„Jeden Tag aufs Neue Wunder“ oder „Andriy und die Gitarre“

Kinderheim Mistoditey schenkt seit letztem Sommer wieder in Kiew Kindern einen Zufluchtsort und eine Zukunft

Als Anastasiya* vom Sozialamt in einem Krankenhaus gefunden wurde, war sie schon über einen Monat allein – keiner hatte je nach ihr gefragt. In „Mistoditey“ fand die Sechsjährige ein neues Zuhause und die Zuneigung, nach der sie sich sehnt.

Die Brüder Viktor* (11) und Borys* (7) lebten auf einer Müllkippe, in verheerenden Umständen, ohne Wärme, Zuflucht, grundlegendste Fürsorge. All das erhalten sie nun in Mistoditey.

Der zwölfjährige Andriy* kannte nur instabile Verhältnisse, daher hatte er jegliches Vertrauen in andere und sich selbst verloren und konnte kaum kommunizieren. In Mistoditey durfte er einen neuen Anfang machen.

Vier Schicksale unter Tausenden, denen derzeit in der Ukraine das Nötigste für eine sichere Kindheit fehlt. Vier wertvolle Kinder, die seit Juli 2024 im Heim „Mistoditey“ in Kiew einen Zufluchtsort und eine neue Heimat gefunden haben. Erst seit letztem Sommer ist das wieder möglich – denn nach Kriegsbeginn musste das Heim selbst Zuflucht suchen, die die damals zwanzig Kinder mit zehn Mitarbeitern im Lindenhof bei Aschaffenburg fanden. Über zwei Jahre engagierten sich dutzende ehrenamtliche Helfer in Kahl, Alzenau und aus ganz Deutschland, um den Kindern und Erwachsenen eine Heimat fern der Heimat zu schenken.

Nachdem im vergangenen Sommer dann alle Kinder entweder in ihre Familien zurückgekehrt oder neue Familien gefunden hatten, entschied die Leitung von Mistoditey sich, der Bitte der ukrainischen Behörden zu folgen und die Arbeit direkt in Kiew wieder aufzunehmen – denn aufgrund des Krieges ist die Not größer als je zuvor! Durch die treue Unterstützung zahlreicher Spender für das „Lindenhof-Projekt“ wurde der Neubeginn in Kiew zur Realität. Liliya, die Leiterin, betont:

„Dank eurer Unterstützung konnten wir nicht nur trotz des Krieges die Arbeit im Heim wieder beginnen und neue Kinder aufnehmen, sondern ihnen auch ein echtes Zuhause bieten. Ihr leistet nicht nur materielle Hilfe: Dank eurer Unterstützung wissen ukrainische Kinder, dass sie nicht allein auf der Welt sind. Jeder Euro gibt ihnen den Glauben an das Gute zurück, schenkt ihnen eine Kindheit, von der sie geträumt haben, und schafft Stabilität in den unsichersten Zeiten.“

Anastasiya und Andriy, Viktor und Borys sind vier der jeweils bis zu 15 Kinder, die in Mistoditey die Chance für einen Neubeginn erhalten. Das Heim kümmert sich umfassend um ihre grundlegenden Bedürfnisse – ausgewogene Mahlzeiten mit Milch- und Fleischprodukten, frischem Obst und Gemüse, ausreichende Wärme auch in der Winterzeit, grundlegende Gesundheitsfürsorge wie Zahnarztbesuche sowie spezielle Behandlung bei chronischen Erkrankungen. Dadurch haben sich Gewicht und Essgewohnheiten aller Kinder stabilisiert.

