Selbstbewusstsein will gelernt sein

Vor sechs Jahren (2009–2010) konnte Bangladesh Nazarene Mission, Helping Hands‘ örtlicher Partner, mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und Helping Hands e.V. im Südwesten Bangladeschs zwei Schulungszentren errichten; in Seetpur in der Provinz Satkhira und in Dapkhali in der Provinz Jessore. Parallel zum Bau wurde ein Entwicklungs- und Schulungsprogramm eingeleitet, das langfristige Veränderungen bewirken sollte, unter anderem durch die Gründung von Selbsthilfegruppen. Der Projektantrag hielt fest:

„Ausgrenzung und Armut können nur überwunden werden, wenn die Rahmenbedingungen verändert und die Voraussetzungen für eine aktive soziale Teilhabe geschaffen werden. Entscheidend dafür sind: Veränderung des Selbstbewusstseins, Erweiterung der Kenntnisse, Verstärkung der wirtschaftlichen, gesundheitlichen und schulischen Basis sowie eine begleitende Betreuung.“

Inzwischen ist das Projekt schon längst in die Hände des örtlichen Partners bzw. der Dorfbewohner übergeben worden. Und die erhoffte langfristige Veränderung kann jetzt, fünf Jahre nach Ende der Projektlaufzeit, an zahlreichen Stellen beobachtet werden. Nachfolgend sind die Berichte von zwei Frauen aus Seetpur, deren Leben durch Selbsthilfegruppen verändert wurden und deren Kinder weiterhin vom Kinderzentrum in Seetpur profitieren, das parallel zum Projekt begonnen und anfangs ebenfalls von Helping Hands finanziell unterstützt wurde.

Die folgenden Geschichten wurden direkt aus dem Originalbericht übersetzt.

 

Jhorna erzählt im November 2014:

Jhorna lief den schmalen, matschigen Pfad entlang und weinte. Eine Lehrerin des Seetpur Kinderzentrums hielt sie an und fragte, was denn passiert sei? Jhorna wischte ihre Tränen weg und erklärte: “Mein Mann will nicht arbeiten gehen. Er ist Alkoholiker und macht unser Leben zur Qual. Er schlägt mich auch oft.” Sie erzählte auch, dass sie ihren Kindern die letzten zwei Tage nichts zu essen geben konnte, weil sie kein Geld hatte. Die Familie lebt in extremer Armut. Manchmal helfen Jhorna und ihr Mann als Tagelöhner auf Feldern, aber die Hälfte der Zeit haben sie gar keine Arbeit.

Die Lehrerin lud Jhorna zum Treffen einer Selbsthilfegruppe ein. Gleich am nächsten Tag ging Jhorna dorthin und lernte die Gruppe kennen. Sie war sehr interessiert daran und wurde schnell zu einem aktiven Mitglied. Die einheimischen Mitarbeiter besuchten sie zuhause und sprachen auch mit ihrem alkoholabhängigen Mann. Anfangs wollte er gar nichts mit ihnen zu tun haben. Er war auch dagegen, dass seine Frau die Selbsthilfegruppe besucht. “Ich hasse sie alle!”, behauptete er.

Aber die Mitarbeiter waren sehr geduldig. Sie sprachen Jhorna viel Mut zu. Langsam begann sie, kleine Beträge zu sparen. Der erste Kredit, den sie von der Selbsthilfegruppe erhielt, betrug 1000 Taka und damit gründete sie einen kleinen Lebensmittelladen. Zuerst wollte ihr Mann nicht dabei helfen. Doch als er sah, dass seine Frau Geld verdiente, änderte er seine Meinung. Er begann, sie zu unterstützen. Nach einer Weile nahmen sie einen zweiten Kredit über 6000 Taka. Das erhöhte wiederum ihr Einkommen. “Es war ein Fehler, dass ich mich gegen die Selbsthilfegruppe gestellt habe”, gab der Ehemann zu. “Jetzt verstehe ich, wie ihr die Leben der Menschen verändert durch eure Arbeit!”

Vor einem Monat übernahm Jhornas Mann die volle Verantwortung für den Laden. Denn Jhorna fand einen neuen Job als Koch in einer Jugendherberge.

“Jetzt kann ich meinen Kindern drei Mahlzeiten am Tag geben. Wir leben nicht mehr in Armut. Mein Mann hat auch aufgehört, Alkohol zu trinken. Wir leben nun in Frieden miteinander!”, sagt Jhorna. Und auch die Nachbarn sind beeindruckt, die positive Veränderung in Jhornas Familie zu sehen. Der örtliche Partner von Helping Hands hat sich um sie gekümmert wie gute Freunde.

