Chancen in der Krise

Update aus der Ukraine

Über ein halbes Jahr dauert der Krieg in der Ukraine nun an. Millionen sind geflüchtet, aber viele Millionen harren noch immer aus in einem Land, in dem das tägliche Überleben keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Und die, die ihre Heimat verlassen haben, sind oft hin- und hergerissen: fortbleiben, dort, wo es sicher ist, oder heimgehen, dorthin, wo sie vielleicht gebraucht werden?

Im August konnten wir Vladimir und Sylvia treffen, die die Arbeit unseres Partners in der Ukraine leiten und derzeit von Polen aus ihren Dienst fortsetzen – zum Beispiel auch, Geflüchtete zu besuchen und sie zu ermutigen.

Unzählige Geschichten haben sie schon gehört, Geschichten von Trennung und Sorge, von Freundschaft und unerwartetem Willkommen, von Hoffnungslosigkeit und von neuem Mut. Und dann sind da natürlich die täglichen Bilder aus der Ukraine: Bilder der Zerstörung, ganze Städte in Trümmern, vernichtete Infrastruktur. „Es wird vielleicht dreißig Jahre dauern, um alles wiederherzustellen“, vermutet Vladimir. Und noch ist der Krieg nicht vorbei!

Aber die Krise bietet auch neue Möglichkeiten. „Wir sehen das wirklich auch als Chance“, betont Sylvia, „eine Chance, nach dem Krieg verschiedene Dienste in einem besseren Format neu aufzubauen.“

Dazu gehören zum Beispiel die Rehazentren für Drogen- und Alkoholabhängige, die Helping Hands schon in der Vergangenheit unterstützt hat. Oder eine Art Ausbildungszentrum, in dem diese Menschen einen Beruf erlernen oder ein kleines Unternehmen aufbauen können, um unabhängig zu werden.

„Wir möchten auch in die neue Generation investieren, durch Bildung und ähnliches“, fügt Vladimir hinzu. „Das ist Teil unserer Vision für den Wiederaufbau. Und wir dürfen die Senioren nicht vergessen. Sie gehörten schon vor der Krise zu den gefährdeten Bevölkerungsgruppen, aber jetzt sind sie noch viel schlimmer dran.

Ein weiterer Fokus sollte auf Familien sein. Dieser Krieg hat sie hart getroffen – die Trennung, physische Trennung aber auch in anderen Bereichen, die Kinder leiden unter Kriegsneurose – wir müssen darauf vorbereitet sein, ihnen zu helfen, ich bin noch nicht sicher wie genau, aber vor allem psychisch und geistlich. Gebäude sind da erst mal nebensächlich! Wir müssen auf die Traumata eingehen, und ganz wichtig: Versöhnungsarbeit leisten. Und dabei sollten wir nicht warten, bis der Krieg vorüber ist. Soweit möglich müssen wir jetzt schon aktiv werden!“

Das ist natürlich gar nicht so einfach. In der Ukraine konzentriert die Hilfe sich derzeit noch auf dringend benötigte Lebensmittel und Hygieneartikel. Aber außerhalb sind schon viele gute Initiativen angestoßen worden.

Eine davon ist das „Sweet Surrender“ Café in Poznań, Polen. Vor fast zwanzig Jahren hat Helping Hands dieses Sozialprojekt unterstützt. Zwischenzeitlich war es geschlossen, doch jetzt wurde es wiedereröffnet als ein Gemeinschaftshaus für Flüchtlinge aus der Ukraine; zu den Angestellten gehören Ukrainer und Polen. Zuerst ging es darum, den Menschen dabei zu helfen, richtig anzukommen und sich einzuleben. Jetzt werden unter der Woche verschiedene Programme angeboten: In vier Sprachkursen und zwei Gesprächs-Clubs können Polnisch und Englisch gelernt werden; Frauen treffen sich einmal pro Woche für eine Kaffeestunde; Kinder und Jugendliche spielen, lernen und lachen gemeinsam in wöchentlichen Clubs, in denen sie auch polnische Jugendliche kennenlernen können; seit kurzem wird Kunst-Therapie angeboten, um u.a. Trauma zu verarbeiten. Auch Musikunterricht, Spielabende, Kochkurse und Gruppentherapie gehören zum Programm.