„Jeder Aspekt ihres Wohlbefindens ist ein Zeugnis eures Engagements“, berichtet Liliya. „Dank eurer Hilfe können wir Lebensmittel, Nebenkosten, Pflege und alle anderen grundlegenden Bedürfnisse bezahlen. Eure Spende ist nicht einfach Geld – es ist tägliche Wärme, Nahrung, Licht, Trost, Fürsorge. Es ist Leben – erfüllt von Sinn und Hoffnung.“

Mistoditey kümmert sich aber nicht nur um die Grundbedürfnisse, auch die kognitive und psychische Entwicklung der Kinder wird maßgeblich gefördert. Jedes Kind nimmt an einem auf ihn oder sie zugeschnittenen Therapieprogramm teil. Das Heim kooperiert mit inklusiven Einrichtungen, sodass alle Kinder eine qualitativ hochwertige Schulbildung erhalten. Mithilfe von Ehrenamtlichen bietet das Heim eine Vielzahl von Kreativ-Workshops an – zum Beispiel Kunst und Musik, Gedichte und Geschichten, Tanz und Töpferei. Außerdem wird gemeinsam gespielt, gekocht und saubergemacht, Geburtstage besonders gestaltet und Erfolge gefeiert.

Alles Dinge, die in funktionierenden Familien eigentlich selbstverständlich sind … für die Kinder in Mistoditey ist es das, wovon sie schon immer geträumt haben: eine normale Kindheit, ein stabiles Zuhause, Liebe, Fürsorge und Aufmerksamkeit. Und den Unterschied kann man sehen!

Anastasiya hat herausgefunden, dass sie Geschichten liebt – und nicht nur die, die sie in den Büchern lesen kann! Jetzt setzt sich das vorher schüchterne, zurückgezogene Mädchen gerne zu ihren „Geschwistern“, liest den jüngeren vor und schafft mit viel Phantasie ihre eigenen Geschichten, die sie mit Begeisterung erzählt. Ihre Stimme, voller Wärme und Freude, ist ein Symbol ihrer Heilung geworden.

Viktor hat sich unglaublich entwickelt, seit er nicht  mehr auf der Müllkippe ums Überleben kämpft. Er ist ruhig und höflich, der Beste in seiner Klasse, gewinnt Preise und zeigt ein außerordentliches Talent im Zeichnen und Töpfern. Auch darin macht Mistoditey einen riesigen Unterschied: Es stellt das Selbstwertgefühl der Kinder wieder her und hilft ihnen, die Gaben zu entdecken, die schon immer in ihnen steckten.

Das gilt auch für Andriy. Verschlossen, verunsichert – so kam er ins Heim. Doch von Anfang an hörte er ganz genau hin, wenn jemand Gitarre spielte. Der Musiklehrer ermutigte ihn, es mal selbst auszuprobieren. Welch eine Veränderung! Jetzt musiziert Andriy ständig, komponiert eigene Melodien, leitet das Musikteam und hilft den anderen Kindern im Musikunterricht. „Wenn ich spiele“, sagt er, „dann fühle ich mich stark. Die Gitarre ist wie meine Stimme; durch die Musik kann ich Dinge ausdrücken, die ich mit Worten nicht sagen kann.“ Jetzt träumt Andriy davon, Musiker zu werden. Sein Selbstvertrauen ist gewachsen, und seine Erfolge inspirieren andere Kinder, ihre Ängste zu überwinden.

Als Andriy im März in eine andere Einrichtung wechselte, wo auch seine berufliche Bildung gefördert wird, schrieb er an jeden einzelnen Mitarbeiter einen ausführlichen Brief, in dem er sein Herz öffnete und erzählte, wie er sich durch Mistoditey verändert hatte – wie ein einst verschlossener, trauriger Junge zu einem offenen, liebenswürdigen, mit Dankbarkeit erfüllten Menschen wurde.

