierher, lange bevor das Programm anfängt, weil sie einfach lieber hier sind als woanders!“

Noch kein ganzes Jahr ist das Kinderzentrum in Piluwa alt – im Juni 2018 wurde es mit einer Einzelspende über Helping Hands e.V. begonnen. Die Kinder kommen aus den ca. 20 ärmsten Familien des Dorfes, die meisten aus ethnischen Randgruppen, und ihre Eltern arbeiten hart, um wenigstens ein bisschen zu verdienen: indem sie ein winziges Stück Land bewirtschaften oder auch als Tagelöhner anheuern – zum Beispiel beim Straßen- und Kanalbau oder im trockenen Flussbett, von wo sie Sand schleppen, damit Ziegel gebrannt werden können. Das Geld reicht nie – kaum für Lebensmittel, und schon gar nicht für „Luxusgüter“ wie Hefte, Stifte oder Schultasche. Im Kinderzentrum erhalten die etwa vierzig 5- bis 11-jährigen Kinder daher nicht nur Hausaufgabenhilfe, Talentförderung und Zeit zum gemeinsamen Spielen, sondern auch einen nahrhaften Snack und nötiges Schulmaterial. Schon in nur weniger als einem Jahr hat das Kinderzentrum einen sichtbaren Unterschied gemacht.

„Vorher haben die Kinder sich nachmittags nur auf der Straße rumgetrieben, aber jetzt kommen sie ganz regelmäßig zum Kinderzentrum“, berichten die beiden Lehrer. „Die Nachhilfe hat in den schulischen Leistungen schon eine Menge Wirkung gezeigt. Und die Eltern sind auch sehr dankbar, weil sie die Veränderung in ihren Kindern sehen können, und weil sie sich keine Sorgen machen brauchen, wo die Kinder sich herumtreiben, während die Eltern noch arbeiten müssen.“ Viele der Eltern sind selbst Analphabeten und könnten ihrem Nachwuchs die nötige akademische Unterstützung gar nicht bieten. Das Kinderzentrum gibt ihnen Hoffnung, dass ihre Kinder eine bessere Zukunft erwartet als die eigene.

Aber Piluwa wäre ja kein Helping Hands Kinderzentrum, wenn die positiven Effekte nur in ferner Zukunft lägen oder sich ausschließlich in ein paar besseren Schulnoten widerspiegeln. Hier geht es darum, ein ganzes Dorf nachhaltig zu verändern! Und da gibt es für Piluwa eine große Vision.

Während die Kinder sich im Zentrum durch schulische und soziale Bildung eine gute Grundlage für späteren beruflichen Erfolg erarbeiten, wird zeitgleich auch ihr Zuhause Schritt für Schritt verwandelt. In Selbsthilfegruppen lernen und üben Mütter wirtschaftliche Prinzipien, Eltern besuchen Schulungen und gründen kleine Unternehmen. Familien erhalten Hühner, Ziegen und Büffel für Viehzucht; in Gemeinschaftsgärten werden nahrhafte Lebensmittel für Familien und Kinderzentrum angebaut. Das wird auf die Nachbarn ausgeweitet, Kooperativen werden gebildet, die schließlich das Management dieser und anderer Projekte übernehmen – zum Beispiel Zugang zu sauberem Wasser – und sich um die weitere Entwicklung ihres Dorfes kümmern: unabhängig, örtlich verantwortet, nachhaltig.

„Damit könnte das Kinderzentrum in Piluwa schon in wenigen Jahren finanziell selbsttragend sein“, meint der Leiter unseres Partners in Nepal. Ein utopisches Szenario, in Wirklichkeit nicht umsetzbar? Doch – denn weiter nördlich, in einem anderen Projekt unseres Partners, hat es schon geklappt, und nun ist Piluwa an der Reihe. Das verstehen wir unter wirkungsvoller Hilfe und nachhaltiger Veränderung!

An der Wand des Kinderzentrums in Piluwa ist ein Herz aufgeklebt, zusammengesetzt aus vielen einzelnen Herzen. Ein Herz für Kinder? Ein Herz für Piluwa? Vermutlich beides – aber es offenbart auch eine Realität: Veränderung entsteht nicht dadurch, dass ein Partner aus der Ferne eine To-Do-Liste schickt. Veränderung entsteht, wenn viele einzelne Herzen gemeinsam für die gleiche Sache schlagen – Kinder, Lehrer, Eltern, Nachbarn: die Heimat zu einem wirklich lebenswerten Ort zu machen und zusammen ein Morgen zu schaffen, auf das es sich zu hoffen lohnt.

