Wirkungsbeobachtung: Kinderprogramme in Südasien

Kinderentwicklungsprogramme stehen schon seit vielen Jahren im Zentrum der Arbeit von Helping Hands e.V. Sogenannte „Kinderzentren“ werden in zahlreichen Ländern unterstützt und sind oft auch eine Komponente anderer Entwicklungsprojekte, um diese wirklich nachhaltig zu machen. Dabei hat sich das Konzept der Kinderzentren bzw. Kinderentwicklungsprogramme über die Jahre hinweg stark verändert, da aus Wirkungsbeobachtungen wichtige Schlüsse gezogen und in den nächsten Projekten umgesetzt wurden. Wenn wir heute von „Kinderzentren“ sprechen, meinen wir damit das Konzept der „Child-Focussed Community Development“ (CFCDP), also auf Kinder ausgerichtete Dorfentwicklungsprogramme, ein sehr nachhaltiges, ganzheitliches Konzept, das wirkliche Veränderung schafft. In Südasien wurde zuerst auf dieses Modell umgestiegen, da die Erfahrungen zeigten, dass das „CFCDP“ erheblich erfolgversprechender ist als die Kinderprogramme, mit denen vor 20 Jahren dort begonnen wurde. Die Prinzipien, die in Südasien durch langjährige Wirkungsbeobachtung herausgearbeitet wurden, werden heute auch in Kinderentwicklungsprogrammen in anderen Ländern angewandt; so zum Beispiel in dem unter Mitarbeit von Helping Hands gegründeten Kinderzentrum in Albanien.

Über diese Entwicklung und die langjährigen Erfahrungen in Südasien berichtet unser 1. Vorsitzender Dr. Hermann Gschwandtner:

“Unser heutiges Konzept für Kinderentwicklungsprogramme hat einen langen Weg hinter sich. Die Ergebnisse der ersten Projekte führten dazu, die Programme immer neu zu überdenken und zu verbessern. Zudem hat die Zusammenarbeit in einem internationalen Netzwerk und die Zusammenarbeit bzw. Gespräche mit anderen internationalen und nationalen Partnern zu weiteren Erkenntnissen und Verbesserungen geführt.

Die Arbeit begann mit medizinischer Hilfe für werdende und junge Mütter. Die mangelnde Ausbildung und daraus folgende Armut der Familien führte bei aller medizinischen Hilfe zu teilweise dramatischer Unterernährung. Deshalb wurde ein Programm für Erwachsenenbildung und praktische Ausbildung von Frauen begonnen, da Frauen normalerweise ihre Einnahmen eher für das Wohl der Familie einsetzen. Auf diese Weise war eine Grundlage für erfolgreiche Kinderentwicklungsprogramme gelegt.

Südasien wird oft von natürlichen Katastrophen heimgesucht. Eine internationale Partnerorganisation bot ihre Unterstützung an und ging auch einen zweiten Schritt für langfristige Hilfe gegen die Unterernährung. Zugleich stellte eine Stiftung Geld zur Verfügung, um ein erfolgreiches Programm für „Nutritional Rehabilitation“ vor allem mit Kindern aufzubauen und zu testen. Die Lernerfolge und Ergebnisse all dieser Projekte flossen zusammen, um ein einigermaßen erfolgreiches Konzept für Kinderentwicklungsprogramme aufzubauen. Aufgrund des Gelernten ergaben sich folgende Grundprinzipien:

Bildung: Ohne eine ordentliche Ausbildung haben die Kinder keine Zukunft außer der, von den Hilfen anderer abhängig zu sein (z.B. Staat, internationale Hilfsorganisationen etc.).
Gesundheit: In vielen unterentwickelten Ländern stirbt ein großer Teil der Kinder, ehe sie das fünfte Lebensjahr erreichen. Dies führt nicht nur zu einer extrem hohen Geburtenrate (Kinder sind die „Altersversicherung“ der Eltern), sondern auch zu einer sehr niedrigen Gesamtlebensdauer. Im Übrigen ist der Lernerfolg der Überlebenden sehr niedrig, da sie unterernährt und oft krank sind.
Wirtschaftliches Umfeld: Wer in einem extrem armen Umfeld aufwächst, hat nicht nur Probleme gesund zu sein und einen Lernerfolg zu erzielen, sondern alle wohlgemeinten Schritte sind langfristig zum Misserfolg verdammt. Deshalb muss den Eltern (besonders den Frauen) die Chance eröffnet werden, finanziell besser zu stehen.
Soziales Umfeld: Meist hat die Armut einen sozialen Hintergrund. So werden z.B. in Südasien Millionen in Arbeits- und Abhängigkeitsverhältnisse gezwungen, die einer Sklavenarbeit gleichen. Daneben gibt es vielfach Kinderheiraten (13-14 Jahre), auch wenn dies staatlich verboten ist. Dieser Teil des Programms hilft den Kindern und ihren Eltern, dies zu erkennen und dagegen gemeinsam anzugehen.
Geistliches/Geistiges Umfeld: Jedes Kinderprogramm besteht in einem staatlichen und kulturellen Kontext, der berücksichtigt werden sollte. Zudem sind oft Abhängigkeiten vorhanden, die überwunden werden müssen, wenn ein Kinderentwicklungsprogramm von bleibendem Erfolg gekrönt sein soll (Bsp. Gedanken wie „abhängig zu sein ist meine Bestimmung“; „wahrscheinlich habe ich mich in einem früheren Leben schlecht benommen und muss deshalb jetzt leiden“ etc.). Anders ausgedrückt, viele Probleme bestehen zunächst im Denken und müssen bei der Gesamtarbeit berücksichtigt werden.

Natürlich können die Grundprinzipien zu verschiedenen Formen von Kinderentwicklungsprogrammen führen. Deshalb muss immer wieder überprüft werden, ob die Grundprinzipien sinnvoll und erfolgreich umgesetzt werden und wo verbessert werden kann bzw. muss. Da in verschiedenen Ländern verschiedene Partner bei der Umsetzung helfen, werden neben den jährlichen Treffen der Leiter aus verschiedenen Ländern regelmäßige Berichte erwartet (jedes Quartal, jährlich). Zudem werden regelmäßig vergleichende Untersuchungen durchgeführt und die leitenden Mitarbeiter auf internationale Schulungen geschickt; mehreren von ihnen wurde ermöglicht, einen Magister für Child Development zu erwerben. All dies trägt dazu bei, dass die Kinderentwicklungsprogramme Schritt für Schritt verbessert wird und den Kindern, Familien und Dorfgemeinschaften besser dienen.

All dies hat einen Zeitraum von 20 Jahren eingenommen. Verglichen mit dem, was vor 15 oder gar 20 Jahren geschah, wird man einen Unterschied wie Tag und Nacht feststellen. Heute sind viele Kinder, Familien und Dorfgemeinschaften verwandelt und sie schauen mit Zuversicht in die Zukunft.

Ein Hinweis zum Schluss: Da sich die politischen, sozialen und schulischen Gegebenheiten von Land zu Land unterscheiden, sind die Kinderentwicklungsprogramme nicht identisch, sondern werden an diese Lage angeglichen, um ihr am besten gerecht zu werden. Finanziell gesehen werden keinesfalls alle Kinder durch Einzel-Sponsoren abgedeckt, sondern es gibt z.B. auch Einzelpersonen, Organisationen, Kirchengemeinden, Jugendgruppen, etc., die ganze Zentren auf einmal unterstützen.”

 

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paXan 2017 Portugal:
Café paXan in Porto

paXan 2017 Portugal

Damit hatte Pastor Timóteo nicht gerechnet: dass die Deutschen seine ganze Kirche auf den Kopf stellen würden. Wie ein kleiner Orkan brachen sie über ihn herein, und nach ein paar Tagen zuckte Timóteo nur noch lachend mit den Schultern: “Ich dachte vorher, ihr wärt ein älteres, ernstes Team. Aber ihr seid ja ein junges verrücktes!”

Ein kleines Café wollte Timóteo einrichten im Vorraum seiner Gemeinde in Porto. Denn gemeinsam einen Kaffee trinken, reden und lachen – in Portugal ist das die Art und Weise, wie sich „Gemeinschaft“ bildet. Und auch den Obdachlosen und bedürftigen Familien, denen die Gemeinde seit vielen Jahren dient, sollte im Café ein Ort geboten werden, wo sie nicht nur Almosen bekommen, sondern sich wohlfühlen können und Respekt und Wertschätzung erfahren.

Aber so ein Café muss ja schließlich auch einladend und gemütlich sein! Also machte sich das paXan-Team nach drei Tagen Kinderprogramm und Tischlerwerkstatt in Braga (aber das ist eine andere Geschichte …) am Donnerstag in Porto mit fröhlichem Schwung und viel Hingabe ans Werk. Zuerst einmal wurde eine Bedarfsanalyse durchgeführt, der Vorraum entleert, alles abgeklebt und Ikea-Expedition Eins und Zwei gestartet. Am Freitag folgte gleich Ikea-Expedition Drei, während im Café schon mal eifrig die Schränke der Theke zusammengebaut wurden, die Wände gestrichen und teils mit Schieferplatten gekachelt und diverse Deko-Elemente vorbereitet wurden. Samstagfrüh konnte man schon einen gewissen Zeitdruck spüren, der, in produktive Energie umgewandelt, für einen zweiten Anstrich, Verlegung der Rohre, diverse andere Arbeiten und die vierte Ikea-Expedition ausreichte. Pünktlich zur Abendessenszeit stand dann auch die *fast* fertige Theke und wurde schon mal gründlich bestaunt: Denn am Samstagabend hatte die Gemeinde einige Obdachlose zu einem Dinner eingeladen, das vom paXan-Team serviert wurde.

Nach einem nicht ganz erholsamen Sonntag und fünf Stunden Schlaf warf sich das Team dann trotzdem am Montagmorgen mit unverändertem Elan in den letzten Marathonarbeitstag. Fünfzehn Stunden später (der letzte Zug nach Braga fährt um 1.15 Uhr :)) war es dann geschafft: alle Bauarbeiten abgeschlossen, die fünfte und letzte Ikea-Expedition glücklich beendet, das Café geputzt, gemütlich eingerichtet und einladend dekoriert. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen! Bei einem letzten Besuch am Mittwochvormittag durfte dann auch jeder noch einen ersten Kaffee, Latte Macchiato, Espresso oder Tee genießen und das paXan-Café wurde gebührend eingeweiht – sogar schon mit dem ersten „externen“ Gast.