 

Nurjahan erzählt im Februar 2015:

Es gab eine Zeit, da fürchtete sich Nurjahan jedes Mal, wenn sie das Haus verließ. “Ich habe immer meinen Kopf bedeckt und mich in eine Ecke gedrückt”, erinnert sie sich. Jetzt ist ihr Leben das genaue Gegenteil. Seit sie Mitglied einer Selbsthilfegruppe in Seetpur wurde, sagt sie, “Alles ist jetzt ganz anders. Ich bin viel selbstbewusster!”

“Mein Mann ist Tagelöhner und verdiente nur sehr wenig”, berichtet Nurjahan von früher. “Mit seinem Einkommen konnten wir unsere Grundbedürfnisse nicht erfüllen, die Kinder mussten sogar mit der Schule aufhören. Ich konnte ihnen keine drei Mahlzeiten am Tag geben und sie litten unter Mangelernährung. Oft habe ich im Stillen geweint. Aber ich habe mich auch mit meinem Mann gestritten, weil er die Bedürfnisse seiner Familie nicht erfüllte. Unser Familienleben war eine Hölle.”

Nurjahan begann, nach alternativen Einkommensmöglichkeiten zu suchen. Sie wusste, dass es in Seetpur eine Selbsthilfegruppe gab, in der bedürftige Frauen Kredite bekommen, um verschiedene Einkommensaktivitäten zu starten. Sie hatte auch die Freude auf den Gesichtern der Frauen gesehen, die bereits Kredite erhalten hatten. Also wurde sie im Jahre 2010 ein Mitglied der Gruppe und begann, jede Woche 10 Taka zu sparen. Zuerst nahm sie einen ganz kleinen Kredit und investierte ihn in Gemüseanbau. Später erhielt sie Schulungen über Kleinstunternehmen. Sie fühlte sich ermutigt, selbst ein Kleinstunternehmen zu gründen. Als ihren fünften Kredit nahm sie 14000 Taka (ca. 150 Euro) und eröffnete bei sich zuhause einen Lebensmittelladen.

Diese Investition hat ihr großen Erfolg gebracht. Ihr Leben begann sich zu verändern. Sie verkauft jetzt Reis, Kekse, Öl und andere Dinge, die man zum täglichen Leben braucht. Ihr tägliches Einkommen beträgt etwa 500 Taka (knapp 6 Euro). Ihr Mann hilft ihr im Laden und arbeitet weiterhin als Tagelöhner. Die zwei Kinder gehen jetzt wieder zur Schule und besuchen auch das Seetpur Kinderzentrum.

Ihre Nachbarin Rabaya ist wirklich beeindruckt: “Ich bin sehr überrascht über die Verwandlung in Nurjahan. Früher lieh sie sich von uns Nahrungsmittel aus, jetzt gibt sie selbst den Armen Essen. Sie ist ein großes Vorbild in unserem Dorf!”

Nurjahan ist heute eine der bedeutendsten Personen im Ort. Sie wurde als Vorsitzende der „Uashahi“ Selbsthilfegruppe gewählt – „Uashahi“ bedeutet „Ermutigung“. Viele arbeitslose Frauen kommen zu ihr, um sich Rat zu holen, wie auch sie selbstständig werden können. “Jeder im Dorf weiß, dass ich die erste Vorsitzende der Uashahi Selbsthilfegruppe bin”, erklärt Nurjahan. “Wenn jemand einen Kredit braucht oder Beratung über Kleinstunternehmen, kommen sie zu mir. Ich helfe ihnen sehr gerne!”

Sogar Nurjahans Ehemann fragt um ihre Meinung, wenn es darum geht, in der Familie eine Entscheidung zu treffen. “Wir leben im Frieden miteinander. Er teilt alles mit mir ”, freut sie sich.

Nurjahan ist stolz darauf, wie weit sie es schon gebracht hat, seit sie der Selbsthilfegruppe beigetreten ist. “Früher, wenn Besucher kamen, dann habe ich richtig gezittert, so nervös war ich”, sagt sie. “Aber jetzt bin ich selbstsicherer geworden; jetzt kann ich ganz selbstbewusst aufblicken!”

