„Unsere Kinder“ in Albanien – ein Reisebericht
Etwas, das mich an Helping Hands besonders begeistert: Wir fördern nicht einfach nur „Projekte“. Im Libanon, zum Beispiel, unterstützen wir nicht „die Schule“ in Beirut, sondern die 535 Kinder, die dort eine Heimat gefunden haben – und jedes Kind hat einen Namen und eine Geschichte und wird jedes Jahr ein Jahr älter! Im Bergdorf Ghalegaun in Nepal führen wir nicht „das Kinderzentrum“ durch, sondern begleiten einige Dutzend Familien, deren Zuhause wir besuchen und ihre Erfolge, Enttäuschungen und hoffnungsvollen Erwartungen teilen. In Kariobangi, Kenia, fördern wir nicht „das Kleinstunternehmen-Projekt“, sondern freuen uns gemeinsam mit etwa dreißig ganz bestimmten Müttern über die Fortschritte in ihren Geschäften und machen uns Sorgen, wenn sie mal einen Rückschlag erleben.
In meiner Rolle als Projektberaterin durfte ich über die Jahre schon viele hundert Kinder und Familien persönlich kennenlernen und begleiten. Und dabei wird mir immer wieder neu bewusst: Zahlen, Daten und Projektberichte sind hilfreich, aber sie sind nicht das Herzstück unserer Arbeit. Der Kern unseres Dienstes, das sind die einzelnen Menschen, die uns in ihr Leben eingeladen haben, um Seite an Seite mit ihnen ein Stück Zukunft zu schaffen. Und es ist Teil unserer Aufgabe als Helping Hands, den Wert und die Würde dieser Menschen zu bestätigen, indem wir sie eben als das sehen, was sie sind – nicht als „Teilnehmer“ oder gar „Nutznießer“ eines „Projektes“, sondern als die Schülerin in Beirut, deren Familie früher in Aleppo wohnte und die richtig gut in Mathe ist und davon träumt, mal Ärztin zu werden, als die Eltern in Ghalegaun, die mit größtem Eifer eine Kardamomfarm anpflanzen und darauf hoffen, dass der Ertrag reicht, um ein eigenes Heim zu errichten und ihre Kinder später zum lokalen College zu schicken, als die Mutter in Kariobangi, die jeden Morgen eine Dreiviertelstunde zu Fuß läuft, um rechtzeitig ihren kleinen Laden zu eröffnen, der die Familie endlich aus bitterster Armut befreit.
Die Kinder im Kinderzentrum Kombinat in Albanien konnte ich seit dem ersten Tag an begleiten. Nach unserem paXan-Einsatz 2014 am Rande Tiranas wurde das Kinderzentrum durch Initiative der lokalen Gemeinde und mit übrigen Spenden aus dem Einsatz eröffnet, und seitdem habe ich „unsere Kinder“ immer wieder besucht, das letzte Mal ist jetzt eine Woche her. Welch ein Privileg, so die Entwicklung dieser jungen Menschen mitzuerleben!
Da ist zum Beispiel Arben*. Er war von Anfang an dabei, ein schüchterner Erstklässler, der sich gerne im Hintergrund hielt. Doch schon bald entwickelte er sich zu einem liebenswürdigen, höflichen Jungen, auf dessen warmherziges Lächeln ich mich bei jedem Besuch freue. Jetzt ist Arben fast ein junger Mann, und obwohl er schon ein bisschen alt fürs Kinderzentrum ist, kommt er trotzdem weiter her – dankbar für die Hilfe bei den Schulaufgaben, vor allem aber für das herzliche Willkommen der Lehrerin Vera. Bei meinem Abschied im März drückte er mich besonders fest.
Liria* traf ich das erste Mal, als sie, selbst noch zu klein fürs Kinderzentrum, neugierig um die Ecke des Gebäudes lugte und auf ihre Geschwister wartete. Elira*, die Älteste, war damals sieben. Bei jedem Besuch begrüßten die Schwestern mich erfreut und herzlich – auch wenn manchmal zwei oder mehr Jahre dazwischenlagen. Inzwischen ist Elira siebzehn und arbeitet hart, um für die wachsende Familie etwas Geld zu verdienen, denn von der Mutter kommt wenig, einen Vater gibt es nicht. Sechs Geschwister sind es mittlerweile; bei meinem Besuch im März sah ich Liria nicht, weil sie sich zuhause um das neugeborene Geschwisterchen kümmern musste.