Das sind Geschichten, die „nachhaltiger Veränderung“ ein Gesicht geben – aber es sind eben nicht nur Geschichten, sondern wertvolle Kinder, die nun eine Heimat und eine Zukunft haben:

„Wir sind so dankbar für eure Unterstützung! Dank euch ist unser Zentrum zu einem Ort geworden, an dem Kinder ihr Leben wieder aufbauen, neue Möglichkeiten entdecken und wieder zu träumen beginnen. Gemeinsam mit euch bewirken wir jeden Tag aufs Neue Wunder!“

 

Vor Kriegsbeginn finanzierte sich Mistoditey vollständig aus lokalen Spenden. Seit Herbst 2024 konnten wir das Heim aus Spenden fürs Lindenhof-Projekt in ihren monatlichen Ausgaben unterstützen. Da lokale Unterstützer aufgrund der derzeitigen Situation inzwischen fast alle die Förderung einstellen mussten, ist der weitere Betrieb des Zentrums über die Jahresmitte hinaus sehr fraglich. Wenn Sie dazu beitragen möchten, dass traumatisierte und heimatlose Kinder in der Ukraine weiterhin einen Zufluchtsort bei Mistoditey finden können, dann spenden Sie bitte mit Vermerk „Mistoditey“ oder „Lindenhof“ (zur Online-Spende).

* Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert

Wir möchten nach Hause

Seit zwei Jahren leben Mitarbeiter und Kinder des Kiewer Waisenhauses „Heim für glückliche Kinder“ im Lindenhof bei Hanau. Viele Ehrenamtliche aus Kahl und Alzenau haben geholfen, dass sie sich wohlfühlen: gemeinsame Ausflüge, Konzerte, Besuche, Hilfe beim Amt und vieles mehr. Besonders haben sich die Christliche Initiative Alzenau und die Freie Christliche Schule in Kahl engagiert.

Doch immer wieder betonten die Mitarbeiter: Wir möchten nach Hause! Aber wie soll das geschehen, mitten in Krieg und Gefahr? Die eine oder andere Mitarbeiterin ging zurück zu ihrer Familie, andere traten an ihre Stelle. „Unser Zentrum ist zwar bisher unbeschädigt,“ sagt die Leiterin Liliya dankbar, „aber die Regierung erwartet, dass wir erst einen Schutzbunker bauen. Damit haben wir jetzt begonnen, aber das geht natürlich nicht umsonst.“

Inzwischen sind einige der Kinder von Verwandten zurückgeholt worden und mehrere fanden eine neue Familie. „Die Regierung hat uns gebeten, zurückzukommen und mindestens 25 Kinder aufzunehmen. Sehr viele Kinder haben wegen dem Krieg Heim und Familie verloren. Sie brauchen dringend Fürsorge!“

Vor dem Krieg haben ukrainische Geschäftsleute und Privatpersonen die ganze Arbeit finanziell getragen – Unterkunft, Verpflegung und Betreuung durch Spezialisten für Traumaseelsorge und anderem. Doch nun brechen die Firmen zusammen, und die Leute versuchen, Soldaten, Familien und Freunde zu unterstützen. Durch die Hilfe vieler einzelner im Kreis Aschaffenburg und Main-Kinzig können die ersten Schritte getan werden, aber für die Aufgaben in Kiew ist dringend weitere Hilfe nötig. Es ist eine Hilfe, die wirklich Großes bewirkt. Denn das „Heim für glückliche Kinder“ leistet eine hervorragende Arbeit, um Kindern zu helfen und sie in guten Familien unterzubringen. Und das ist jetzt dringender als je zuvor!

Wenn Sie mit dazu beitragen wollen, dass Kinder in der Ukraine ein neues, glückliches Zuhause finden, spenden Sie bitte mit Vermerk „Ukrainehilfe Lindenhof“ (zur Online-Spende). Mehr Details zum Heim in Kiew finden Sie auch auf: https://helpinghandsev.org/lindenhof/ (hier ist noch der ursprüngliche Status der Kinder auf dem Lindenhof vermerkt).

