Nicht mehr bei Null anfangen

Familien in Mongla im südwestlichen Küstengebiets Bangladesch kämpfen gegen die Folgen des Klimawandels

„Sehen Sie, hier, wo es feucht ist, bis dahin kommt das Wasser, wenn die Flut ihren höchsten Pegel erreicht hat.“

Wir stehen vor einer armseligen Hütte, errichtet aus getrockneten Gräsern und Palmblättern, der Boden festgetretene Erde. Ein altes Fischernetz ist über das Strohdach gespannt, damit in dem oft heftigen Wind nichts davonweht. An der Außenwand stehen ein paar Töpfe und Eimer, an Seilen flattern Kleider zum Trocknen. Keine zwei Meter vor der Türschwelle wird der Lehmboden auf einmal feucht: die Hochwasserkante, die den Hüttenbewohnern kaum genug Raum bietet, bei Flut ihren Eingang zu erreichen. Einen Meter weiter bricht das Flussufer jäh ab – mürbe, vom Wasser ausgefressen, nur ein paar Wurzeln halten den Lehm zusammen. Dahinter erstreckt sich, nach ein paar Metern Schlamm, der Pashur-Fluss, breit wie ein See, bedrohlich wie das Meer selbst.

„Früher war mein Haus da draußen“, erklärt Sukanta, dem die Hütte gehört, und er zeigt einige Bootslängen auf den offenen Fluss hinaus, wo sich das trübe Wasser träge im Wind kräuselt. „Aber das Flussufer ist immer weiter eingebrochen, also hab ich die Hütte weiter ins Land gebaut. Das war vor ein paar Jahren – da war der Fluss noch weit weg von hier.“

Warum er denn überhaupt hier baut, fragen wir.

„Ich besitze kein Land“, sagt er. „Ich habe keine andere Wahl.“

Ein Häuschen direkt am Flussufer, wo die sanft anrollenden Wellen einen abends in den Schlaf flüstern  – wie idyllisch klingt das in unseren Ohren! Für die Menschen in Chila und Chandpai im Bezirk Mongla im südwestlichen Bangladesch ist es eher lebensbedrohlich.

Denn da sind nicht nur die immer weiter ins Land drückenden Wellen aus der Bucht von Bengalen, die die Flussufer zerfressen wie Säure. Seit der Klimawandel weltweit das Wetter verrückt macht, werden Gebiete wie Mongla immer häufiger von verheerenden Wirbelstürmen heimgesucht, die nicht nur sintflutartigen Regen und orkanstarken Wind mit sich bringen, sondern auch baumhohe Flutwellen, denen Hütten wie die von Sukanta nicht standhalten können.

„Im letzten schlimmen Zyklon, dem Amphan, ist alles zusammengestürzt und fortgeschwemmt worden“, berichtet Sukanta. „Aber ich bin das gewöhnt – 33 Jahre bin ich jetzt alt, und ich kann mich erinnern, dass es seit meiner Kindheit bei jedem Wirbelsturm so war … und ich hab viele Wirbelstürme erlebt!“

Wie die anderen Menschen dieser Gegend hat Sukanta eine beeindruckende Unbeugsamkeit – den Mut, wieder und wieder neu anzufangen, auch wenn man alles verloren hat. Trotzdem – für seine Familie wünscht er sich etwas anderes, für seine Frau und die zwei Söhne, 9 Jahre und 9 Monate alt.

„Als beim letzten Wirbelsturm die Warnsignale kamen, hab ich sie geschnappt und zum nächstgelegenen Zyklon-Schutzraum gebracht“, erinnert er sich. „Dann bin ich zu unserer Hütte zurückgerannt, um auf unsere Sachen aufzupassen. Ich dachte nicht, dass das Wasser so weit kommen würde. Trotzdem habe ich vorsichtshalber alles in Päckchen verpackt – wir haben ja nicht viel. Als das Wasser dann doch kam, hab ich alles zur Straße geschleppt und da aufgestapelt. Und dann ist das Haus zusammengebrochen.“

Die Straße – eigentlich verdient sie diesen Namen nicht. Ein paar Ziegel und festgetretener Lehm, oben auf dem brüchigen Damm, gerade breit genug, dass zwei Motorräder aneinander vorbeikommen. Bei Überschwemmungen leben oft ganze Familien tage- oder gar wochenlang auf diesem schmalen Streifen Erde, während rechts und links das Wasser schwappt und man sich nie ganz sicher ist, ob es diese letzte Zuflucht nicht auch noch unter sich begräbt.