Und damit war auch dieser paXan-Einsatz ein voller Erfolg. Nicht nur, weil das Projekt rechtzeitig fertiggestellt wurde und alle zufrieden auf die erledigte Arbeit schauen können. Sondern auch, weil wir als Team zusammengewachsen sind – ein Team, in dem jeder sein (oder ihr) Äußerstes gegeben und dabei alle sich gegenseitig unterstützt und ermutigt haben, sodass gemeinsam das Ziel erreicht wurde; ein Team, in dem jeder sich angenommen und wertgeschätzt fühlen durfte und jeder auf jeden geachtet hat; ein Team, in dem alle Gaben und Talente zur Geltung gekommen sind und daher alle auf Augenhöhe miteinander umgehen konnten; und schließlich auch ein Team, das viel zusammen gelacht, genossen, gelitten und gelernt hat: kurz gesagt, ein Team, mit dem man die Welt auf den Kopf stellen kann!

Und der Einsatz war nicht zuletzt deshalb ein Erfolg, weil an jedem Tag, in jedem Arbeitsschritt und jedem Schweißtropfen das mitgeklungen ist, was paXan ausmacht: echte Wertschätzung zu vermitteln: den anderen im Team gegenüber, den Mitarbeitern in Braga und Porto, und den ausgegrenzten und oft vergessenen Menschen, denen das Café und unsere Arbeit dienen wird.

 

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paXan 2017 Tansania

paXan 2017 Tansania

Das paXan-Team Tansania reiste vom 29. Juli bis 12. August 2017 nach Daressalam. Nelli Bangert berichtet:

Harry. Dieser kleine afrikanische Junge, der mich immer wieder so breit angestrahlt hat, wenn ich ihm begegnet bin. Dieser Junge, der mir geholfen hat, den vielen Müll im Außenbereich der Kirche aufzuräumen. Der manchmal einfach so neben mir saß und sich an mich gekuschelt hat. Der so herzlich gelacht hat. Der mich begleitet hat, wenn ich dann zu unserem Hotel gegangen bin. Harry.

Er war eine Person neben den vielen anderen, die ich auf meinem zweiwöchigen paXan-Einsatz mit 13 weiteren Jungerwachsenen in Tansania kennenlernen durfte – und wohl nie vergessen werde. Er behält einen Platz in meinem Herzen. Neben ihm haben wir natürlich noch so viel mehr Kinder kennengelernt. Jeden Tag brauchte es nur ein kleines Lied und schon versammelte sich ganz rasch eine große Gruppe von Kindern um uns herum und sangen lauthals mit, tanzten mit uns und genossen die Zeit. Immer wieder starteten wir dann auch Sessions speziell für die Kids und bastelten mit ihnen, sangen, tanzten und erzählten ihnen biblische Geschichten. Die Kinder dankten unseren Einsatz mit lautem Lachen und strahlenden Augen – einfach nur schön.

Aber sie liebten uns auch einfach und waren quasi auf der Suche nach uns „Weißen“. Allein schon die blonde Haarfarbe einiger Mädels und eben auch die weiße Hautfarbe zogen die Kinder förmlich an. Irgendwie war ihnen klar, dass wir mit ihnen Zeit verbringen wollten. Auch wenn es auf der einen Seite irgendwie schade ist, dass die Hautfarbe zunächst so vordergründig steht, so ist es auf der anderen Seite doch auch eine Chance: Es brauchte nicht groß eine Aktion, um Kinder auf das Programm aufmerksam zu machen. Die Aufmerksamkeit war allein schon vom „fremden Aussehen“ gegeben. Manchmal allerdings ist es auch ein Nachteil. Nämlich dann, wenn sich innerhalb weniger Minuten im ganzen Dorf herumspricht, dass die Weißen beim Fußballturnier verloren haben. 😀

Neben der Zeit mit den Kindern waren viele aus dem Team auch bei den Leiterschaftsschulungen involviert, die an zwei Orten angeboten wurden. Dafür kamen viele Jugendleiter und Jugendliche zusammen, um miteinander zu lernen und Zeit zu verbringen. Durch Vorträge, Gruppenarbeiten und weitere kreative Elemente wurden sie herausgefordert, ihre Aufgaben und Verantwortlichkeiten in Leiterschaft aber auch im persönlichen Leben wahrzunehmen und sich mit vollem Einsatz zu investieren. Natürlich wurden diese langen Workshop-Tage immer wieder durch Musik und Tanz unterbrochen. Denn was wäre ein Tag ohne Musik? Für unsere afrikanischen Freunde vermutlich kein schöner und gelungener Tag. 🙂 Diese Workshop-Tage waren auch Tage der Begegnung und Ermutigung. Denn es tut doch so gut zu wissen, dass wir als Kirche eine große Familie sind und an einem Strang ziehen.

Für mich waren es ganz bedeutende Momente, wenn im Gespräch die Grenzen der Kulturen gefallen sind und man nicht mehr die scheinbaren Unterschiede sah, sondern vielmehr das Herz des Gesprächspartners. Da sind jetzt nicht mehr länger die afrikanischen Frauen Jenny, Lucia, Mary und Pauline, die arm sind und eine andere Hautfarbe haben und keine Zalando-Pakete bekommen. Nein, da sind meine Freundinnen Jenny, Lucia, Mary und Pauline, die sich gerne schön kleiden, gerne mit Freundinnen lachen und plaudern, Träume haben, Sehnsüchte, mal einen guten und mal einen schlechten Tag haben, Ermutigung brauchen und Ermutigung weitergeben, mit mir ins Nagelstudio gehen und tolle Frisuren machen. Für mich waren es die schönsten Momente, wenn man Herzensbegegnungen hatte und einfach am Leben der anderen teilhaben konnte. Ungeschminkt, unfrisiert – echt.

Und dann gab es die Tage, an denen wir als Team auch mal handwerklich waren und gemeinsam mit unseren afrikanischen Freunden die Kirche innen und außen gestrichen haben. Und im Krankenhaus vor Ort geputzt und aufgeräumt haben. Da war der Spaß vorprogrammiert und es macht auch viel mit der Gruppe: Alle arbeiten gemeinsam für dieselbe Sache. Ganz egal ob Deutscher oder Tansanier – alle packen zusammen an und machen gemeinsam einen Unterschied. Irgendwo wird gesungen, irgendwo wird herzlich gelacht, geschrubbt, gestrichen, aufgeräumt, geputzt, gemalt. Und so dauerte es auch nicht lange, bis das Krankenhaus sauber und die Kirche gestrichen und geputzt war. Natürlich war es auch immer wieder spannend zu sehen, dass alles, was wir als Team gemacht haben, eine Außenwirkung auf das Dorf hatte. Es war halt viel los in der Kirche und das haben auch alle Nachbarn der Gemeinde mitbekommen. Und wer weiß – vielleicht kommt demnächst jemand auch dadurch in die Gemeinde?

Gerade der Abschied am Ende zeigte, wie sehr man einander ins Herz geschlossen hat – man wollte gar nicht mehr weg und irgendwie ist Tansania für unser Team auch Heimat geworden. Die Dankbarkeit und die Freude unserer lieben afrikanischen Freunde lag spürbar in der Luft. Sie haben offensichtlich stark von diesen beiden Wochen profitiert und da hat vermutlich jeder von ihnen ganz eigene Gedanken und Erlebnisse, die seine ganz persönlichen Highlights sind. Aber auch jeder aus dem Team ist persönlich durch diesen paXan-Einsatz gewachsen. Vielleicht durch die Tatsache, dass man seine europäische Komfort-Zone verlassen hat, in einer ganz neuen Kultur und auch Temperatur zurechtkommen musste, mit Krankheiten und Magenproblemen zu kämpfen hatte, in ganz neue Aufgaben reingegangen ist und getrennt war von der Familie und lieben Freunden. Oder auch einfach durch neue Erkenntnisse, persönliche unvergessliche Momente und neuen Freunden in Tansania.

Auch wenn die Reise zu Ende ist – die Eindrücke werden wohl noch lange in mir nachhallen. Sie haben mein Denken stückweise auf den Kopf gestellt und mich geprägt. Bin sehr dankbar für die Zeit. Bin sehr dankbar für Tansania.

 

© 2017 Nelli Bangert/Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

Wirkungsbeobachtung: Bildungsprogramme im Libanon

Seit über 50 Jahren besteht die „Nazarene Evangelical School“ in Beirut, Libanon. In den vergangenen Jahren wurden die Aktivitäten der Schule allgemein, vor allem auch im Bereich der Bildung von Flüchtlingskindern, sowie einzelne Kinder durch Patenschaften von Helping Hands unterstützt. In einem Gespräch mit der Direktorin wurden folgende Wirkungsbeobachtungen sowie die Umsetzung der aus den Ergebnissen der Wirkungsbeobachtung abgeleiteten Erkenntnisse herausgearbeitet.

Kreative Lehrmethoden

Im Gespräch mit Eltern und Kindern wurde festgestellt, dass die Anforderungen an die Kinder zu hoch angesetzt waren. Schon kleine Kinder mussten mit schweren Taschen in die Schule kommen und zusätzlich zu 8 Stunden Schulunterricht noch 4 Stunden Hausaufgaben bewältigen. Gemeinsam mit den Lehrern wurde beraten, wie dies geändert werden könnte. Daraufhin wurden zahlreiche kreative Aktivitäten in den Lehrplan eingebaut. Außerdem wurde festgesetzt, dass Hausaufgaben maximal drei Stunden dauern sollten; die Schulleitung überprüft regelmäßig die Unterrichtspläne der Lehrer und streicht ggfs. Aufgaben, wenn diese ein angemessenes Maß übersteigen.

Nach diesen Maßnahmen wurde festgestellt, dass interessanterweise nach der Reduzierung der Hausaufgaben deutlich mehr Kinder die Fächer erfolgreich abschließen können. Im vergangenen Jahr konnten nur sehr wenige Kinder (nur 1-2%) die Examen nicht bestehen.

Zusätzlich zu den kreativen Lehrmethoden wird seit einiger Zeit auch mehr Betonung auf kritisches Denken und Analyse und weniger auf Auswendiglernen gelegt. Das hat nach Aussage der Lehrer einen erstaunlichen Unterschied gemacht. Die Kinder sind nun fähig zu analysieren, und wenn sie sich an etwas nicht genau erinnern können, ist es ihnen möglich, es in eigenen Worten zu umschreiben. Diese Konzentration auf kritisches Denken schon in der Schule ist außerhalb Deutschlands durchaus nicht üblich.

Lehrerfortbildung

Um das Niveau des Unterrichts noch zu erhöhen und Lehrer zu motivieren und zu unterstützen werden seit Ende des Schuljahrs 2014-2015 regelmäßig zahlreiche Workshops für Lehrer angeboten; Themen sind zum Beispiel verschiedene Lernstile oder „student-centred classrooms“. Das hat sich als sehr erfolgreich erwiesen, da es die Lehrer stark motiviert und sie viele hilfreiche Tipps und Methoden für den Unterricht erhalten. Diese Änderung entstand maßgeblich unter der Leitung der neuen Ausbildungs-Koordinatorin (education coordinator), die vor zwei Jahren eingestellt wurde und einen Doktortitel in „School Management and Interaction“ hat.