„Die Leiter konzentrieren sich darauf, herauszufinden, was die Ukrainer im Moment brauchen“, erklärt Sylvia. „Sie leisten wirklich gute Arbeit und bieten den Menschen einen sicheren Raum, in dem sie nicht nur Zeit verbringen, sondern auch wachsen können.“

Und Vladimir fasst zusammen: „Was die Menschen mit am wichtigsten brauchen, ist das Gefühl, dass sie nicht alleine sind.“

 

Wenn Sie uns dabei unterstützen möchten, den Menschen der Ukraine langfristig Hoffnung zu schenken, spenden Sie bitte mit Vermerk „Ukraine-Krise“ über unsere Online-Spende oder per Überweisung auf unser Konto (IBAN: DE56 5075 0094 0000 022394).

„Auf einem guten Weg“ – Wirkungsbeobachtung in Srimongol, Bangladesch

Taramoni sitzt in ihrem wellblechgedeckten Lädchen am Straßenrand, von der Decke hängen kleine Tüten mit Chips, Keksen und in Einzelportionen eingeschweißtes Shampoo; auch Zahnbürsten, Süßigkeiten und diverse Getreidesorten hat sie im Angebot. Aber wenn gerade keine Kunden ihre Aufmerksamkeit verlangen, dann sitzt Taramoni nicht etwa untätig herum. In jeder freien Minute summt die Nähmaschine, die vorm Tresen auf ihre fleißigen Hände wartet. Und so kommen Kunden auch mal, um statt der Packung Kekse eine neue Hose für den Sohn zu bestellen. Sehr zufrieden und selbstbewusst wirkt Taramoni, und auf die Frage, ob ihr Multi-Tasking-Job ihr Spaß macht, antwortet sie mit einem begeisterten JA!

„Vorher saß ich einfach nur zuhause rum, hatte nichts zu tun“, erklärt sie uns dann. Vorher – das war, bevor sie im Projekt unseres Partners verschiedene Schulungen besuchte. „Nachdem ich die Schulungen erhalten hatte, merkte ich, dass ich durchaus etwas tun konnte und nicht zuhause bleiben brauchte! Erst hab ich eine kleine portable Teestube angefangen und damit Geld verdient. Bald konnte ich diesen Laden eröffnen. Dann fiel mir auf, dass ich ja noch Zeit übrig hatte, und hab mir selber Nähen beigebracht, und mein Vater hat mir eine Nähmaschine geschenkt.

Jetzt habe ich gleich zwei Jobs: den Laden und die Schneiderei. Deshalb habe ich auch die Teestube aufgegeben: denn hier im Laden kann ich beide Jobs machen und meine Nähmaschine hier hinstellen, wo die Kunden sie sehen. Das ist meine Strategie, um noch mehr Kunden zu werben.“

Im hinteren Teil des Ladens, etwas verdeckt hinter langen Girlanden aus über Fäden aufgehängten Chipstüten, baumeln ein paar Stoffe. Taramoni deutet in die etwas überfüllten Ecken ihres Shops. „Ich hoffe, dass ich bald genug verdient habe, um meinen Laden zu vergrößern. Dann kann ich ihn in zwei Teile aufteilen – einen für die Lebensmittel, einen für die Schneiderei. Dort könnte ich dann mehr Stoffe zeigen und verschiedene Kleidungsstücke zum anschauen oder anprobieren. Im Moment ist das noch alles da hinten –“ und sie zeigt in einen etwas düsteren Raum, der zur Hintertür des Ladens führt.

„Aber es hat sich schon sehr viel verändert zu früher. Ich verkaufe zwar nicht immer gleich viel, aber die meisten Tage habe ich ein durchschnittliches Einkommen von 400 Taka (ca. 4 Euro). Damit kann ich meine gesamte Familie versorgen. Mein Mann arbeitet jetzt in einer Apotheke, aber er war lange arbeitslos, und wir mussten nur mit meinem Geld auskommen. Jetzt geht es uns viel besser, und wenn ich mich mit meinen Nachbarn vergleiche, dann geht es uns richtig gut.“

Am Straßenrand vor dem Lädchen spielen einige Kinder – zwei davon, ein 10-jähriges Mädchen und ein 6-jähriger Junge, gehören zu Taramoni. „Ich wäre glücklich, wenn meine Tochter später mal Krankenschwester wird. Und für meinen Sohn wünsche ich mir, dass er eine Apotheke leitet – nicht als Angestellter, wie sein Vater, sondern als Inhaber.“

Keine ganz kleinen Träume in einem Land, wo der soziale Aufstieg für viele nur ein schöner Wunsch bleibt. Aber Taramoni glaubt man sofort, dass sie diese Ziele für ihre Kinder auch erreichen kann.