© 2016 BNM & Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

„I’m just saying you could do better“

“Da vorne, das ist der schönste Strand Sri Lankas!”, sagt Emerson und zeigt auf ein sandiges Paradies, auf das weich die blau-grauen Wellen des Indischen Ozeans rollen. Einen kurzen Blick erhaschen wir auf die idyllische Bucht, dann biegt Selvaraj, unser Fahrer, nach links ab und kurz darauf nach rechts; eine kleine Nebenstraße führt uns steil den Hügel hinauf. Nach ein paar hundert Metern halten wir an, vor einigen Gebäuden in dezentem Beige, einer Schule, die einladend den Namen „Buonavista“ trägt, auch wenn die schöne Aussicht hinter Büschen und Mauern verborgen ist. Eine weiß-uniformierte Schlangenlinie von Grundschülern wartet schon geduldig neben dem vordersten Gebäude, als wir aussteigen; die ersten vier Mädchen treten vor, drücken uns leuchtend rote Blütensträuße in die Hand, lächeln schüchtern, schütteln die weißen Hände und laufen dann erleichtert zu den Kameraden zurück, mit denen sie kurz darauf in ihren Klassenräumen verschwinden.

Kaum eine Minute dauert das Begrüßungszeremoniell, ein kurzer Augenblick, in dem sich zwei Kulturen treffen – die kleine sinhalesische Schule im Süden Sri Lankas und wir, die Besucher aus Deutschland. Fast ein bisschen unwirklich, wie die Herfahrt von der Hauptstadt Colombo ins südliche Galle, die auf der „Southern Expressway“ kaum eine Stunde gedauert hat, einer Autobahn, die auch in Deutschland liegen könnte, außer, dass alles irgendwie seitenverkehrt ist und jenseits der Leitplanken keine gelben Kornfelder grüßen, sondern Reisfelder, Palmen, Wasserbüffel, bunte Saris, die auf Hibiskusbüschen trocknen.

Und leider beschränken sich auch nicht alle Kontakte zwischen zwei Kulturen auf rote Begrüßungsblumen und ein scheues Lächeln. In Unawatuna, diesem kleinen Ort mit dem überaus schönen Strand, gibt es fast mehr Touristen als Einwohner – ein gutes Einkommen für das Land, aber auch eine große Gefahr für die Wehrlosen der Bevölkerung. “Viele der Kinder hier werden von Touristen sexuell missbraucht”, erklärt Emerson, unser einheimischer Kollege. “Dabei sind besonders die Jungen gefährdet. Die Infektionsrate mit HIV und ähnlichen Krankheiten ist hoch, ebenso der Drogen- und Alkoholmissbrauch. In den wenigsten Familien gibt es noch beide Eltern. Und wegen der zahlreichen Hotels vor Ort gehen viele Kinder früh arbeiten, anstatt mit der Schule weiterzumachen.”

Konstruktiver kultureller Kontakt? Wohl eher nicht. Aber es geht auch anders. Vor etwa einem Jahr begann NCM Lanka, Helping Hands‘ örtlicher Partner, ein Kinderzentrum in Unawatuna; alle Schüler der Buonavista Grundschule gehören dazu. Das Kinderzentrum wird unterstützt durch Spenden aus Deutschland, unter anderem durch die „Shadow Riders“-Aktion, die jedes Jahr im September im Kinzigtal stattfindet: ein Versuch, dem Süden Sri Lankas etwas Nützlicheres zu schenken als schädlichen Tourismus; das Bemühen, durch nachhaltige Hilfe aus dem Kontakt der Kulturen eine gute Zukunft zu schaffen. Dafür im Handumdrehen die ganze Gesellschaft umzukrempeln, das ist nicht realisierbar. Aber Schritt für Schritt, angefangen mit den Kindern, ist Veränderung möglich.

Und schon nach nur einem Jahr sind erste Ergebnisse erkennbar. Nachdem die Kinder der Buonavista Schule in ihre Klassenräume zurückgekehrt sind, führt uns die Schulleiterin zunächst in die „Bücherei“, in der allerlei Hefte und Bücher aufgestapelt sind: Klassenbücher mit fein säuberlich eingetragenen Unterrichtsthemen, Schulhefte der Kinder, die kunstvoll verschnörkeltes Sinhala in schönster Schreibschrift wiedergeben. “Seit das Kinderzentrum begonnen hat, haben wir schon eine enorme Verbesserung bei den Kindern gesehen”, berichtet die Rektorin mit stolzem Blick. “Schauen Sie nur, wie ordentlich die Hefte jetzt aussehen!” In ihrem Büro zeigt sie uns noch zwei Berichtshefte; in einem sind die Namen, Adressen und Familiensituation jedes Kindes aufgezeichnet, das andere enthält die Noten der Schüler – “damit wir sehen können, ob sie sich verbessern oder schlechter werden, und uns um die schwächeren Schüler besonders kümmern können”, erklärt Emerson.