Ebenfalls eingeführt wurde ein sogenanntes „peer coaching“, wo Lehrer gegenseitig ihren Unterricht besuchen und ihren Kollegen Ratschläge und Unterstützung anbieten. Jeden Monat treffen sich alle Lehrer für ca. drei Stunden für eine Evaluierung in Gruppen.

Ganzheitliche Entwicklung

Bereits 2012 wurde eine maßgebliche Änderung im Schulalltag eingeführt, die die Entwicklung der Kinder sehr positiv beeinflusst. Ursprünglich konzentrierte die Schule sich nur auf die akademische Ausbildung der Kinder. Es wurde jedoch festgestellt, dass die Kinder, die oft aus bedürftigen Verhältnissen kommen, viele weitere Bedürfnisse haben, die ihren schulischen Erfolg beeinträchtigen. Nach der Teilnahme an einer Konferenz über holistische Kinderentwicklung in Singapur im September 2012 setzte die Schulleiterin einige der dort gelernten Erkenntnisse um, um diese Herausforderung anzugehen. Dafür wurde eine tiefergehende Evaluierung angesetzt und ein zusätzlicher „Student Supervisor“ eingestellt, der sich besonders um die nicht-akademischen Bedürfnisse der Kinder kümmert.

Das beinhaltet viele unterschiedliche Bereiche. Zum Beispiel kümmert die Schule sich nun auch um die Gesundheit und Hygiene der Kinder. Ein Arzt kommt jede Woche, um medizinische Checkups durchzuführen. Auch werden zahlreiche Workshops für Eltern angeboten, z.B. über Erziehungsmethoden, Hygiene, nahrhaftes Essen u.v.m. Seit dem vergangenen Jahr wurden Cola, Schokolade u.ä. auf dem Schulgelände verboten (stattdessen werden Nüsse, Kekse usw. verkauft); die Lehrer konnten nach der Reduzierung der Zuckeraufnahme einen positiven Unterschied im Verhalten der Kinder erkennen.

Seit diesem Jahr hilft ein ausgebildeter Psychologe bei der Beratung und trifft sich auch mit Eltern; gerade weil derzeit etwa ein Drittel der Schulkinder syrische oder irakische Flüchtlingskinder sind, ist dieser Dienst sehr wichtig und hat schon einen großen Unterschied gemacht. Drei der Lehrer bzw. Leitungspersonen sind darüber hinaus als Schulseelsorger ausgebildet. Die Schulleitung hofft, in naher Zukunft noch einen weiteren Psychologen sowie einen Sprachtherapeuten anzustellen.

Die Eltern sind sehr erfreut über diese Veränderungen. Kürzlich hat sich auch ein Eltern-Komitee gebildet, das sehr aktiv ist und sich vorteilhaft in der Schule einbringt.

 

Nur einige Kilometer von der „NES“ entfernt findet das „STEP“ Bildungsprogramm statt, das im Frühjahr 2014 begann und seitdem wiederholt von Helping Hands finanziell unterstützt wurde. STEP bietet Unterricht an für syrische und irakische Flüchtlingskinder, die nicht in eine „normale“ libanesische Schule gehen können. In einem Gespräch mit dem Leiter des Programms wurden folgende Wirkungsbeobachtungen sowie die Umsetzung der aus den Ergebnissen der Wirkungsbeobachtung abgeleiteten Erkenntnisse herausgearbeitet.

Einbindung der Eltern

Es wurde festgestellt, dass Kinder im Unterricht deutlich erfolgreicher sind, wenn die Eltern selbst bei der Bildung ihrer Kinder involviert sind. Daher wurde zum Beispiel eine WhatsApp-Gruppe für jede Klasse eingerichtet, wo gepostet wird, welche Hausaufgaben die Kinder haben, sodass die Eltern sich zuhause darum kümmern können, dass ihr Kind für den nächsten Schultag vorbereitet ist.

Eine gute Kommunikation mit den Eltern wirkt sich auch positiv auf das Verhalten der Kinder und die Disziplin im Unterricht aus. Obwohl die äußeren Gegebenheiten nicht ideal sind, kommen die Kinder sehr gerne zum Unterricht.

Motivation und Expertise der Lehrer

Über einige Zeit hinweg wurde beobachtet, dass die Disziplin im Unterricht ein Problem ist und gelegentlich auch die Motivation und Bildung der Lehrer die Ergebnisse negativ beeinflusst. Seitdem bemüht sich die Leitung einerseits darum, in allen Fächern für dieses Fach ausgebildete Lehrer einzustellen (was nicht immer ganz einfach ist, da das STEP Bildungsprogramm nicht die gleiche Jobsicherheit bieten kann wie eine reguläre Schule). Andererseits wird nun schon im Interviewprozess sehr stark auf die Motivation der Lehrer geachtet und die eingestellten Lehrer regelmäßig motiviert und unterstützt. Zusätzlich wurden den Lehrern viele Ratschläge und Hilfen für die Disziplin im Unterricht gegeben, um diese Situation zu verbessern; dieser Punkt wird zu jedem Schuljahrsende neu evaluiert.

 

© 2017 Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

Wirkungsbeobachtung: Gartenprojekt Haiti

Im Januar 2010 zerstörte ein verheerendes Erdbeben große Teile Haitis. Helping Hands unterstützte den örtlichen Partner damals besonders in der längerfristigen Wiederaufbauhilfe. Dazu gehörte ein Gartenprojekt mit mehreren „community gardens“ in der Gegend um Barreau Michel; einer der Ziele des Projektes war es, den Bergbewohnern Einkommensmöglichkeiten zu schaffen, sodass Migration reduziert werden kann. Das Projekt wurde später noch ausgeweitet und umfasste 290 bedürftige Familien in Barreau Michel und Leogane, denen u.a. durch Schulungen, Verteilung von Werkzeugen und Saatgut Nahrungssicherheit ermöglicht werden sollte; außerdem erhielten einige Familien Ziegen und Hühner für Zucht. Das Projekt beinhaltete auch Umweltmaßnahmen (u.a. Wiederaufforstung) und das Formen einer Kooperative (ähnlich wie Selbsthilfegruppen).

Das Projekt hat der Zielgruppe Hoffnung geschenkt und sie gelehrt, eigene Entscheidungen zu treffen. Neben dem erlernten Wissen wurden auch Beziehungen gestärkt. Der örtliche Partner wird als Entität von transformativer Entwicklung angesehen. In zwei Berichten von 2013 und 2014 berichtete der örtliche Partner über die Wirkungen und Umsetzung der Erkenntnisse.

Bildungsstand der Zielgruppe

Schulungen müssen an den Bildungsstand der Teilnehmer angepasst werden. Zahlreiche Teilnehmer waren Analphabeten. Daher wurden Lehrinhalte teilweise vereinfacht und eine starke praktische Komponente eingebaut. Für manche war es schwierig, die traditionellen Techniken des Pflanzens und Gärtnerns an neue Erkenntnisse anzupassen. Neue Erkenntnisse beinhalteten vor allem auch umweltfreundliche Techniken – Kompostherstellung, weniger Benutzung von Holzkohle, Bau von Stützmauern (u.a. um Erdrutsche zu vermeiden), Erhaltung des Bodens (soil preservation), Sauberhaltung des Trinkwassers bzw. der Wasserstellen (besonders wichtig, da die Choleraepidemie noch nicht völlig eingedämmt war), etc.

Kultur der Zielgruppe

Die Schulungen und Arbeitsweise müssen an die Kultur der Teilnehmer angepasst werden und darin anknüpfen. In Haiti ist es normal, mit Familienmitgliedern und guten Freunden zu teilen. Durch die Schulungen und die Kooperative jedoch wurde eine neue Mentalität vermittelt, in der auch mit den Nachbarn bzw. anderen Mitgliedern der Dorfgemeinschaft geteilt wird, nach dem Prinzip: Wenn ich eine Ziege erhalte, gebe ich eine Ziege an meinen Nachbarn weiter; wenn ich zwei Dosen Saatgut erhalte, gebe ich zwei Dosen Saatgut an meinen Nachbarn weiter. Die Teilnehmer haben verstanden, dass es dabei nicht nur darum geht, Güter weiterzugeben, sondern besonders auch erlerntes Wissen.

Das Projekt nutzte die bereits kulturell vorgegebene Kultur des Teilens und weitete sie auf die Dorfgemeinschaft aus; dadurch wurde auch Vertrauen, Verantwortungsbewusstsein und zukunftsorientiertes Denken gestärkt, da die Familien nicht nur für sich selbst z.B. gut für ihre Ziegen sorgten, sondern auch, weil sie dem Nächsten eine Ziege weitergeben wollten. In der Zukunft möchte der örtliche Partner die Umsetzung der Projektvorhaben noch besser kontextualisieren, vor allem auch, da viele Mitglieder der Zielgruppe ihre Bedürfnisse selbst gar nicht richtig artikulieren konnten. Auf der anderen Seite konnte das Projekt und die Schulungen auch die Weltanschauung der Teilnehmer erweitern und neue kulturelle Erkenntnisse liefern.

Es wurde auch beobachtet, dass sich durch das Projekt die Rolle der Frau in der Gesellschaft verbesserte und die Mitglieder der Zielgruppe verstanden, dass Mann und Frau gleichberechtigt sind und die Frau eine wichtige Rolle spielt, sowohl in der Dorfgemeinschaft als auch in der Ehe. In diesem Zusammenhang lernten die Teilnehmer auch, wie sie mit Konflikten besser umgehen können.

Äußere Faktoren

Der örtliche Partner erkannte, dass der Erfolg eines Projektes dieser Art von einigen äußeren Faktoren abhängig ist. Zum Beispiel kamen im Wirbelsturm im Herbst 2012 einige Ziegen um und mussten ersetzt werden. In Leogane wurde das Saatgut zu spät ausgegeben, sodass die Pflanzen nicht genügend Wasser bekamen und die Ernte nicht so gut war. Für viele Familien war auch der Zugang zu Wasserquellen schwierig: In Barreau Michel z.B. müssen einige Familien zwei Stunden laufen, um Wasser zu holen; das beeinträchtigte den Gartenbau und die Ernte war nicht so groß. Darüber hinaus waren mehrere Familien bzw. Dörfer sehr weit draußen und isoliert. Die Familien nahmen trotz einer Stunde Fußmarsch an den Schulungen teil, jedoch konnte man einen deutlichen Unterschied im Denken und im Bildungs- und Gesundheitsstatus der Familien aus isolierten Gebieten erkennen; diese Unterschiede in der Armutsstufe und im Denken bildeten eine Herausforderung für die Schulungsleiter.