„Ich hatte Glück.“ Sukanta ist mit seiner Geschichte noch nicht fertig. „Es ist hier zwar alles weggeschwemmt worden, aber nur ein kurzes Stück. Nach dem Wirbelsturm, als das Wasser zurückgegangen war, konnte ich die Einzelteile wieder einsammeln – Holzpfosten und so. Dann hab ich erstmal eine provisorische Unterkunft gebaut, wo wir als Familie wohnen konnten. Und danach haben wir Nachbarn uns alle gegenseitig geholfen, unsere Häuser wiederaufzubauen. Das machen wir immer so.“

Den Mut, nach solch einer Katastrophe wieder bei Null anzufangen – das haben die Menschen in Mongla jedenfalls. Aber das muss nicht sein! Sicherlich – den Klimawandel und die daraus resultierenden Naturkatastrophen können Sukanta und seine Nachbarn nicht stoppen; hier sind andere gefragt, ihren Teil dazu beizutragen. Aber durch die richtigen Vorsorgemaßnahmen können Familien und Kommunen dafür sorgen, dass der Schaden nicht so groß ausfällt. Und durch Bewusstseinsbildung in bestimmten Bereichen und ein erhöhtes Einkommen können Menschen „Resilienz“ aufbauen, sodass sie und ihr Eigentum weniger gefährdet sind und nach der nächsten Katastrophe eben nicht ganz unten bei Null anfangen müssen.

„Mein größter Wunsch ist, dass ich ein besseres Haus für meine Familie an einem sicheren Ort bauen kann“, sagt Sukanta. „Aber dafür verdiene ich nicht genug.“ Als Fischer auf dem Fluss arbeitet er, an sich schon ein harter Job mit geringem Ertrag, aber neue Verordnungen der Regierung machen die Arbeit immer schwerer. Manchmal fischt er nachts, um der Küstenwache zu entkommen, aber das ist gefährlich. „Wenn ich nur die Möglichkeit bekommen würde durch dieses Projekt, von dem ihr redet, ein höheres Einkommen zu verdienen – das würde mir und meiner Familie immens helfen.“

Den mehr als 5000 bedürftigsten Familien in Chila und Chandpai ein besseres und vor allem durchgehendes Einkommen zu ermöglichen … sie darin zu unterstützen, ihre Lebensgrundlagen an die Klimawandelsituation anzupassen … ihre Haushalte und Dörfer so auf Katastrophen vorzubereiten, dass möglichst wenig an Menschenleben oder Hab und Gut verlorengeht … sie zu motivieren und auszurüsten, sodass sie ihre sozioökonomische Entwicklung selbst in die Hand nehmen können – das sind nur ein paar der Ziele, die sich unsere Kollegen für das Klimawandel-Projekt in Mongla gesteckt haben. Seit Oktober 2021 engagiert sich unser Partner in diesem umfassenden Projekt, das noch bis Frühjahr 2025 andauern wird. Und schon jetzt zeichnet sich die Hoffnung auf den Gesichtern der Projektteilnehmer ab.

Geht dein älterer Sohn zur Schule? fragen wir noch, bevor wir uns von Sukanta verabschieden.

„Ja“, sagt er nur. Aber man liest sie in seinem Gesicht: all die Träume, die er für seine Söhne hegt, die hoffnungsvollen Erwartungen – dass sie ihr Leben nicht damit zubringen werden, vor dem heranrückenden Flussufer zu fliehen, dass sie Notlagen zuversichtlich ins Auge schauen können, weil sie nicht nur den Mut, sondern auch die Ressourcen haben, dort weiterzumachen, wo der Sturm sie unterbrochen hat: und dass sie dann nicht mehr bei Null anfangen müssen.

 

Dieses Projekt wird zu 75% vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert; Helping Hands e.V. muss einen Eigenanteil von 12,5% aufbringen (ca. 32.000 EUR). Wenn Sie die Familien in Chila und Chandpai (Mongla) im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels unterstützen möchten, spenden Sie bitte mit Vermerk „Mongla“.

Hoffnung für Unterwegs – in Polen

Augenzeugenbericht einer Flüchtenden aus der Ukraine in Polen

„Wer hätte gedacht, dass mindestens 4 Millionen ukrainische Flüchtlinge, insgesamt 7 Millionen Menschen, aus ihrer Heimat vertrieben werden?

Ich bin eine von ihnen. Stellt euch das vor.

Diese Woche hatten wir erneut Gelegenheit, Flüchtlingen an der Grenze zu Przemyśl zu helfen. Unser dortiges Team von Nazarene Compassionate Ministries ist etwas geschrumpft, aber eine Kerngruppe ist geblieben. Der Zustrom von Flüchtlingen hält an, und so bleibt NCM vor Ort.

Viele der Flüchtlinge sind verängstigt, erschöpft, verwirrt und besorgt. Es ist nicht leicht, die Grenze zu überqueren. Sie wissen, dass sie irgendwie in Sicherheit sind, aber die Angst bleibt.

Für viele war es eine lange Reise. Die Menschen brauchen viele Tage, um die Grenze zu erreichen, und sobald sie sie überquert haben, müssen sie sich in einem völlig neuen Land zurechtfinden. Zunächst müssen sie die Passkontrolle passieren und einen unbekannten Bahnhof durchqueren, während in ihren Ohren eine fremde Sprache klingt. Dann müssen sie den Bahnsteig verlassen und den Hauptbahnhof finden, um ein Zug- oder Busticket für ihr nächstes Ziel zu kaufen. Die meisten von ihnen sind Frauen, Kinder und Großmütter. Ich habe mindestens zwei ältere Frauen in den Achtzigern gesehen, die allein unterwegs waren und sich mit einer Handtasche und einer kleinen Tasche durchschlugen. Wie absolut mutig von ihnen, denke ich mir. Andere kommen mit großen Koffern und Taschen, die sie nicht die vielen Treppen hinauf und hinunter tragen können, sodass Freiwillige ihnen zu Hilfe eilen.