Nach dem obligatorischen Kaffee mit Keksen dürfen wir endlich die Klassenräume besuchen und beim Unterricht zuschauen. Der morgendliche Schulunterricht ist zwar vorbei, aber im Kinderzentrum wird weitergelernt. Nach einem nahrhaften Snack um 13 Uhr geht es noch bis ca. 15 Uhr weiter; dann wird das Gelernte des Tages aufgearbeitet, bei den Hausaufgaben angeleitet, schwächere Schüler unterstützt, Unklares erklärt, und natürlich auch viel gespielt: “Wir ermutigen die Lehrer, Bildung durch Spiel und Spaß weiterzugeben”, erwähnt Emerson, während wir über den großen Rasenplatz schlendern; gegenüber der Bücherei lockt ein nicht mehr ganz neu aussehender Spielplatz. Sehr ruhig ist es hier oben, hoch über der Stadt und dem Strand, und friedlich, nur Kinderstimmen tönen aus den Räumen und ab und zu fährt eine Auto-Rikscha vorbei, zerreißt hupend die Stille.

Im ersten Klassenraum beugen die Kinder sich konzentriert über Meter und Grammangaben und überlegen angestrengt, wie viele Millimeter denn zehn Zentimeter ergeben. Von Christian, unserem Fotografen, lassen sie sich kaum stören. Nebenan sind die Kinder etwas kreativer beschäftigt: Bildergeschichten haben sie heute durchgenommen. Ein kleiner Junge, der allein an einem der rosafarbenen Tische hockt, zeichnet behutsam Strich für Strich die bekannte Aesop-Fabel in sein Heft, in der der schlaue Fuchs der Amsel ein Stück Käse abluchst. Wird auch dieser Junge eines Tages einen Fuchs treffen und seine Kindheit opfern müssen – oder kann das Kinderzentrum ihn davor bewahren?

Im nächsten Zimmer treffen wir auf die dritte Klasse, die gerade die englischen Namen der Farben gelernt haben. Nach einem gesungenen “Good Afternoon” für die Besucher wendet die Lehrerin sich wieder dem Unterricht zu: “What’s your colour?”, ruft sie laut und deutet mit einem Ästchen an die Tafel oder hebt Farbstreifen hoch und die Kinder antworten im Chor: “Purple! Pink! Blue – B – L – U – E – BLUE!” Dann zeigt sie auf ihren Sari: “Brown!” und deutet auf das Haar eines Mädchens: “Black!” – “And your uniform?” – “White!” – “And your tie?” – “Green!” Danach singen die Kinder noch, in einer ähnlichen Lautstärke, mehrere englische Kinderlieder – ob das als Sondergenuss für uns gilt oder Teil des Unterrichts ist, wird nicht ganz klar. “Roll, roll, roll your boat” ertönen die hellen Kinderstimmen und ich muss an den Strand denken, den schönsten aller Strände Sri Lankas, der doch so viele Gefahren birgt.

Als von draußen eine Glocke bimmelt, laufen die Kinder hinaus, um den Schultag mit fröhlichen Spielen zu beenden – das beliebteste ist „Wir jagen den Fotografen über den Rasen“ – während wir noch kurz in die Bücherei treten, um mit den Eltern zu reden, die gekommen sind, um ihre Kinder abzuholen, Mütter vor allem, ein paar Großmütter sind auch dabei. Die meisten Kinder kommen aus zerrütteten Familien; nur wenige haben einen Vater zuhause, alle leiden unter der Armut. Trotzdem unterstützen die Eltern das Kinderzentrum, wo sie können.