Unerwartete Resultate

Zu den unerwarteten Resultaten des Projektes gehörte u.a., dass die Familien in Barreau Michel eine Kooperative gründeten (das war ursprünglich nicht im Projektantrag vorgesehen). Die Kooperative tat sich zusammen und verkaufte Kaffee-Saatgut und kaufte vom Erlös drei Schweine, um sie zu züchten. Außerdem spendeten die Familien 40 Dosen Mais-Saatgut an die Kooperative, die wiederum 35 Dosen an bedürftige Familien weitergab und den Rest im Modellgarten anpflanzte. Weiter war geplant, 80 Dosen Saatgut zu verkaufen, um die nötigen Utensilien für eine Bäckerei zu kaufen. In Leogane wurden zudem in Initiative der Dorfbewohner entschieden, Leitungspersonen aus der Dorfgemeinschaft zu wählen, um die Weitergabe der Ziegen zu koordinieren.

Umsetzung der Erkenntnisse

Als Umsetzung der Wirkungsbeobachtungen wurde u.a. in einer Verlängerung des Projektes geplant, Schulungen in Katastrophenvorsorge anzubieten, die Zielgruppe und Kooperative öfter zu besuchen (ein besseres System fürs Monitoring zu entwickeln), im Modellgarten Bäume anzupflanzen und weitere Ziegen zu kaufen/verteilen (es wurde festgestellt, dass die Konzentration auf wenigere Familien und dafür mehr Ziegen bzw. Hühner pro Familie besser gewesen wäre, damit diese Familien wirklich finanziell unabhängig werden können). Außerdem möchte der örtliche Partner in der Zukunft die Meinungen und Kapazitäten der Zielgruppe noch viel stärker in die Planung mit einbinden.

Einige Kommentare der Zielgruppe:

“Wir leben besser als vorher. Wir wurden geschult, wir haben Ziegen, Saatgut und eine Maismühle. Wir möchten an unsere Nachbarn weitergeben.” (Flerius, Mitglied der Kooperative in Barreau Michel)

“Jetzt kennen wir viele Techniken für Gärten und Saatgut. Ich weiß nun, dass ich als Frau alles tun kann, was ein Mann tut, und mit ihm gleichberechtigt bin.” (Eva aus Leogane)

“Wir haben Ziegen. Es wird eine neue Zielgruppe geben. Wir erwarten, dass alle Familien in unserem Dorf irgendwann Ziegen haben. Die Menschen haben untereinander jetzt bessere Beziehungen. Unsere Gärten sind besser.” (Louise aus Leogane)

“Wir wissen jetzt, wie wir uns am besten um die Umwelt kümmern können. Wir sind als Gruppe stark; und wir lehren in den Familien.” (Jean-Louis aus Leogane)

 

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paXan 2016 Moldawien:
Ein Abend Leben

paXan 2016 Moldawien

Sie kauern am Fuß der Brücke, die über die Eisenbahngleise führt; kaum heben sie den Blick, wenn auf den Stufen Schritte erklingen, murmeln ein paar Worte und starren in ihre Hand, die ein paar wenige Münzen enthält. Andere sitzen im Hof hinter dem Obdachlosenheim, suchen unter Bäumen und in einer kleinen wackeligen Laube etwas Schutz vor der sengenden Hitze und warten darauf, dass der lange, leere Tag sich zu Ende neigt.

Ihre Gesellschaft hat sie längst vergessen. Im Obdachlosenheim erhalten sie ein Abendessen auf Blechtellern und einen Schlafplatz, wenn nötig medizinische Versorgung – weniger, als man einem Haustier bieten würde. Kaum einer sieht sie als Menschen an; kaum einer gönnt ihnen etwas, das sich „Leben“ nennen könnte. Sie wirken wie Statisten – Inventar des Bühnenbilds, vor dem sich der Alltag im Moldawien des einundzwanzigsten Jahrhunderts abspielt.

Aber jeder dieser Menschen hat einen Namen. Jeder hat eine Geschichte, eine Gegenwart – und eine Zukunft. Vitali Adolphowitsch, der mit seinem Kumpel, kriegsversehrter Veteran aus dem Afghanistan-Krieg, an der Brücke ausharrt und uns mit schwachen Handbewegungen verdeutlicht, dass man ihn in der Sowjetunion schon längst „beseitigt“ hätte. Marina, die liebevoll alle Pflanzen im Obdachlosenheim gießt und uns von ihrem Sohn erzählt, der auf dem Land Gemüse verkauft. Lucia, die immer ein Lächeln auf dem Gesicht hat und von einer Reise nach Italien träumt. Oder Valeri der Physiker, dem von einer Schweizer Firma sein Patent gestohlen wurde und der nun vor dem Obdachlosenheim in der Sonne sitzt und auf Schmierzetteln neue Automotoren entwickelt.

Einige dieser besonderen Menschen dürfen wir bei unserem paXan-Einsatz in Moldawien kennenlernen. Und ihnen das schenken, was ihre Gesellschaft und auch oft ihre Familien ihnen schon lange verwehrt: das Wissen, wertvolle und geliebte Menschen zu sein.

Es ist Samstagabend im Obdachlosenheim in Chişinău, Moldawien. Eine Woche lang hat unser paXan-Team aus 11 Jungerwachsenen sich mit ganzer Energie eingesetzt. Im ersten Stock wurden in drei Räumen Decken, Wände und Fensterbänke abgeschmirgelt, gespachtelt und in leuchtendem Rehabilitations-Gelb frisch gestrichen sowie in zwei Räumen und im Flur neuer PVC-Boden verlegt. Der Speisesaal im Erdgeschoss hat währenddessen eine Grundsanierung erhalten: Die Wand bei der Essensausgabe ist nun gefliest, vier neue Fenster sind eingesetzt und verputzt, alles ist frisch gestrichen, mit Leisten verziert und zum Schluss noch einmal ordentlich gesäubert. Jetzt erstrahlt der Raum in neuem Glanz und wartet darauf, in Kürze von Sergej und Irina, unseren „Kollegen“ vor Ort, als Räumlichkeit für verschiedene Dienste für die Menschen im Heim genutzt zu werden.

Aber noch ist es nicht so weit. Heute steht ein anderer Höhepunkt auf dem Programm. Viele Stunden haben wir uns darauf vorbereitet: ein hektischer Einkauf im moldauischen Supermarkt (durchaus eine Herausforderung, wenn man die Etiketten nicht lesen kann), drei Stunden Vorbereitung eines vortrefflichen Drei-Gänge-Menüs von unserem Chefkoch Dean, unterstützt durch das fleißige Küchenteam, während das Service-Team den frisch renovierten Speisesaal in ein Fünf-Sterne-Restaurant verwandelt hat: mit Tischdecken, Läufern, Servietten, Kerzen und Blumen liebevoll verzierte Tische, akkurat nach Knigge gedeckt mit ausgeliehenem Porzellan und Weingläsern, in denen selbstverständlich kein Alkohol serviert werden wird. Jetzt ist es kurz nach Acht; die Kerzen sind entzündet, sanfte Geigenmusik füllt den Raum und Küchen- und Service-Team stehen bereit.

Die Tür öffnet sich. Die erste Frau tritt ein. Ihr Lächeln zerfließt in sprachloses Erstaunen, das nach wenigen Augenblicken in ein noch strahlenderes Lächeln zerbricht. Weitere Frauen folgen, blicken ungläubig auf die Tische, durch den Raum, bleiben erst einmal fassungslos stehen. Erst nach ein paar Minuten trauen sie sich, ihre Plätze an den Tafeln einzunehmen, sitzen dann dort und raunen einander zu. Einer Frau rinnen die Tränen über das Gesicht.

Die Männer schreiten etwas forscher in den Speisesaal, scharen sich gemeinsam um einen Tisch und schauen uns erwartungsvoll an. Nach ein paar einladenden Worten von Simon, übersetzt von Irina, kann das Dinner beginnen. Den ersten Gang servieren wir noch an eher stillen Tischen. Aber schon bald löst das gute Essen die Zungen unserer Gäste. Fröhliche Unterhaltung füllt den Raum, während die Frauen und Männer das Essen genießen. An anderen Tagen wird die Abendmahlzeit sonst eher stumm eingenommen. Aber heute Abend erhellt eine zuversichtliche Gemeinschaft den Speisesaal, die das flackernde Kerzenlicht in den strahlenden Augen unserer Gäste noch übertrifft.

Auf die Vorspeise folgt der Hauptgang: Schweinebraten in Soße mit Gemüse. Eine Frau hilft ihrer Tischnachbarin, deren Hand verkrümmt ist, beim Schneiden des einmaligen Schmauses. Auch Solidarität und Hilfsbereitschaft sind Eigenschaften, die manchmal durch Not und Leid verkümmern – aber an diesem Abend erfahren die Obdachlosen so viel Liebe, dass sie großzügig davon weitergeben können. Bis das Dessert serviert wird, hat eine warme, herzliche Atmosphäre den Raum durchdrungen.

Lucia, die wir schon am Dienstagabend kennenlernen durften, als wir den Frauen des Heims eine Maniküre anboten, fasst ihre Freude und Dankbarkeit in Worte: “Ihr habt gesagt, dass ihr für den Samstagabend etwas Besonderes für uns geplant habt. Aber so etwas hatten wir nicht erwartet!” Und auch die anderen sind überwältigt: “So etwas hat noch nie jemand für uns getan. Wir werden es auch bestimmt nie wieder erleben – aber diesen einen Abend durften wir haben!”

Nach dem Dinner sitzen die Frauen noch lange in ihren Zimmern auf den Betten und reden aufgeregt über das Unerwartete, das Außerordentliche, das ihnen gerade widerfahren ist. Mit dabei ist eine ältere Frau, die sich bisher immer stumm und verschlossen im Hintergrund hielt und an nichts Interesse zeigte. Aber heute ist sie wie verwandelt: Freudig spricht sie mit ihren Zimmerkameradinnen, erzählt und hört zu und weiß plötzlich, dass diese Frauen wertvoll sind, wie auch sie selbst wertvoll ist.

Währenddessen sitzen wir als Team im nun leeren Speisesaal und lassen uns die Überreste des Dinners schmecken – müde und erschöpft, aber zufrieden und glücklich. Denn wir wissen, dass unser Einsatz absolut erfolgreich war. Für Irina und Sergej konnten wir eine Tür öffnen und Verbindungen knüpfen, die ihnen ermöglichen, mit den Obdachlosen nachhaltige Arbeit zu beginnen. Viele dieser Menschen sind alkoholabhängig, und daher möchte Sergej Anfang 2017 ein Rehabilitationszentrum gründen, von denen es in Moldawien – dem Land mit der höchsten Alkoholabhängigkeit weltweit – fast keine gibt. Darüber hinaus haben wir es geschafft, diesen Frauen und Männern, die ihre Gesellschaft kaum als Menschen akzeptiert, durch unsere Arbeit und das Dinner echte Wertschätzung zu vermitteln. Ein Abend, den sie nie vergessen werden: Für uns wäre das vielleicht nicht viel. Für diese Menschen aber ist es inmitten von Ohnmacht und Wertlosigkeit ein Abend Leben.