Wie viele Koffer, Taschen mit gerissenen Gurten und Haustierkoffer habe ich getragen! Die Menschen sind so benommen und gestresst. Sie haben Fragen und zögern, sie zu stellen, aber sie starren auf unsere gelben Westen. „добрий вечір!“ („Guten Abend!“), sage ich mit einem Lächeln. Und eine Welle der Erleichterung macht sich breit. „Ich muss…“, sagen sie. Einige musste herausfinden, wie sie zur Hauptbahnhofshalle kommen. Ein anderer brauchte eine kostenlose polnische Telefonkarte. Eine weitere Person wollte wissen, wie sie einen Bus in eine andere Stadt in Polen finden konnte. Andere brauchten eine Unterkunft für die Nacht.

Mittendrin sind die Menschen, die nach ihren Freunden oder Familienangehörigen suchen, die gerade ankommen. „Wann kommt der Zug aus Kiew an?“ Eine Frage, die wir nicht mit Gewissheit beantworten können, weil der Zug immer zu einer anderen Zeit ankommt. Und natürlich fragen auch viele: „Wo muss ich hin, um den Zug nach Kiew zu nehmen?“ In dieser Schlange stehen viele Männer, Journalisten und Amerikaner. Unter den ehrenamtlichen Helfern traf ich einen Mann aus Oregon, der erst vor zwei Wochen mit seiner Freundin angereist war und seitdem auf jede erdenkliche Weise hilft. Ein anderer junger Mann, den ich traf, kam allein aus Kanada. Er hat einen 9-Personen-Bus gemietet und fährt die Leute kostenlos herum. Gestern Abend füllte er seinen Wagen mit Menschen, die nach Krakau wollten. Es dauerte keine 20 Minuten, und schon waren sie weg.

Eine Flüchtlingsfamilie, der ich begegnete, hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt. Sie waren mit uns im Zug auf dem Weg nach Norden. Eine Großmutter, ihre Tochter und eine Enkelin in ihren Zwanzigern. Sie stammten aus Kharkiv, einem der am stärksten betroffenen Gebiete. Die Großmutter weinte ständig und dachte an ihren 40-jährigen Sohn, den sie zurücklassen mussten. Sie versuchte immer wieder, ihn anzurufen, aber er war den ganzen Tag nicht ans Telefon gegangen. Ihre Wohnung war völlig zerstört. Sie waren auf dem Weg nach Berlin.

Sie erzählten uns, dass der Zug aus Kharkiv, der normalerweise nicht mehr als 15 Waggons hat, bei der Evakuierung mindestens 30 hatte. Der Zug war so voll, dass in jedem Abteil, in dem normalerweise nur vier Personen Platz haben, bis zu 17 Personen saßen. Die Menschen standen überall verstreut auf dem Gang. Man wollte unbedingt so viele Menschen wie möglich unterbringen, und so fingen die Fahrgäste an, ihr eigenes Gepäck oder ihre Taschen aus dem Fenster zu werfen, nur um ein weiteres Kind oder eine weitere Person unterzubringen. Stellt euch das vor!

Die junge Frau erzählte uns, dass eine ihrer Freundinnen mit ihren Eltern geflohen war und sie es bis nach Österreich geschafft hatten. Als sie angekommen waren, erlitt der Vater der Freundin einen Nervenzusammenbruch.  Ich stellte mir vor, was er in der Ukraine durchgemacht haben muss: die Bombardierungen, die Luftschutzbunker, den Hunger, und dann die Flucht, der Weg über die Grenze, in einen überfüllten Zug steigen, ein neues Land nach dem anderen, eine neue Stadt nach der anderen, die langen Zugfahrten, und die ganze Zeit weiter und weiter weg von zu Hause. Er ist ein weiteres Opfer des Krieges.

Einer von 7 Millionen Vertriebenen.“

 

Dieser Bericht wurde von Sylvia Cortez geschrieben, die gemeinsam mit ihrem Mann die Arbeit unseres Partners in der Ukraine leitet und derzeit von Polen aus ihren Dienst fortsetzt. Der Bericht (mit Foto) wurde von unserer Partnerorganisation Nazarene Compassionate Ministries am 22. April veröffentlicht (https://ncm.org/blog/hopeforthejourneyinpoland).

 

Wenn Sie uns dabei unterstützen möchten, den Menschen der Ukraine langfristig Hoffnung zu schenken, spenden Sie bitte mit Vermerk „Ukraine-Krise“ über unsere Online-Spende oder per Überweisung auf unser Konto (IBAN: DE56 5075 0094 0000 022394).