“Wir haben schon viel Veränderung bemerkt bei unseren Kindern”, erzählen sie. “Sie sind jetzt viel besser in der Schule, und ihr Verhalten hat sich auch gebessert, sie gehorchen jetzt viel mehr!” Welche Träume sie für ihre Kinder haben? “Ihnen eine Schulbildung zu geben!” In der ersten Reihe grinsen eine Mutter und ihr Sohn sich vielsagend an, während die Rektorin noch ein bisschen über ihre Schüler schwärmt: So viele sehr talentierte Kinder hat die Schule, beteuert sie, aber ihre Möglichkeiten sind so beschränkt, überall fehle das Geld. Trotzdem hat sie schon viel erreicht: Zum Beispiel wurden kürzlich Computer an die Schule gespendet und eine ehrenamtliche Lehrerin bietet kostenlos Kurse für die Kinder an – das hat nicht jede Schule.

Vor der Bücherei wartet ein Vater auf seinen Sohn, der noch Jag-den-Fotografen spielt. Emerson erzählt mir seine Geschichte: “Dieser Mann hat keine Wohnung; er hat mit seinen zwei Kindern in einem Schuppen an der Straße gewohnt. Aber vor ein paar Tagen hat die Polizei ihn rausgeschmissen und er war dafür zwei Tage im Gefängnis.” Mein Kollege seufzt. “Eigentlich haben alle hier so eine Geschichte. Wir können nicht allen helfen, aber durch die Kinder können wir einen Unterschied machen, und wir ermutigen die Eltern immer, ihre Kinder weiter ins Kinderzentrum und in die Schule zu schicken, egal, was ihre momentane Lage ist. ” Heiteres Kinderlachen schallt über den bisher so ruhigen Schulhof; ein paar Dutzend weißgekleidete Pfeile sausen an uns vorbei. “Wir sagen ihnen: Auch wenn euer Leben vermasselt ist – für eure Kinder könnt ihr es besser machen!”

Der Mann lächelt etwas bedrückt, blickt seinem lachenden und jubelnden Sohn hinterher, muss dann doch grinsen über das ausgelassene Spiel. Mein Blick streift über sein T-Shirt. I’M JUST SAYING YOU COULD DO BETTER steht dort in großen grünen Buchstaben. Welche Träume er für seine Kinder hat? Das zu beantworten ist nicht schwer.

 

© 2015 Dorothea Gschwandtner/Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

“Die jungen Männer trauen sich nicht mehr, die Mädels zu ärgern!”

Wir brechen früh auf; der morgendliche Nebel hängt noch in Schwaden über dem flachen Land. Von Jessore geht es südwestlich nach Satkhira, dem letzten Staat vor der indischen Grenze. Stundenlang rumpeln wir vorbei an Reisfeldern bis zum Horizont, Papayaplantagen, kleinen Dörfern, Fischerbooten.

In Satkhira angekommen werden wir erst mal im Schulungszentrum mit einer Tasse Kaffee begrüßt. Vor 3,5 Jahren wurde es eingeweiht; ein Stein im Hof erinnert daran: “unterstützt durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Helping Hands, Deutschland”. Das Schulungszentrum in Satkhira ist das dritte dieser Art in Bangladesch, das mit Geldern des BMZ errichtet wurde; zurzeit wird ein weiteres in Srimongol im Nordosten des Landes gebaut.

Vom Zentrum aus geht es noch fünf Minuten weiter zu einem kleinen Gebäude, das Bangladesh Nazarene Mission (BNM), Helping Hands‘ örtlicher Partner, zur Verfügung gestellt hat. Zwanzig Frauen warten dort auf uns; mehrere halten Kinder auf dem Schoß. Es ist heiß unter dem Blechdach und ich frage mich, wie lange die Frauen bereits warten.

Verärgert sind sie jedenfalls nicht: Es geht sogleich los mit fröhlichem Geplauder. Milton, mein einheimischer Kollege, und ich setzen uns in den Kreis der Frauen auf den Boden. Nach ein paar Minuten Small Talk und viel Lachen stellt Milton mich vor; wir werden mit Blumen begrüßt. Eine Frau reicht mir ein kleines Körbchen, gefüllt mit leuchtend roten Blüten. Das Körbchen hat sie selbstgemacht. Seit sie in ihrer Selbsthilfegruppe einen Kredit erhalten hat, führt sie ihr eigenes kleines Körbeflechtunternehmen. Auf einem Zettelchen am Korb hat sie in sauberer Schrift ihren Namen und Ort verzeichnet. Ob sie das vor ein paar Jahren schon gekonnt hätte?

“Ich bin hier, um von euch zu lernen”, erkläre ich, nachdem ich mich bedankt habe. “Bei mir zuhause gibt es solche Gruppen nicht. Darum möchte ich eine Menge von euch lernen!” Die Zuhörer nicken zustimmend; Lernen ist wichtig, das wissen sie selbst.