 

© 2016 Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

paXan 2016 Philippinen

paXan 2016 Philippinen

paXan 2016 auf den Philippinen glich in so mancher Hinsicht einer kleinen Expedition, da wir unsere Zeit auf der schönen Hauptinsel in einer doch recht abgeschiedenen Gegend in der „Mountain Province“ verbrachten. So stand nach Ankunft in Manila erst einmal noch eine eigentlich fünfstündige Busfahrt an, die unsere Fahrerin aber innerhalb von vier Stunden zurücklegte (gut, dass es dunkel war). Schließlich kamen wir am Philippine Nazarene College (PNC) in Baguio an. Nach etwas Rast fuhren wir am nächsten Tag erneut zwei Stunden mit Vans in eine weitere Stadt, wo wir unseren Proviant für die nächsten Tage einkauften – einschließlich drei Säcken Reis und fünf lebenden Hühnern (so sind sie besser haltbar). Nachdem wir alle Einkäufe erledigt hatten, hieß es Aufsteigen auf die Ladefläche eines Gemüselasters, der uns in weiteren zwei Stunden über Schotterpisten nach Dengao, einem kleinen Bergdorf von etwa 150–200 Einwohnern, brachte.

Hier verbrachten wir die nächste Woche, in der wir gemeinsam mit den Menschen dort die Schule innen und außen (inklusive der Wellbleche auf dem Dach) und die Gemeinde (Dorfkirche) innen und außen strichen. Da die Gemeinde der größte Raum des Dorfes ist, wird sie neben Gottesdiensten auch für Schulunterricht und Versammlungen genutzt.

Da es im Dorf nur sehr wenige halbwegs hygienische Toiletten gab (um genau zu sein: eine), bauten wir auch noch zwei weitere Toiletten – eine für Herren und eine für Damen. Dies war auch insofern wichtig, da die Schule bisher keine Toiletten besaß. Und natürlich gab es auch wieder ein Programm mit den Kindern des Dorfes, die uns alle damit überraschten, wie schnell sie Deutsch lernten.

Aufgrund der täglichen Regenfälle am Nachmittag konnten wir leider das Toilettenhaus nicht mehr ganz fertigstellen, aber wir sind zuversichtlich, dass die Dorfmänner dies auch noch alleine meistern werden.

Nach einer Woche ging es dann mit einem kurzen Sightseeing-Stopp in Sagada zurück zum PNC nach Baguio. Hier mussten wir uns dann schon von zwei Teilnehmern verabschieden, die etwas früher zurückreisten. Der Rest des Teams verbrachte die restlichen Tage damit, einen Konferenzraum des Colleges zu streichen. Dieser sollte in neuem Glanz erstrahlen, da er in Zukunft auch für externe Gruppen für Sitzungen etc. vermietet werden soll und die Schule dadurch hofft, eine neue Einnahmequelle zu erschließen.

Dieser Einsatz war wahrscheinlich von allen paXan-Teams bisher der Einsatz, bei dem die Einheimischen am meisten im Projekt involviert waren. Besonders die Männer waren maßgeblich am Bau der Toilette beteiligt – wir halfen lediglich. Und es waren Männer, die harte Arbeit auf den Feldern gewohnt sind und daher auch tatsächlich ordentlich anpacken konnten. Wie schon auch in den vergangenen Jahren musste man sich also die Frage stellen: „Warum dorthin reisen?“

Gegen Ende des Einsatzes erhielten wir dieses Mal eine sehr interessante Antwort. Erst an einem unserer letzten Tage in Dengao wurde uns erzählt, dass die Dorfbewohner vor unserer Ankunft extra eine traditionelle Zeremonie abgehalten hatten, um sich vor uns und unserem schlechten Einfluss zu schützen. Dazu muss gesagt werden, dass in der Vergangenheit das Vertrauen der Menschen von westlichen Besuchern missbraucht wurde. So kam es auch, dass wir besonders beobachtet wurden.

Warum also dorthin reisen: um zu zeigen, dass man „diesen Christen“ durchaus vertrauen kann und sie vorbehaltlos helfen wollen, ohne eine weitere Agenda zu haben. Und von dem zu urteilen, was uns die Menschen dort zum Abschied gesagt haben, ist diese Botschaft durchaus angekommen.

Christoph Nick

Kinderzentren sind nicht nur was für Kinder

Sri Lanka: Viele kennen die Insel im Indischen Ozean nur als Urlaubsparadies mit herrlichen Stränden oder als malerisches Setting eines Kolonialzeitromans über Teeplantagenbesitzer. Andere erinnern sich an den fast dreißig Jahre andauernden Bürgerkrieg, der große Teile des Nordens und Ostens verwüstete und Hunderttausenden das Leben kostete, oder an die verheerende Zerstörung durch den Tsunami an Weihnachten 2004.

Sri Lanka trägt alle diese Gesichter – atemberaubende Landschaften und natürliche Schönheit, Frohsinn und Lebensmut, aber auch tiefe Armut, Ausbeutung, Angst und noch längst nicht verheilte Wunden der Vergangenheit. Besonders in den Teeplantagen und den ehemaligen Bürgerkriegsgebieten ist die Bevölkerung sehr bedürftig und kann sich meist nicht selbst aus den Stricken von Armut und Ausbeutung befreien. Um Armut zu bekämpfen, Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten und Menschen eine wirkliche Perspektive für die Zukunft zu geben, hat NCM Lanka, Helping Hands‘ örtlicher Partner, in derzeit 38 Orten Kinderzentren bzw. auf Kinder ausgerichtete Dorfentwicklungsprogramme begonnen, in denen 4253 Kindern eine Zukunft geschenkt wird.

Einige dieser Kinderzentren unterstützt Helping Hands direkt durch Patenschaften oder hat sie in der Vergangenheit durch größere Spenden, teilweise als Anschubfinanzierung, gefördert. Ende 2015 waren das sieben Kinderzentren: Chettikkulam (165 Kinder), Manthuwil (111 Kinder) und Umayal Puram (45 Kinder) in ehemaligen Bürgerkriegsgebieten im Norden; Trincomalee (89 Kinder) und Vandaramulai (100 Kinder) in ehemaligen Bürgerkriegsgebieten im Osten; Dimbulla (349 Kinder) in den Teeplantagen der zentralen Bergregion und Unawatuna (40 Kinder) in einer bedürftigen Gegend im Süden.

Folgend sind einige Auszüge aus Berichten über diese Kinderzentren, die unser örtlicher Partner („NCML“) uns jedes Quartal sendet (die Berichte sind aus dem Englischen übersetzt). Diese Berichte betonen besonders auch eine Tatsache: Kinderzentren sind nicht nur etwas für Kinder: Auch ihre Familien und das ganze Dorf profitieren davon.

 

Über die „liebevolle Atmosphäre“ in den Kinderzentren (Bericht vom Sommer 2015)

Die Examen des zweiten Halbjahrs sind eben vorbei. Als NCML sich über die Fortschritte der Kinder in den Kinderzentren erkundigte, wurde uns berichtet, dass die Kinder sehr gut abgeschnitten haben. Die Lehrer und Schulleiter sind überzeugt, dass diese guten Resultate ausschließlich auf den Nachmittagsunterricht im Kinderzentrum zurückzuführen sind. “Die Lehrer unterrichten gut und auch die tägliche Mahlzeit, die die Kinder in den Kinderzentren bekommen, hat zum Wachstum beigetragen”, sagten sie.

Ein weiterer Grund für diesen Erfolg ist die liebevolle Atmosphäre in den Kinderzentren. Den Lehrern und Helfern wird nahegelegt, immer freundlich, liebevoll und fürsorglich mit den Kindern umzugehen, auch in sehr schwierigen Situationen. Sie sollen die verschiedenen Bedürfnisse der Kinder in Betracht ziehen.

NCML ist sich bewusst, dass das alles gar nicht so einfach ist. Deshalb bietet NCML auch gelegentlich Programme für die Lehrer und Helfer an. Etwa einmal im Quartal sind alle sogenannten „Caregivers“ eingeladen, ein oder zwei Nächte im Gästehaus des Hauptbüros von NCM Lanka zu verbringen. Dort werden dann auch Programme angeboten, die ihnen helfen, vom Stress und Druck zu entspannen. Das hat sehr positive Ergebnisse erzielt. Die Atmosphäre in den Kinderzentren ist sehr kinderfreundlich und die Kinder genießen ihre Zeit dort sehr; sie schließen neue Freundschaften und kreativere Methoden des Unterrichtens helfen ihnen, sich positiv zu entwickeln.

 

Örtliche Selbstbeteiligung: Schulmahlzeit und Selbsthilfegruppe in Unawatuna (Bericht vom Sommer 2015)

Auf einem winzigen Hügel beim Strand von Unawatuna befindet sich eine kleine Schule. Hier besuchen 40 Kinder die Klassen 1 bis 5. NCML begann vor einem Jahr, die Schule zu unterstützen. In Sri Lanka geschieht es oft, dass eine Schule mit geringer Schülerzahl von der Regierung geschlossen wird und die Kinder andere Schulen im Umkreis besuchen müssen. Das ist nicht einfach für die Kinder, da die anderen Schulen weiter entfernt sind als ihre Dorfschule. Wir hatten gehofft, dass durch unsere eingeleiteten Maßnahmen der Wert der Ausbildung gesteigert wird und so weitere Kinder dazukommen würden und die Schule nicht geschlossen wird. Das ist jetzt etwas über ein Jahr her und die Schule ist weiterhin geöffnet. Es gab bisher keinerlei Warnungen seitens der Regierung bezüglich einer Schließung.

Im Frühjahr waren die Eltern zu zwei wichtigen Informationsabenden eingeladen. Zuerst sprachen wir mit ihnen über die Fortschritte, die ihre Kinder bisher gemacht hatten. In einem zweiten Treffen ging es um die Einführung einer Schulmahlzeit und die Beteiligung der Eltern an diesem Projekt.

Es ist erstaunlich, wie kooperativ die Eltern des Unawatuna Kinderzentrums sind. Über die Einführung einer Schulmahlzeit waren sie begeistert. Wir betonten, dass wir ein hohes Maß an örtlicher Selbstbeteiligung benötigen, um diese Schulmahlzeit langfristig anzubieten. Die Reaktion der Eltern war überwältigend. Sie bildeten umgehend ein Komitee, um dieses Programm zu unterstützen. Sie sammelten Geld und kümmerten sich erst mal um die Speisekammer. Dann richteten sie eine kleine Küche ein, sodass die Mahlzeit direkt in der Schule zubereitet werden kann. Dazu sammelten sie noch Gelder, um die Küchenutensilien zu kaufen. Jetzt hat die Schule in Unawatuna ihre eigene Küche mit genügend Utensilien, um für eine größere Versammlung Essen zuzubereiten.

