Warum in der Arche-Schule in Kariobangi, Kenia, die Kinder nachmittags nicht nach Hause wollen
Es ist Viertel nach drei am Nachmittag, und in der Arche Schule in Kariobangi, Kenia, hat eben die Schulglocke schrill verkündet, dass der Unterricht für heute beendet ist. Doch das erwartete Ergebnis bleibt aus: Keine Kinder rennen lärmend aus dem Schulgebäude, froh, einen weiteren Schultag hinter sich zu lassen, eilen nach Hause, um den Rest des Tages in Sorglosigkeit zu verbringen.
Das liegt nicht daran, dass heute etwa wenige Kinder in der Schule gewesen wären – über dreihundert Mädchen und Jungs sind seit dem frühen Morgen hier, haben auf den wackeligen Schulbänken gesessen, gespannt ihren Lehrern gelauscht, sich zur Pause im Schulhof getummelt und mittags eine nahrhafte Mahlzeit genossen. Ein langer, sicherlich für die meisten auch anstrengender Schultag – aber nun, um Viertel nach drei, möchte trotzdem niemand nach Hause gehen.
Stattdessen packen, zufrieden und ohne Eile, die Kinder ihre Hefte weg und verlassen, lange nachdem der Lehrer den Unterricht beendet hat, ihr Klassenzimmer. Im Treppenhaus, auf dem Schulhof und in der Gasse vorm Schultor versammeln sie sich in kleinen oder größeren Grüppchen, spielen Fußball mit allem, was rollen kann, plaudern und lachen zusammen, suchen sich Lehrer, aus denen sie noch weiteres Wissen quetschen können, oder sitzen einfach nur da – froh, an einem sicheren, beschützten Ort zu sein. Nach Daheim zieht es niemand.
Erst etwa zwei Stunden nach Schulschluss nehmen die Kinder zögerlich ihre zerschlissenen Taschen und wandern langsam durch die Gassen des Elendsviertels nach Hause. „Zuhause“ – das ist für manche eine selbstgebastelte Wellblechhütte, für andere ein Stück Platz in einer der dürftigen Behausungen am Straßenrand, oft nur durch einen Vorhang von den Nachbarn abgetrennt, für wieder andere ein einzelner dunkler Raum – für eine Familie von bis zu 10 Personen – in einem der zahlreichen Wohnblocks, die außen Zuversicht verkünden und innen von bitterer Armut berichten. Wenige finden bei ihrer Heimkehr das, was ein Schulkind zuhause vorfinden sollte: genug zu essen, ordentliche Hygiene, Liebe, Anerkennung, Schutz.
Wenn sie dann am nächsten Morgen wieder in die Arche-Schule kommen, sind die Kinder aus Kariobangi hungrig – aber nicht nur auf eine gute Mahlzeit; sie hungern nach Sicherheit, nach Wertschätzung, nach einem Ort, an dem sie unbekümmert Kind sein dürfen. „Die Arche ist für diese Kinder ein Zufluchtsort“, betont Bentina, die Schulleiterin. „Hier erhalten sie die nötige Nahrung und Schutz, sie haben Freunde – diese Kinder sind viel lieber in der Schule als zuhause.“
Und das sieht man auch im Unterricht. Trotz enger, dunkler, oft überhitzter Klassenzimmer, trotz unbequemer Schulbänke, trotz fehlender Schulbücher und nur dem allernötigsten Schulmaterial – die Schüler sind mit Begeisterung dabei. „Die Kinder lieben es zu lernen, sie wollen wirklich unbedingt lernen!“, erklärt Emily, Lehrerin der 3. Klasse. Weil sie wissen, dass Lernen ein Privileg ist. Aber auch, weil sie die Hingabe der Lehrer spüren – Lehrer, die den Kindern das geben, was sie brauchen. „Wir wollen nicht, dass die Kinder nach Hause gehen und noch hungrig sind nach dem, für das sie gekommen sind“, bekräftigt Bentina.