 

© 2019 Dorothea Gschwandtner/Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

Jahresprojekt 2019: Kindergarten Kombinat

Ali ist fünf – also das Alter, in dem man mit Modellautos spielt, sich für Teddybären noch nicht zu alt ist, und vielleicht schon vom Fahrradfahren träumt. Aber Ali hatte ganz andere Sorgen. Den ganzen Tag kümmerte er sich um seinen kleinen Bruder. Gar nicht so einfach, denn der kleine Bruder hat Down-Syndrom und ist erst ein Jahr alt. Die Mutter wollte ihn eigentlich gar nicht zur Welt bringen. Vier Jungs hatte sie ja schon, und alle von unterschiedlichen Männern. Das ist nicht ungewöhnlich, wenn man als Prostituierte arbeitet. Fünf Jungs, kein Vater – da muss ein Fünfjähriger schon mal an etwas anderes denken als Modellautos und Fahrradfahren.

Als Mitarbeiter unseres örtlichen Partners die Familie kennenlernten, war die Mutter gerade im Krankenhaus, um ihr jüngstes Kind abtreiben zu lassen. Glücklicherweise konnte sie umgestimmt werden. Die älteren Jungs sind jetzt im Kinderzentrum, für den Kleinsten konnte ein kostenloser Platz bei der albanischen Stiftung für Kinder mit Down-Syndrom organisiert werden, und Ali, der Vierte, besucht den Kindergarten. Dort kann er endlich mit Modellautos spielen, und auch mit den Teddybären hat er sich angefreundet. Noch besser: Im Kindergarten gibt es Jungs in seinem Alter, mit denen er unbekümmert spielen kann. Mittags bekommt er auch eine nahrhafte Mahlzeit. Als die Leiterin des Kindergartens ihn fragte, warum er immer so viel isst, sagte er nur: “Zuhause gibt es nichts zu essen.”

„AM-EL“ heißt der Kindergarten in Kombinat, am Rande Tiranas: das heißt so viel wie „sich fleißig und ehrlich einsetzen, um Hoffnung zu bringen“. Hoffnung für Kinder wie Ali – oder Delin und Anila, Bruder und Schwester aus einer Roma-Familie. Der Vater ist arbeitslos, die Mutter arbeitet auf der Haupt-Müllkippe Tiranas und sortiert den ganzen Tag stinkendes Plastik. Die beiden älteren Geschwister gingen nicht zur Schule, als unsere einheimischen Mitarbeiter sie trafen. Jetzt besuchen sie das Kinderzentrum, und Delin und Anila kommen zum Kindergarten. Das ist doch besser als Müllkippe!

Im April 2018 wurde der Kindergarten in Kombinat gegründet – trotz einiger Herausforderungen, “aber es hat sich gelohnt”, betont der Leiter unseres Partners in Kombinat. “Es hat sich gelohnt, weil wir sehen können, wie so viele Kinder und Familien durch diesen Kindergarten positiv beeinflusst werden. Unser Kindergarten soll Familien gute Werte vermitteln und den Kindern beibringen, wie sie ein Leben voll Freude und Hoffnung leben können. In unserem Teil der Welt wirkt es manchmal, als ob es keine Hoffnung mehr gibt. Aber wir können beobachten, wie die Familien, die ihre Kinder hierher bringen, viel fröhlicher und dankbarer sind.” Und der Kindergarten ist ja auch nicht nur ein Betrieb – von den 22 Kindern, die derzeit angemeldet sind, kommen drei aus schwierigen sozialen Verhältnissen und besuchen den Kindergarten kostenlos: Ali, Delin und Anila.

Der Kindergarten ist von Montag bis Samstag von 7.00 bis 17.00 Uhr geöffnet. Die Kinder (2–5 Jahre alt) beginnen mit Frühstück, dann machen sie in drei Altersgruppen ein paar Aufgaben und Aktivitäten, die bestimmte Fertigkeiten fördern, und spielen gemeinsam. Um 12 gibt es Mittagessen; danach gehen ein paar Kinder nach Hause, die anderen machen bis 15 Uhr Mittagsschlaf und spielen dann bis 17 Uhr. Jeden Tag gibt es auch für alle Gruppen eine besondere Unterrichtsstunde, die von Ehrenamtlichen angeboten wird: zweimal Musik, einmal Tanz und dreimal Englisch.

Ein normales Kindergartenprogramm? Für Ali, Delin und Anila ist es ein Tagesablauf, von dem sie vorher nur träumen konnten. Und der ihnen jetzt das schenkt, was sie so dringend benötigen: Freude für Heute, und Hoffnung, dass Morgen ebenso schön wird.

Jahresprojekt 2019: Kinderzentrum Kombinat

Die Köchin wunderte sich. Gezim, der sonst sein Mittagessen immer hungrig in sich hineinschaufelte, hatte nur ein paar Löffel voll gegessen und saß nun nachdenklich vor seinem Teller. Plötzlich stand er auf und kam zur Köchin herüber. “Darf ich mein Essen mit nach Hause nehmen?” – “Aber warum?”, wollte die Köchin wissen. “Weshalb willst du nicht hier essen?” – Gezim blickte ihr fest in die Augen. “Weil mein Bruder daheim nichts zu essen hat. Ich möchte mein Essen für ihn mitnehmen.”