Zusätzlich wurde ein Terminplan erstellt, bei dem die Mütter abwechselnd an der Reihe sind, um bei der Zubereitung der Schulmahlzeit zu helfen. Bisher haben sich alle Mütter an die Liste gehalten und erscheinen wie geplant, um ihre Pflicht zu erfüllen. NCML spendet die nötigen Nahrungsmittel und die Mahlzeit wird hygienisch in der Schule zubereitet und vor dem Nachmittagsunterricht an die Kinder serviert. Auch dabei helfen die Eltern. Es ist bemerkenswert, wie sehr die Eltern die Ausbildung und Entwicklung ihrer Kinder unterstützen.

Kürzlich wurde auch eine Selbsthilfegruppe begonnen. Die Gruppe ist zwar noch in den Startlöchern, sodass noch keine tiefgreifenden Aktivitäten stattgefunden haben. Aber die Gruppe hat sich bereits ein paar Mal getroffen, ein Komitee gewählt und sich auf die Grundregeln geeinigt. Die jungen Frauen sind sehr erfreut und aufgeregt. Wir planen, gemeinsam mit der örtlichen Abteilung für Landwirtschaft die Frauen in Gartenbau und Gemüsezucht sowie anderen Programmen für den Lebensunterhalt zu schulen, die auch das Einkommen der Familien steigern wird. Wir sind zuversichtlich über den Erfolg dieser Gruppe, da sich schon eine starke Teamfähigkeit und Zusammenhalt herausgebildet hat.

 

Dimbulla Kinderzentrum: Größter Erfolg seit 20 Jahren (Bericht aus unserem E-Newsletter November 2014; freie Übersetzung des Berichts von NCM Lanka im Herbst 2014)

Dimbulla in Sri Lankas Bergregion ist bekannt für den guten Tee, der dort geerntet wird – aber auch für die Armut, Ausbeutung und Perspektivlosigkeit der Familien, die auf den Teeplantagen arbeiten und dort unter bedürftigsten Verhältnissen leben. Im Sommer 2012 besuchte ein paXan-Team diesen Ort und führte dort unter anderem ein Ferienprogramm für die Kinder durch. Als Folge dieses Einsatzes konnte im Herbst 2012 ein Kinderzentrum für die Kinder in Dimbulla eröffnet werden, das seit Januar 2013 in der örtlichen Schule stattfindet, der größten in dieser Gegend. Von den 349 Kindern, die im Kinderzentrum Ergänzungsunterricht und weitere Hilfe erhalten, werden einige durch Patenschaften aus Deutschland unterstützt.

Diese örtliche Schule besteht seit über fünfzig Jahren und bemüht sich, trotz knapper Ressourcen den Kindern aus Dimbulla und umliegenden Dörfern eine ausreichende Ausbildung zu bieten. Aber obwohl die Aussicht aus den Fenstern der Schule – auf malerische Teegärten so weit das Auge reicht – atemberaubend sein mag, die Aussicht der Schüler auf eine bessere Zukunft ohne Armut ist gering. Kein einziges Kind hatte in den letzten zwanzig Jahren das Examen bestanden, das in Sri Lanka landesweit alle Schüler der 5. Klasse absolvieren müssen und das somit einen Messwert für das akademische Niveau der Schule bietet.

In diesem Jahr hat sich das geändert. Von den 20 Fünftklässlern, die diesen Sommer das Examen absolvierten, erreichten 17 eine Punktzahl über 100 – bereits eine großartige Leistung für diese Schule – und drei Schüler bestanden die Prüfung (mit über 157 Pkt.); sie erhalten nun ein Stipendium für eine von ihnen frei wählbare weiterführende Schule und somit eine echte Chance auf eine gute Ausbildung und deutlich bessere Berufschancen.

Das Prüfungsergebnis ist ein riesiger Erfolg für die Lehrer in Dimbulla, die das ganze Jahr über viel Zeit und Energie investiert haben. “Seit das Kinderzentrum hier begonnen hat, konnten wir enorme Fortschritte beobachten”, betonte der Schulleiter in einem Gespräch. “Es hat einen großen Unterschied gemacht, dass die Lehrer jetzt mehr Zeit mit einzelnen Kindern verbringen und wirklich auf ihre Bedürfnisse eingehen können.”

Die Schule ist sehr stolz auf ihre drei Stipendiaten: alles Kinder von Teepflückern, die die Kosten für die notwendige Vorbereitung auf das Examen nie selbst hätten bezahlen können. Dass ihre Kinder eine gute Schulbildung erhalten und sich so aus dem Teufelskreis der Armut befreien können, der die meisten Familien auf den Teeplantagen gefangen hält, das ist der Traum vieler Eltern hier. Dank des Kinderzentrums darf dieser Traum nun für drei Familien Wirklichkeit werden.

 

Besserer Lebensstandard durch Hühnerzucht in Umayal Puram (Bericht vom Winter 2014/2015)

Das Dorf Umayal Puram liegt weit verstreut auf dem schmalen Stück Land, das die nördliche Halbinsel mit Sri Lanka verbindet. Durch diese Lage wurde der Ort vom Bürgerkrieg besonders hart getroffen und von beiden Seiten bekriegt. Viele der Ortsbewohner verbrachten Jahre damit, sich im Dschungel zu verstecken und später in Flüchtlingslagern zu leben. Nachdem die Menschen nach Ende des Bürgerkriegs vor einigen Jahren in ihr Heimatdorf zurückkehrten, war nichts mehr übrig, mit dem sie ihr Leben neu hätten beginnen können – nur ödes Land, trocken und für die Landwirtschaft unbrauchbar. An vielen Orten hat sich das bis heute nicht geändert. Aber in den letzten Jahren hat die Regierung auch viel in die Verbesserung der Infrastruktur investiert; neue Straßen wurden gebaut, die Häuser zumindest an den Hauptstraßen wurden mit Strom versorgt und andere Besserungen sind in Vorbereitung.

Auch NCML hat Projekte begonnen, um den Familien in Umayal Puram beim Neuanfang zu helfen. Im Rahmen des örtlichen NCM Lanka Kinderzentrums wurde, wie in anderen Kinderzentren auch, eine Selbsthilfegruppe gebildet, zu der derzeit 13 Frauen und Witwen des Dorfes gehören. Sie haben sich bisher fünfmal getroffen und wichtige Bedürfnisse ihrer Dorfgemeinschaft diskutiert. Durch die Selbsthilfegruppe hat NCML 28 extrem arme Familien für zusätzliche Unterstützung ausgewählt. Dabei geht es erst einmal darum sicherzustellen, dass die Menschen genügend zu essen haben. Die meisten Haushalte haben weniger als zwei Mahlzeiten pro Tag, und das ist nicht so einfach zu ändern. Als erste Phase im Kampf gegen den Hunger hat NCML in allen Dörfern, in denen es Kinderzentren gibt, ein sogenanntes „Livelihood Program“ geplant, ein Programm zur Sicherstellung des Lebensunterhalts.

Die 28 ausgewählten Familien in Umayal Puram besuchten zwei Schulungen über Hühnerzucht, wo sie unter anderem auch lernten, auf die Gesundheit und Sicherheit der Hühner zu achten, um Verlust zu vermeiden und die Produktivität zu erhöhen. Hühnerzucht ist ein sehr beliebtes Nebeneinkommen in Sri Lanka, da es niedrige Kosten hat und wirtschaftlich sehr effizient ist – die Vögel picken auf den Feldern und vermehren sich schnell. Eine Henne legt dort im Durchschnitt 13–15 Eier und kann in der Regel 9–11 Eier ausbrüten. Manche Hennen brüten zweimal im Jahr oder öfter, sodass ein Paar sich im Jahr auf 22 Hühner erhöhen kann. Wenn die Familie das, was sie nicht verzehrt, auf dem Markt verkauft, kann sie bis zu einem Dollar pro Tag zu ihrem normalen Einkommen dazu verdienen.

Die Familien beteiligten sich selbst an der Vorbereitung des Projekts, unter anderem dadurch, dass jede Familie für den Bau ihres eigenen Hühnerstalls verantwortlich war. Außerdem werden 10% des monatlichen Einkommens an die Selbsthilfegruppe zurückgegeben.

Das Kinderzentrum profitiert auch in dem Sinne von diesem Projekt, dass das erhöhte Einkommen und gesünderes Essen den Kindern helfen wird, im Unterricht besser mitzukommen. Nach einem guten Frühstück am Morgen können sie sich am Unterricht besser beteiligen; auch werden weniger Fehltage erwartet, was zweifellos ihrer akademischen Entwicklung zugutekommt. Dadurch können die Lehrer sich vermehrt auf Kinder mit Lernschwächen konzentrieren. Und natürlich reduziert der bessere Zugang zu nahrhaftem Essen auch die Mangelernährung.

 

„Straßenbau“ in Chettikkulam: Mission Accomplished (Bericht vom Winter 2014/2015)

Da Kinderzentren im Grunde eine besondere Art von Dorfentwicklungsprogramm sind, führt NCML in diesem Zusammenhang sogenannte „Area Development Programs“ durch, die in enger Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern geschehen.

Die Schule in Chettikkulam hatte ein Problem: Ein Stück des Weges direkt hinter der Schule war während der Regenzeit regelmäßig überflutet. Ungefähr 30 Kinder konnten dadurch in der Regenzeit nur zur Schule und zum Kinderzentrum kommen, wenn sie einen langen Umweg in Kauf nahmen – das Ergebnis war, dass viele Kinder einfach gar nicht kamen. Aber das ist natürlich keine Lösung. Die Stadtverwaltung wurde zwar wiederholt um Hilfe gebeten, aber es änderte sich nichts: Die 30 Familien, für die dieser Pfad der einzige direkte Weg in die Stadt ist, hatten eben Pech.

Aufgrund der guten Arbeit, die NCML während der letzten Jahre in dieser Gegend geleistet hat, haben die Dorfbewohner großen Respekt vor ihnen. Sie waren sich sicher: NCML hat immer eine Antwort auf unsere Probleme. Also sprachen sie mit den örtlichen NCML Mitarbeitern und baten um Hilfe.

Die einfachste Lösung für dieses Problem war, das Wasser unter der Straße hindurch zu leiten. Die NCML Mitarbeiter kauften zwei Kanäle, die lang genug waren, um unter dem Weg hindurch zu reichen. Dann forderten sie die Erwachsenen des Dorfes dazu auf, ihnen bei der Installation zu helfen. Ungefähr 20 Männer kamen, um ihr Dorf in dieser Sache zu unterstützen. Nach einem Tag harter Arbeit waren die beiden Kanäle gelegt und mit Zement und Erde bedeckt.