Ukrainehilfe: Lindenhof erhält Integrations-Sonderpreis

Das Telefon klingelte. “Könnt ihr uns helfen?“ kam die Frage an Helping Hands e.V. „Wir haben seit kurzem hier 30 Ukrainer, davon 20 Sozial- und Vollwaisen. Wir haben eine Menge Ehrenamtliche aus Alzenau, Kahl und Umgebung, die sich toll einsetzen. Aber es gibt natürlich manches andere, das erledigt werden muss.“

Das war vor etwa 18 Monaten: Über ein Jahr von Heimweh, Tränen, viel Freude und Lachen, Kopfzerbrechen und vieles andere mehr liegen hinter dem Team. Für die zehn Mitarbeiter, die die Kinder betreuen, war es besonders hart. Zwar wohnen sie an einem wunderschönen Flecken bei den Kahler Seen, aber sie vermissen natürlich die Angehörigen und Freunde in der Ukraine. Und irgendwo schwingt die Angst um sie immer mit.

Doch da ist ja der Helferkreis Integration aus Kahl, die Christliche Initiative in Alzenau und viele Einzelpersonen wie Ulrike Waitz von Eschen, die sich intensiv um die Flüchtlinge kümmern. Daneben haben sich verschiedene Firmen und Clubs engagiert und vor allem Leitung und Mitarbeiter der Evonik Industries AG, die unter anderem täglich kostenlos Essen in den Lindenhof liefern. Denn in einer kleinen Familienküche wäre es etwas problematisch geworden, für 30 Leute zu kochen.

Überwältigend war von Anfang an das Engagement von Bürgern und Behörden. So wurden schnell Wege gefunden, um eine neues „Zuhause“ zu schaffen. Innerhalb kürzester Zeit fand sich Agnes, eine ausgebildete Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, und bald konnten die Schulkinder die private Kahler Paul-Gerhardt-Schule besuchen. Das alles wurde auch möglich, weil eine Frankfurter Stiftung und viele Einzelpersonen dem Team regelmäßig finanziell unter die Arme griffen.

Kein Wunder, dass die Regierung von Unterfranken dieses tolle Engagement am 16. Oktober in Würzburg mit dem Sonderpreis „Integration schafft Zukunft auszeichnete.

Doch es sind die vielen kleinen Dinge, die den Einsatz der Helfer besonders kennzeichnen: Besuche bei Sehenswürdigkeiten in der Umgebung, spezielle Darbietungen der ukrainischen Kinder (ermöglicht durch eine international bekannte Regisseurin), gemeinsames Singen und Feiern auf Schloss Emmerichshofen und immer wieder eine helfende Hand in unvorhergesehenen Situationen.

Natürlich gab es auch manche Herausforderungen zu bewältigen. Keiner wusste oder weiß, wie es weitergehen wird. Inzwischen haben einige der Kinder eine neue Familie in der Ukraine gefunden oder sind bei Verwandten in Nachbarländern untergekommen. Aber niemand kann die Entwicklung des Krieges in der Ukraine sicher vorhersagen. Und einige der Kinder haben inzwischen gute Freunde hier gefunden oder können sogar beim Übersetzen helfen.

„Wirkungsvoll helfen und nachhaltig verändern“ ist das Ziel von Helping Hands e.V. In diesem Fall ist dies eine besondere Herausforderung. Aber alle können gemeinsam Zukunft schaffen, hier und in der Ukraine. Wenn Sie dabei helfen wollen, können Sie dies tun unter  https://helpinghandsev.org/lindenhof/ oder direkt über Helping Hands e.V., Kreissparkasse Gelnhausen, IBAN: DE56 5075 0094 0000 022394 (Stichwort „Ukrainehilfe Lindenhof“).

Im Bild von links nach rechts:

Regierungspräsident Dr. Eugen Ehmann, Projektverantwortlicher Klaus Scherer, Ulrike Waitz von Eschen, Julia Fischer, 1. Bürgermeisterin der Gemeinde Kahl am Main, Noël Kachouh, Pastor der Christlichen Initiative Alzenau und Vertreter der Paul-Gerhardt-Schule, Matthias Moll, Vertreter der Evonik Industries AG und des Vereins Helping Hands e.V., Gudrun Brendel-Fischer, Integrationsbeauftragte der Bayer. Staatsregierung, und Dr. Alexander Legler, Landrat des Landkreises Aschaffenburg.