Die Frauen, die sich in dieser Hütte treffen, formen eine sogenannte „Cluster Level Association“, eine Gruppe, in die zehn Selbsthilfegruppen jeweils zwei Abgeordnete entsandt haben. Die CLA ist für eine Reihe von organisatorischen Aufgaben verantwortlich und wird maßgeblich an der Weiterführung des Projekts beteiligt sein, wenn BNM die Leitung in örtliche Hände übergibt.

Seit fünf Monaten besteht diese CLA. Zurzeit treffen die Frauen sich einmal pro Monat, “aber wir überlegen, ob wir uns nicht besser zweimal pro Monat treffen sollten”, erklären sie. Denn so eine CLA hat viel zu tun: Einige Poster an der Wand bestätigen das. Sie sind dicht beschrieben mit monatlichen Aktionsplänen, Listen der Aktivitäten der letzten Monate, Verzeichnisse der Selbsthilfegruppen und Einkommensprojekte. Diese CLA hat bereits von sich aus zwei weitere Selbsthilfegruppen begonnen. Demnächst wollen sie als Gruppe ein kleines Unternehmen gründen, um finanziell unabhängig zu sein.

Was sie denn alles so als CLA machen, möchte ich wissen.

Eifrig beginnen die Frauen zu erzählen: vom Sparen in ihren Selbsthilfegruppen, von Fischzucht und Handarbeitsbetrieben, die sie mit Krediten aus den Selbsthilfegruppen begannen und die ihnen nun ein regelmäßiges Einkommen ermöglichen, von ihren Kindern, die jetzt alle zur Schule gehen, übers Lesen und Schreiben, das inzwischen alle Frauen in der Gruppe beherrschen, von ihren neuen Gemüsegärten, die auch ermöglichen, dass sie ihren Kindern nahrhafte Mahlzeiten zubereiten können, und von neuerworbenem Wissen über Hygiene und Sanitäreinrichtungen.

“Was macht ihr denn mit eurem Abfall?”, frage ich, weil ich Deutsche bin, und weil in Bangladesch die Straßen und Felder noch immer von weggeworfenem Müll gesäumt sind. “Den nehmen wir natürlich mit nach Hause und werfen ihn in unsere Mülleimer!”, kommt die fast etwas empörte Antwort.

Sie sind anders, diese Frauen, anders als die vielen scheuen, zurückhaltenden Frauen, die mir in Bangladesch sonst begegnen. Man merkt es, sobald man den Raum betritt: Fröhlicher sind sie, ausgelassener, selbstbewusster. Wenn Milton für mich übersetzt, fragen sie nach: was er denn da gerade zu mir gesagt habe. Sie sind nicht schüchtern; sie wissen, was sie wollen.

Fast ein wenig überflüssig kommt mir die Frage vor, die ich als nächstes stelle: Ob sie denn in ihrem Dorf schon einen Unterschied bemerken können? “Aber natürlich!” ist die lebhafte Antwort. Nicht nur, dass jetzt sämtliche Familien ihre Kinder zur Schule schicken—sogar die behinderten Kinder, was hier gar nicht selbstverständlich ist—und dass jeder einzelne Haushalt einen Gemüsegarten hat.

“Wir Frauen sind jetzt vereint”, erklären sie. “Früher waren wir schwach und machtlos. Wir waren eingeschüchtert und haben uns vor den Männern verbeugt, haben unseren Kopf bedeckt.” Irene, die Vorsitzende der CLA, zieht kurz das Ende ihres Saris über den gebeugten Kopf, dann lässt sie den Stoff wieder fallen und schaut auf.

“Aber das tun wir jetzt nicht mehr! Jetzt haben wir Mut. Wir sind nicht mehr schüchtern. Wir wissen, was unsere Rechte sind, und wie wir das kommunizieren können—zuhause, aber auch bei der örtlichen Verwaltung und bei anderen Organisationen. In unserem Dorf haben wir die Kinderheirat abgeschafft; und die jungen Männer trauen sich nicht mehr, die Mädels zu ärgern!”

Was ihre Ehemänner denn davon halten, frage ich. Naja, heißt es, anfangs waren wohl nicht alle so begeistert. “Aber jetzt sind sie alle damit einverstanden und lassen uns tun, was nötig ist. Keiner macht mehr Probleme.” Milton lacht, nachdem er das für mich übersetzt hat, und fügt hinzu: “Das kannst du selbst sehen: Wir sitzen hier jetzt schon zwei Stunden und es ist längst Zeit fürs Mittagessen—aber keiner der Männer ist aufgetaucht, um sich zu beschweren, dass das Essen noch nicht fertig ist!”