Im Dezember begann der Regen. Normalerweise hätten die Menschen sich schon längst andere Wege gesucht. Aber dieses Jahr hat der Regen keinen negativen Einfluss auf die Familien, die diese Straße benutzen. Das Wasser sammelt sich nicht auf dem Weg. Es fließt durch den Kanal und die Menschen und Fahrzeuge können ohne Behinderung zur Stadt und wieder zurück kommen. Auch die Kinder kommen jetzt weiterhin regelmäßig zur Schule. Und ihre Eltern brauchen sich keine Sorge mehr machen, dass die kleinsten Kinder in der früher überfluteten Straße ertrinken könnten.

 

Hände waschen – gar nicht so einfach! (Bericht vom Frühjahr 2016; freie Übersetzung)

Während der letzten Jahre hat NCM Lanka immer wieder versucht, den Kindern in Kinderzentren beizubringen, dass man sich ordentlich die Hände waschen muss, bevor man isst und nachdem man auf Toilette war, um Krankheiten zu vermeiden und Bakterien nicht zu verbreiten. Die Kinder haben zwar schnell verstanden, warum das wichtig ist und wie man sich die Hände so wäscht, dass sie auch wirklich sauber sind – trotzdem setzten nur wenige Kinder dies wirklich in die Tat um. Der Hauptgrund dafür war die Zugänglichkeit zu Wasser. In städtischen Gebieten, wo die Schulen besser ausgestattet sind, ist das zwar kein Problem. Aber in den Dorfschulen, in denen NCMLs Kinderzentren stattfinden, bekommt man Wasser in der Regel nur aus einem offenen Brunnen, der 60–70 Meter entfernt ist von den Toiletten und Klassenzimmer. Die Kinder müssen sich das Wasser in einem Plastikbehälter oder Eimer holen, und damit ist es nicht einfach, die Hände ordentlich zu waschen, jedenfalls nicht beide Hände mit Seife.

Um dieses Problem zu lösen, setzte NCM Lanka sich erst einmal ein Ziel: dass bis zum Jahresende in 60% der Fälle die Kinder ihre Hände richtig waschen und bessere Hygiene haben. Zuerst einmal redeten die Mitarbeiter mit den Kindern darüber und erklärten ihnen noch einmal, wie wichtig diese Hygiene ist, und sprachen auch mit den Lehrern und Schulleitern darüber.

NCM Lanka bemüht sich in allen Aspekten der Kinderzentren darum, dass Aktivitäten kindergerecht sind und auch Lerninhalte so gestaltet werden, dass sie für Kinder am besten zu verinnerlichen sind. „Bildung durch Spiele“ ist ein gutes Beispiel dafür. Die Kinder gehen unter anderem auch deshalb gerne zum Kinderzentrum, weil sie dort viel Spaß haben.

In diesem Sinne also machten die Mitarbeiter von NCML sich Gedanken, wie sie Händewaschen zu einer interessanten Aktivität für die Kinder machen könnten, die sich dann irgendwann zu einer Gewohnheit entwickelt. Sie hatten schon beobachtet, dass Wasserspiele für die Kinder immer sehr attraktiv sind. Es ging also darum, ein Programm zu entwickeln, dass sowohl für die Kinder interessant ist, als auch die grundlegenden Ziele erreicht.

Da es kein sauberes fließendes Wasser auf den Schulhöfen gibt, führte NCM Lanka nahe der Toiletten und im Bereich der Klassenzimmer sogenannte „Tippy Taps“ ein. Dabei wird Wasser in einen größeren Behälter gefüllt, der durch einen mit dem Fuß betätigten Hebel gekippt wird, sodass die Kinder beide Hände frei haben, um sich ordentlich mit Seife die Hände zu waschen. Die Tippy Taps machen den Kindern Spaß und NCM Lanka hofft, dass sie so ermutigt werden, die Hände nach der Toilette und vor dem Essen ordentlich zu waschen.

Wie erwähnt hatte NCML schon vorher versucht, den Kindern richtiges Händewaschen beizubringen, aber ohne vollen Erfolg. Da die Tippy Taps in den Schulen, in denen sie bereits installiert wurden, bisher gut genutzt werden, plant NCML, bis Ende Mai in allen Schulen Tippy Taps zu installieren, sodass das Ziel von 60% Erfolg beim Händewaschen bis Dezember erreicht werden kann.

 

© 2016 Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

Selbstbewusstsein will gelernt sein

Vor sechs Jahren (2009–2010) konnte Bangladesh Nazarene Mission, Helping Hands‘ örtlicher Partner, mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und Helping Hands e.V. im Südwesten Bangladeschs zwei Schulungszentren errichten; in Seetpur in der Provinz Satkhira und in Dapkhali in der Provinz Jessore. Parallel zum Bau wurde ein Entwicklungs- und Schulungsprogramm eingeleitet, das langfristige Veränderungen bewirken sollte, unter anderem durch die Gründung von Selbsthilfegruppen. Der Projektantrag hielt fest:

„Ausgrenzung und Armut können nur überwunden werden, wenn die Rahmenbedingungen verändert und die Voraussetzungen für eine aktive soziale Teilhabe geschaffen werden. Entscheidend dafür sind: Veränderung des Selbstbewusstseins, Erweiterung der Kenntnisse, Verstärkung der wirtschaftlichen, gesundheitlichen und schulischen Basis sowie eine begleitende Betreuung.“

Inzwischen ist das Projekt schon längst in die Hände des örtlichen Partners bzw. der Dorfbewohner übergeben worden. Und die erhoffte langfristige Veränderung kann jetzt, fünf Jahre nach Ende der Projektlaufzeit, an zahlreichen Stellen beobachtet werden. Nachfolgend sind die Berichte von zwei Frauen aus Seetpur, deren Leben durch Selbsthilfegruppen verändert wurden und deren Kinder weiterhin vom Kinderzentrum in Seetpur profitieren, das parallel zum Projekt begonnen und anfangs ebenfalls von Helping Hands finanziell unterstützt wurde.

Die folgenden Geschichten wurden direkt aus dem Originalbericht übersetzt.

 

Jhorna erzählt im November 2014:

Jhorna lief den schmalen, matschigen Pfad entlang und weinte. Eine Lehrerin des Seetpur Kinderzentrums hielt sie an und fragte, was denn passiert sei? Jhorna wischte ihre Tränen weg und erklärte: “Mein Mann will nicht arbeiten gehen. Er ist Alkoholiker und macht unser Leben zur Qual. Er schlägt mich auch oft.” Sie erzählte auch, dass sie ihren Kindern die letzten zwei Tage nichts zu essen geben konnte, weil sie kein Geld hatte. Die Familie lebt in extremer Armut. Manchmal helfen Jhorna und ihr Mann als Tagelöhner auf Feldern, aber die Hälfte der Zeit haben sie gar keine Arbeit.

Die Lehrerin lud Jhorna zum Treffen einer Selbsthilfegruppe ein. Gleich am nächsten Tag ging Jhorna dorthin und lernte die Gruppe kennen. Sie war sehr interessiert daran und wurde schnell zu einem aktiven Mitglied. Die einheimischen Mitarbeiter besuchten sie zuhause und sprachen auch mit ihrem alkoholabhängigen Mann. Anfangs wollte er gar nichts mit ihnen zu tun haben. Er war auch dagegen, dass seine Frau die Selbsthilfegruppe besucht. “Ich hasse sie alle!”, behauptete er.

Aber die Mitarbeiter waren sehr geduldig. Sie sprachen Jhorna viel Mut zu. Langsam begann sie, kleine Beträge zu sparen. Der erste Kredit, den sie von der Selbsthilfegruppe erhielt, betrug 1000 Taka und damit gründete sie einen kleinen Lebensmittelladen. Zuerst wollte ihr Mann nicht dabei helfen. Doch als er sah, dass seine Frau Geld verdiente, änderte er seine Meinung. Er begann, sie zu unterstützen. Nach einer Weile nahmen sie einen zweiten Kredit über 6000 Taka. Das erhöhte wiederum ihr Einkommen. “Es war ein Fehler, dass ich mich gegen die Selbsthilfegruppe gestellt habe”, gab der Ehemann zu. “Jetzt verstehe ich, wie ihr die Leben der Menschen verändert durch eure Arbeit!”

Vor einem Monat übernahm Jhornas Mann die volle Verantwortung für den Laden. Denn Jhorna fand einen neuen Job als Koch in einer Jugendherberge.

“Jetzt kann ich meinen Kindern drei Mahlzeiten am Tag geben. Wir leben nicht mehr in Armut. Mein Mann hat auch aufgehört, Alkohol zu trinken. Wir leben nun in Frieden miteinander!”, sagt Jhorna. Und auch die Nachbarn sind beeindruckt, die positive Veränderung in Jhornas Familie zu sehen. Der örtliche Partner von Helping Hands hat sich um sie gekümmert wie gute Freunde.

 

Nurjahan erzählt im Februar 2015:

Es gab eine Zeit, da fürchtete sich Nurjahan jedes Mal, wenn sie das Haus verließ. “Ich habe immer meinen Kopf bedeckt und mich in eine Ecke gedrückt”, erinnert sie sich. Jetzt ist ihr Leben das genaue Gegenteil. Seit sie Mitglied einer Selbsthilfegruppe in Seetpur wurde, sagt sie, “Alles ist jetzt ganz anders. Ich bin viel selbstbewusster!”

“Mein Mann ist Tagelöhner und verdiente nur sehr wenig”, berichtet Nurjahan von früher. “Mit seinem Einkommen konnten wir unsere Grundbedürfnisse nicht erfüllen, die Kinder mussten sogar mit der Schule aufhören. Ich konnte ihnen keine drei Mahlzeiten am Tag geben und sie litten unter Mangelernährung. Oft habe ich im Stillen geweint. Aber ich habe mich auch mit meinem Mann gestritten, weil er die Bedürfnisse seiner Familie nicht erfüllte. Unser Familienleben war eine Hölle.”

Nurjahan begann, nach alternativen Einkommensmöglichkeiten zu suchen. Sie wusste, dass es in Seetpur eine Selbsthilfegruppe gab, in der bedürftige Frauen Kredite bekommen, um verschiedene Einkommensaktivitäten zu starten. Sie hatte auch die Freude auf den Gesichtern der Frauen gesehen, die bereits Kredite erhalten hatten. Also wurde sie im Jahre 2010 ein Mitglied der Gruppe und begann, jede Woche 10 Taka zu sparen. Zuerst nahm sie einen ganz kleinen Kredit und investierte ihn in Gemüseanbau. Später erhielt sie Schulungen über Kleinstunternehmen. Sie fühlte sich ermutigt, selbst ein Kleinstunternehmen zu gründen. Als ihren fünften Kredit nahm sie 14000 Taka (ca. 150 Euro) und eröffnete bei sich zuhause einen Lebensmittelladen.