An dem Tag ging Gezim mit genügend Essen für die ganze Familie nach Hause. Aber dieser Tag war kein Einzelfall, und Gezim ist nicht das einzige Kind im Kinderzentrum, bei dem es daheim nichts zu essen gibt. Da ist zum Beispiel auch Elira, die Älteste von vier Kindern. Sie ist erst 11 aber kümmert sich um ihre zwei Schwestern im Alter von 2 und 6 und ihren siebenjährigen Bruder. Ihre Mutter arbeitet als Putzfrau und Straßenfegerin und ist von morgens bis abends unterwegs. Ihr Gehalt reicht so grade eben für die Miete und oft ist einfach nichts mehr für Lebensmittel übrig – daher ist die warme Mahlzeit im Kinderzentrum für die Kinder meist die einzige am Tag.

Die 32 Kinder, die derzeit im Kinderzentrum angemeldet sind, haben alle ähnliche Geschichten. Manche haben gar keine Eltern, oder nur ein Elternteil. Viele sind aus Roma-Familien oder anderen Randgruppen, und die Eltern interessiert es gar nicht, wo ihre Kinder den ganzen Tag verbringen. Fast alle sind aus schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen. Ohne das Kinderzentrum würden alle diese Kinder überhaupt nicht zur Schule gehen – weil sie sich dort nicht sicher fühlen, weil sie kein Geld für Schulmaterial und ähnliches haben, weil sie diskriminiert werden, oder eben weil sich einfach niemand darum kümmert.

Seit es das Kinderzentrum gibt, haben diese Kinder aus Randgruppen wieder Mut, die Schule zu besuchen. Das Kinderzentrum ist von 9.00 bis 16.00 Uhr geöffnet; morgens um 9 Uhr kommen die Kinder, die nachmittags Schule haben; die zweite Gruppe kommt um 13 Uhr und bleibt bis vier. Eine Lehrerin und zwei Ehrenamtliche helfen den Kindern bei den Hausaufgaben und geben Nachhilfe wo nötig. Die letzte halbe Stunde ist für „persönliche Angelegenheiten“ reserviert; zum Beispiel lernen die Kinder, wie man sich richtig die Hände wäscht und Zähne putzt – Dinge, die ihnen zuhause nicht beigebracht werden. Um 12 bzw. 13 Uhr gibt es Mittagessen für alle Kinder: Gezim, Elira und ihre Geschwister freuen sich immer besonders darauf.

Natürlich wird im Kinderzentrum auch gespielt, und etwa alle drei Monate machen alle gemeinsam einen Ausflug, damit die Kinder auch mal etwas anderes sehen und unbekümmert zusammen Spaß haben können. Meist erhalten sie im Kinderzentrum auch Schulmaterial oder Bücher, die sie für die Schule brauchen aber nicht bezahlen können, und ab und zu werden die Familien bei medizinischen Kosten unterstützt – zum Beispiel für die zwölfjährige Endrita, die vor kurzem wegen einer Zyste operiert werden musste, und deren Eltern um Hilfe baten.

Das zeigt, welchen Einfluss das Kinderzentrum auch aufs Umfeld hat: Die Familien vertrauen den Mitarbeitern und fühlen sich wohl, wenn sie ins Zentrum kommen – gar nicht so selbstverständlich bei Randgruppen, die ihr Leben lang diskriminiert werden und daher meist sehr misstrauisch sind. Auch andere Familien in Kombinat haben bemerkt, wie viel Unterschied das Kinderzentrum schon gemacht hat, und sind sehr dankbar dafür. Der Direktor der Schule, die die meisten Kinder besuchen, ist ebenfalls enorm dankbar und sehr offen dafür, mit den Mitarbeitern des Kinderzentrums in allem zu kooperieren, obwohl das in Albanien ungewöhnlich ist.

Vor allem aber wissen Gezim, Elira, Endrita und alle anderen Kinder, dass sie im Kinderzentrum einen Ort haben, an dem sie sich sicher und geborgen fühlen können, und in den Mitarbeitern Menschen, die sie lieben und wertschätzen und sich mit ehrlicher Hingabe um sie kümmern. Und diese Überzeugung, geliebt und wertvoll zu sein, spiegelt sich nicht nur in ihren Schulnoten wider: Man sieht es in ihrem geänderten Verhalten, in der Begeisterung, mit der sie ins Kinderzentrum kommen, und in den zuversichtlichen, strahlenden Gesichtern, wenn sie die Mitarbeiter begrüßen.

“Wir sind so dankbar, dass wir die Möglichkeit haben, diesen Kindern zu dienen,” schreibt der Leiter des Zentrums, “ihnen Freude zu bringen, und Hoffnung, und sie zu lehren, wie sie ihr Leben mit Integrität meistern können.”