Zum Abschluss bieten sie mir noch Kokosnusswasser an, direkt aus der Nuss. “Ich habe eine Menge gelernt!”, versichere ich und versuche deutlich zu machen, wie beeindruckt ich bin von allem, was ich gehört habe. “Ich wünsche euch, dass ihr all eure erwähnten Pläne und Träume umsetzen könnt!”

Daran habe ich keinen Zweifel.

 

© 2013 Dorothea Gschwandtner/Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.

Wasser, Farbe, Tor … und viel Gemüse

Wie das Kinderzentrum in Chettikkulam nicht nur in der Schule Veränderung bewirkt

Durch Patenschaften und allgemeine Spenden für Kinderzentren und Kinderprojekte unterstützt Helping Hands hunderte von Kindern in über 15 Ländern. In Kinderzentren erhalten die Kinder Schulunterricht, werden gesundheitlich versorgt und ausreichend ernährt, treiben regelmäßig Sport, dürfen mit Freunden spielen und erfahren soziale und geistliche Werte. Durch Kleingärten, Einkommensprojekte und spezielle Schulungen für die Eltern wird auch die Familiensituation der Kinder deutlich verbessert und auch das Dorf und die Gesellschaft nachhaltig beeinflusst.

Das Kinderzentrum in Chettikkulam in Sri Lanka ist ein gutes Beispiel dafür, wie Kinderzentren Veränderung bewirken.

Vor knapp vier Jahren begann NCM Lanka, Helping Hands‘ örtlicher Partner, mit Spenden aus Deutschland in Chettikkulam ein Kinderzentrum, das zurzeit 165 Kinder besuchen. Da hatte die Schule grade eine Menge durchgemacht. Zum Ende des Bürgerkriegs beherbergte sie hunderte von Flüchtlingen. Das direkt nebenan liegende Flüchtlingslager Menik Farm platzte da bereits aus allen Nähten.

Es dauerte Monate, bevor die Schule wieder regulär benutzt werden konnte. Da aber der Zaun um die Schule völlig beschädigt war, hausten nachts die Tiere auf dem Schulgelände. Nicht so spannend, wenn man morgens in die Schule kommt und von einem Rindvieh begrüßt wird!

Also kümmerte sich NCM Lanka als erstes darum, dass der Zaun repariert und ein verschließbares Tor eingesetzt wurde. Das war schon mal ein Anfang. Noch dringender nötig war aber der Zugang zu sauberem Trinkwasser. Das Schulgelände hatte nur einen alten Brunnen, der nicht benutzbar war. Um Wasser zu holen, mussten die Kinder und Lehrer weit laufen, besonders in der Trockenperiode. Kunstunterricht mit Wasserfarben? Eher nicht.

NCM Lanka säuberte zunächst den Brunnen, sodass das Wasser sauber genug zum Trinken war. Später wurden dann ein 5000-Liter-Wassertank in einem der Schulgebäude und eine Wasserpumpe installiert. Dabei beteiligten sich auch viele Menschen vor Ort ehrenamtlich. Sie verdienen zwar sehr wenig, aber wenn es um ihre Schule geht—da wollen sie dabei sein!

Jetzt können die Kinder an jeder Ecke der Schule einfach einen Wasserhahn öffnen und ein Glas mit sauberem Trinkwasser füllen. Klingt vielleicht nicht so aufregend für uns—aber dort ist das ein unerhörter Luxus, und die Kinder sind total begeistert.

In diesem Frühjahr kam dann noch richtig Farbe ins Spiel. Denn die Schule sah schon lange einfach trübe und ausgeblichen aus. Da macht das Lernen keinen Spaß! Aus Spenden bezahlte NCM Lanka genug Farbe und Pinsel, dass die Lehrer, Eltern und Kinder alle Wände streichen konnten. Jetzt erstrahlt die Schule in neuem Glanz.

Glänzen—das tut die Schule in Chettikkulam auch in anderer Hinsicht. Im Vavuniya-Bezirk sind Schule und Kinderzentrum inzwischen zum Vorzeigeobjekt geworden.