Dann ist da noch Ali* mit seinen sechs Brüdern. Jeder der Jungs hat einen anderen Vater, und bis auf Gjergj*, den Ältesten, kennt keiner ihn – nicht verwunderlich beim Beruf der Mutter. Als die älteren Brüder im Kinderzentrum begannen, war Ali fünf Jahre alt und kümmerte sich, meist allein, um seinen einjährigen Bruder Ermal* mit Down-Syndrom. Das Team vor Ort setzte sich dafür ein, dass Ali den Kindergarten besuchen und dann ins Kinderzentrum wechseln konnte. Jetzt ist er elf und viel selbstbewusster als bei meinem letzten Besuch vor zwei Jahren. Zusammen mit seinem Bruder Ilir*, der, obwohl er schon Teenager ist, trotzdem noch gern ins Kinderzentrum kommt, kümmert er sich weiterhin um seine kleinen Brüder: Nach Ermal kamen noch Zwillingsbrüder, zwei aufgeweckte, intelligente Sechsjährige. Die ersten Jahre ihrer Kindheit hatten Luan* und Gjon* in einem Waisenhaus verbracht; seit etwa einem Jahr leben sie zuhause. In Gjergj, dem Ältesten, der sehr hart arbeitet und quasi die ganze Familie ernährt, haben die Brüder ein echtes Vorbild, dem sie folgen können.
Manche der Kinder, die zu den ersten im Kinderzentrum gehörten, sind inzwischen erwachsen und machen eine Ausbildung oder verdienen Geld. Andere sind weggezogen – wie Enkeleida*, die als Kleinkind schon beim paXan-Einsatz dabei war und mit ihrem Vater aufgrund einer Familienkrise in eine andere Stadt wechseln musste – und neue sind dazugekommen. Viele leben in extrem ärmlichen Verhältnissen, sind Hunger, Gewalt und Missbrauch ausgesetzt. Die wenigsten haben sowohl Mutter als auch Vater, und einige Eltern interessieren sich kaum dafür, was mit ihren Kindern geschieht. Andere kümmern sich zwar, können ihren Kindern aber nicht das bieten, was sie brauchen: Der kleine Ardian*zum Beispiel, eigentlich schon im Schulalter, benimmt sich wie ein Kleinkind – vor ein paar Jahren war er krank, aber seine Mutter hatte kein Geld, um zum Arzt zu gehen; seitdem hat Ardian sich fast nicht weiterentwickelt.
Aber eins haben alle Kinder gemeinsam: Das Kinderzentrum ist für sie ein Stück Heimat geworden. Hier wurde und wird ihnen geholfen, ihre Schulbildung und ihren Alltag erfolgreich zu meistern – nicht zuletzt durch das warme Mittagessen, das für einige die einzige Mahlzeit am Tag ist. Hier haben sie aber vor allem das gefunden, das fast keiner von ihnen von zuhause kennt: einen Ort der Sicherheit, der Geborgenheit, der Aufmerksamkeit, wo sie angenommen sind, geliebt, wertgeschätzt.
Und jedes Mal, wenn ich zu Besuch komme, meist nur für wenige Tage, oft erst nach zwei Jahren, macht es mich gleichzeitig bedrückt und glücklich, wie die Kinder sich an mich erinnern, mit welcher Herzlichkeit sie auf mich reagieren und sich über jede Minute freuen, die ich mit ihnen verbringe. Bedrückt, weil diese Kinder tatsächlich von so wenig Menschen Liebe erfahren, dass meine paar Tage Zuneigung ihnen im Gedächtnis bleiben. Glücklich, weil ich einen kleinen Beitrag dazu leisten darf, diesen Kindern zu beweisen, wie wertvoll sie sind: dass Arben und Elira und Liria, Ali und Gjergj und Ermal und Ilir, Luan und Gjon, Enkeleida und Ardian nicht nur Namen in einer Liste vom Kinderzentrum sind, sondern jeder und jede Einzelne eine unendlich geliebte Person.
Dorothea Gschwandtner
* Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert

