Der entscheidende Schritt

STEP-Bildungsprogramm im Libanon verändert Kinderleben nachhaltig

„Diese Kinder, sie kommen alle aus zerrütteten Familien. Sie haben kein Geld, sie haben nichts. Einige sind Waisenkinder; fast alle Familien sind aus ihrer Heimat geflüchtet. Die Hälfte kam erst kürzlich aus Syrien. Diese Kinder sind enorm traumatisiert; die meisten mussten mit ansehen, wie Menschen vor ihren Augen getötet wurden.

Und wenn sie dann hier angekommen sind … keiner weiß so recht, wie sie überleben. Das Familieneinkommen reicht meist kaum für die Miete; deshalb wohnen oft zwei oder drei Familien gemeinsam in einer Wohnung. Kleidung können sie sich nicht wirklich leisten; viele Kinder haben keine Winterjacke, nicht einmal Socken!“

Vor über zehn Jahren wurde das „STEP“ Bildungsprogramm für syrische Kinder im Libanon gegründet, die aus verschiedenen Gründen – meist fehlenden Papieren – keine staatliche Schule besuchen können. Seit 2019 wird es als Nachmittagsprogramm an der NES-Schule in Beirut angeboten; acht zertifizierte Lehrer unterrichten Kinder vom Kindergarten bis zur 6. Klasse in den Fächern Arabisch, Englisch, Mathematik, Naturwissenschaften, Sport und Religion nach offiziellem Lehrplan. Derzeit besuchen 168 Kinder das Programm – und zahlreiche weitere stehen auf der Warteliste.

„Für mich ist das STEP Programm wie eine Mission“, erklärt Jerome, STEP-Koordinator. „Ich sehe diese Kinder, die nichts haben, die keine Perspektive haben – aber wir sehen auch die Veränderung in ihrem Leben, sozial, emotional, akademisch. Das Umfeld der Kinder außerhalb der Schule ist hart. Manche sind Waisen, viele müssen arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen. Wir haben gelernt, sie ganzheitlich zu fördern – und ihre zweite Familie zu sein!“

Das ist die Realität vieler Kinder im STEP-Programm: den ganzen Vormittag arbeiten, um Geld zu verdienen, beim Frisör, im Straßencafé, in Gemüseläden … und dann am Nachmittag von 15 Uhr bis 18.30 Uhr Schulunterricht, danach noch Hausaufgaben oder mehr Arbeit. Ein Fünftklässler schuftet von 6 Uhr morgens bis 14.30 Uhr in einem Gemüseladen und verrichtet dort die ganze harte Arbeit: für einen Dollar pro Tag. Seine gesamte Familie – mindestens fünf Personen – ist von seinem Gehalt abhängig. Von der Arbeit aus kommt er direkt in die Schule.

„Dieser Junge ist ein Mathegenie, der Klassenbeste“, berichtet Sophia, Educational Coordinator für STEP. „Und es ist meine Entscheidung, wie ich reagiere: Ich kann mit ihm schimpfen, weil er seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, oder ich kann anerkennen, dass er den ganzen Tag hart gearbeitet hat und ihm zehn Minuten Zeit geben, um seine Aufgaben zu machen. Auf diese Art hat er sich in allen Fächern enorm verbessert!“

Jedem einzelnen Kind eine gerechte Chance zu ermöglichen und einen sicheren Zufluchtsort zu schenken – das ist die Mission des STEP-Teams. Dazu gehört auch die Förderung individueller Talente: wie der Junge, der seinem Vater den ganzen Tag in einem Straßencafé hilft und nebenher Zeichnungen macht, die er dann in der Schule verkauft; im vergangenen Dezember arrangierte die Schule eine Ausstellung für ihn, um sein kleines „Gewerbe“ zu unterstützen.