 

Taramoni ist eine von ca. 3000 Frauen, die im Rahmen eines Großprojektes in Srimongol im Nordosten Bangladeschs geschult wurde. Das Projekt, das zu ca. 80% vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert wurde, konzentrierte sich auf ca. 10.000 Familien (etwa 50.000 Personen), die für ihr Einkommen vornehmlich auf Arbeit in den Teeplantagen oder als Tagelöhner angewiesen waren und damit zur bedürftigsten Bevölkerungsgruppe gehörten; Ziel war, durch den Bau eines Schulungszentrums und einer Schule sowie ein umfassendes Schulungsprogramm die wirtschaftliche Lage der Familien und die Bildung der Kinder langfristig zu verbessern.

Heute, zehn Jahre nach Projektbeginn, sind die Erfolge deutlich sichtbar.

Da ist neben Taramoni zum Beispiel auch Menoka, die aus ihrem großen Gemüsegarten – natürlich mit eigenem Saatgut angelegt und ökologisch gedüngt – und Viehzucht nicht nur ein zusätzliches Einkommen erzielt, sondern sich durch das nahrhafte Essen ihre Gesundheit und die ihrer Familie deutlich verbessert hat. Inzwischen hat sie genügend Geld gespart, dass sie einen kleinen Laden eröffnen kann, wenn die Kinder groß genug sind. „Das wichtigste ist, dass meine Kinder eine gute Ausbildung erhalten“, betont sie.

Oder Sujata, die keine Kinder hat und mit ihrem Mann und Schwager in einer Lehmhütte wohnt. Die beiden Männer arbeiten in den Teeplantagen, sechs Tage in der Woche, und verdienen im Monat zu zweit nur etwa so viel, wie Sujata alleine durch ihre Viehzucht erzielt – sieben Kühe hat sie, drei Ziegen und einige Hühner, davon verkauft sie Milch, Eier, Huhn und Öko-Dünger. All das hat sie im Projekt gelernt. Und sie hat noch Ziele und Träume: Ihre Viehzucht möchte sie ausweiten und schließlich ein richtiges Haus bauen, aus Beton und Wellblech, nicht nur Lehm. Außerdem würde sie sich weitere Schulungen wünschen – im Schulungszentrum finden weiterhin regelmäßig Schulungen für die Zielgruppe statt –, zum Beispiel in der Herstellung von „Vermi-Compost“ (mit Kompostwürmern). Dann könnte sie ihr Einkommen zeitnah steigern und ihr Traum vom Haus sich umso schneller erfüllen.

Dass die Schulungen einen Unterschied im Leben einzelner Familien gemacht haben, ist nicht zu übersehen. Abgesehen vom gesteigerten Einkommen berichten die Frauen, wie sich auch sonst ihre Lebensweise geändert hat: Sie sind bessere Eltern, achten stärker auf Gesundheit, bereiten nahrhaftes Essen zu, wissen um gute Hygiene und sorgen dafür, dass der ganze Haushalt die Prinzipien umsetzt. Sie haben auch gelernt, mit Geld umzugehen und – ganz grundlegend für eine langfristige Veränderung: einen gewissen Betrag zu sparen, damit für Notfälle Geld da ist, aber vor allem auch, um sich weiterzuentwickeln, ein Geschäft zu vergrößern, etwas neues dazuzulernen, nicht dort stehen zu bleiben, wo sie vorher waren.

Das meiste, was Taramoni, Menoka, Sujata und die anderen Frauen in Srimongol gelernt haben, wurde ihnen im Rahmen einer Selbsthilfegruppe weitergegeben. „Was ich jetzt habe“, erklärt Sujata, „all das hab ich in der Selbsthilfegruppe gelernt. Ich habe wirklich von dieser Gruppe profitiert!“ In den Gruppen lernten die Frauen sparen, erhielten Kredite für ihre Kleinstunternehmen, besuchten Schulungen über Gemüsegärten, Viehzucht und verschiedenste Erwerbstätigkeiten gemeinsam mit ihren Kolleginnen aus der Gruppe.

Leider ist heute keine dieser drei Gruppen mehr aktiv. Die einen waren plötzlich zu beschäftigt, hatten nicht genug Zeit, um sich zusammenzusetzen und Probleme gemeinsam zu diskutieren, entwickelten sich auch in den Interessen immer mehr auseinander. Eine andere Gruppe lief für einige Jahre, aber dann gab es einen Konflikt, und es war keiner da, der helfen konnte, diesen Konflikt zu lösen. Die dritte Gruppe hatte sogar gemeinsam ein Einkommensprojekt gestartet und machte ziemlich guten Gewinn, doch es gab keine Einheit in der Gruppe und einzelne Mitglieder fühlten sich nicht mit ihrer Meinung wertgeschätzt; die Gruppe brach auseinander.