An der Arche, das wissen die Schüler, ist jedes einzelne Kind wichtig: von den größten in der 8. Klasse bis hin zu den allerjüngsten im Kindergarten. Esther, die sich in der untersten Kindergartenklasse um die 3- bis 4-Jährigen kümmert, beginnt jeden Tag mit „Storytelling“. „Diese Kinder erleben so viel zuhause, dass es sehr wichtig ist, ihnen erstmal zuzuhören.“ Oft ist es unglaublich, was schon diese Jüngsten im Alltag durchmachen. „Heute zum Beispiel, da hat ein Kind erzählt: ‚Wegen all dem Regen kam das Wasser ins Zimmer und wir mussten auf dem Tisch schlafen‘ …“
Auch das macht die Schule besonders: Das Arche-Team kümmert sich nicht nur ums akademische Wohl der Kinder – immer und immer wieder werden sie aktiv, um Familien bei den grundlegendsten Bedürfnissen unter die Arme zu greifen. So wie bei Rehemas* Familie:
Weil Rehemas Mutter nicht bereit war ihre zweite Tochter abzutreiben, schmiss der Vater sie und ihre einjährige Tochter aus dem Haus. Die Mutter heiratete erneut, aber der zweite Mann misshandelte sie ebenfalls und sorgte überhaupt nicht für die inzwischen drei Töchter und einen Sohn. „Mein Stiefvater ist einfach nur gekommen, hat was gegessen, geschlafen, nochmal gegessen und ist wieder gegangen“, erinnert sich Rehema. Also verließ die Mutter auch diesen Mann und sorgt nun für ihre vier Kinder, indem sie Schuhe vom Großhandel auf der Straße verkauft und die Kommission als Lohn behält. Aber das bringt nicht viel Geld ein.
„An den Tagen, an denen meine Mutter etwas verdient, können wir etwas essen“, berichtet die Siebtklässlerin. „An den anderen Tagen eben nicht. Manchmal geht sie zur Kirche, um dort zu betteln. Aber der Pfarrer sagt meist, es gibt kein Geld.“
Eines Tages ließ der Vermieter sie nicht mehr in ihre Unterkunft, weil sie die Miete nicht bezahlt hatten. Zwei Wochen lang – es waren gerade Schulferien – mussten sie auf der Straße schlafen. Nachdem die Schule wieder begonnen hatte, bemerkten die Lehrer, dass die vier Kinder fehlten.
„Lehrer George und Lehrer Boniface kamen dann zu uns und fragten, was los ist. Meine Mutter hat ihnen alles erzählt. Sie haben entschieden uns zu helfen und haben die Miete für uns bezahlt. Da konnten wir unsere Schuluniformen holen und am nächsten Tag wieder zur Schule kommen. Wir waren so dankbar!
Ich komme so gern in die Schule, weil ich viel lernen will. Ich möchte Ärztin werden und auch Waisenhäuser besuchen; ich will anderen Menschen helfen. Meine Mutter muss mit so vielen Herausforderungen kämpfen, aber ich möchte die Menschen ermutigen: Durch Bildung könnt ihr eure Lebenssituation verändern!“
Diese Bildung erhalten an der Arche-Schule dank Patenschaften und Einzelspenden auch solche Kinder, deren Familien sich kaum oder gar kein Schulgeld leisten können. Das sind seit Corona leider deutlich mehr als früher. Durch verschiedene Maßnahmen – vor allem das „Kleinstunternehmen-Projekt“ für Mütter – hofft das Arche-Team, die Familien wirtschaftlich so zu fördern, dass sie zunehmend die Kosten für die Bildung ihrer Kinder übernehmen können.
Aber bis dorthin ist noch ein langer Weg. Deshalb möchte das Team auch lokale Partner und Einzelpersonen ansprechen, den Arche-Kindern eine Bildung zu ermöglichen, denn, so Bentina: „To help one of these children get an education is not charity – it is justice“ („Einem dieser Kinder zu Bildung zu verhelfen, ist kein Almosen – es ist Gerechtigkeit“).
Dieser Bericht basiert auf einem Projektbesuch unserer Geschäftsführung im März 2026. Als Helping Hands e.V. unterstützen wir die Arche Schule seit knapp 20 Jahren; seit 2022 vermitteln wir Patenschaften für Kinder an der Arche-Schule – denn bis die Arche finanziell selbsttragend wird, ist noch ein langer Prozess nötig, und jede Patenschaft hilft, dass ein Kind durch Bildung seine oder ihre Lebenssituation verändern kann! Falls Sie eine Patenschaft für ein Arche-Kind übernehmen möchten, wählen Sie bitte auf dem Patenschafts-Formular „(Afrika) Kenia: Arche-Schule“.
* Name zum Schutz der Privatsphäre geändert