Foto: Regierung von Unterfranken

Sommerfest auf dem Lindenhof

Dankbarer Rückblick auf ein weiteres Jahr mit umfassendem ehrenamtlichem Einsatz

Sommerlich war zwar nicht das Wetter, aber die Besucher des „Sommerfests“ auf Schloss Emmerichshofen bei Kahl brachten die Sonne einfach selbst mit – durch das Lächeln auf den Gesichtern der Kinder und Erwachsenen und die herzliche Dankbarkeit, mit der auf das vergangene Jahr zurückgeblickt wurde. Denn schon über ein Jahr ist es her, dass das Kinderheim „Mistoditey“ aus Kiew im „Lindenhof“ bei Schloss Emmerichshofen Zuflucht fand! Dutzende von Ehrenamtlichen haben sich in diesen 15 Monaten dafür eingesetzt, dass die 30 Kinder und Betreuerinnen sich willkommen fühlen und alle Herausforderungen des täglichen Lebens meistern können; das Sommerfest am 1. August war der Anlass, sich für den herausragenden Einsatz zu bedanken.

Und in einem Jahr hat sich schon einiges geändert! Besonders beeindruckend war, dass Liliya, Leiterin des Heims, einen eigenen „Übersetzer“ hatte: einer der älteren Jungen des Heims, der seit einem Jahr die Paul-Gerhardt-Schule in Kahl besucht und schon sehr gut Deutsch gelernt hat. Auch die anderen Kindern sind gut integriert und bedankten sich auf unterschiedliche Art und Weise – zum Beispiel durch ein einstudiertes Lied, aber auch ein selbstgebasteltes Gemälde mit den Händen der kleineren Kinder.

Ulrike von Waitz, die den Lindenhof zur Verfügung gestellt und zum Sommerfest eingeladen hatte, hob den unermüdlichen Einsatz der verschiedenen Helfer hervor – die Lehrerinnen und Lehrer an der Schule, Helfer beim Deutschlernen, handwerkliche Unterstützung im Gebäude, Patinnen und Paten und viele mehr: „Die praktische, aber auch besonders die finanzielle Unterstützung machen es möglich, dass die Kinder und ihre Betreuerinnen im Lindenhof so unbeschwert leben können. Dass das so großartig funktioniert, erfüllt uns mit größter Dankbarkeit!“

Besonderer Dank wurde in diesem Rahmen auch an die Evonik Industries AG ausgesprochen. Denn die Küche im Lindenhof ist nur für einen kleinen Haushalt ausgestattet und es wäre dort unmöglich, jeden Tag für 30 Personen zu kochen. Durch das Engagement verschiedener Mitarbeiter erklärte die Evonik Industries AG sich bereit, die Bewohner des Lindenhofs werktags durch die Kantine des Evonik-Standortes Hanau mit einem reichhaltigen Mittagessen zu versorgen. Diese großzügige Aktion – im Wert von ca. 1.500 EUR pro Woche – läuft nun schon seit Juni 2022. Zusätzlich zu den täglichen Mahlzeiten konnten durch den Elternstammtisch von Evonik auch einige andere benötigte Güter gespendet werden, zum Beispiel Schuhe, Winter- und Sommerkleidung, Auto-Kindersitze sowie Weihnachtsgeschenke für die Betreuerinnen, die ihre Familien mitten im Krieg zurücklassen mussten.