Im Gespräch mit unserem Partner vor Ort lassen sich einige Erkenntnisse daraus ableiten.

Auf der einen Seite zeigen diese Beispiele den Wert der Schulungen und des gemeinsamen Lernens. Denn auch wenn die Gruppen der drei Frauen nicht mehr bestehen, so setzen sie doch weiter das Gelernte um, nicht nur in den Erwerbstätigkeiten, sondern auch in Aspekten des täglichen Lebens. Und: Alle drei Frauen sparen weiter und wissen, dass sie nun aus eigener Kraft die nächsten Schritte in ihren Unternehmen gehen können. Eine andere Gruppe im Projektgebiet formte sich kürzlich neu in Eigeninitiative, nachdem sie eine Weile inaktiv war – weil die Frauen sich daran erinnerten, dass das gemeinsame Sparen und gemeinsame Lernen der beste Weg ist, sich positiv weiterzuentwickeln und nicht von Kredithaien abhängig zu werden.

Auf der anderen Seite wird durch die Situation aber auch deutlich, dass zwei Jahre als Projektlaufzeit zu kurz sind, um Selbsthilfegruppen nachhaltig auf eigene Beine zu stellen – und auch, dass Projekte nach gründlicher Recherche noch intensiver an die lokale Situation angepasst werden müssen. Denn in Satkhira und Jessore im Südwesten Bangladeschs, wo ein paar Jahre vorher ein vom BMZ gefördertes ebenfalls zweijähriges Schulungsprojekt beendet wurde, hatten die Frauen sich schon wenige Jahre später zu Kooperativen zusammengeschlossen (einen Bericht dazu finden Sie hier) – dort hatten die Menschen einfach eine andere Einstellung. Zusätzlich wurde dort aber auch nur kurze Zeit nach Projektende ein Folgeprojekt mit anderem Fokus begonnen, das mit den gleichen Selbsthilfegruppen zusammenarbeitete – dadurch war genug Personal vor Ort, das die Gruppen weiter begleiten und helfen konnte, etwaige Konflikte zu lösen.

Inzwischen wurde auch in Srimongol ein solches Folgeprojekt gestartet (nicht von Helping Hands finanziert), das sich vor allem auf Gesundheitsthemen konzentriert. Dadurch ist wieder mehr Kontakt mit der Zielgruppe, inaktive Gruppen können reaktiviert und neue gebildet werden.

Eine davon besteht aus 17 Teenagern – alles Mädchen im Alter von 12 bis 17. Die Gruppe haben sie gegründet, um sich gegenseitig zu beschützen, um gemeinsam zu lernen, gute Entscheidungen zu treffen, ihre Probleme zu lösen und ihre Träume zu verwirklichen. Und Träume, die haben sie ebenso wie Taramoni, Menoka und Sujata. „Mein Traum ist, Polizistin zu werden und meiner Nation zu dienen“, erzählt eine der jungen Frauen. „Hier ist Drogensucht ein Problem, ich möchte daran arbeiten, sie auszurotten“, meint ein Mädchen mit Überzeugung; eine andere erklärt, „Ich will die Dorfbewohner über Kinderehe aufklären und diese Praxis in unserem Dorf stoppen.“

Gemeinsam, das wissen sie, können sie einen Unterschied machen. Ihre größte Herausforderung ist die Bildung – „denn unsere Eltern interessieren sich nicht dafür, Mädchen auszubilden – in unseren Dörfern gibt es den Aberglauben dass Frauen nicht gebildet sein sollen, sondern zuhause bleiben. … Aber wenn wir uns selbst weiterbilden, können wir eine bessere Zukunft für unsere Familie schaffen, sodass die nächste Generation besser ausgebildet und wohlhabender sein wird. Wenn wir selbst gebildet sind, können wir andere unterrichten, sodass sie von uns lernen und Wissen erhalten können.“

Gemeinsam lernen, gemeinsam aktiv werden, sich selbst weiterbilden und Wissen an andere weitergeben – das sind grundlegende Elemente, um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen und gemeinsam eine bessere Zukunft zu schaffen. Manchmal, wie eine Frau in der reaktivierten Selbsthilfegruppe vermutet, dauert das halt ein bisschen länger: allmählich, Schritt für Schritt ändert sich das Leben. Und Taramoni, Menoka, Sujata, aber auch die jungen Mädchen in der neuen Gruppe, sind bereits auf einem guten Weg.

 

Das Projekt in Srimongol wurde im März 2022 von unserer internationalen Geschäftsführung besucht und evaluiert.