Aber dazu gehört ebenso, den Kindern ein wenig Licht in ihrem Alltag zu schenken. „Diese Kinder haben nichts – sie wissen nicht mal, was es bedeutet, Spaß zu haben. STEP ist alles, was sie haben! Deshalb versuchen wir auch ein paar besondere Aktivitäten für sie anzubieten – zum Beispiel kreative Projekte im Unterricht, ein Fußballturnier, etwas Besonderes an Feiertagen, kleine Geschenke zu Weihnachten. Einmal hatten wir eine Hüpfburg, die Kinder konnten es kaum fassen, sie spielten und spielten … das wird ihnen für immer in Erinnerung bleiben. Ihr Alltag ist ansonsten so traurig!“

Seit Frühjahr 2025 kann im Rahmen des neuen NES-Therapieprogramms auch für STEP-Schüler psychologische Beratung und personalisierte Traumatherapie angeboten werden. Denn bei diesen Kindern ist der Bedarf besonders groß. Sarah, die Schultherapeutin, kümmert sich intensiv um die Kinder und freut sich über jeden großen oder kleinen Erfolg. Auch mit dem Jungen, der im Gemüseladen arbeitet, hat sie viel Zeit verbracht. „Anfangs konnte er niemandem so wirklich in die Augen schauen, er saß immer mit hängendem Kopf da … aber jetzt hat sich seine Perspektive völlig verändert, er lässt sich nicht mehr zum Opfer machen, es geht ihm wirklich viel besser!“

Aber das STEP-Team möchte nicht nur für die Gegenwart der Kinder ein Hoffnungslicht sein, sondern auch für ihre Zukunft eine echte Perspektive schenken. Dafür kann, nach jahrelanger Vorarbeit, in diesem Jahr ein entscheidender Schritt gemacht werden. Zum ersten Mal wird eine 6. Klasse angeboten – und zum ersten Mal können diese Sechstklässler am Ende des Schuljahrs auf eine Berufsschule wechseln. Dort können sie aus verschiedenen Ausbildungszweigen wählen und einen Beruf erlernen, mit dem sie dann ein adäquates Einkommen verdienen.

„Ich finde es einfach großartig, was jetzt möglich ist“, betont Sophia. „Bisher hatten diese Kinder keine Zukunft, viele endeten auf der Straße, haben unter den Brücken Taschentücher verkauft … und diese Kinder haben so viel Potential! Doch jetzt können sie lernen, was sie möchten: Ingenieur, Modedesigner, Buchhalter, egal was! Sie erhalten ein Zertifikat und können einen guten Job finden. Hier bei STEP bekommen sie die Grundlagen, die sie benötigen, und später haben sie einen richtigen Beruf – das verändert ihr Leben nachhaltig, es ist einfach toll!“

Auch Marlene, Schulleiterin der NES, ist begeistert über diese neue Entwicklung: „Das ist das Wichtigste: dass sie ihre Ausbildung weiterführen können. Vor allem für die Mädchen – viele Eltern wollen sie einfach nur verheiraten. Wir arbeiten intensiv durch Schulungen und Einzelberatung daran, dass Eltern verstehen, wie wichtig Bildung für ihre Töchter ist.“

Der erste entscheidende Schritt in eine Zukunft, die den Teufelskreis von Armut und Perspektivlosigkeit durchbricht: Das ist das „STEP“-Programm der NES im Libanon. Und dafür setzt sich das STEP-Team mit viel Energie und Hingabe ein, denn „wenn wir ihr Potential sehen, dann können wir richtig in sie investieren, dann kann sich ihr Leben um 100% verändern!“, bekräftigt Bildungskoordinatorin Sophia. „Es ist ja meine Entscheidung, wie ich die Kinder behandle – und ich bin so froh, dass ich mich entscheiden darf, einen wirklichen Unterschied in ihrem Leben zu machen!“

 

Helping Hands e.V. hat das STEP-Programm seit seiner Gründung 2014 umfassend gefördert; momentan vor allem durch Patenschaften und Schulpäckchen. Wenn Sie dazu beitragen möchten, dass noch mehr Kinder aus Flüchtlingsfamilien im Libanon den entscheidenden Schritt in eine bessere Zukunft machen können, dann spenden Sie bitte mit dem Vermerk „STEP Libanon“ (zur Online-Spende).

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