Zum Beispiel in akademischer Hinsicht. Denn im Kinderzentrum erhalten die Kinder jeden Tag Hausaufgabenhilfe und werden auf den Unterricht am nächsten Tag vorbereitet. Außerdem werden die Kinder der fünften Klasse für das landesweite „Scholarship Exam“ geschult. In der Regel bestehen wenige Kinder aus ärmeren Gegenden dieses Examen. In Chettikkulam ist das anders. Und 2013 erzielte ein Mädchen aus dem Kinderzentrum sogar die höchste Punktzahl in der gesamten Region. Da wurden die Behörden aufmerksam!

Oder in Sachen Gesundheit und Hygiene. Viele Kinder hier essen kaum etwas, bevor sie zur Schule kommen, und oft fehlt ihnen die Energie, überhaupt den ganzen Schultag durchzustehen. Außer im Kinderzentrum. Dort erhalten die Kinder jeden Tag eine nahrhafte Mahlzeit, mal Reis und Curry, mal eine Hafergrütze. Das Essen bereiten Eltern in der Schule zu; die Nahrungsmittel bezahlt das Zentrum. Und natürlich gibt es jetzt sauberes Trinkwasser. Ohne Zweifel: die Kinder in Chettikkulam sind gesünder.

Und auch im Verhalten der Kinder glänzt das Kinderzentrum. Die Kinder in dieser Gegend haben viel durchgemacht: Krieg, Flucht, Missbrauch; viele sind Waisen oder Halbwaisen. Kein Wunder also, dass sie mehr als „schwierig“ sind. Kaum einer der Lehrer in den örtlichen Schulen kommt mit ihnen zurecht. Außer in Chettikkulam. Denn dort haben die Kinder Lehrer und Mentoren, die ihnen positive Werte vermitteln, sich Zeit nehmen zum Zuhören und ganz individuell auf die Kinder und ihre Probleme eingehen. Schon in kürzester Zeit hat das eine deutliche Besserung im Verhalten der Kinder bewirkt. Auch sind sie viel fröhlicher, ausgeglichener und engagierter.

Vor den Ferien im April organisierte das Kinderzentrum eine kulturelle Show für Eltern und Bekannte. Die Kinder trugen kleine Theaterstücke vor, Vorträge, Lieder und vieles mehr. Das war ein Spaß! Alle genossen das Event und es war ein voller Erfolg. Und das ist keine Selbstverständlichkeit. In einem Land, das dreißig Jahre vom Bürgerkrieg zerrüttet wurde, ist eine erfolgreiche kulturelle Veranstaltung auch ein gutes Stück Friedensarbeit.

Natürlich waren auch die Eltern begeistert von diesem Event. Aber sie sind nicht nur Zuschauer: Von Anfang an waren die Familien, Lehrer und die Ortsbewohner im Projekt Kinderzentrum stark involviert, ob bei Entscheidungen, Beurteilungen, Renovierungsarbeiten und Zukunftsperspektiven. Das unterstützt nicht nur den Erfolg der Maßnahmen, sondern hilft auch in der Entwicklung, dass das Kinderzentrum irgendwann selbsttragend ist.

Und dafür engagieren sich sogar die Kinder selbst! Auf dem fast 3200 m² großen Gelände hinter dem Schulgebäude haben die Kinder Gemüsegärten und Kokosnussplantagen angelegt. Es wird schon reichlich geerntet und die Schulmahlzeiten sind deutlich vitaminreicher geworden. Bald wird die Ernte so reichhaltig sein, dass ein großer Teil davon verkauft werden kann. Und in spätestens fünf Jahren werden außerdem die Kokosnusspalmen ein regelmäßiges Einkommen ergeben. Die Kinder finden das einfach klasse. Das Pflanzen, Bewässern, Pflegen und Ernten machen sie abends nach der Schule in ihrer Freizeit. Ihr Engagement ist sehr ermutigend.

Seit 2009 hat sich in Chettikkulam eine Menge geändert. Wasser, Farbe, Tor und viel Gemüse … aber vor allem eine echte, nachhaltige Veränderung im Leben der Kinder und Familien des Kinderzentrums. Vor vier Jahren, am Ende des Bürgerkriegs, gähnte die Zukunft trübe, farblos und leer. Heute erstrahlt nicht nur das Schulgebäude in neuem Glanz.

 

© 2013 Helping Hands e.V. Bitte diesen Bericht (auch nicht auszugsweise) nicht ohne schriftliche Genehmigung weiterverwenden.