Eun-Ok Busch, HR Specialist bei Evonik Industries AG und zuständig für das Projekt #JoinInAtEvonik (Integration von Geflüchteten), reflektierte über ihren Besuch beim Sommerfest: „Für mich hat sich der Weg von unserer Konzernzentrale Essen im Ruhrgebiet nach Schloss Emmerichshofen sehr gelohnt.  Hier vor Ort zu sein und die Möglichkeit zu haben, die Kinder, Betreuerinnen und Ehrenamtlichen persönlich zu treffen, ist unbeschreiblich. Ich bin sehr froh, dass ich mit Unterstützung von zahlreichen Evonik Kolleg*innen und des Vorstandes auch dazu beitragen kann, dass sich die Kinder und Betreuerinnen in Deutschland willkommen und sicher fühlen. „

Insgesamt war das Sommerfest geprägt von Dankbarkeit und einem ermutigenden Rückblick auf die vielen hunderten Stunden ehrenamtlicher Mitarbeit, die den Dienst am Lindenhof möglich machen. So kann Integration gelingen!

Ein Jahr in der neuen Heimat

Mitten aus dem Kriegsgeschehen in der Ukraine ins stille Unterfranken: Der Lindenhof an den Kahler Seen hieß im Mai 2022 zwanzig Waisenkinder und zehn Betreuer aus Kiew willkommen. Viele Ehrenamtliche standen bereit – eine Gruppe von Kahler Bürgern, die sich schon seit 2015 um Migranten und Flüchtlinge kümmern, Mitglieder der Christlichen Initiative in Alzenau und verschiedene andere Helfer.

Anfangs wirkte alles auch wegen dem guten Wetter eher wie ein längerer Urlaub. Doch Nachrichten und Internet ließ vor allem die Mitarbeiter nicht vergessen, dass zu Hause der Krieg tobte, und Verwandte und Freunde mit dem schlimmsten rechnen mussten. In den ersten Wochen war die Hoffnung groß, dass „wir bald wieder nach Kiew zurückkehren können“. Doch die Wochen dehnten sich in Monate und immer mehr wurde klar: Wir brauchen eine zweite Heimat!

Viele neue Freunde, Geschäftsleute, Firmen und Organisationen halfen bei den ersten Schritten – u.a. die Evonik Industries AG, die seit Juni 2022 die 30 Bewohner des Lindenhofs werktags durch die Kantine des Evonik-Standortes Hanau mit einem reichhaltigen Mittagessen versorgt. Kleidung, Spielzeug, Transport, Zoobesuche und viele andere Aktivitäten sorgen für ein „normales“ Leben, und die meisten Kinder besuchen inzwischen die nahegelegene Paul-Gerhardt-Schule.

Dort wurden die Mädchen und Jungen mit offenen Armen willkommen geheißen. „Die Schule ist prima, der Unterricht interessant und die Lehrer sind gut. Es gibt sogar einen Fußballplatz“, meint einer der neuen Schüler. Und alle sind dankbar für Agnes, die sich seit vielen Monaten intensiv bemüht, allen Deutsch beizubringen.

„Alles bestens“, könnte man sagen. Und doch bleiben Fragen: Viele der Spezialisten, die die Sozial- und Vollwaisen normalerweise betreuen, mussten in der Ukraine bleiben. Die Reintegration der Kinder in Familien und bei Adoptiveltern musste unterbrochen werden. Und wie lange können die Firmen und Stiftungen, die bisher großartig geholfen haben, ihre Unterstützung fortführen? Wie geht es nach der Rückkehr weiter und ist eine Rückkehr überhaupt möglich?

Das sind Fragen, die nicht nur das Lindenhof-Team und all die Helfer beschäftigen. Auch viele andere Freunde aus der Ukraine in unserem Land stehen vor denselben Fragen. Ein „damit können wir uns später beschäftigen“ genügt nicht. Wirkungsvoll und nachhaltig wird die Arbeit nur, wenn wir rechtzeitig für die Zukunft planen. Anders gesagt, wenn wir wirklich an einer neuen Heimat arbeiten und eine hoffnungsvolle Zukunft ermöglichen.