Diese Investition hat ihr großen Erfolg gebracht. Ihr Leben begann sich zu verändern. Sie verkauft jetzt Reis, Kekse, Öl und andere Dinge, die man zum täglichen Leben braucht. Ihr tägliches Einkommen beträgt etwa 500 Taka (knapp 6 Euro). Ihr Mann hilft ihr im Laden und arbeitet weiterhin als Tagelöhner. Die zwei Kinder gehen jetzt wieder zur Schule und besuchen auch das Seetpur Kinderzentrum.

Ihre Nachbarin Rabaya ist wirklich beeindruckt: “Ich bin sehr überrascht über die Verwandlung in Nurjahan. Früher lieh sie sich von uns Nahrungsmittel aus, jetzt gibt sie selbst den Armen Essen. Sie ist ein großes Vorbild in unserem Dorf!”

Nurjahan ist heute eine der bedeutendsten Personen im Ort. Sie wurde als Vorsitzende der „Uashahi“ Selbsthilfegruppe gewählt – „Uashahi“ bedeutet „Ermutigung“. Viele arbeitslose Frauen kommen zu ihr, um sich Rat zu holen, wie auch sie selbstständig werden können. “Jeder im Dorf weiß, dass ich die erste Vorsitzende der Uashahi Selbsthilfegruppe bin”, erklärt Nurjahan. “Wenn jemand einen Kredit braucht oder Beratung über Kleinstunternehmen, kommen sie zu mir. Ich helfe ihnen sehr gerne!”

Sogar Nurjahans Ehemann fragt um ihre Meinung, wenn es darum geht, in der Familie eine Entscheidung zu treffen. “Wir leben im Frieden miteinander. Er teilt alles mit mir ”, freut sie sich.

Nurjahan ist stolz darauf, wie weit sie es schon gebracht hat, seit sie der Selbsthilfegruppe beigetreten ist. “Früher, wenn Besucher kamen, dann habe ich richtig gezittert, so nervös war ich”, sagt sie. “Aber jetzt bin ich selbstsicherer geworden; jetzt kann ich ganz selbstbewusst aufblicken!”

© 2016 BNM & Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

Weihnachtsfreude 2015: Hoffnungsschimmer

Dumpf liegt der Nebel auf den Hügeln, als wir von Pravets in Richtung Nordosten fahren, umhüllt Häuser und Bäume mit einem trüben Schleier. Die Welt, die sich in den letzten Tagen von ihrer schönsten Sonnenseite gezeigt hat, wirkt plötzlich ganz anders, schweigsam, bedrückend, fast ein wenig bedrohlich. Am Sonntag sind wir angereist, vier Helping Hands Mitarbeiter und Ehrenamtliche aus Deutschland, um das Verteilen der Weihnachtspäckchen in Bulgarien mitzuerleben und einige der Menschen kennenzulernen, denen die Päckchen eine Weihnachtsfreude bereiten. Dabei durften wir am Montag und Dienstag schon viel Freude und vor allem auch Hoffnung erfahren – in Vidrare, wo nach Jahren intensiver Entwicklungs- und Aufklärungsarbeit eine deutliche Änderung im Denken der Menschen spürbar ist; in Tarnava, einem Vorzeigedorf für Roma-Familien, die durch Selbsthilfe ihre Situation verbessern, die sich aber trotzdem herzlich über ein Weihnachtspäckchen freuen, gerade auch deshalb, weil dadurch ihre Eigeninitiative gewürdigt wird.

Heute früh geht es nach Osikovska Lakavitsa – und dort ist nicht nur der Ortsname eine Herausforderung. Denn nicht alle bedürftigen Familien sind, wie in Tarnava, bereit, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, sondern verlassen sich auch gerne mal auf das, was die Regierung ihnen verspricht. Der Unterschied ist nicht zu übersehen: Einige Teile des Ortes erinnern eher an ein Ghetto. Zhana, unsere einheimische Kollegin, begann erst kürzlich in diesem Dorf mit ihrem Dienst und weiß, dass noch eine Menge Aufklärungsarbeit auf sie zukommt, um Eltern nahezulegen, dass Leben nicht nur Überleben ist – und dass ihre Kinder eine bessere Zukunft verdient haben.

Das Schulhaus in Osikovska Lakavitsa ist kalt und deutlich ärmlicher als die Gebäude, die wir in den letzten Tagen besucht haben. Dafür ist der Empfang ebenso herzlich und die Kinder strahlen uns ihr Willkommen entgegen. Ein kleiner Chor, in bunte Tracht gekleidet, singt bulgarische Weihnachtslieder für uns – gar nicht so selbstverständlich, denn keines dieser 47 Roma-Kinder konnte bei der Einschulung Bulgarisch. Hinter den Kindern hängt ein großes Schild, auf dem in Deutsch fein säuberlich aufgeschrieben ist: „Willkommen! Wir freuen uns, dass Sie sich in unserer Schule! Vielen Dank!“ Genau was wir „in unserer Schule“ dürfen, entscheiden wir ganz spontan selbst: Nach der Päckchenverteilung begleiten wir die Kinder in eins der Klassenräume und verbringen ein bisschen echte Zeit mit ihnen: Neben einem Lied und den Zahlen von 1 bis 10 ist da auch Zeit für gemeinsames Lachen, für viele Umarmungen, für die Möglichkeit, den Kindern etwas Liebe und Wertschätzung weiterzugeben.

Leider müssen wir uns allzu früh verabschieden, um zum nächsten Ort weiterzufahren. In Osikovitsa herrscht eine andere Atmosphäre. Zwar gibt es auch hier viel Armut, doch einige der Roma-Familien fügen sich nicht in ihr Schicksal und möchten selbst dazu beitragen, ihren Lebensstandard zu verbessern – „Kämpfer“ nennt eine der Lehrerinnen diese Familien. Trotzdem ist auch dieser Ort nicht ohne Herausforderungen. Wie in vielen anderen Orten leben hier Roma und bulgarische Familien Seite an Seite, und das alles andere als friedlich. Aber in Osikovitsa hat eine gesunde Integration begonnen – dank eines Theatervereins. Die Idee dazu entstand vor zwei Jahren, als Zhana und eine der Lehrerinnen zusammensaßen und überlegten, wie sie dem ethnischen Konflikt in der Siedlung begegnen könnten. Kurz darauf wurde der Theaterverein gegründet, in dem Roma und Bulgaren gemeinsam schauspielern – und das sehr erfolgreich; sogar für einen internationalen Wettbewerb konnte die Theatergruppe sich qualifizieren. Vor allem aber trägt das gemeinsame Projekt enorm zur Konfliktbewältigung bei und unterstützt die Entwicklung der Kinder. “Wir können beobachten, wie das Selbstwertgefühl dieser Kinder jeden Tag wächst – weil jemand sich dafür interessiert, was sie tun”, berichtet uns die Lehrerin, die die Leitung des Theatervereins übernommen hat.

In der Schule wird uns ein kleiner Auszug des diesjährigen Weihnachtsstücks vorgespielt. Dann geht es an die Weihnachtspäckchenverteilung. Dafür sind einige der Eltern in die Schule gekommen, denn für die kleinsten Kinder sind die Päckchen viel zu schwer. Im Schulkorridor, wo wir die Pakete übergeben, ist es ziemlich düster – dafür strahlen die Augen der Kinder umso mehr, als sie ihr Päckchen in Empfang nehmen. Und nicht nur Weihnachtsfreude spiegelt sich in ihren Gesichtern wider – da ist auch eine gewisse Selbstsicherheit, die die stolzen Blicke der Lehrer unterstreicht.

Später besuchen wir noch eine Familie in Osikovitsa. Die Mutter ist vor kurzem mit ihren drei Söhnen hierher zurückgezogen, nachdem der Vater des dritten Sohnes sie verlassen hat. Jetzt leben sie in einer kleinen Hütte auf dem Grundstück ihrer Verwandten, eigentlich nur eine halbe Garage, aber freundlich und warm. Niki, der Jüngste, nimmt das Weihnachtspäckchen in Empfang. Erst schaut er noch etwas skeptisch, schleppt das Päckchen zum Bett, beäugt es kritisch, während der große Bruder es öffnet. Doch mit jedem kleinen Schatz, den er aus dem Päckchen ausgräbt, steigt die Begeisterung. Den Kaffee und Reis reicht er gleich seiner Mutter: “Die sind für dich!” Die erste Tafel Schokolade, die zum Vorschein kommt, erhält noch eine beglückte Umarmung; Tafel zwei und drei werden dann vorsichtig auf dem Bett zurechtgelegt: “Das ist für meine Brüder, denn ohne die kann ich nicht leben!” Auch die Gummibärchen werden brav geteilt: Schon bald zieren drei kleine Häufchen Gummibärchen, fein säuberlich auf Taschentüchern serviert, die Kommode beim Ofen. Fröhlich schaut die Mutter ihrem Vierjährigen zu; man sieht genau, dass sie stolz ist auf ihre Jungs und dankbar für die guten Dinge aus Deutschland, die ihnen das Weihnachtsfest versüßen. Der mittlere Sohn spielt dieses Jahr beim Weihnachtstheaterstück mit: ein kleiner Friedensbote, der gemeinsam mit seinen Mitschülern dazu beiträgt, dass gelungene Integration nicht nur ein Begriff bleibt.

Als wir Osikovitsa verlassen, ist die Landschaft noch immer in Nebel gehüllt. Doch plötzlich schimmert kurz die Sonne hinter dem Wolkenschleier hervor – so wie auch das Dorf erhellt ist von Hoffnungsschimmern in der Gewissheit, dass Armut, Abhängigkeit und Konflikte keine Macht haben müssen. Und auch unsere Weihnachtspäckchen sind so ein Hoffnungsschimmer: ein Zeichen der Liebe, das Kindern und Familien vermittelt, wie wertvoll sie sind.

 

Seit etlichen Jahren entsendet Helping Hands allweihnachtlich Hilfstransporte nach Rumänien und Bulgarien. Die Weihnachtspäckchen, gefüllt mit allerlei Lebensmitteln und Hygieneartikeln, werden an bedürftige Kinder, Familien und ältere Menschen verteilt und sind oft das einzige Geschenk, das diese Menschen erhalten. Auch in diesem Jahr haben sich zahlreiche Einzelpersonen und Familien im Main-Kinzig-Kreis und ganz Deutschland an der Weihnachtspäckchenaktion beteiligt. Im Namen aller Beschenkten bedanken wir uns für diesen Einsatz!